Mainhattan · Reportage
Baustelle in 200 Metern: Der Central Business Tower wächst
Mitten im Bankenviertel wächst mit dem Central Business Tower das nächste Hochhaus der Skyline: rund 205 Meter, gebaut auf einem Grundstück ohne einen Meter Reserve. Eine Schicht zwischen Kranführerkanzel, Nachtbeton und der Frage, wer all diese Büros einmal füllen wird.
Der Arbeitstag beginnt hier mit einer Kletterpartie. Kurz vor sechs, die Neue Mainzer Straße liegt noch im Halbdunkel zwischen den Glasfassaden, steigt der Kranführer in den Turm seines Krans: Sprosse um Sprosse, Podest um Podest, gut zehn Minuten dauert der Weg nach oben. In der Kanzel schaltet er den Funk ein, wirft einen Blick auf die Windanzeige, dann wartet er auf das erste Kommando des Tages. Unter ihm dampft Kaffee im Container des Poliers, über ihm wird der Himmel langsam hell, und um ihn herum steht, was Frankfurt seine Skyline nennt. Er sitzt mittendrin — an einer der wenigen Stellen, an denen sie gerade weiterwächst.
Central Business Tower heißt das Projekt, kurz CBT: ein Büroturm von rund 205 Metern mit 52 Geschossen, der an der Neuen Mainzer Straße 57–59, Ecke Junghofstraße, in die Höhe wächst. Bauherrin ist die Helaba, die Landesbank Hessen-Thüringen, deren Zentrale im Main Tower schräg gegenüber sitzt — die Bank kann ihrer eigenen Baustelle buchstäblich aus dem Fenster beim Wachsen zusehen. Der Entwurf stammt vom Frankfurter Büro KSP Engel und hat eine lange Vorgeschichte: Er geht auf einen Wettbewerb aus den frühen Nullerjahren zurück und lag lange in der Schublade, bis die Helaba das Grundstück 2018 erwarb. Bezugsfertig sein soll der Turm in den späten 2020er-Jahren.
Gebaut wird auf einem Grundstück ohne einen Meter Reserve
Wer verstehen will, warum dieser Bau auf der Baustelle selbst als Präzisionswerk gilt, muss nicht nach oben schauen, sondern nach unten und zur Seite. Das Grundstück ist kaum größer als der Turm, der darauf steht. Es gibt keinen Lagerplatz, keine Ausweichfläche, keinen Streifen Brache, auf dem Stahl und Schalung warten könnten. Links Bestand, rechts Bestand, vorn die Neue Mainzer Straße mit ihrer täglichen Blechkolonne. „Was hier ankommt, muss innerhalb weniger Stunden verbaut werden", sagt ein Polier. „Wir bestellen nicht auf Vorrat, wir bestellen auf die Stunde." Just-in-time, ein Begriff aus der Autoindustrie, ist an dieser Adresse Baustellenalltag: Jede Lieferung hat ihr Zeitfenster, jeder Sattelzug seinen Slot — und wer ihn verpasst, dreht eine Runde durchs Bankenviertel.
Auch in die Tiefe wurde unter erschwerten Bedingungen gebaut. Fünf Untergeschosse hat der Turm, errichtet in sogenannter Deckelbauweise: Erst wird die Decke betoniert, dann darunter weitergegraben, Geschoss um Geschoss abwärts, während oben bereits gearbeitet werden kann. Das Verfahren ist aufwendiger als eine offene Baugrube, aber in der dichten Innenstadt oft der einzige Weg, Nachbarn und Verkehr zu schonen. Ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte die Baustelle über einen Jahreswechsel: Die Bodenplatte wurde in einem Stück gegossen, rund 80 Stunden ohne Unterbrechung, mehr als zehntausend Kubikmeter Beton — ausgerechnet an den Feiertagen, weil nur dann die Straße frei genug war für die Kolonne der Fahrmischer.

Der Beton kommt, wenn die Stadt schläft
Dieses Muster zieht sich durch den gesamten Bau: Was groß und sperrig ist, kommt nachts. Tagsüber gehört die Neue Mainzer Straße den Pendlern, den Taxis und den Radkurieren; nachts gehört sie für ein paar Stunden der Baustelle. Dann rollen die Fahrmischer im dichten Takt an, dann kommen Stahlteile, für die tagsüber kein Sattelzug rangieren dürfte, dann hebt der Kran Lasten über Bereiche, die er im Berufsverkehr nicht überschwenken darf. „Die Stadt merkt im besten Fall gar nicht, dass wir da sind", sagt ein Bauleiter. „Das ist das Kompliment, für das wir am härtesten arbeiten."
Der Kern des Turms wächst derweil in einem fast rituellen Rhythmus. Eine selbstkletternde Schalung zieht sich hydraulisch nach oben — betonieren, aushärten, klettern, wieder betonieren, im Idealfall ein Geschoss pro Woche. Die Hundert-Meter-Marke hat der Rohbau längst hinter sich gelassen; von der Krankanzel aus lässt sich inzwischen erahnen, wie der fertige Turm einmal in der Reihe seiner Nachbarn stehen wird. Der Entwurf sieht zwei ineinandergeschobene Scheiben vor, die obere zurückgestaffelt — eine Silhouette, die dem Haus trotz seiner Masse etwas Schlankes geben soll.
Oben in der Kanzel entscheidet unterdessen das Wetter mit. Ab einer bestimmten Windgeschwindigkeit ist Schluss, dann müssen die Kolonnen unten umplanen. „Man lernt hier oben vor allem Geduld", sagt einer der Kranführer in der Frühstückspause. „Der Wind hat keinen Bauzeitenplan." Zwischen den Hüben fotografiert er manchmal den Sonnenaufgang über dem Main. Es gibt schlechtere Arbeitsplätze in dieser Straße — nur keinen mit weniger Platz für Besucher.
Ein Hochhaus im Bankenviertel baut man nicht einfach — man fädelt es ein, Lieferung für Lieferung, in den laufenden Betrieb einer Stadt.

Der Turm ist eine Wette auf die Zukunft des Büros
Bleibt die Frage, für wen das alles entsteht. Seit der Pandemie ist der Frankfurter Büromarkt zweigeteilt: Die Leerstandsquote liegt deutlich über dem langjährigen Mittel, in Randlagen stehen ganze Etagen leer — und zugleich sind moderne, energieeffiziente Flächen in bester Innenstadtlage knapp. Banken und Kanzleien, die ihre Leute zurück ins Büro holen wollen, tun das erfahrungsgemäß eher mit Adressen als mit Appellen. Genau auf diese Logik setzt der CBT: zentraler geht es kaum, näher an S-Bahn, Alter Oper und Börse auch nicht.
Dass die Wette dennoch Mut verlangt, zeigt der Blick auf andere Projektentwickler: Die Zinswende hat seit 2022 etliche Frankfurter Hochhauspläne ausgebremst, verschoben oder ganz beerdigt, weil Baukosten und Finanzierungskosten gleichzeitig stiegen. Warum der Leitzins eine solche Wirkung entfaltet, haben wir in unserem Stück über Anleihen und Leitzins erklärt — auf einer Baustelle dieser Größenordnung übersetzt er sich in Millionenbeträge pro Jahr. Die Helaba kann sich den langen Atem leisten: Sie baut als Eigentümerin mit eigener Bilanz, nicht als Zwischenhändlerin, und sie kennt die Straße, in der sie baut, so gut wie kaum ein zweiter Akteur.
Denn das Bankenviertel ist ihr Vorgarten. In den Türmen ringsum sitzen Institute, Fondsgesellschaften und Kanzleien, die täglich bewegen, was an der Börse gehandelt wird — wie das aussieht, zeigt unser Besuch morgens um acht auf dem Parkett, keine zehn Gehminuten von der Baustelle entfernt. Wer hier eine Adresse hat, hat sie nicht wegen der Aussicht, sondern wegen der Nähe: zu Kunden, zu Konkurrenten, zum Dax, dessen Kurstafel ein paar Hundert Meter weiter im Börsensaal flimmert. Der CBT verlängert diese Logik schlicht um 52 Geschosse nach oben.
Unten an der Straße entscheidet sich, was der Turm der Stadt gibt
Für die Nachbarschaft ist der Bau bis dahin beides, Zumutung und Versprechen: jahrelang Lärm, Staub und verschwenkte Gehwege — dafür soll das fertige Haus mehr zurückgeben als Bürofläche. Der fünfgeschossige Sockel behält seine historische Fassade, im Erdgeschoss sind öffentlich zugängliche Nutzungen geplant; die Stadt verlangt von neuen Hochhäusern seit Jahren, dass sie sich unten zur Straße öffnen, statt nur oben zu glänzen. Ob das gelingt, zeigt sich erst, wenn die Bauzäune fallen. Fest steht: Nach der Fertigstellung wird der CBT zu den fünf höchsten Gebäuden der Stadt gehören, nahezu auf Augenhöhe mit dem Main Tower — an dieser Kreuzung stehen sich dann zwei Zweihundert-Meter-Türme direkt gegenüber.

Am Abend, wenn die blaue Stunde die Glasfassaden färbt, sieht man von der Straße aus am besten, was hier entsteht. Die Büros ringsum werden dunkel, die Baustelle leuchtet: Flutlicht auf grauem Beton, darüber die Positionslichter des Krans, davor die Lichtspuren des Verkehrs, der nach Hause will. Irgendwann in den späten 2020er-Jahren werden hinter diesen Geschossen Bildschirme flimmern statt Scheinwerfer, und kaum jemand wird noch daran denken, dass der Beton dafür nachts durch eine leere Straße kam. „Wir merken uns das nicht als Turm", sagt der Polier zum Abschied. „Wir merken uns das als tausend gelöste Probleme übereinander."
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