Stadtleben · Damals

Die Kaiserstraße: Gründerzeitprunk zwischen Gleis und Main

Als der Hauptbahnhof 1888 eröffnete, bekam er einen Boulevard nach Maß: die Kaiserstraße. Über den Aufstieg, den Verruf und die Gegenwart der prächtigsten Straße des Bahnhofsviertels — und warum ihre schönste Etage im ersten Stock beginnt.

Von Johanna Roth 7 Min. Lesezeit
Fluchtpunktblick die Kaiserstraße hinunter Richtung Bankenviertel: Gründerzeitfassaden vor Hochhäusern im Abendlicht.
01Kaiserstraße, 19:30 Uhr— Der Fluchtpunktblick Richtung Bankenviertel: vorn die Gründerzeit, hinten das Glas — dazwischen 130 Jahre Stadtgeschichte.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt eine einfache Übung, mit der Sie die Kaiserstraße neu kennenlernen, und sie kostet nichts als eine leichte Verspannung im Nacken: Stellen Sie sich an ihr unteres Ende, den Rücken zum Hauptbahnhof, und heben Sie den Blick über die Ladenzeilen. Unten: Handyshops, Wettbüros, Imbisse, Hotels, das ganze geschäftige Erdgeschoss einer Bahnhofstraße. Oben: Erker und Türmchen, Sandsteinfiguren, Stuckgirlanden, Balkone mit schmiedeeisernen Gittern — eine steinerne Festgesellschaft, die seit den 1880er Jahren über den Köpfen der Passanten posiert. Kaum eine Straße in Deutschland fällt derart auseinander in das, was sie zeigt, und das, was sie ist. Und kaum eine erzählt dabei so viel Frankfurter Geschichte auf achthundert Metern.

Um zu verstehen, warum diese Straße so aussieht, muss man an ihren Anfang zurück — und der liegt am Gleis. Bis in die 1880er Jahre endeten die Eisenbahnen aus dem Westen an drei getrennten Bahnhöfen am Rand der Innenstadt, ungefähr dort, wo heute die Gallusanlage liegt. Als die Stadt beschloss, sie durch einen einzigen Centralbahnhof weiter draußen zu ersetzen, entstand dazwischen auf einen Schlag Bauland von seltener Größe: das heutige Bahnhofsviertel, geplant am Reißbrett, erschlossen in einem Zug. Und mittendurch, als Rückgrat und Visitenkarte, eine Achse, die den neuen Bahnhof mit der Stadt verbinden sollte — breit, repräsentativ, nach dem Vorbild der Pariser Boulevards. Als der Hauptbahnhof 1888 eröffnete, damals einer der größten Europas, lag ihm die Kaiserstraße zu Füßen wie ein ausgerollter Teppich.

Ein Boulevard als Ansage an die Konkurrenz

Die Straße war von Beginn an eine Machtdemonstration. Frankfurt, seit 1866 preußisch und um seine freie Stadtherrlichkeit gebracht, wollte zeigen, dass es als Handelsplatz erste Liga blieb — und baute entsprechend. Entlang der neuen Achse entstanden Geschäftshäuser im Stil der Neorenaissance und des Historismus, viergeschossig, mit aufwendigen Natursteinfassaden, wie sie sich sonst nur Residenzstädte leisteten. Hier logierte man, speiste man, kaufte man: Hotels für die Reisenden aus aller Welt, Cafés mit Zeitungsständern, dazu Passagen und Kontore. Wer vom Bahnhof kam, sollte in der Kaiserstraße binnen Minuten begreifen, in was für eine Stadt er geraten war — in eine, die es sich leisten konnte.

Schon der Name war Programm und Politik zugleich. Dass die neue Prachtachse ausgerechnet nach dem Kaiser benannt wurde, war die Verbeugung einer Stadt, die mit ihrem neuen Souverän noch fremdelte — Frankfurt hatte 1866 auf der Verliererseite gestanden, als Preußen die Freie Stadt annektierte. Der Boulevard versöhnte beides: kaiserlicher Name, bürgerliches Geld. Denn gebaut haben hier keine Fürsten, sondern Bauherren, Baugesellschaften und Spekulanten der Gründerzeit, die um die Wette prunkten. Man wollte Weltstadt spielen, und für ein paar Jahrzehnte gelang das Spiel so überzeugend, dass Reiseführer der Jahrhundertwende die Straße in einem Atemzug mit den großen Boulevards des Kontinents nannten.

Von diesem Auftritt hat sich erstaunlich viel erhalten, und das ist die zweite Pointe der Straße: Während die Altstadt im März 1944 unterging, kam das Bahnhofsviertel vergleichsweise glimpflich durch den Krieg. Die Folge kann man heute besichtigen — eine der geschlossensten Gründerzeitkulissen Deutschlands, über weite Strecken original, vieles davon denkmalgeschützt. Man muss sich das klarmachen: Das „alte Frankfurt", nach dem sich die Stadt in der neuen Altstadt so aufwendig zurücksehnt, steht im Bahnhofsviertel einfach noch herum, vier Stockwerke hoch, und wartet seit Jahrzehnten darauf, dass es jemand über den Schaufenstern bemerkt.

Stuckdetails, Erker und Figurenschmuck einer Gründerzeitfassade an der Kaiserstraße im warmen Streiflicht.
02Kaiserstraße, 16:50 Uhr— Über den Ladenzeilen beginnt das Museum: Stuck, Sandstein und Figuren, denen seit 130 Jahren kaum jemand zusieht.Foto: Zeit Frankfurt

Der Abstieg war keiner der Häuser, sondern ihrer Nutzung

Dass der Boulevard seinen Glanz verlor, lag nicht am Stein. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschob sich das Leben der Straße: Die amerikanische Garnison brachte Bars und Vergnügen ins Viertel, aus Vergnügen wurde Rotlicht, und in den Siebzigern und Achtzigern galten die Straßen zwischen Bahnhof und Main vielen Frankfurtern als Gegend, durch die man höchstens durchfuhr. Die Bordelle konzentrierten sich in den Parallelstraßen, dazu kam ab den Achtzigern die offene Drogenszene — das Bahnhofsviertel wurde zum Synonym für alles, was eine reiche Stadt lieber nicht sehen wollte. Die Kaiserstraße selbst blieb dabei stets die bürgerlichste Adresse des Viertels, eine Art Grenzlinie mit Stuck: vorne Juweliere und Fachgeschäfte, zwei Hausnummern weiter eine andere Welt.

Wer die Gegenwart der Straße verstehen will, sollte genau diese Doppelnatur im Kopf behalten, denn sie besteht fort. Die Kaiserstraße von heute ist ein Nebeneinander, das es so verdichtet nur hier gibt: das Traditionscafé neben dem Späti, das Boutique-Hotel neben dem Sexshop, die Weinbar im Gründerzeiterdgeschoss neben dem internationalen Geldtransfer-Büro. Seit den Zehnerjahren gilt das Viertel als hip, Gastronomen und Galerien sind eingezogen, die Mieten haben angezogen — eine Entwicklung mit allen bekannten Nebenwirkungen, wie sie unser Bahnhofsviertel-Guide zwischen Aufbruch und Alltag beschreibt. Und wer sich der Gegend lieber kulinarisch nähert, findet in der parallelen Münchener Straße eine der besten Streetfood-Meilen der Republik; unsere Kollegen haben sie durchgekostet.

Die eigentliche Kaiserstraße beginnt im ersten Stock — man muss nur den Kopf heben.

Eine Anleitung zum Hinsehen, Hausnummer für Hausnummer

Der beste Weg, die Straße zu lesen, ist ein langsamer Spaziergang vom Bahnhof stadteinwärts, idealerweise am späten Nachmittag, wenn das Licht flach über die Fassaden streicht. Beginnen Sie am Bahnhofsvorplatz mit einem Blick zurück: Die Halle von 1888 mit ihrem Atlas auf dem Dach, der die Weltkugel stemmt, ist selbst das erste Ausstellungsstück. Dann die Straße hinauf, und ab jetzt gilt: erster Stock aufwärts. Sie werden Erker entdecken, die wie Schiffsbuge aus den Fassaden stoßen, Masken und Frauenköpfe über Fenstern, Putten, die Girlanden tragen, Hausnamen und Baujahre in goldenen Lettern. Keine Fassade gleicht der nächsten, und doch bilden sie eine Front — der Historismus war eine Architektur der Einzelstücke im Ensemble, gebaute Konkurrenz unter Nachbarn, die sich an dieselben Spielregeln hielten.

Blick an einer Gründerzeitfassade empor, unten Stuck und Erker, dahinter die Spiegelglasscheiben eines Hochhauses.
03Kaiserstraße, Richtung Gallusanlage, 17:30 Uhr— Zwei Epochen in einer Blickachse: Der Stuck hält dem Spiegelglas seit Jahrzehnten stand — und umgekehrt.Foto: Zeit Frankfurt

Auf halber Strecke lohnt ein Abstecher in die Kaiserpassage, eine jener überglasten Einkaufsgalerien, mit denen das neunzehnte Jahrhundert das Flanieren wetterfest machte; heute ist sie ein stiller, leicht entrückter Ort zwischen den Welten. Danach ändert sich die Kulisse Schritt für Schritt: Am Kaisersack haben Sie noch den Bahnhofstrubel im Rücken, an der Gallusanlage stehen Sie plötzlich vor Glasfronten und Banktürmen, und am Kaiserplatz empfängt Sie mit dem Frankfurter Hof ein Grandhotel, das älter ist als die Straße selbst. Es ist eine Zeitreise in Gehrichtung: von 1888 in die Gegenwart auf zehn Minuten Fußweg, ohne Eintritt, ohne Audioguide. Nachts übrigens funktioniert die Übung andersherum — dann verschwinden die Fassaden im Dunkel, und die Straße wird wieder ganz Erdgeschoss: Leuchtreklamen, Küchendunst, Stimmen. Wie das Viertel in diesen Stunden lebt und arbeitet, davon erzählt unsere Reportage aus der Nachtschicht im Bahnhofsviertel.

Was die Straße über Frankfurt verrät

Man kann die Kaiserstraße als Architekturlehrpfad abgehen, und das ist sie. Aber sie ist auch ein Argument in einer sehr frankfurterischen Debatte: der über das Verhältnis dieser Stadt zu ihrer eigenen Vergangenheit. Frankfurt hat abgerissen und rekonstruiert, verdrängt und wiederentdeckt wie kaum eine zweite deutsche Stadt. Die Kaiserstraße führt vor, was passiert, wenn man Geschichte einfach stehen lässt und weiterbenutzt: Sie wird nicht zur Kulisse, sondern zum Gebrauchsgegenstand. Der Stuck von 1890 schaut heute auf E-Scooter und Lastenräder, in den Beletagen sitzen Kanzleien, Ateliers und Sprachschulen, und kein Mensch käme auf die Idee, das Viertel als Freilichtmuseum zu bezeichnen. Vielleicht ist das die würdevollste Form von Denkmalpflege: benutzt zu werden.

Die Kaiserstraße bei Nacht, Leuchtreklamen als unscharfe Farbflecken auf regennassem Pflaster.
04Kaiserstraße, 23:15 Uhr— Nachts gehört die Straße den Farben: Was tagsüber Fassade ist, wird im Regen zur Fotografie.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende Ihres Spaziergangs, zurück am Bahnhof, werfen Sie noch einmal einen Blick die Straße hinunter — am schönsten nach einem Regenschauer, wenn das Pflaster die Reklamen spiegelt und die Fassaden im Gegenlicht zu Silhouetten werden. Vorne rauscht der Verkehr, hinten glitzern die Türme, dazwischen liegen hundertdreißig Jahre, ein paar Abstürze und mehrere Auferstehungen. Die Kaiserstraße war Bühne des Aufstiegs, Kulisse des Verrufs und ist heute beides gleichzeitig, im Abstand weniger Meter. Wer wissen will, wie diese Stadt funktioniert — großspurig und pragmatisch, glänzend und schmuddelig, alles auf engstem Raum —, der braucht keinen Stadtführer. Ein Nackenmuskel genügt.

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