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Bockenheim-Guide: Leipziger Straße und das Erbe des Campus

Die Leipziger Straße als Lebensader, das Depot als Bühne, der alte Campus im Wartestand: Bockenheim ist Frankfurts Viertel im Übergang. Unser Guide erzählt, was der Wegzug der Universität verändert hat — und warum das Viertel gerade deshalb lebt.

Von Lukas Schardt 7 Min. Lesezeit
Der historische Turm der Bockenheimer Warte, davor der wie eine abtauchende Straßenbahn gestaltete U-Bahn-Eingang.
01Bockenheimer Warte, 9:30 Uhr— Der Wartturm von 1435 und der in den Boden tauchende U-Bahn-Eingang — Bockenheim in einem Bild: alt, eigenwillig, verspielt.Foto: Zeit Frankfurt

An der Bockenheimer Warte taucht eine Straßenbahn kopfüber in den Asphalt, und niemand findet das der Rede wert. Der U-Bahn-Eingang, den der Architekt Zbigniew Peter Pininski 1986 als ironisches Zitat in den Boden rammte, ist längst Alltagsmöbel — Touristen fotografieren, Bockenheimer gehen vorbei. Man kann darin ein Sinnbild sehen: Dieses Viertel hat einen Hang zum Eigenwilligen und wenig Talent zur Selbstinszenierung. Es ist das vielleicht normalste unter Frankfurts zentralen Vierteln, und genau daraus bezieht es seinen Reiz.

Bockenheim war eigene Stadt, bis es 1895 als erster großer Vorort nach Frankfurt eingemeindet wurde, und es war Industriestandort, Arbeiterquartier und über ein Jahrhundert lang Universitätsviertel. Diese Schichten liegen bis heute übereinander: Gründerzeitzeilen neben Nachkriegsblöcken, Handwerkerhöfe neben WG-Balkonen, dazu eine Bevölkerung, die zu den internationalsten der Stadt gehört. Wer das Viertel verstehen will, braucht keine Sehenswürdigkeitenliste, sondern eine Straße: die Leipziger.

Die Leipziger Straße ist Bockenheims Lebensader

Die Leipziger Straße erledigt auf gut einem Kilometer, wofür andere Stadtteile drei Standorte brauchen. Sie ist Einkaufsstraße, Weltmarkt und Flaniermeile zugleich: türkische Gemüsehändler, deren Auslagen bis auf den Gehweg wachsen, daneben die Apotheke von nebenan, der italienische Feinkostladen, asiatische Supermärkte, Buchhandlung, Dönerbude, Traditionsbäcker. Es gibt hier wenig Filialglanz und viel Substanz — und Preise, die daran erinnern, dass eine Einkaufsstraße auch Versorgung sein kann statt Erlebnisarchitektur. Samstags schiebt sich das halbe Viertel durch die Straße, und wer den Rhythmus einmal angenommen hat, kauft nie wieder gestresst ein.

Belebte Leipziger Straße mit Obst- und Gemüseauslagen vor den Läden, Passanten von hinten im Nachmittagslicht.
02Leipziger Straße, 16:15 Uhr— Obstkisten bis auf den Gehweg, vier Sprachen in zehn Metern: Die Leipziger versorgt das Viertel — und halb Frankfurt dazu.Foto: Zeit Frankfurt

Ihre Ergänzung findet die Leipziger am Kurfürstenplatz, wo einmal in der Woche der Wochenmarkt stattfindet — kleiner als die berühmten Märkte in Bornheim oder am Friedberger Platz, aber mit treuer Nachbarschaftskundschaft und ohne jede After-Work-Attitüde. Wie sich Frankfurts Märkte im Vergleich schlagen, haben wir im großen Wochenmarkt-Test aufgeschrieben; die Kurzfassung für Bockenheim: hinkommen, einkaufen, bleiben. Rund um den Platz zeigen die Straßen das schönste Gründerzeit-Bockenheim, mit Fassaden, die dem Nordend wenig nachstehen — nur die Bieterschlangen davor sind kürzer.

Und dann ist da das flüssige Erbe der Universität: die Kneipen. Rund um die Jordanstraße hat sich eine Dichte an Studentenlokalen, Eckwirtschaften und Billardkellern gehalten, die anderswo längst der Aufwertung gewichen wäre — manche Adressen schenken seit Jahrzehnten an dieselben Tische aus, nur die Semester wechseln. Dass die Universität fort ist, hat diesen Biotopen erstaunlich wenig anhaben können; die Studierenden wohnen ja noch hier, weil Bockenheim bezahlbarer blieb als das Westend, in dem sie inzwischen ihre Seminare besuchen. So pendelt das studentische Leben täglich in die eine Richtung und kehrt abends verlässlich in die andere zurück.

Was der Abschied der Universität verändert hat

Über allem, was in Bockenheim diskutiert wird, liegt seit Jahren eine große Frage: Was wird aus dem Campus? Über ein Jahrhundert lang war das Viertel Sitz der Goethe-Universität, Zehntausende Studierende prägten Kneipen, Kopierläden und Mietmarkt. Dann zog die Universität schrittweise ins Westend und auf den Riedberg; symbolischer Schlusspunkt war 2014 die Sprengung des AfE-Turms, die halb Frankfurt als Volksfest verfolgte. Zurück blieb ein Areal in bester Lage — und ein Versprechen: der Kulturcampus, ein neues Quartier, in dem unter anderem die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst ihren Platz finden soll, dazu Wohnungen, Proberäume, Kultureinrichtungen.

Seither üben sich Stadt, Land und Planungsgesellschaften in einem Genre, das Frankfurt beherrscht wie kaum eine zweite Kommune: dem gründlichen Zwischenstand. Teile des Areals sind bebaut oder vergeben, andere warten, Zwischennutzungen kommen und gehen, und mit jedem Jahr wächst die Sorge, dass aus dem Kulturcampus ein gewöhnliches Immobilienprojekt mit Kulturvokabular werden könnte. Zugleich wächst nebenan bereits das nächste Stück neues Bockenheim: Auf dem früheren Siemens-Areal an der Rödelheimer Landstraße entsteht das Schönhofviertel, dessen erste Bewohner wir bei ihrem Einzug begleitet haben. Das Viertel im Wartestand, es baut ja doch.

Bockenheim ist Frankfurts Viertel im Wartestand — und gerade deshalb so lebendig: Wo noch nichts entschieden ist, ist noch alles möglich.

Rund um die Warte: Turm, Depot und Dinosaurier

Die Backsteinfassade des Bockenheimer Depots im warmen Abendlicht, im Hochformat fotografiert.
03Bockenheimer Depot, 19:20 Uhr— Erst Straßenbahnhalle, heute Bühne: Im Depot proben Oper und Schauspiel das Ungewöhnliche.Foto: Zeit Frankfurt

Das historische Wahrzeichen steht derweil unbeirrt an der Kreuzung: Die Bockenheimer Warte, erbaut 1434/35, war Teil der Frankfurter Landwehr, jenes Rings aus Warttürmen, mit dem die Reichsstadt ihr Umland überwachte. Heute markiert der Turm den Übergang zwischen Westend und Bockenheim — und den Auftakt eines erstaunlich dichten Kulturkilometers. Gleich gegenüber liegt das Bockenheimer Depot: eine ehemalige Straßenbahnhalle aus dem 19. Jahrhundert, deren gusseiserne Konstruktion heute Oper und Schauspiel Frankfurt als Spielstätte dient. Was hier gezeigt wird, ist oft das Experimentellere, Räumlichere, das in den großen Häusern nicht funktioniert — viele Frankfurter Theatergänger halten das Depot heimlich für die beste Bühne der Stadt.

Und dann ist da noch die Nachbarschaft zum Senckenberg Naturmuseum, das formal knapp jenseits der Viertelgrenze liegt, aber zu jedem Bockenheimer Kindheitsprogramm gehört: Die Dinosaurier vor der Tür sind der meistfotografierte Empfangschef der Gegend. Wie ein Besuch mit Kindern gelingt, ohne dass am T-Rex die Nerven reißen, steht in unserem Senckenberg-Guide. Zwischen Warte, Depot und Museum lässt sich jedenfalls ein halber Tag füllen, ohne dass Geld eine große Rolle spielen müsste — auch das eine Bockenheimer Qualität.

Wohnen zwischen Altbau und Nachkriegszeile

Baulich ist Bockenheim ein Flickenteppich, und das ist als Beschreibung gemeint, nicht als Urteil. Der Krieg und die Nachkriegsjahrzehnte haben in die Gründerzeitzüge Zeilenbauten, Fünfziger-Jahre-Blöcke und vereinzelte Hochhäuser gesetzt; kaum eine Straße ist aus einem Guss. Für Wohnungssuchende ist genau das die Chance: Das Viertel bietet vom stuckverzierten Altbau bis zur pragmatischen Nachkriegswohnung fast jede Preisklasse, und es liegt dabei verlässlich unter den Werten von Westend und Nordend — bei besserer Anbindung, als mancher denkt, mit drei U-Bahn-Linien und der S-Bahn-Station Frankfurt West.

Günstig ist freilich auch hier nichts mehr. Die Nähe zu Messe und Westend treibt die Preise seit Jahren, Studierende konkurrieren mit Messe-Pendlern um dieselben Zweizimmerwohnungen, und jede Aufwertungsdebatte um den Kulturcampus lässt die Erwartungen der Eigentümer mitsteigen. Noch aber gilt: Wer die Mischung sucht — Kneipe und Kita, Konzert und Kiosk, alles fußläufig —, bekommt sie in Bockenheim zu Konditionen, für die man weiter östlich nur ein müdes Lächeln erntet.

Oft übersehen wird, dass zu Bockenheim auch der Rebstock gehört: Das Quartier am westlichen Rand, gewachsen auf dem Gelände des ersten Frankfurter Flughafens, hat sich mit Neubauwohnungen, dem weitläufigen Rebstockpark und viel Himmel zu einer eigenen Wohnadresse entwickelt — näher an Messe und Autobahn als am Kneipen-Bockenheim, aber mit Qualitäten für alle, denen die Leipziger Straße zu eng und der Riedberg zu weit ist. Wer das Viertel als Wohnort prüft, sollte diese zweite, jüngere Hälfte mitdenken; sie erweitert das Preisspektrum nach beiden Seiten.

Ein Nachmittag in Bockenheim: die Route

Beginnen Sie an der Bockenheimer Warte, mit dem obligatorischen Blick auf Turm und tauchende Straßenbahn. Dann über den alten Campus schlendern — die Mischung aus Leere, Zwischennutzung und Aufbruch ist das ehrlichste Stadtentwicklungsseminar der Stadt — und hinüber zur Leipziger Straße, die Sie in ganzer Länge abgehen sollten, mit Einkäufen nach Bedarf. Am Kirchplatz lohnt der Abstecher in die Seitenstraßen, am Kurfürstenplatz die Pause im Café. Zurück Richtung Warte bleibt am Abend die Frage, ob im Depot etwas gespielt wird. Falls ja: hineingehen. Falls nein: Es gibt schlechtere Ausgänge eines Tages als ein Kneipenabend in Bockenheim.

Abendstimmung auf dem ehemaligen Universitätscampus, Fahrräder lehnen an einer Laterne vor altem Baumbestand.
04Ehemaliger Campus Bockenheim, 20:30 Uhr— Die Universität ist fort, die Fahrräder sind geblieben: Der alte Campus wartet auf sein zweites Leben.Foto: Zeit Frankfurt

Bleibt die Kernfrage dieses Guides: Was ist Bockenheim, wenn die Universität fort ist und der Kulturcampus noch nicht da? Die Antwort steht jeden Samstag auf der Leipziger Straße. Ein Viertel, das sich nicht über Institutionen definiert, sondern über Alltag — und das im Wartestand nicht stillsteht, sondern lebt. Man könnte sich für Bockenheim wünschen, dass die großen Pläne endlich kommen. Man kann aber auch hoffen, dass sie dem Viertel nichts austreiben, was keine Planung der Welt herstellen kann.

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