Mainhattan · Reportage

Zehn Jahre Brexit-Votum: Was der Finanzplatz wirklich gewann

Als die Briten 2016 für den Brexit stimmten, sah sich Frankfurt schon als neues London: Bis zu zehntausend Banker-Jobs schienen zum Greifen nah. Fast zehn Jahre später fällt die Bilanz kleiner aus — und ist trotzdem eine Erfolgsgeschichte, nur eine andere als versprochen. Eine Ortsbegehung zwischen Taunusanlage, Schultor und Pub.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Die Hochhaustürme des Frankfurter Bankenviertels ragen aus dem Nebel, gesehen von der Deutschherrnbrücke über den Main.
01Deutschherrnbrücke, 6:50 Uhr— Die Türme des Bankenviertels schälen sich aus dem Morgennebel — Kulisse einer Wette, die im Juni 2016 begann.Foto: Zeit Frankfurt

Der Nebel gibt die Türme einzeln frei. Wer an einem Spätsommermorgen auf der Deutschherrnbrücke steht, sieht erst die Doppelspitze der Deutschen Bank, dann den Commerzbank-Turm, schließlich das ganze Ensemble, das dieser Stadt den Spitznamen Mainhattan eingetragen hat. Ein Läufer bleibt stehen, fotografiert, läuft weiter. Es ist die Aussicht, mit der Frankfurt seit Jahren um die Welt wirbt — und die Kulisse einer Wette, die vor fast zehn Jahren abgeschlossen wurde. Am 23. Juni 2016 stimmten 51,9 Prozent der Briten für den Austritt aus der EU. Am Morgen danach begann in Frankfurt eine der größten Standortkampagnen der Stadtgeschichte.

Die Erwartungen von damals sind gut dokumentiert. Die Helaba, deren Finanzplatzstudien am Main als Referenz gelten, rechnete mit mindestens 8.000 zusätzlichen Finanzjobs, andere Schätzungen gingen darüber hinaus; von zehntausend Stellen war die Rede, in kühnen Szenarien von weit mehr. Das Standortmarketing flog nach London, schaltete Anzeigen, verteilte Broschüren über Mieten, Schulen und die zehn Minuten zum Flughafen. „Wir haben damals ernsthaft diskutiert, ob die Stadt so einen Zuzug überhaupt verkraftet", erinnert sich ein Mann, der die Kampagne begleitet hat. „Die Sorge war nie, dass zu wenige kommen. Die Sorge war, dass es zu viele werden."

Im zehnten Jahr nach dem Votum lässt sich nachrechnen, was aus der Wette geworden ist. Die kurze Antwort: Frankfurt hat gewonnen — nur nicht das, was auf dem Wettschein stand.

Aus achttausend versprochenen Jobs wurden etwa dreieinhalbtausend

Die Zahlen zuerst, denn sie sind ernüchternd und bemerkenswert zugleich. Die Helaba selbst hat ihre Prognose über die Jahre auf rund 3.500 Brexit-bedingte Stellen zurückgenommen — weniger als die Hälfte der ursprünglichen Ansage. Dutzende Institute beantragten bei BaFin und EZB neue oder erweiterte Lizenzen, doch der große Exodus aus der City of London, den manche Studie an die Wand gemalt hatte, blieb aus. Banken verlagern ungern und langsam; sie verlagern genau so viel, wie Aufseher verlangen, und so wenig, wie Kosten erlauben. Das war absehbar. Gesagt hat es 2016 kaum jemand.

Zur Ehrlichkeit gehört auch der Blick auf die Konkurrenz. Nach Zählung des Londoner Thinktanks New Financial entschieden sich mehr als 60 Finanzfirmen für Frankfurt als EU-Standort — Dublin kam auf über 130, Paris auf gut 100, Luxemburg auf über 90. Die EU-Bankenaufsicht EBA, um die sich Frankfurt beworben hatte, zog nach Paris. Und doch erzählt die reine Anzahl nur die halbe Geschichte: Nach Frankfurt kamen überproportional die Banken selbst, mit Kapital, Risikomanagement und Handelsbüchern. In der Größenordnung von 675 Milliarden Euro an Vermögenswerten wurden nach Deutschland verlagert, das meiste davon an den Main. Dublin bekam viele Briefköpfe, Frankfurt bekam Bilanzen.

Zwei Menschen mit Rollkoffern von hinten auf dem Weg durch das Frankfurter Bankenviertel, ihre Silhouetten spiegeln sich in einer Glasfassade.
02Taunusanlage, 8:20 Uhr— Ankommen im Viertel: Viele der neuen Stellen wurden nicht aus London verlagert, sondern vor Ort besetzt.Foto: Zeit Frankfurt

Die Neuen kamen leise, mit Lizenzen statt Umzugswagen

Wie so eine Verlagerung konkret aussieht, hat mit Möbelwagen wenig zu tun. Ein Handelsbuch zieht per Genehmigung um: Eine europäische Tochter wird gegründet oder aufgestockt, die EZB prüft, ob Kapital, Personal und Risikosteuerung wirklich vor Ort sitzen, dann wandern Positionen von einem Rechtsträger auf den anderen. Der Handel selbst läuft ohnehin elektronisch — wie auf Xetra aus Orderbuch und Nachfrage ein Preis wird, ist von Standorttreue angenehm unabhängig. Für die Stadt hieß das: Viele der neuen Stellen wurden gar nicht aus London verlagert, sondern in Frankfurt ausgeschrieben und besetzt, von Regulierungsexperten bis zu Compliance-Teams.

Sichtbar wurde der Wandel trotzdem. Goldman Sachs bezog neun Etagen im Marienturm an der Taunusanlage, JPMorgan machte Frankfurt zum Sitz seiner europäischen Bank, Morgan Stanley, Citigroup, Standard Chartered und Nomura bauten ihre EU-Einheiten am Main aus. Wer heute morgens an der Taunusanlage aus der S-Bahn steigt, hört zwischen Rolltreppe und Drehtür so viel Englisch wie in keinem anderen deutschen Geschäftsviertel. Die Rollkoffer, die durch das Viertel gezogen werden, gehören längst nicht mehr nur Beratern auf Dienstreise — manche gehören Menschen, die hier angekommen sind.

Einer von ihnen sitzt an einem Vormittag im Café und rechnet seine eigene Bilanz vor: Arbeitsweg von 55 auf 15 Minuten geschrumpft, Miete fast halbiert, dafür schließe die Stadt um zehn. „Frankfurt ist ein Dorf mit Skyline", sagt der Aktienhändler, der 2019 mit zwei Koffern kam und bleiben will. „In London war ich einer von vierhunderttausend im Finanzdistrikt. Hier kenne ich nach sechs Jahren die halbe Straße."

Frankfurt ist nicht das neue London geworden, sondern ein deutlich internationaleres Frankfurt — und das ist mehr wert, als es klingt.

Ein Banker, der 2019 aus London an den Main kam

Gewonnen hat die Stadt dort, wo keine Kamera stand

Die messbarste Brexit-Folge findet sich nicht im Bankenviertel, sondern an Schultoren. Die internationalen Schulen der Region — die Frankfurt International School in Oberursel, die Europäische Schule, die Metropolitan School — meldeten nach 2017 spürbar mehr Anfragen, zeitweise mit Wartelisten in einzelnen Jahrgängen. Wer an einem Nachmittag vor einer dieser Schulen steht, hört Englisch, Französisch, Spanisch und ein Deutsch mit vielen Akzenten. „Die Familien fragen zuerst nach der Schule, dann nach der Wohnung, dann nach dem Gehalt", sagt eine Personalberaterin, die Banker an den Main vermittelt. „Wenn die Schule stimmt, kommt der Rest."

Beim Wohnen ist die Rechnung weniger schmeichelhaft. Ja, die Zugezogenen konkurrieren im Westend, in Sachsenhausen und entlang der Taunuslinie um dieselben Altbauwohnungen wie alle anderen. Aber der Frankfurter Wohnungsmarkt war schon vor dem Referendum eng, und er wäre es ohne Brexit geblieben: ein paar tausend gut verdienende Haushalte verschärfen ein Problem, das sie nicht geschaffen haben. Wer die Wohnungsnot der Stadt dem Brexit zuschreibt, macht es sich zu einfach — in beide Richtungen.

Der Taunusturm in Frankfurt senkrecht von unten fotografiert, die Glasfassade steigt vor wechselhaft bewölktem Himmel auf.
03Taunustor, 14:05 Uhr— Glas, Stahl, Understatement: In den Türmen rund um das Taunustor sitzt heute deutlich mehr EU-Geschäft als vor dem Votum.Foto: Zeit Frankfurt

Dazu kommt ein Gewinn, der sich schlecht fotografieren lässt: institutionelles Gewicht. Beim Clearing von Euro-Zinsgeschäften hat die Deutsche Börse mit ihrer Tochter Eurex seit 2016 Marktanteile gewonnen, die Bankenaufsicht der EZB wuchs mit jeder neuen EU-Tochter, und der Finanzplatz hat Substanz, die mit dem Brexit gar nichts zu tun hat — die Bundesbank, die Börse mit ihrem Schaufenster Dax, ein dichtes Netz aus Kanzleien, Prüfern und Fintechs. Wer sehen will, wie dieser Alltag aussieht, verbringt am besten einen Morgen auf dem Parkett der Börse: Dort wird sichtbar, dass diese Stadt Finanzgeschäft nicht erst seit 2016 kann.

Das neue London war nie der realistische Maßstab

Bleibt die Frage, an der sich die Bilanz entscheidet: Hat Frankfurt verloren, weil es nicht London wurde? Die nüchterne Antwort lautet: London ist auch zehn Jahre nach dem Votum das größte Finanzzentrum Europas, und das Geschäft, das ging, verteilte sich auf viele Städte — Fonds nach Dublin und Luxemburg, Handelsplattformen nach Amsterdam, Händler nach Paris, Banken nach Frankfurt. Ein einzelner Erbe war nie vorgesehen. Und man darf bezweifeln, dass diese Stadt mit ihren knapp 780.000 Einwohnern zehntausende Zuzügler auf einmal hätte unterbringen wollen: Die Prognosen von 2016 waren nicht nur zu hoch, sie waren als Wunsch verkleidete Angstzahlen.

Im Römer hört man das heute gelassener, als es die Pressemitteilungen von damals vermuten lassen. „Wir haben nicht die Masse gewonnen, sondern die Qualität", sagt einer, der in der Stadtpolitik mit Standortfragen befasst ist — und meint damit Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung, Gewerbesteuer und den Umstand, dass internationale Häuser Frankfurt inzwischen als dauerhaften EU-Sitz begreifen, nicht als Notlösung. Der Brexit hat diese Stadt nicht verwandelt. Er hat beschleunigt, was sie ohnehin war: der Ort, an dem Kontinentaleuropa sein Geld verwaltet.

Die warm erleuchtete Fensterfront eines Pubs im Frankfurter Bahnhofsviertel am Abend, die Schriftzüge im Glas verschwimmen.
04Bahnhofsviertel, 21:15 Uhr— Am Tresen wird Englisch gesprochen — die vielleicht ehrlichste Brexit-Bilanz der Stadt.Foto: Zeit Frankfurt

Am Abend, im Bahnhofsviertel, leuchtet die Fensterfront eines Pubs, drinnen läuft Fußball aus der Premier League. Am Tresen unterhalten sich zwei Männer auf Englisch über Schulranzen, die S-Bahn und die Frage, ob man in Deutschland wirklich sonntags nicht einkaufen kann. „Wir wollten zwei Jahre bleiben", sagt einer von beiden, „das war 2018." Vielleicht ist das die ehrlichste Bilanz nach fast zehn Jahren: Die großen Zahlen von damals wurden verfehlt, die kleinen Geschichten sind geblieben. Frankfurt hat den Brexit nicht gewonnen wie eine Trophäe. Es hat ihn gewonnen wie eine Stadt, die ein paar tausend Gründe mehr hat, international zu sein.

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