Stadtleben · Reportage
Nachtschicht im Bahnhofsviertel: Unterwegs mit der Suchthilfe
Zwischen Taunusstraße und Niddastraße begleitet unsere Reportage ein Team der Sucht- und Obdachlosenhilfe durch eine komplette Nacht — vom ersten Rundgang um 22 Uhr bis zum Morgengrauen am Hauptbahnhof. Ein Text, der die Debatte um die offene Szene auf Augenhöhe der Straße holt.
Um 22 Uhr, an einem Dienstag im Februar, beginnt die Schicht mit einer Inventur: zwei Rucksäcke, vier Thermoskannen, Traubenzucker, Rettungsdecken, sterile Einwegutensilien, eine Liste mit freien Notschlafplätzen, die um diese Uhrzeit schon fast keine mehr sind. Zwei Menschen werden in dieser Nacht durch das Bahnhofsviertel gehen, wir nennen sie Maren und Kofi, beide arbeiten seit Jahren in der Frankfurter Suchthilfe. Ihre Namen, ihr Träger und einige Details sind in diesem Text verändert — die Nacht ist es nicht.
„Der Fehler, den fast alle machen", sagt Maren, während sie die Kannen füllt, „ist zu glauben, dass hier nachts etwas anderes passiert als tagsüber. Es ist dasselbe. Man sieht es nur besser, weil die Stadt drumherum leiser wird."
Der erste Rundgang: Zählen, grüßen, nichts wollen
Die Route ist immer ähnlich: Taunusstraße, Elbestraße, Moselstraße, Niddastraße, dann die Ecken am Kaisersack, zum Schluss die Umgebung des Hauptbahnhofs. Zwei Stunden dauert eine Runde, wenn nichts dazwischenkommt; es kommt immer etwas dazwischen. Auf den ersten Blick wirkt der Rundgang ziellos, tatsächlich ist er das Gegenteil — er ist Datenerhebung zu Fuß. Wer sitzt wo, wer fehlt, wer ist neu, wer sieht schlechter aus als vorgestern. Maren grüßt viele mit Namen. Die meisten grüßen zurück, manche winken ab, ein Mann in einem Hauseingang dreht sich wortlos zur Wand. „Auch das ist eine Antwort", sagt Kofi. „Er weiß jetzt, dass wir da waren. Beim dritten Mal redet er vielleicht."
Das Viertel, durch das die beiden gehen, ist dasselbe, das tagsüber Werbeagenturen, Hotels und eine viel beschriebene Gastronomieszene beherbergt — wer es nur von dieser Seite kennt, findet es in unserem Bahnhofsviertel-Guide porträtiert. Nachts schieben sich die Ebenen übereinander: Vor einem Club wartet eine Schlange junger Leute, zehn Meter weiter kauert jemand über einer zerknickten Folie. Beide Welten ignorieren einander mit einer Routine, die man erst versteht, wenn man eine Weile danebensteht.
Gegen Mitternacht wird die Arbeit konkreter. Eine Frau, Mitte vierzig, sitzt auf einem Stromkasten in der Niddastraße, sie zittert. Maren kennt sie, es gibt Tee, ein kurzes Gespräch über eine entzündete Wunde am Bein. Ob sie morgen in die Ambulanz käme? Vielleicht. Kofi notiert nichts, aber er merkt es sich; das Nachhaken am nächsten Tag, sagt er später, sei die halbe Arbeit. „Vertrauen ist hier keine Stimmung. Es ist eine Frequenz. Man muss oft genug wiederkommen."

Was der Frankfurter Weg kann — und wo er an seine Grenze kommt
Um zu verstehen, was in dieser Nacht funktioniert, muss man kurz zurückblenden. Anfang der Neunzigerjahre kollabierte in den Frankfurter Anlagen eine der größten offenen Drogenszenen Europas; die Stadt antwortete mit dem, was als „Frankfurter Weg" bekannt wurde: Konsumräume statt Wegsehen, Substitution statt reiner Strafverfolgung, Streetwork statt bloßer Räumung — Frankfurt eröffnete damals einen der ersten Drogenkonsumräume des Landes. Die Bilanz über drei Jahrzehnte kann sich sehen lassen: weniger Drogentote als in vergleichbaren Städten, Kontakt zu Menschen, die kein anderes Hilfesystem mehr erreicht.
Aber der Weg wurde für eine andere Substanz gebaut. Heroin sediert, es erlaubt Tagesstruktur, es gibt die Substitution. Crack, das die Szene heute dominiert, ist das Gegenteil: kurze, harte Rauschzyklen, Rastlosigkeit, kein Ersatzstoff, keine Ruhe. „Früher hast du jemanden morgens im Konsumraum gesehen und wusstest, wie sein Tag läuft", sagt Maren. „Heute taktet die Substanz die Menschen im Zwanzig-Minuten-Rhythmus durchs Viertel." Die Einrichtungen, die Öffnungszeiten, die Schlafangebote — vieles davon passe schlicht nicht mehr zum Konsummuster. Es ist der Kern der Debatte, die die Stadt seit 2025 wieder führt, meist lauter als informierter.
Wir schaffen die Sucht nicht ab. Wir sorgen dafür, dass Menschen die Nacht überleben — alles andere kommt danach.
Eine Streetworkerin, seit elf Jahren im Viertel
Halb drei: Am Klapptisch wird das Viertel kurz ein Wohnzimmer

Gegen halb drei baut das Team an der Elbestraße den Klapptisch auf: Tee, Traubenzucker, ein paar Minuten Wärme. Es ist die ruhigste Stunde der Nacht und zugleich die ehrlichste. Ein junger Mann, höchstens Anfang zwanzig, nimmt einen Becher und bleibt stehen, als hätte er auf einen Grund gewartet. Er kommt aus einer Stadt in Süddeutschland, seit vier Monaten hier, die Geschichte dahinter bleibt in dieser Nacht Andeutung. Maren fragt nicht nach der Substanz, sie fragt nach dem Schlafplatz. Es gibt noch einen freien in einer Notunterkunft, sie telefoniert, er zögert — und geht dann doch hin. „Einer von zehn", sagt sie hinterher. „Das klingt wenig. Es sind hundert im Jahr."
Was in dieser Stunde auffällt, ist das Nebeneinander von Härte und Höflichkeit. Kaum jemand ist aggressiv, viele bedanken sich mehrfach, einer besteht darauf, seinen Becher selbst auszuspülen. Die Klischees vom Viertel, sagt Kofi, stimmen fast alle irgendwo — und führen trotzdem in die Irre, weil sie die Menschen zur Kulisse machen. „Jeder hier hatte ein Leben vor dem Viertel. Die meisten haben Familie, irgendwo. Das vergisst man auf beiden Seiten der Debatte am liebsten."
Gegen halb vier die einzige wirklich kritische Situation der Nacht: In einem Hauseingang an der Moselstraße reagiert ein Mann nicht mehr auf Ansprache. Maren und Kofi arbeiten jetzt wortlos und schnell — Seitenlage, Atemkontrolle, der Griff zum Telefon. Als der Rettungswagen kommt, ist der Mann wieder ansprechbar; die Sanitäter kennen das Team, die Übergabe dauert keine zwei Minuten. „Das ist der Teil der Arbeit, über den nie geredet wird", sagt Kofi, während der Wagen abfährt. „Nicht die Rettung. Das Danach: dass wir morgen wissen wollen, wo er gelandet ist." Auf dem Rückweg ist es eine Weile still.
Und die Nachbarschaft? Sie ist Teil des Systems, im Guten wie im Angespannten. Ein Kioskbesitzer an der Taunusstraße stellt dem Team seit Jahren nachts Wasser vor die Tür; ein Hotelier zwei Häuser weiter fotografiert jede Verunreinigung und schickt sie an die Stadt. Beide, sagt Maren, hätten auf ihre Art recht: „Die Leute hier ertragen viel, und die meisten tragen trotzdem mit. Was das Viertel zermürbt, ist nicht die Szene an sich — es ist das Gefühl, mit ihr alleingelassen zu werden." Zwischen diesen beiden Sätzen verläuft die ganze Frankfurter Debatte.
Das Morgengrauen macht die Bilanz auf
Um vier dreht das Team die letzte Runde über die Kaiserstraße Richtung Bahnhof. In der B-Ebene schiebt ein Sicherheitsdienst zwei Schlafende sanft, aber bestimmt in Richtung Ausgang; Maren spricht kurz mit den Männern, verteilt die letzten Rettungsdecken. Man kennt sich, auch das gehört zur Wahrheit dieser Nacht: Ordnungskräfte, Bundespolizei, Suchthilfe — die Zuständigkeiten sind verteilt, die Reibung ist real, aber auf der Straße arbeitet man pragmatischer zusammen, als es die Schlagzeilen vermuten lassen.
Was fehlt, lässt sich am Ende der Schicht präzise auflisten, und keiner der Punkte ist überraschend: mehr Notschlafplätze, die auch nachts um drei noch aufnehmen. Mehr Personal, um die Frequenz zu halten, von der das Vertrauen lebt. Angebote, die zum Crack-Rhythmus passen — Ruheräume, in denen niemand eine Aufnahmeprozedur durchlaufen muss. Und Wohnraum, das größte Wort von allen. „Wir können hier draußen viel abfedern", sagt Maren, „aber wir können niemanden in eine Wohnung entlassen, die es nicht gibt."

Um kurz vor sechs steht das Team am Bahnhofsvorplatz, die Kannen sind leer, das Reinigungsfahrzeug zieht seine Bahnen, die ersten Pendler tauchen aus der B-Ebene auf. In einer Stunde wird das Viertel wieder aussehen wie auf den Fotos der Debatten: je nach Blickwinkel bedrohlich oder bunt. Die Nacht dazwischen — die Frau auf dem Stromkasten, der Junge am Klapptisch, der eine von zehn — kommt in beiden Bildern nicht vor. Vielleicht ist das der eigentliche Befund dieser Schicht: Die Stadt streitet über das Viertel. Die Menschen, um die es geht, erlebt man nur, wenn man hingeht.
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