Stadtteile · Damals
Zehn Jahre EZB im Ostend: Wie ein Turm ein Viertel verändert
Im März 2015 eröffnete die EZB ihren Neubau an der Großmarkthalle, begleitet von den Blockupy-Protesten. Zehn Jahre später ist das Ostend ein anderes Viertel — die Bilanz eines Turms zwischen Gemüsehalle, Erinnerungsstätte und Hafenpark.
Man vergisst leicht, wie still es hier einmal war. Wer vor fünfzehn Jahren am Ostend-Ufer entlangging, sah eine riesenhafte, müde Halle hinter Bauzäunen, dahinter Brachen, Gleise, ein paar Angler am Main. Heute steht an derselben Stelle ein 185 Meter hoher, in sich gedrehter Doppelturm aus Glas, um ihn herum joggt, skatet und flaniert ein Viertel, das es so vor zehn Jahren nicht gab. Im November 2014 zog die Europäische Zentralbank an die Großmarkthalle, im März 2015 wurde offiziell eröffnet — und seither ist im Frankfurter Ostend kaum ein Stein, eine Miete, ein Café geblieben, wie es war. Zeit für eine Bilanz, die weiter zurückreichen muss als ein Jahrzehnt.
Denn dieser Ort hatte schon zwei große Leben, bevor die Bank kam. Das erste begann 1928: Die Großmarkthalle des Stadtbaurats Martin Elsaesser war bei ihrer Eröffnung ein Weltwunder des Neuen Bauens, eine über 200 Meter lange Betonhalle mit kühn geschwungenem Dach, von den Frankfurtern sofort respektlos „Gemieskerch" getauft — Gemüsekirche. Jahrzehntelang wurde hier nachts gehandelt, was die Stadt tags aß: Obst, Gemüse, Blumen, angeliefert per Bahn direkt an die Rampen. Die Halle war der Bauch von Frankfurt, laut, ruppig und unentbehrlich — ihre ganze Geschichte haben wir an anderer Stelle erzählt. Erst 2004 endete der Handel, der Großmarkt zog in ein neues Frischezentrum am Stadtrand, und die Halle wartete auf ihr drittes Leben.
Der Ort trägt eine Geschichte, die kein Neubau überschreiben darf
Das zweite Leben des Ortes ist das dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte. Ab Oktober 1941 missbrauchten die Nationalsozialisten den Keller der Großmarkthalle als Sammelstelle: Mehr als 10.000 Frankfurter Jüdinnen und Juden mussten sich hier einfinden, wurden registriert, gedemütigt, beraubt — und von den Gleisen an der Halle in die Ghettos und Vernichtungslager deportiert. Der Handel in der Halle lief währenddessen weiter, die Stadt sah zu. Als die EZB das Gelände übernahm, gehörte deshalb zur Baugenehmigung eine Verpflichtung, die man historisch nennen darf: Die Erinnerung an die Deportationen wurde in das Areal eingeschrieben. Seit 2015 führt die Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle — Gleis, Rampe, Kellerzugang, in den Boden gefräste Zitate der Opfer — die Geschichte des Ortes öffentlich vor Augen, direkt am Zaun der Bank.

Dass die Halle selbst stehen blieb, war ebenfalls keine Selbstverständlichkeit, sondern Denkmalschutz gegen erhebliche Widerstände. Der Entwurf des Wiener Büros Coop Himmelb(l)au, der den Architektenwettbewerb gewonnen hatte, machte aus der Not eine Geste: Die Halle wurde saniert und zum Eingangsbauwerk der Bank, ein gläserner Riegel schneidet quer durch sie hindurch, dahinter steigt der verdrehte Doppelturm auf. Man kann diese Kombination schroff finden oder brillant — unstrittig ist, dass Frankfurt damit ein zweites architektonisches Wahrzeichen neben der Skyline bekam, und zwar auf der lange vergessenen Seite der Stadt.
Die Eröffnung geriet zum Ausnahmezustand
Wie sehr dieser Bau polarisiertes Symbol war, zeigte der 18. März 2015. Zur offiziellen Eröffnung — mitten in der europäischen Schuldenkrise, in der die EZB über das Schicksal Griechenlands mitentschied — rief das Blockupy-Bündnis zu Protesten, und aus Teilen davon wurde der heftigste Krawalltag, den Frankfurt seit Jahrzehnten erlebt hatte: brennende Polizeifahrzeuge und Barrikaden, Rauchsäulen über dem Ostend, Wasserwerfer, Hunderte Verletzte auf beiden Seiten. Drinnen durchschnitt derweil ein Bankpräsident ein Band, draußen brannte die Stadt. Für das Viertel war es ein bizarrer Auftakt einer neuen Epoche — und im Rückblick der Moment, in dem das Ostend endgültig aufhörte, Randlage zu sein. Was genau die Institution hinter dem Zaun eigentlich tut, erklären wir übrigens in einem eigenen Stück.
Hinter den Schlagzeilen jenes Tages verschwand fast, was für ein Kraftakt der Bau selbst gewesen war. Rund 1,3 Milliarden Euro hat der Komplex am Ende gekostet, deutlich mehr als ursprünglich geplant; die Sanierung der denkmalgeschützten Halle erwies sich als ähnlich aufwendig wie der Turmbau daneben. Heute arbeiten Tausende Beschäftigte aus der ganzen Europäischen Union auf dem Gelände — eine kleine europäische Stadt hinter dem Zaun, mit eigenem Besucherzentrum und einem Sicherheitsbedürfnis, das dem Viertel an manchen Tagen Absperrgitter und Hubschrauber beschert, wenn der Rat der Notenbank tagt und die Weltpresse anreist.
Kaum ein Gebäude hat ein Frankfurter Viertel in so kurzer Zeit so grundlegend umgekrempelt wie dieser Turm.
Das Jahrzehnt danach hat das Ostend doppelt verändert

Und dann kam, was Stadtforscher den „EZB-Effekt" nennen. Rund um den Neubau mit seinen Tausenden gut bezahlten Beschäftigten zog das Viertel Investoren an wie zuvor Jahrzehnte lang niemanden: Am Mainufer wuchsen Wohntürme und sanierte Speicher, auf den Brachen des alten Osthafen-Umfelds entstanden Büros, Hotels, Apartments. Die Angebotsmieten im Ostend gehörten fortan regelmäßig zu den am stärksten steigenden der Stadt; alteingesessene Läden wichen Cafés mit Hafermilch-Karte, aus Eckkneipen wurden Weinbars. Wer das Viertel von früher kennt, kann diese Geschichte als Verlust erzählen, und viele tun es: Das Ostend war ein Arbeiterviertel, günstig, gemischt, unglamourös — genau das machte es verwundbar.
Wie schnell das ging, lässt sich an Adressen ablesen. Die Hanauer Landstraße, lange Frankfurts raue Meile der Autohäuser und Clubs, bekam Showrooms, Agenturen und Wohnprojekte; am Osthafen wurde aus einem alten Hafenbau ein Ausflugslokal mit Skyline-Terrasse, über die Honsellbrücke laufen heute Jogger statt Lastwagen. Und rund um den Ostbahnhof frisst sich die Entwicklung weiter nach Osten. Wer den Wandel im Zeitraffer sehen will, vergleiche zwei Fotos vom Mainufer, eines von 2010 und eines von heute: Es ist derselbe Fluss, aber nicht dieselbe Stadt.
Die Gegenrechnung ist allerdings ebenfalls real. Das Jahrzehnt brachte dem Viertel öffentliche Räume, von denen andere Stadtteile träumen: den Hafenpark mit seinen Sport- und Skateflächen, die neu gestaltete Uferpromenade, auf der abends halb Frankfurt Richtung Osthafen flaniert, dazu Schulen, Kitas und eine U-Bahn-Anbindung, die dichter getaktet ist als je zuvor. Das Ostend ist heute jünger, belebter und sicherer als vor dem Umbruch — und unbezahlbarer. Beides stimmt gleichzeitig, und genau diese Gleichzeitigkeit macht das Viertel zum Lehrstück über Aufwertung: Es gibt sie nicht als reines Geschenk und nicht als reinen Raub. Die Stadtpolitik hat auf die Dynamik mit den üblichen Instrumenten reagiert — gefördertem Wohnungsbau, Satzungen, Mietspiegel-Debatten —, spät und teils halbherzig; dämpfen lässt sich eine solche Entwicklung damit, umkehren nicht. Wie man das heutige Ostend am besten erkundet, zeigt unser Ostend-Guide.
Was bleibt, ist ein Turm mit doppelter Lehre
Zehn Jahre nach dem Einzug lässt sich festhalten: Die EZB hat dem Ostend nicht einfach ein Hochhaus hingestellt, sie hat die Koordinaten des Viertels verschoben — ökonomisch, städtebaulich, symbolisch. Und doch wäre es zu einfach, die Geschichte als Übernahme zu erzählen. Das Viertel hat den Turm auch domestiziert: Die Ostendler picknicken im Hafenpark unter der Skyline-Kulisse, als hätte es nie etwas anderes gegeben, die Halle heißt im Volksmund weiter Gemieskerch, und bei Bürgerfesten dient der Doppelturm längst als selbstverständlicher Hintergrund für Familienfotos. Sogar der Betonskatepark im Hafenpark, anfangs beargwöhnt, hat sich zu einem Anziehungspunkt weit über die Stadt hinaus entwickelt. Städte verdauen eben auch ihre Umwälzungen — es dauert nur meist eine Generation, bis man weiß, wie gut.

Wer die Bilanz dieses Jahrzehnts an einem einzigen Ort ziehen will, gehe an einem stillen Abend an den Ostrand des Geländes, zur Erinnerungsstätte. Dort liegen die alten Gleise im Gras, hinter ihnen glüht der Glasturm im letzten Licht, und für einen Moment hält dieser eine Blick alles zusammen: die Halle der Moderne, das Verbrechen, das von hier ausging, das Geld, das heute hier regiert, und das Viertel, das mit alldem leben lernt. Kaum ein Ort in Frankfurt erzählt auf hundert Metern so viel deutsche Geschichte. Man sollte ihn nicht nur den Bankern und den Touristen überlassen.
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