Stadtteile · Reportage

Osthafenbrücke und Hafenpark: Das Ostend am Wasser

Ein weißer Bogen über dem Main, darunter Skater, Jogger und Familien, im Rücken die EZB: Am Osthafen hat sich Frankfurt neu erfunden. Eine Reportage über Brücke, Park und ein Viertel im Wandel.

Von Georg Böhm 4 Min. Lesezeit
Weiße Stahlbogenbrücke über einen breiten Fluss mit Hochhaus im Hintergrund
01Osthafenbrücke, 18:25 Uhr— Der weiße Bogen der Osthafenbrücke spannt sich über den Main, im Rücken die EZB.Foto: Zeit Frankfurt

An einem milden Sommerabend ist der Hafenpark im Ostend einer der lebendigsten Orte Frankfurts. Auf den geschwungenen Betonrampen des Skateparks üben Jugendliche ihre Tricks, das Klacken der Rollen mischt sich mit Gelächter und dem harten Schlag der Boards auf den Beton. Jogger drehen ihre Runden am Ufer, Familien breiten Decken auf dem Rasen aus, Rennräder rollen über die Brücke. Über allem spannt sich der weiße Bogen der Osthafenbrücke, und im Rücken der Szene ragt der gläserne Doppelturm der Europäischen Zentralbank in den Abendhimmel.

Es ist ein Bild, das vor gut zwanzig Jahren undenkbar gewesen wäre. Denn hier, am Osthafen, war lange Zeit kein Ort zum Verweilen, sondern zum Arbeiten: ein Industrie- und Umschlaggebiet mit Kränen, Lagerhallen und Gütergleisen. Der Main war nicht Kulisse, sondern Verkehrsweg.

Dass aus diesem rauen Ufer ein Naherholungsgebiet wurde, ist eine der bemerkenswertesten Verwandlungen der jüngeren Stadtgeschichte. Sie erzählt davon, wie Frankfurt lernte, sein Wasser nicht nur zu nutzen, sondern auch zu genießen.

Betonierter Skatepark mit geschwungenen Rampen an einem Flussufer im Abendlicht
02Hafenpark, 16:50 Uhr— Rund 3.500 Quadratmeter Beton: Der Skatepark „Concrete Jungle“ zieht Skater aus der ganzen Region an.Foto: Zeit Frankfurt

Ein Bogen mit System

Die Osthafenbrücke, am 10. Dezember 2013 für den Verkehr freigegeben, ist mehr als eine praktische Verbindung. Fachleute führen sie als stählerne Stabbogenbrücke mit einfach gekreuzten Hängern — eine sogenannte Nielsen-Brücke. Ihr einziger, elegant geschwungener Stahlbogen von rund 175 Metern Spannweite trägt die Fahrbahn, die an geneigten, sich jeweils einmal kreuzenden Zugstangen hängt. Das Prinzip ist nach dem Ingenieur Octavius F. Nielsen benannt, der es 1926 zum Patent anmeldete: Geneigte Hänger leiten die Kräfte günstiger ab als senkrechte und erlauben große Spannweiten bei vergleichsweise schlankem Bogen. Rund 2.200 Tonnen Stahl wurden im Sommer 2012 auf Pontons eingeschwommen und an Ort und Stelle gehoben.

Die Brücke schließt eine Lücke im Frankfurter Verkehrsnetz: Sie verbindet das nördliche Mainufer am Osthafen mit der Sachsenhäuser Gerbermühlstraße und bindet dort an die Bundesstraße 43 und die A 661 an. Drei Fahrspuren und zwei kombinierte Geh- und Radwege teilen sich den knapp dreißig Meter breiten Weg über den Fluss, ausgelegt auf rund 17.000 Fahrzeuge am Tag. Doch anders als reine Zweckbrücken hat der Entwurf des Frankfurter Architekten Ferdinand Heide gestalterischen Anspruch: Der helle Bogen ist von Weitem sichtbar und ergänzt das Ensemble der Frankfurter Mainbrücken, zu dem auch der berühmte Eiserne Steg in der Innenstadt gehört.

Wo einst Kräne standen, rollen heute Skateboards – das Ostend hat sich neu erfunden.

Wo die Kräne standen

Der Osthafen, Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt, war über Jahrzehnte Frankfurts Tor zum Güterverkehr auf dem Wasser: Kohle, Baustoffe und Getreide wurden hier umgeschlagen, Gleise zogen sich bis an die Kaikanten. Ein Teil des Hafens arbeitet bis heute — doch der Streifen zum Main hin, zwischen den alten Hafenbecken und dem Fluss, ist längst ein anderer geworden.

Auf dem früheren Industrieland entstand der Hafenpark, rund vier Hektar groß, angelegt im Zuge des Quartiersumbaus. Sein Herzstück ist der Skatepark „Concrete Jungle“: rund 3.500 Quadratmeter Beton mit Pools, Rampen und einem weitläufigen Street-Bereich, Ende 2012 freigegeben und heute einer der größten seiner Art in Deutschland. Er zieht Skater und BMX-Fahrer aus der ganzen Rhein-Main-Region an. Bemerkenswert ist, wie er entstand: Die Anlage war ein langgehegter Wunsch der Frankfurter Skateszene, die an der Planung aktiv beteiligt war. Selten prägt eine Subkultur ein städtisches Großprojekt so unmittelbar mit.

Dazwischen liegen Wiesen, Uferwege und Spielflächen, auf denen sich an warmen Abenden halb Frankfurt zu treffen scheint. Der Park ist kein stiller Rückzugsort, sondern eine laute, bewegte Bühne — passend zu einem Viertel, das sich neu sortiert. Wer das Ostend an einem gewöhnlichen Werktag erkundet, erlebt diesen Kontrast aus altem Hafen und neuem Leben auf Schritt und Tritt; unser Ostend-Guide führt durch das Quartier.

Die EZB als Nachbar

Seine größte Verwandlung verdankt das Ostend nicht zuletzt einem prominenten Zuzug: Die Europäische Zentralbank errichtete auf dem Gelände der früheren Großmarkthalle ihren Neubau — zwei ineinander verschränkte Glastürme, in deren Komplex die denkmalgeschützte Halle von 1928 einbezogen wurde. Seit Ende 2014 arbeitet die Bank hier. Mit ihr kamen Aufmerksamkeit, Investitionen und ein neues Selbstbewusstsein ins Viertel.

Wie sehr dieser Zuzug den Stadtteil verändert hat — die Mieten, das Straßenbild, das Lebensgefühl —, ist bis heute Thema. Wer die ganze Geschichte kennenlernen will, findet sie in unserer Rückschau auf zehn Jahre EZB im Ostend. Der Hafenpark liegt gewissermaßen im Schatten der Bank — und profitiert doch von der Aufwertung, die sie mit sich brachte.

Stadt am Fluss

Was am Osthafen entstanden ist, folgt einem Muster, das viele Städte am Wasser durchlaufen: die Rückeroberung des Ufers für die Menschen. Wo früher Produktion und Transport regierten, entstehen heute Parks, Promenaden und Wohnungen. Der Fluss wird vom Arbeitsweg zum Wohnzimmer der Stadt.

An einem Sommerabend im Hafenpark spürt man, dass diese Rechnung aufgeht. Zwischen Skatern, Joggern und Picknickdecken, unter dem weißen Bogen der Brücke, im Angesicht der EZB, ist das Ostend zu einem Ort geworden, an dem sich Frankfurt in all seinen Facetten trifft: alte Industrie, neues Kapital, junges Leben. Kein schlechter Ort, um der Stadt beim Wandel zuzusehen.

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