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Ostend-Guide: Zwischen Zoo, Hafenpark und EZB
Seit die EZB auf das Gelände der Großmarkthalle zog, verändert sich das Ostend rasanter als jedes andere Viertel. Unser Guide führt vom Zoo über den Hafenpark bis zum Ostpark — und zeigt, wo das alte Arbeiterquartier noch zu finden ist.
Man kann den Wandel eines Viertels selten so präzise auf ein Datum legen wie im Ostend: Im März 2015 nahm die Europäische Zentralbank ihren Neubau am Main offiziell in Betrieb, 185 Meter Glas über der alten Großmarkthalle — und aus dem Frankfurter Osten, über den die Stadt jahrzehntelang hinweggesehen hatte, wurde über Nacht eine Adresse. Seither ist das Ostend das Viertel, in dem sich Frankfurts Gegenwart am deutlichsten verdichtet: Kräne neben Kiosken, Rooftop-Wohnungen neben Rindswurst, Aufbruch neben Verdrängung. Ein Rundgang.
Um zu verstehen, was hier passiert, hilft ein Blick zurück. Das Ostend war über hundert Jahre lang Frankfurts Arbeiterviertel: geprägt vom Osthafen und seiner Industrie, von Werkstätten, Speditionen und einfachen Mietshäusern. Es war zugleich ein Zentrum jüdischen Lebens — bis die Nationalsozialisten diese Welt auslöschten. Die Großmarkthalle wurde dabei zum Ort des Verbrechens: Aus ihrem Keller deportierte die Gestapo ab 1941 Tausende Frankfurter Jüdinnen und Juden. Die Erinnerungsstätte an der ehemaligen Rampe, heute in das EZB-Areal integriert, hält das fest — wer das Viertel besucht, sollte diesen Ort nicht auslassen.
Die EZB hat das Viertel verändert wie kein Bauwerk zuvor
Die Großmarkthalle selbst, 1928 von Stadtbaudirektor Martin Elsaesser errichtet, war einst Europas größte freitragende Halle und Frankfurts „Gemüsekirche" — ihre Geschichte haben wir in einem eigenen Artikel erzählt. Dass die EZB den denkmalgeschützten Bau in ihren Neubau integrierte, statt daneben zu bauen, war die architektonische Grundsatzentscheidung: Der verdrehte Doppelturm von Coop Himmelb(l)au wächst gewissermaßen aus der Halle heraus. Was der Einzug der Bank mit dem Umfeld gemacht hat — steigende Mieten, neue Gastronomie, ein anderes Publikum —, haben wir zum Jubiläum in „Zehn Jahre EZB im Ostend" bilanziert. Die Kurzfassung: Der Turm war nicht die Ursache des Wandels, aber sein Beschleuniger.

Am Hafenpark trifft sich das neue Frankfurt
Direkt westlich der EZB liegt der Ort, an dem der Wandel am freundlichsten aussieht: der Hafenpark. Auf dem ehemaligen Gelände am Mainufer hat die Stadt eine der besten Sport-Freiflächen Deutschlands gebaut — ein weitläufiges Skate-Areal aus geschwungenem Beton, dazu Basketball- und Fußballfelder, Calisthenics-Geräte und viel Wiese. An warmen Nachmittagen ist hier das halbe junge Frankfurt versammelt, und die Mischung ist bemerkenswert unangestrengt: Skater neben Familien, Banker in Laufschuhen neben Jugendlichen vom Danziger Platz. Öffentlicher Raum, der funktioniert, ohne dass jemand konsumieren muss — im Frankfurt der 2020er-Jahre ist das keine Selbstverständlichkeit.
Vom Hafenpark aus lässt sich das neue Ufer ablaufen. Zwischen Honsellbrücke und EZB sind in den vergangenen Jahren ganze Quartiersblöcke entstanden, mit gestaffelten Balkonen, Concierge-Anmutung und Preisen, die man früher nur vom anderen Mainufer kannte. Der Blick auf Fluss und Skyline ist tatsächlich spektakulär; die Frage, für wen diese Stadt am Wasser gebaut wird, stellt sich hier trotzdem bei jedem Schritt. Ein paar Hundert Meter landeinwärts, an der Hanauer Landstraße, hält sich derweil das robuste Ostend der Autohäuser, Clubs und Großhändler — die Hanauer bleibt eine der eigentümlichsten Straßen der Stadt, halb Ausfallstraße, halb Designmeile.
Nirgendwo in Frankfurt liegen Aufbruch und Verdrängung so nah beieinander wie zwischen Danziger Platz und Mainufer.
Zoo, Bergerstraße-Ausläufer, Ostpark: Das alte Ostend lebt weiter
Das Ostend ist aber mehr als seine Baustellen. Am nordwestlichen Rand liegt mit dem Zoo eine der traditionsreichsten Institutionen der Stadt, 1858 von Frankfurter Bürgern gegründet und untrennbar mit dem Namen Bernhard Grzimek verbunden, der ihn nach dem Krieg zu Weltruhm führte. Rund um den Zoo und in den Straßen hinauf Richtung Bornheim findet sich das gewachsene Viertel: Eckkneipen, Handwerksbetriebe, türkische Bäckereien, dazwischen immer mehr Cafés der neuen Generation. Und natürlich die Wasserhäuschen, Frankfurts Kioskkultur — wie eine Schicht am Büdchen im Ostend aussieht, erzählt unser Porträt vom Wasserhäuschen.
Der grüne Kontrapunkt zum durchgetakteten Ufer liegt im Osten: der Ostpark, angelegt Anfang des 20. Jahrhunderts, mit großem Weiher, alten Bäumen und einer Weitläufigkeit, die man dem dichten Viertel nicht zutraut. Hier wird gegrillt, gejoggt und Fußball gespielt, hier füttern Kinder Enten, während am Horizont die Bürotürme glitzern. Wer den Unterschied zwischen einem Park als Standortfaktor und einem Park als Alltagsort verstehen will: Hafenpark und Ostpark an einem Nachmittag, das ist die Lehrstunde.
Auch kulturell ist das Ostend besser aufgestellt, als sein Ruf als Durchgangsviertel vermuten lässt. An der Waldschmidtstraße residiert im Turm der ehemaligen Seifenfabrik Mouson das Künstlerhaus Mousonturm, seit Jahrzehnten Frankfurts wichtigste Bühne für freies Theater, Tanz und Performance. Ein paar Schritte weiter bespielt das Theater Willy Praml die Naxoshalle, eine raue ehemalige Fabrikhalle der Naxos-Union, in der Industriegeschichte und Gegenwartstheater buchstäblich unter einem Dach arbeiten. Beide Häuser sind Kinder des alten Ostends — entstanden aus Fabriken, getragen von Eigensinn — und beide gehören zu den lohnendsten Abendprogrammen der Stadt, gerade weil sie nicht im Kulturzentrum liegen, sondern im Viertel.
Wohnen im Ostend: vom Mainblick bis zum Danziger Platz

Kaum ein Frankfurter Viertel spreizt sich beim Wohnen so weit wie dieses. Am Wasser und in den sanierten Gründerzeitbeständen nahe der EZB sind Mieten und Kaufpreise in Lagen vorgestoßen, die mit Westend-Niveau flirten. Rund um den Danziger Platz und den Ostbahnhof dagegen, wo seit Jahren auf den Weiterbau des Bahnhofsumfelds gewartet wird, findet sich noch der einfache Bestand des alten Arbeiterviertels — mit entsprechend niedrigeren, aber stetig steigenden Mieten. Genau in dieser Spreizung liegt die soziale Sprengkraft: Wer hier seit dreißig Jahren wohnt, erlebt die Aufwertung nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als Countdown.
Für Suchende heißt das: Das Ostend ist kein einheitlicher Markt, sondern drei. Neubau am Ufer für die, die es sich leisten können und das Ufer wollen. Sanierter Altbau in den Straßen zwischen Zoo und Main für die, die das klassische Viertelleben suchen und Konkurrenz aushalten. Und der nördliche Bestand für die, die auf das Viertel von morgen setzen — mit dem Risiko und den Chancen, die dazugehören. In allen drei Segmenten gilt: Die Richtung der Preise kennt seit Jahren nur eine Tendenz.
Was den Bestand schützt, ist derzeit vor allem Politik im Kleinen: Erhaltungssatzungen für Teile des Viertels, kommunale und genossenschaftliche Bestände, die nicht dem Markt folgen müssen, dazu eine Mieterschaft, die gelernt hat, sich zu organisieren. Ob das reicht, ist offen. Sicher ist nur, dass die Frage nicht abstrakt bleibt: Jedes sanierte Haus, jede Entmietung, jeder Neubau verschiebt die Statik des Viertels ein Stück — und anders als in fertigen Lagen wie dem Westend ist hier noch nicht entschieden, in welche Richtung.
Eine Route für den Ostend-Tag
Beginnen Sie am Zoo, aber nicht im Zoo — es sei denn, Sie haben einen halben Tag mehr. Gehen Sie durch die Straßen südlich davon Richtung Main, vorbei an Eckläden und Altbauten, bis Sie am Hafenpark das Wasser erreichen. Dort: zusehen, treiben lassen, vielleicht ein Kaffee vom Kiosk. Dann am Ufer entlang zur EZB, mit Halt an der Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle, deren Rampe von außen einsehbar ist. Anschließend landeinwärts über die Hanauer Landstraße — der Kulturschock ist Teil des Programms — und durch die Wohnstraßen hinauf zum Ostpark, wo der Tag am Weiher ausklingen kann. Drei bis vier Stunden, gutes Schuhwerk, offener Blick. Wer den Abend anhängen will, findet am Ostender Mainufer inzwischen Restaurantterrassen mit Skylineblick — oder kehrt um und beschließt den Tag klassisch am Wasserhäuschen, mit einem gekühlten Getränk und dem besten Publikum der Stadt.

Was bleibt, ist ein Viertel im Zwischenzustand, und vermutlich ist genau das seine ehrlichste Beschreibung. Das Ostend ist nicht mehr das Arbeiterquartier, das es hundert Jahre war, und noch nicht das durchsanierte Uferviertel, das die Projektentwickler auf ihren Renderings zeigen. Es ist beides zugleich, Straße für Straße verschieden — und damit der beste Ort der Stadt, um zuzusehen, wie Frankfurt sich entscheidet, was es sein will.
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