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Der Taubenvater von Fechenheim

In den Kleingärten von Fechenheim, Höchst und Griesheim hält sich eine Leidenschaft, die aus der Zeit gefallen scheint: die Brieftaubenzucht. Zu Besuch bei Werner, einem der letzten Taubenväter der Stadt.

Von Selin Aydın 4 Min. Lesezeit
Holzschlag mit Brieftauben in einer Kleingartenanlage, ein Schwarm steigt vor dem warmen Morgenhimmel auf.
01Kleingartenanlage, Fechenheim, 7:00 Uhr— Bei Sonnenaufgang steigt der Schwarm — die Vögel kennen den Weg nach Hause.Foto: Zeit Frankfurt

Kurz nach Sonnenaufgang, wenn über den Kleingärten am Rand von Fechenheim noch der Dunst vom Main hängt, öffnet Werner die Klappe an seinem Taubenschlag. Für einen Moment steht die Luft voller Flügel. Der Schwarm steigt auf, kreist einmal, zweimal über den Parzellen, findet die Richtung und zieht davon, bis er nur noch ein Punkt am Morgenhimmel ist. Werner, achtundsiebzig, steht mit zurückgelegtem Kopf und schaut ihnen nach. Er wird sie wiedersehen, da ist er sicher. Tauben, sagt er, kommen immer nach Hause.

Werner heißt eigentlich anders — seinen vollen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen —, aber seine Tauben kennt in der Reisevereinigung jeder. Seit den 1960er Jahren hält er sie, erst auf dem Dach eines Hinterhauses, längst in der Anlage hier draußen. Sein Arbeitsleben hat er in der Chemie verbracht, bei Cassella, dem alten Farbenwerk gleich nebenan: morgens die Schicht, abends der Schlag. So war das damals bei vielen.

Die Brieftaubenzucht war der Sport des kleinen Mannes, ein Stück Freiheit über den Dächern der Arbeiterviertel. In Frankfurt hatte sie ihre Hochburgen dort, wo die Schlote rauchten: in Fechenheim und Griesheim, in Höchst und Sindlingen, rund um die Chemie- und Farbenwerke. Wer sechs Tage in der Fabrik stand, dem gehörte am siebten der Himmel. Die Schläge standen auf Garagendächern, in Hinterhöfen und, wie bei Werner, in den Kleingärten der Stadt.

Nahaufnahme zweier Hände, die eine Brieftaube mit Fußring halten, im Hintergrund die Klappen des Schlags.
02Am Schlag, 7:30 Uhr— Ein Vogel in der Hand, ein Ring am Bein — jede Taube ist erfasst, jede Abstammung bekannt.Foto: Zeit Frankfurt

Eine Wissenschaft für sich

Wer denkt, das sei bloß ein wenig Vogelhalten, unterschätzt die Sache. Brieftaubenzucht ist eine Wissenschaft, gewachsen über Generationen: Genetik, die richtige Verpaarung, die Auswahl der Tiere, Training, Ernährung, Gesundheit. Werner kennt jede seiner rund sechzig Tauben, ihre Abstammung, ihre Eigenheiten. Und er kennt das Wunder, um das sich alles dreht — dass ein Vogel, Hunderte Kilometer entfernt aufgelassen, den Weg zurück in genau diesen Schlag findet.

Von April bis September fahren die Tiere zu den Wettflügen, per Kabinenexpress an den Auflassort, mal hundert, mal bis zu siebenhundert Kilometer weit. Zur vereinbarten Zeit lässt man sie frei, dann rasen sie heim, mit Schnitten von mehr als tausend Metern in der Minute. Wer die höchste Geschwindigkeit über die Distanz erzielt, gewinnt. Wie die Tauben ihren Weg finden, über Sonnenstand, Magnetfeld und Gerüche, ist bis heute nicht restlos erklärt. Genau das, sagt Werner, sei das Schöne daran.

Eine Taube fliegt Hunderte Kilometer und findet nach Hause. Das begreift man erst, wenn man es sieht.

Werner, Brieftaubenzüchter aus Fechenheim

Das Eigentliche aber spielt sich nicht am Himmel ab, sondern in der Vereinsstube. Dort trifft sich die Reisevereinigung, dort werden die Konstatieruhren gestellt, die Ergebnisse verglichen, die Erfolge gefeiert und die Verluste betrauert. Man kennt sich seit Jahrzehnten, hat gemeinsam gezüchtet, gestritten, gewonnen. Der Verein ist mehr als ein Sportclub; er ist, wie so vieles ehrenamtlich getragene Vereinsleben in dieser Stadt, gelebte Nachbarschaft.

Wer trägt es weiter?

Und hier liegt die Sorge, die über allem schwebt. Der Nachwuchs fehlt. Bundesweit gehören dem Verband Deutscher Brieftaubenzüchter heute noch rund 30.000 Menschen an; in den 1960er Jahren waren es ein Vielfaches. In Frankfurt sind von den einst zahlreichen Vereinen nur eine Handvoll geblieben, und das Durchschnittsalter steigt Jahr für Jahr. Junge Leute zieht es selten zu einem Hobby, das täglichen Einsatz verlangt, die Bindung an einen Ort, jahrelange Geduld. Ähnlich wie beim Streuobst am Lohrberg geht es um ein Erbe, das gepflegt werden muss, damit es nicht verschwindet.

Werner macht sich keine Illusionen. Er weiß, dass er zu den Letzten gehört, und trägt es mit der Gelassenheit eines Mannes, der ein Leben lang mit den Vögeln gelebt hat. Solange er könne, sagt er, mache er weiter. Der Sohn habe anderes im Sinn, die Enkel wohnten weit weg. Vielleicht finde sich ja doch noch jemand — einer aus der Anlage, ein Nachbar, irgendwer, der eines Tages den Schlüssel zum Schlag übernimmt.

Am späten Vormittag kehrt der Schwarm zurück, kreist über der Anlage und geht nieder, Vogel für Vogel, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Werner zählt sie, nickt zufrieden, verschließt die Klappe. Ein ganz normaler Morgen in Fechenheim — und doch das kleine Wunder, das ihn seit sechs Jahrzehnten nicht loslässt. Man wünscht sich, dass jemand da ist, der es eines Tages von ihm übernimmt.

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