Damals · Porträt
Margarete Schütte-Lihotzky und die Frankfurter Küche von 1926
1926 entwarf eine junge Wienerin im Frankfurter Hochbauamt die erste Einbauküche der Welt — auf knapp sechseinhalb Quadratmetern. Das Porträt von Margarete Schütte-Lihotzky, die den Alltag rationalisierte, dem NS-Regime widerstand und 102 Jahre alt wurde.
Man muss sich in diese Küche hineinstellen, um sie zu verstehen. Knapp sechseinhalb Quadratmeter, seegrüne Fronten, ein Fenster über der Arbeitsfläche, achtzehn beschriftete Aluminium-Schütten in Griffweite — und plötzlich begreift man, warum Besucher im Ernst-May-Haus in der Römerstadt oft länger in diesem schmalen Raum stehen als in der ganzen restlichen Wohnung. Die Frankfurter Küche, entworfen 1926, ist das wohl folgenreichste Möbel des 20. Jahrhunderts: der Prototyp jeder Einbauküche, die seither irgendwo auf der Welt montiert wurde. Hundert Jahre später lohnt sich der Blick auf die Frau, die sie erdacht hat — denn ihr Leben ist größer als ihr berühmtester Entwurf.
Margarete Lihotzky, geboren 1897 in Wien, war die erste Frau, die an der dortigen Kunstgewerbeschule Architektur studierte — zu einer Zeit, in der das Fach für Frauen schlicht nicht vorgesehen war. Geprägt von Lehrern wie Oskar Strnad und vom Umfeld der Wiener Siedlerbewegung, interessierte sie sich früh nicht für Villen, sondern für die Frage, wie Menschen mit wenig Geld gut wohnen können. Sie entwarf Typenmöbel für Barackensiedlungen, Kleingartenhäuser, Wohnungen fürs Existenzminimum. Es war genau dieses Profil, das einem Mann in Frankfurt auffiel, der gerade das größte Wohnungsbauprogramm der deutschen Moderne startete.
Ernst May holte sie 1926 ins Frankfurter Hochbauamt
Ernst May, seit 1925 Frankfurter Siedlungsdezernent mit weitreichenden Vollmachten, wollte in nur wenigen Jahren gegen die grassierende Wohnungsnot anbauen: Rund 12.000 Wohnungen entstanden bis 1930 unter dem Programmtitel „Neues Frankfurt", ganze Siedlungen wie Praunheim, Westhausen oder die Römerstadt über dem Niddatal. Damit das bezahlbar blieb, wurde standardisiert, vorgefertigt, typisiert — und für diese Typisierung holte May 1926 die junge Wienerin in sein Hochbauamt. Ihre Aufgabe klang unscheinbar und war in Wahrheit radikal: eine Küche zu entwerfen, die in jede Kleinwohnung passt und die tägliche Hausarbeit auf ein Minimum verkürzt.
Schütte-Lihotzky ging die Sache nicht als Gestalterin an, sondern wie eine Ingenieurin. Sie vermaß Arbeitsabläufe mit der Stoppuhr, zeichnete Wegediagramme durch herkömmliche Küchen, studierte die Rationalisierungslehren ihrer Zeit — und die Kompaktküchen der Mitropa-Speisewagen, in denen auf engstem Raum komplette Menüs entstanden. Das Ergebnis, gerade 1,87 auf 3,44 Meter groß, war bis in den letzten Handgriff durchdacht: kein Laufweg zu viel, kein Schrank, der nicht einem Zweck diente. Die Küche wurde als fertiges Bauteil in die Wohnungen der May-Siedlungen eingebaut und über die Miete finanziert — rund 10.000 Stück, die erste in Serie gefertigte Einbauküche der Welt.

Sechseinhalb Quadratmeter, bis ins Detail durchdacht
Die Details erzählen den ganzen Anspruch. Die achtzehn Aluminium-Schütten mit Prägeschrift ließen sich mit einer Hand entnehmen und direkt über Topf oder Schüssel ausschütten — Vorratshaltung ohne Tütenchaos. Die Arbeitsfläche saß am Fenster, damit das Tageslicht auf die Hände fiel; ein höhenverstellbarer Drehhocker erlaubte das Arbeiten im Sitzen. Selbst die Farbe war Kalkül: Das kühle Seegrün galt als Ton, den Fliegen meiden, die Mehlschütte bestand aus Eichenholz, dessen Gerbsäure Schädlinge fernhalten sollte. Und über allem stand ein sozialpolitischer Gedanke: Die eingesparte Zeit sollte Frauen gehören — für Erwerbsarbeit, für Bildung, für die eigenen Kinder statt für den Herd.
Gerade daran entzündete sich später auch die Kritik. Die perfekt rationalisierte Arbeitsküche, hieß es ab den Siebzigern in feministischen Debatten, habe die Hausfrau eben auch allein in eine Zelle gestellt, abgetrennt vom Familienleben — die Wohnküche, die sie ablöste, sei der geselligere Ort gewesen. Schütte-Lihotzky selbst trug solche Einwände mit trockener Gelassenheit; sie erzählte gern, dass sie selbst nie gekocht habe und die Küche nicht als Heiligtum, sondern als Werkzeug verstand. Entworfen hatte sie sie nicht für ein Frauenbild, sondern gegen die Verschwendung von Lebenszeit.
Begleitet wurde die Küche wie ein Industrieprodukt — mit allem, was dazugehört. Es gab Schulungsfilme, die den richtigen Bewegungsablauf demonstrierten, Vorführküchen auf Ausstellungen, erläuternde Beiträge in der programmeigenen Zeitschrift „Das Neue Frankfurt". Die Stadt vermarktete ihre Wohnungspolitik so professionell wie später ihre Messen, und die Küche war das Aushängeschild, für das internationale Delegationen eigens an den Main reisten. Dass eine Kommune mit einem Küchenentwurf Weltgeltung erlangte, hat sich seither nicht wiederholt.
Die Küche war dabei nur ihr prominentestes Projekt. Im Hochbauamt entwarf Schütte-Lihotzky auch Typengrundrisse, Kindergärten und Einrichtungen für berufstätige Frauen — stets mit derselben Frage im Hintergrund: Wie lässt sich Alltagsarbeit so organisieren, dass sie nicht das ganze Leben frisst? Im Team um Ernst May, das Architekten, Grafiker und Soziologen versammelte, galt sie als die Nüchternste unter lauter Enthusiasten; ihre Entwürfe kamen ohne Manifest aus, weil sie funktionierten.
Die einflussreichste Erfindung der Frankfurter Moderne kam nicht aus einem Bankenturm, sondern aus dem Hochbauamt — und sie misst knapp sechseinhalb Quadratmeter.
Ihr Leben war größer als ihr berühmtester Entwurf
1930 verließ sie Frankfurt, als Ernst May mit einer ganzen „Brigade" von Architekten in die Sowjetunion zog, um dort neue Industriestädte zu planen. Es folgten Jahre in Moskau, später in Istanbul — und 1940 die folgenschwerste Entscheidung ihres Lebens: Gemeinsam mit ihrem Mann Wilhelm Schütte hatte sie sich dem kommunistischen Widerstand gegen das NS-Regime angeschlossen und reiste als Kurierin nach Wien. Dort wurde sie im Januar 1941 von der Gestapo verhaftet. Sie entging knapp der Hinrichtung, wurde zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt und überlebte vier Jahre Haft im bayerischen Aichach, bis amerikanische Truppen sie 1945 befreiten.
Der Nachkriegszeit galt sie dann lange als unbequem: Im Wien des Kalten Krieges bekam die bekennende Kommunistin kaum öffentliche Aufträge, ihre Rolle in der Architekturgeschichte wurde erst ab den Achtzigern wiederentdeckt — samt später Ehrungen, Ausstellungen und der Einsicht, dass ihre Küche längst in den Sammlungen großer Designmuseen stand, vom Museum für angewandte Kunst in Wien bis zum Museum of Modern Art in New York. Als Margarete Schütte-Lihotzky im Januar 2000 starb, wenige Tage vor ihrem 103. Geburtstag, waren ausgebaute Frankfurter Küchen bereits gesuchte Sammlerstücke. Die Wohnungen, für die sie entworfen wurden, kosten heute ein Vielfaches der Mieten, gegen deren Not sie einst gebaut wurden — auch das gehört zur langen Frankfurter Wohnungsgeschichte.

In der Römerstadt kann man das Original betreten
Wer die Küche sehen will, fährt am besten mit der U1 an den Stadtrand, bis zur Station Römerstadt. Die Siedlung über der Nidda ist das Schaufenster des Neuen Frankfurt geblieben: weiße Zeilen, Flachdächer, Fensterbänder, Gärten mit Blick ins Grüne — Wohnungsbau, der nach hundert Jahren moderner wirkt als vieles, was seither entstand. Im Ernst-May-Haus, Im Burgfeld 136, betreibt die Ernst-May-Gesellschaft ein Musterhaus mit einer originalgetreu eingerichteten Frankfurter Küche, in der man die Schütten ziehen und den Klappsitz ausprobieren darf. Es ist eines jener kleinen Frankfurter Museen, die mehr über die Stadt erklären als manches große Haus.
Zum Jubiläum 2026 rückt die Küche noch einmal ins Rampenlicht: Führungen, Vorträge und Ausstellungen widmen sich in diesem Jahr dem Neuen Frankfurt und seiner bekanntesten Erfindung — Anlass genug, den Besuch in der Römerstadt nicht länger aufzuschieben. Und wer mag, verlängert den Spaziergang durch die Siedlung bis an die Nidda: Die Terrassen und Bastionen, mit denen May die Zeilen zum Fluss hin abtreppte, gehören zu den unterschätzten Landschaftsräumen der Stadt.

Hundert Jahre nach 1926 ist die Pointe dieser Geschichte unverändert frisch: Frankfurts einflussreichster Beitrag zur Weltkultur ist kein Turm, keine Bank und kein Börsenkürzel, sondern ein sechseinhalb Quadratmeter großer Raum aus einer Sozialsiedlung — entworfen von einer Frau, die überzeugt war, dass gutes Design dem Alltag der Vielen dienen muss, nicht dem Geschmack der Wenigen. Man kann das Jubiläum feiern, indem man Ausstellungen besucht. Oder indem man in der Römerstadt einmal selbst die Mehlschütte zieht und nachrechnet, wie viel Lebenszeit dieser Handgriff seit 1926 gespart hat. Margarete Schütte-Lihotzky hätte vermutlich darauf bestanden, dass man dabei die Zeit stoppt.
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