Stadtleben · Reportage
Der Riederwald: das stille Herz der Eintracht
Abseits des großen Stadions liegt im Frankfurter Osten der Ort, an dem die Eintracht groß geworden ist: der Riederwald. Eine Reportage über Nachwuchs, Tradition und den Alltag eines großen Klubs.
Wenn Frankfurt an die Eintracht denkt, denkt es an den Stadtwald: an den Deutsche Bank Park, die Europaabende, die volle Kurve. Doch die älteste Heimat des Vereins liegt im Osten der Stadt, im Stadtteil Riederwald – nach ihm haben die Frankfurter ihr traditionsreiches Gelände am Erlenbruch benannt. Hier, abseits der großen Bühne, schlägt seit mehr als hundert Jahren ein leiseres Herz des Klubs.
Wer aus der Innenstadt kommt, taucht ein in ein Viertel mit niedriger Bebauung, viel Grün und einer Ruhe, die man dem Frankfurter Osten nicht sofort zutraut. Mittendrin liegen die Trainingsplätze, die Kabinen und das Stadion am Riederwald – die alte Spielstätte, in der heute die U21 der Eintracht ihre Heimspiele austrägt. Nebenan steht die Wolfgang-Steubing-Halle. Es ist ein Ensemble, das von Beständigkeit erzählt, nicht von Rekorden.
Am Vormittag, wenn auf den Plätzen die Nachwuchsmannschaften und die Amateure trainieren, hat der Riederwald etwas Entspanntes. Der Tau liegt noch auf dem Rasen, die Netze hängen feucht in den Toren, die ersten Spieler traben über den Platz. Von der nahen Straße dringt kaum Lärm herüber. Es ist ein Bild, das mit dem Getöse eines Spieltags nichts gemein hat – und gerade darin liegt sein Reiz. Hier zeigt sich der Fußball als das, was er unter der Woche vor allem ist: geduldige, unspektakuläre Arbeit.

Wo die Zukunft trainiert
Der Riederwald ist heute vor allem eines: das Nachwuchsleistungszentrum der Eintracht. Die Profis sind längst weitergezogen – ihr Training verlegte der Verein im Jahr 2000 in den Stadtwald, wo die Mannschaft heute im ProfiCamp am Deutsche Bank Park arbeitet. Geblieben ist im Osten die Schule des Nachwuchses. Hier durchlaufen die Jahrgänge vom Kindesalter bis zur U19 ihre Ausbildung, ehe der Sprung in den Profifußball für die wenigsten überhaupt zur Frage wird. Auf den Plätzen am Erlenbruch üben die jungen Spieler, von denen einige eines Tages im großen Stadion stehen wollen und von denen die meisten es nie schaffen werden. Für sie ist der Riederwald der Ort der ersten Hoffnungen, der frühen Enttäuschungen und der Ausdauer, die der lange Weg nach oben verlangt.
Diese Arbeit im Verborgenen ist das Fundament jedes Auftritts auf der großen Bühne. Kein Europaabend ohne die Jahre der Ausbildung, kein Jubel in der Kurve ohne die stillen Vormittage im Osten. Das Zentrum am Riederwald gilt als anerkanntes Leistungszentrum; aus seinen Jahrgängen sind über die Jahre immer wieder Spieler in den Profikader aufgerückt. Wer den Riederwald besucht, versteht besser, wie viel Alltag hinter den seltenen Höhepunkten steckt.
Das Stadion ist die Bühne. Der Riederwald ist die Werkstatt des Nachwuchses – und das Gedächtnis des Klubs.
Ein Viertel und sein Verein
Gegründet 1899, hat die Eintracht die längste Zeit ihrer Geschichte im Riederwald verbracht, ehe das große Stadion im Stadtwald zu ihrer Adresse wurde. Auch die Mannschaft, die 1959 Deutscher Meister wurde, war hier im Osten zu Hause, ehe sie im Europapokal für Furore sorgte. Bis heute liegt am Erlenbruch ein gutes Stück Vereinsgedächtnis: die Wege, die schon Generationen von Spielern gegangen sind, die Plätze, auf denen der Klub Tag für Tag arbeitet. Der Frankfurter Osten hat sich zuletzt stark gewandelt, wie unser Ostend-Guide zeigt – die Eintracht aber ist ein Fixpunkt geblieben.
Und der Riederwald ist mehr als Fußball. Die Eintracht ist bis heute ein großer Turn- und Sportverein mit vielen Abteilungen; wer an einem Werktag über das Gelände geht, hört das Quietschen von Hallenschuhen ebenso wie die Rufe vom Rasen. Für die Anwohner ist diese Nähe zum Klub Alltag. Man kennt die Wege, man weiß, wann trainiert wird, man begegnet der Eintracht nicht als fernem Konzern, sondern als Nachbarin. Diese Bodenständigkeit ist ein Gegengewicht zu den großen Emotionen des Stadions, wie sie sich Woche für Woche in der Nordwestkurve entladen.
Am Ende eines Trainingsvormittags, wenn die jungen Spieler in den Kabinen verschwinden und die Plätze wieder leer daliegen, kehrt im Riederwald die Ruhe zurück. Die Netze trocknen in der Sonne, ein Platzwart zieht seine Runden, das Viertel geht seinem Tag nach. Es ist ein Ort ohne Spektakel – und vielleicht gerade deshalb der ehrlichste, den der Frankfurter Fußball zu bieten hat.
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