Stadtteile · Kolumne
Warum ich das Gallus nicht mehr verlassen will
Auftakt unserer Reihe „Viertelliebe": eine Liebeserklärung ans Gallus, gegen alle Klischees vom Problemviertel. Über Abendrunden auf der Frankenallee, einen Bäcker mit Gedächtnis und den Blick aus dem Altbaufenster auf die Glastürme des Europaviertels.
Es gibt einen Moment, in dem man weiß, dass man angekommen ist, und bei mir war es ein Milchkaffee, den ich nicht bestellt hatte. Der Bäcker an der Frankenallee stellte ihn auf den Tresen, bevor ich die Tür ganz aufgedrückt hatte, dazu ein Nicken, das ungefähr bedeutete: Ich habe dich gestern nicht gesehen, alles in Ordnung? Ich wohne seit neun Jahren im Gallus, und ich habe in dieser Zeit viele Gründe gesammelt wegzuziehen — die Bahnschneise, den Lärm der Mainzer Landstraße, die Umzugskartons von Freunden, die es „schöner" haben wollten. Geblieben bin ich wegen des Milchkaffees. Das klingt zu klein für eine Lebensentscheidung. Es ist aber, ich bestehe darauf, die größte Währung, die eine Stadt zu vergeben hat.
Sagen Sie in einer Frankfurter Runde, dass Sie im Gallus wohnen, und beobachten Sie die Gesichter. Es gibt das mitleidige Heben der Brauen, gern von Menschen, die das Viertel von der Durchfahrt zur Messe kennen. Es gibt das anerkennende Nicken der Immobilienkundigen, die „Potenzial" sagen und Quadratmeterpreise meinen. Und es gibt, immer öfter, die Gegenfrage: Wie ist es denn wirklich? Diese Kolumne, der Auftakt unserer Reihe „Viertelliebe", ist ein Versuch, darauf ehrlich zu antworten — als Liebeserklärung mit offenen Augen.
Die Frankenallee ist mein Argument gegen jedes Klischee
Wirklich ist zum Beispiel das: ein Abend im Mai auf der Frankenallee, jenem grünen Band, das sich einen Kilometer weit durchs Viertel zieht, als hätte jemand einem Arbeiterquartier einen Boulevard geschenkt. Genau das ist übrigens passiert — die Allee war von Anfang an als Promenade fürs einfache Volk geplant, und sie erfüllt diesen Auftrag bis heute mit einer Selbstverständlichkeit, die rührend wäre, wenn sie nicht so robust wäre. Auf den Bänken sitzen die eritreische Großfamilie, die zwei alten Herren mit dem Schachbrett, die Referendarin mit Korrekturstapel, dazwischen Kinder auf allem, was Räder hat. Niemand hat diese Mischung kuratiert. Sie ist einfach da, jeden Abend, und sie verhandelt ihre Konflikte — Ball gegen Bank, Bass gegen Feierabend — mit einer Beiläufigkeit, von der jede Stadtteilkonferenz träumen kann.
Meine Abendrunde geht die Allee hinunter bis zur Galluswarte, an der die S-Bahn über die Bögen rumpelt und der Turm aus dem 15. Jahrhundert so unbeeindruckt dasteht, als wolle er sagen: Ich habe hier schon Feldmark gesehen, mich überrascht ihr nicht. Auf dem Rückweg dann der Blick, für den ich Besucher inzwischen extra um die Ecke führe: vorne die Altbauzeile mit ihren abgetretenen Sandsteinstufen, dahinter, wie hineinmontiert, die Glastürme des Europaviertels. Aus meinem Küchenfenster sehe ich beides gleichzeitig — vorne trocknet Wäsche auf dem Balkon, hinten spiegelt sich der Sonnenuntergang in zweihundert Bürofenstern. Ich kenne keine Frankfurter Aussicht, die ehrlicher wäre.

Vielfalt ist hier keine Broschüre, sondern ein Zustand
Das Gallus war immer das Viertel der Ankommenden. Erst kamen die Arbeiter der großen Werke, für die zwischen den Fabriken Wohnblocks und später die hellen Zeilen der Hellerhofsiedlung gebaut wurden, dieses Stück „Neues Frankfurt", an dem sich bis heute Architekturstudenten die Nase platt drücken. Dann kamen, Jahrzehnt um Jahrzehnt, die Gastarbeiterfamilien, die Geflüchteten, die Berufseinsteiger, zuletzt die Europaviertel-Pioniere mit Rollkoffer und Hund. Über hundert Nationalitäten leben hier auf engem Raum, und ich will das nicht romantisieren: Das ist nicht immer Folklore, das ist manchmal auch Reibung, Enge, Müllstreit im Hinterhof. Aber es erzieht zu einer Grundhaltung, die ich nirgendwo sonst so verlässlich erlebt habe — niemand hier hält seine eigene Lebensform für die Voreinstellung. Man lässt einander gelten, weil gar nichts anderes übrig bleibt. Anderswo heißt das Toleranz und braucht ein Leitbild. Im Gallus heißt es: Dienstag.
Natürlich hat auch mein Viertel seine Postkartenmomente längst im Angebot. Wer sie sucht, findet sie in unserem Gallus-Guide ordentlich sortiert — vom Kiosk bis zur neuen Kaffeerösterei. Mir sind die unsortierten Momente lieber: der Gemüsehändler, der mir eine Kiste überreifer Tomaten mitgibt, „für Soße, nicht für Salat!"; die Nachbarin aus dem dritten Stock, die meine Pakete stapelt wie eine private Poststelle; der Friseur, bei dem die Wartezeit länger ist als der Haarschnitt, weil geredet wird. Es sind die kurzen Wege, die dieses Viertel zusammenhalten — nicht die zur U-Bahn, sondern die zwischen den Menschen.
Heimat ist da, wo einen die Straße kennt — auch und gerade im Gallus.
Zur Wahrheit dieses Viertels gehört auch sein Gedächtnis, und es ist kein bequemes. Ein paar Straßen von meiner Wohnung stehen die Adlerwerke, einst eine der großen Fabriken der Stadt, Fahrräder, Schreibmaschinen, Automobile — und in den letzten Kriegsmonaten Standort eines Konzentrationslagers, dessen Häftlinge unter mörderischen Bedingungen schuften mussten. Heute erinnert dort ein Geschichtsort daran, getragen von Menschen aus dem Viertel, die jahrzehntelang dafür gestritten haben, dass diese Geschichte nicht im Gewerbegebiet verschwindet. Ich gehe nicht oft hin, aber ich gehe hin, und jedes Mal denke ich: Auch das ist Viertelliebe — nicht das Wegschauen von den dunklen Kapiteln, sondern das Wissen, dass eine Nachbarschaft sich auch darüber definiert, woran sie sich gemeinsam erinnert.
Ja, die Sorge vor Verdrängung ist berechtigt
Und jetzt der Teil, den eine ehrliche Liebeserklärung nicht auslassen darf. Das Gallus verändert sich, schnell, und nicht alle dürfen mit. Die Bestandsmieten und die Angebotsmieten leben längst in verschiedenen Welten; wenn im Haus eine Wohnung frei wird, zieht dort niemand mehr ein, der so ähnlich lebt wie die, die gehen. Der Kiosk an meiner Ecke hat aufgegeben, die Änderungsschneiderei kämpft, und das Europaviertel schiebt seine Preislogik Block um Block nach Westen. Ich profitiere selbst davon, das gehört zur Ehrlichkeit dazu: Leute wie ich, mit sicherem Einkommen und Schwäche für Altbau, sind keine Zuschauer der Verdrängung, wir sind ihr Vehikel. Man kann im Gallus nicht wohnen und so tun, als wäre man unschuldig am Wandel. Man kann nur entscheiden, wie man sich verhält — wo man einkauft, wen man grüßt, ob man beim Sommerfest des Vereinsrings Kuchen bringt oder nur Fotos macht.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich nicht mehr wegwill: Das Gallus zwingt einen, Stellung zu beziehen. In den fertigen Vierteln kann man wohnen wie im Hotel, freundlich und folgenlos. Hier ist jede Alltagsentscheidung eine kleine Abstimmung darüber, was aus dem Viertel wird. Das ist anstrengender. Es ist auch erwachsener.
Heimat ist eine Frage der Wiedererkennung
Ein Kollege hat in dieser Zeitung einmal aufgeschrieben, dass ein einziges Wort genügt, um Frankfurt zu verstehen — „Gude", dieses Universalwerkzeug aus Gruß, Zustandsbericht und Friedensangebot. Im Gallus höre ich es in mindestens fünf Akzenten am Tag, und jedes Mal denke ich: Genau so klingt Zugehörigkeit, wenn man sie nicht beantragen muss. Heimat, das habe ich hier gelernt, ist keine Herkunftsfrage und kein Grundbucheintrag. Heimat ist da, wo einen die Straße kennt. Wo der Bäcker den Kaffee hinstellt, bevor man bestellt. Wo das eigene Fenster Teil einer Silhouette ist, die abends jemand vermissen würde.
Neulich stand ich mit einer Freundin auf der Brücke am Güterplatz, es war einer dieser Abende, an denen die Sonne genau zwischen Altbauzeile und Glastürmen untergeht und beide Seiten des Viertels für ein paar Minuten in dasselbe Licht taucht. Sie sagte: „Schön habt ihr es hier, ehrlich." Ich habe genickt und den Satz seither nicht mehr aus dem Kopf bekommen — nicht wegen des Kompliments, sondern wegen des „ihr". Neun Jahre, ein paar Tausend Milchkaffee und eine Abendrunde über die Frankenallee haben aus einem Mietvertrag ein Wir gemacht.

Man soll Wohnorte nicht heiraten, sagen die Vernünftigen, der Markt sei volatil und das Leben lang. Mag sein. Aber wenn Sie mich suchen: Ich bin die Person am dritten Stehtisch von links, mit Blick auf die Allee, und ich habe nicht vor, die Aussicht zu wechseln.
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