Essen & Trinken · Porträt
Bier in Frankfurt: Was nach dem Ende der Binding-Brauerei blieb
Am 21. September 2023 endete bei Binding in Sachsenhausen die Bierproduktion — nach mehr als 140 Jahren am Sachsenhäuser Berg, wo einst zehn Brauereien standen. Was von der Bierstadt Frankfurt blieb: zwei Hausbrauereien, ein Festival und ein Name, der jetzt aus Fürth kommt.
Wer früh genug an der Darmstädter Landstraße vorbeikam, wusste, welcher Sud gerade lief. Der Geruch von heißem Malz zog über den Sachsenhäuser Berg, über die Kreuzung, in die Seitenstraßen, und er gehörte für Generationen so selbstverständlich zu diesem Teil der Stadt wie das Rangieren der Lastwagen und das Klirren der Kästen. Am 21. September 2023 war damit Schluss. An diesem Tag endete bei Binding die Bierproduktion — und mit ihr das industrielle Brauen in Frankfurt am Main.
Angekündigt worden war die Schließung schon ein Jahr zuvor, am 29. September 2022. Die Radeberger Gruppe, zu der Binding seit 2002 gehört und die nach Angaben der Wikipedia mit rund 13 Millionen Hektolitern Jahresausstoß der größte deutsche Braukonzern ist, begründete den Schritt wirtschaftlich. Betroffen waren rund 150 Beschäftigte. Die Marken blieben, die Produktion zog um: Binding-Bier kommt seither von der Tucher Privatbrauerei in Fürth, andere Marken des Standorts wurden auf weitere Werke des Konzerns verteilt.
Vom Garküchenplatz auf den Berg
Die Geschichte, die dort zu Ende ging, hatte in der Altstadt begonnen. Am 1. August 1870 kaufte der Küfer und Bierbrauer Conrad Binding die kleine, angeschlagene Brauerei Ehrenfried Glock am Garküchenplatz 7 für 84.000 Gulden. Elf Jahre später war das Geschäft so gewachsen, dass er 1881 auf dem Sachsenhäuser Berg neu baute — und Binding damit binnen gut einem Jahrzehnt zur größten Brauerei der Stadt machte. 1892 hielt das Haus nach Angaben des Fachdienstes getraenke-news einen Marktanteil von 21,2 Prozent in Frankfurt, 1912 lag der Ausstoß bei 300.000 Hektolitern.
Dass ausgerechnet der Sachsenhäuser Berg zum Braustandort wurde, hat einen sehr praktischen Grund: Kälte. Vor der Erfindung der Kältemaschine brauchte jede untergärige Brauerei Eiskeller, und dafür brauchte sie Hanglage und Untergrund, in den man graben konnte. Schon 1835 ließ sich dort ein Brauer namens Johann Gerhard Henrich den ersten Eiskeller genehmigen. In der Blütezeit standen auf dem Berg zehn Brauereien nebeneinander. Von dieser Dichte ist in Frankfurt heute nichts mehr zu sehen — anders als in Sachsenhausen südlich davon, wo die Apfelweinwirtschaften ihre alte Struktur behalten haben.
Denn das ist die Frankfurter Besonderheit, die man beim Blick auf Binding leicht übersieht: Diese Stadt war nie eine reine Bierstadt. Sie hatte parallel eine zweite, ältere Trinkkultur, die auf dem Apfel beruht und deren Geschichte wir in unserem Stück Vom Rebensaft zum Stöffche erzählt haben. Bier und Apfelwein haben sich in Frankfurt nie verdrängt, sie haben sich die Stadt geteilt: das Bier die Fabriken, die Kioske und die Fußballplätze, der Apfelwein die Wirtschaften und die Feste.

Henninger, die Dose und der Turm
Der zweite Riese auf dem Berg hieß Henninger. Seine Wurzeln reichen nach Darstellung des Unternehmens auf eine 1655 gegründete Brauerei zurück; 1873 stieg Heinrich Christian Henninger aus Erlangen in den Betrieb der Familie Stein ein, 1875 zog die Brauerei an den Sachsenhäuser Berg. Von dort aus lieferte sie eine Reihe von Neuerungen, die in der deutschen Brauwirtschaft Spuren hinterlassen haben: 1951 brachte Henninger als erste Brauerei Deutschlands Bier in der Dose auf den Markt, 1955 kam mit Karamalz ein alkoholfreies Malzgetränk dazu, das nach Angaben von getraenke-news schon 1963 auf 250.000 Hektoliter kam.
1961 baute das Unternehmen jenes Hochhaus, das den Süden der Stadt jahrzehntelang markierte: den Henninger Turm, ein Getreidesilo mit Aussichtsrestaurant, das zum Wahrzeichen wurde und dessen zweites Leben als Wohnturm wir an anderer Stelle beschrieben haben. In den 1960er und 1970er Jahren erreichte Henninger seine größte Ausdehnung mit rund zwei Millionen Hektolitern im Jahr. Wenige Jahrzehnte später war davon nichts mehr übrig: Um die Jahrtausendwende wurde die Produktion eingestellt, die Markenrechte gingen 2001 an Binding.
Binding selbst hatte da längst eine eigene Erfolgsgeschichte vorzuweisen. 1939 kam das Römer Pils auf den Markt, 1952 übernahm die Oetker-Gruppe das Haus, 1957 entstand ein Sudhaus, das getraenke-news als das damals größte und modernste Europas beschreibt — jene Halle mit den fünf kupfernen Sudkesseln hinter großen Fenstern, die viele Frankfurter aus Betriebsbesichtigungen kennen. 1973 entwickelte Binding mit Clausthaler ein alkoholfreies Bier, das zur führenden deutschen Marke dieser Kategorie wurde. Die Erfindung stammte aus dem eigenen Labor: Christian Zürcher, damals Qualitätsdirektor des Hauses, gilt als Vater des Clausthaler.
Das Ende kam angekündigt — und trotzdem als Schock
Als die Schließung im Herbst 2022 bekannt wurde, war die Reaktion in der Stadt heftiger, als es die reine Beschäftigtenzahl erwarten ließ. Das Journal Frankfurt berichtete Anfang Oktober 2022 über die politischen Reaktionen: Der SPD-Fraktionssprecher Gregor Amann zeigte sich erschüttert und forderte sozialverträgliche Lösungen, die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten erklärte durch ihren Vorsitzenden Uwe Hildebrandt, man werde die Schließung nicht widerstandslos hinnehmen. Und sofort begann der Streit darüber, was mit der Fläche geschehen soll. Der Vorsitzende der CDU Frankfurt-Sachsenhausen, Jochem Heumann, legte sich damals fest: „Eine Umwidmung dieser Fläche in ein Wohngebiet kommt für die CDU nicht in Betracht."
Der Grund für diese Härte liegt in der Rechnung dahinter. Das Journal Frankfurt bezifferte das Areal auf rund 30.000 Quadratmeter — die Wikipedia nennt für den Betrieb sogar rund 56.000 Quadratmeter — und verwies auf eine Wertsteigerung von mindestens 36 bis 99 Millionen Euro, die eine Umwidmung von Gewerbe- in Wohnbauland auslösen würde. In einer Stadt, in der Bauland knapp und teuer ist, entscheidet eine solche Umwidmung über sehr viel Geld. Wer die Debatte um Frankfurter Gewerbeflächen verfolgt, kennt das Muster: Gewerbe schafft Arbeitsplätze und Lärm, Wohnen schafft Einwohner und Rendite, und beides beansprucht dieselben Quadratmeter.
Ich brauchte gar nicht drüber nachdenken, ich bin hundertprozentig von der Location und den Leuten überzeugt.
Kai Greinus, Betreiber von The Station am Oeder Weg, im Genussmagazin Frankfurt (Juni 2024)
Wer heute in Frankfurt braut

Man kann in Frankfurt weiterhin Bier trinken, das in Frankfurt gebraut wurde — man muss nur wissen, wo. Die erste Adresse liegt in Laufweite der Konstablerwache: Zu den 12 Aposteln an der Rosenbergerstraße 1 bezeichnet sich als erste Frankfurter Hausbrauerei und braut ganzjährig ein trübes helles und ein trübes dunkles Urtyp-Bier, dazu saisonale Sude wie Bockbier. Wer Bier mitnehmen will, bekommt es dort in Zwei-Liter-Flaschen für 16 Euro plus 15 Euro Pfand oder gleich im Fass von zehn bis dreißig Litern, zu Preisen zwischen 80 und 230 Euro, Zapfanlage gegen Pfand inklusive. Es ist genau die Größenordnung, in der Conrad Binding 1870 angefangen hat.
Die zweite Adresse steht im Nordend, in einem Gebäude, das ursprünglich eine Tankstelle war: Oeder Weg 57. Dort braute seit Januar 2014 die Manufaktur BrauStil hinter Glas, mit Rohstoffen überwiegend in Bioqualität und einem wechselnden Sortiment eigener, nationaler und internationaler Bierstile; Slow Food Deutschland führt den Betrieb bis heute in seinem Einkaufsführer. Im Frühjahr 2024 schloss BrauStil. Anfang Juni 2024 übernahm Kai Greinus, zuvor jahrelang Betriebsleiter des Hauses, die Räume und eröffnete sie als The Station neu — mit demselben Team und derselben Anlage. Spezialbiere entstehen weiter vor Ort; Helles und Pale Ale lässt der Betrieb nach Angaben des Genussmagazins Frankfurt aus logistischen Gründen bei der Mainzer Brauerei Kuehn Kunz Rosen brauen.
Dazu kommen Betriebe, die in Frankfurt sitzen, ohne eine Gaststätte zu betreiben — etwa die junge Brauerei Flügge, die Stadtportale in der Goldsteinstraße 254 verorten — und ein Publikum, das sich einmal im Jahr sammelt: Am 24. und 25. April 2026 fand in Frankfurt wieder ein Craft-Beer-Festival statt, veranstaltet im MASSIFnaïv. Und schließlich gibt es noch die kleinste denkbare Fortsetzung der großen Geschichte: Christian Zürcher, der frühere Qualitätsdirektor von Binding und Erfinder des Clausthaler, betreibt nach Angaben von getraenke-news auf seinem Grundstück eine Hausbrauerei mit sieben Hektolitern — ein Sud, den Conrad Binding in seiner Anfangszeit wiedererkannt hätte.
Warum die kleine Form die einzig mögliche ist
Die naheliegende Frage lautet, warum niemand die Lücke füllt. Die Antwort steht in der Kostenrechnung. Eine industrielle Brauerei braucht Fläche, Wasser, Energie, Lkw-Verkehr und Lärmgenehmigungen — alles Dinge, die in einer Innenstadt teuer, umstritten oder schlicht nicht mehr zu haben sind. Bier ist zudem ein Produkt mit niedrigem Wert je Kilogramm: Man transportiert im Wesentlichen Wasser. Wer damit Geld verdienen will, braucht entweder sehr große Mengen an einem billigen Standort oder sehr kleine Mengen zu einem Preis, den Gäste direkt vor Ort zahlen. Der Mittelweg, den Binding und Henninger ein Jahrhundert lang gegangen sind — große Mengen an einem teuren, innerstädtischen Standort —, funktioniert nicht mehr.
Dazu kommt, dass in Deutschland seit Jahrzehnten weniger Bier getrunken wird. Für die Frankfurter Gastronomie kommen die bekannten Kostenfaktoren hinzu, über die wir mit Blick auf den Mindestlohn in den Küchen geschrieben haben. Eine Hausbrauerei, die ihr Bier im eigenen Gastraum ausschenkt, umgeht wenigstens die Handelsstufe: Kein Zwischenhändler, kein Supermarktregal, keine Rabattschlacht. Sie verkauft ihr Bier zum Gastronomiepreis an Menschen, die dafür ohnehin gekommen sind.
Diese Logik kennt Frankfurt aus einem anderen Getränkesegment sehr gut. Die Keltereien der Stadt haben genau denselben Weg genommen: weg von der Masse, hin zu Sortenreinheit, Herkunft und dem direkten Verkauf. Der Unterschied ist nur, dass der Apfelwein dabei eine Identität im Rücken hat, die das Bier in Frankfurt nie hatte. Ein Geripptes erkennt jeder; ein Frankfurter Bierglas gibt es nicht.
Und es gibt einen zweiten, feineren Unterschied. Beim Frankfurter Würstchen ist der Stadtname rechtlich geschützt, beim Bier war er es nie. Eine Marke, die Frankfurt im Namen oder im Wappen führt, darf das auch dann weiter tun, wenn ihr Sud längst anderswo entsteht — genau das ist bei Binding seit 2023 der Fall. Für die Konzernbilanz ist das folgerichtig, für die Stadt ist es eine stille Enteignung: Der Name bleibt, die Wertschöpfung geht. Wer künftig ein Bier trinken will, dessen Geld in Frankfurt bleibt, muss auf das Etikett schauen — oder gleich dorthin gehen, wo die Sudpfanne im selben Raum steht wie der Zapfhahn.
Dass daraus inzwischen sogar ein touristisches Angebot geworden ist, sagt einiges über den Zustand dieser Nische. Anbieter in der Stadt führen Gruppen unter Titeln wie „Frankfurter Bierkult(o)ur" zu Braustätten und Craft-Beer-Adressen — Stadtführungen also, die erklären müssen, was früher jeder wusste, weil er es roch. Neben den Wasserhäuschen, an denen das Feierabendbier in Frankfurt seit jeher gekauft wird, ist das eine der wenigen Formen, in denen die Bierstadt Frankfurt noch öffentlich vorkommt.

Bleibt der Berg. Auf dem Gelände zwischen Darmstädter Landstraße und Hang wird über Jahre hinweg entschieden, was aus einer der letzten großen zusammenhängenden Flächen im Frankfurter Süden wird — Gewerbe, Wohnen oder eine Mischung, über die noch niemand abschließend befunden hat. Was auch immer dort entsteht: Es wird nicht mehr nach Malz riechen. Wer diesen Geruch in Frankfurt noch einmal erleben will, muss an einem Brautag am Oeder Weg vorbeigehen oder an der Rosenbergerstraße die Tür aufmachen. Es ist weniger, als es einmal war. Aber es ist mehr als nichts — und es ist, anders als der Sud aus Fürth, wieder echtes Frankfurter Bier.
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