Stadtleben · Porträt
Frühschicht auf der Linie 11: Unterwegs mit einer Fahrerin
Lange vor Sonnenaufgang übernimmt sie ihre Bahn und fährt die Linie 11 quer durch die Stadt — von Höchst über die Münchener Straße bis nach Fechenheim. Das anonymisierte Porträt einer Straßenbahnfahrerin über Stammgäste der ersten Fahrt, E-Scooter im toten Winkel und den Blick, den nur der Führerstand hat. Teil der Serie „Frankfurter Schichten".
Wenn ihre Bahn in Höchst anrollt, ist die Nacht noch nicht fertig mit der Stadt. Die Ampeln blinken gelb, vor den Bäckereien stapeln sich die angelieferten Kisten, und auf der Bolongarostraße gehört das Kopfsteinpflaster für ein paar Minuten allein dem Quietschen der Räder. Die Frau im Führerstand — Mitte vierzig, seit über einem Jahrzehnt im Dienst der Frankfurter Verkehrsgesellschaft, ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen — nennt diese erste Runde „die Generalprobe": „Die Stadt spielt noch nicht richtig mit. Aber sie steht schon auf der Bühne." Ihre Bühne ist die Linie 11, eine der längsten Straßenbahnstrecken Frankfurts: von Höchst quer durch den Westen, am Hauptbahnhof vorbei, durch die Münchener Straße, an der Altstadt entlang und die Hanauer Landstraße hinaus bis in die Wendeschleife von Fechenheim. Wer diese Strecke fährt, fährt einen Querschnitt durch fast alles, was diese Stadt ist. Ein Tag in der Frühschicht, aufgeschrieben für unsere Serie „Frankfurter Schichten".
Ihr Arbeitstag beginnt, wenn der Betriebshof noch nach Nacht riecht: Anmeldung, Fahrzeugübernahme, der prüfende Gang um die Bahn. „Man übernimmt nicht einfach ein Fahrzeug, man übernimmt Verantwortung für vierzig Meter Stadt", sagt sie und klopft dabei mit dem Knöchel gegen die Tür, eine Geste zwischen Ritual und Aberglaube. Dann rollt sie ein, Punkt für Punkt nach Plan, und irgendwo in Höchst wartet schon der Erste.
Die erste Fahrt hat ihre eigene Stammkundschaft
Es sind immer dieselben, und sie steigen immer an denselben Türen ein. Der Mann mit der Kühltasche, der zur Frühschicht ins Gewerbegebiet fährt und grußlos nickt, was bei ihm eine Herzlichkeit ist. Die Pflegerin, die nach der Nachtschicht heimfährt und manchmal im Sitzen einschläft — „die wecke ich an ihrer Haltestelle, das gehört bei mir zum Service". Die Bäckereiverkäuferin, die an der dritten Station zusteigt und ihr einmal in der Woche eine Brezel durchs Fenster reicht, obwohl das streng genommen nicht vorgesehen ist. „Die erste Fahrt ist wie ein kleines Dorf", sagt die Fahrerin. „Alle kennen sich, keiner redet viel, und wehe, einer fehlt. Dann mache ich mir Gedanken."
Hinter Nied und Griesheim füllt sich die Bahn mit dem Frankfurt der frühen Stunden: Warnwesten, Rucksäcke, Kopfhörer. Es ist, sagt sie, das ehrlichste Publikum des Tages. „Um halb sechs fährt niemand zum Vergnügen. Da sitzen die Leute, die die Stadt am Laufen halten — und zwar bevor die Stadt überhaupt merkt, dass sie läuft." Der Satz könnte als Motto über der ganzen Serie stehen; er gilt genauso für die Kollegen vom Handwerk, die wir in einer Bornheimer Backstube besucht haben.

Im Bahnhofsviertel wird aus dem Fahren ein Beobachten
Gegen halb sechs erreicht die Bahn den Hauptbahnhof, dann biegt sie in die Münchener Straße — und die Fahrerin schaltet um, man sieht es an ihrer Haltung. „Das Viertel ist um diese Zeit am durchlässigsten", sagt sie. „Die Nacht ist noch nicht weg, der Tag noch nicht da." Durch die Frontscheibe schiebt sich das Bahnhofsviertel im ersten Licht: Lieferwagen in zweiter Reihe, ein Mann, der vor einem Späti den Gehweg fegt, zwei Gestalten, die aus einer langen Nacht kommen und an der Haltestelle sorgfältig Fassung üben. Sie kennt die Szenen, auch die schwereren; wer mehr über die Nachtseite dieser Straßen wissen will, findet sie in unserer Reportage über eine Nachtschicht mit der Suchthilfe. Vom Führerstand aus, sagt die Fahrerin, sehe man das Viertel anders als zu Fuß: „Ich fahre hier viermal am Tag durch. Ich sehe, wenn sich was verändert — ein Gesicht, das fehlt, ein Laden, der zu bleibt. Eine Straßenbahn ist ein sehr langsames Auge."
Es ist auch der Abschnitt der Beinahe-Momente. E-Scooter, die aus dem toten Winkel über die Gleise ziehen. Fußgänger mit Kopfhörern, die das Klingeln nicht hören. Autofahrer, die beim Abbiegen vergessen, dass vierzig Tonnen keinen Spurwechsel machen können. „Bremsen kann ich, ausweichen nicht — das ist der ganze Beruf in einem Satz", sagt sie. Zweimal in ihrer Laufbahn hat es trotz allem gekracht, beide Male glimpflich. „Man vergisst keinen davon. Aber man lernt, dass Wachsamkeit keine Anspannung sein muss. Sonst hält man das keine acht Stunden durch."
Ich fahre jeden Tag durch fünf Städte, und alle heißen Frankfurt.
Hinter der Altstadt wechselt die Stadt noch zweimal das Gesicht
Nach dem Bahnhofsviertel wird die Fahrt für ein paar Minuten staatstragend: Willy-Brandt-Platz, die Türme der Banken im Rückspiegel, dann der Bogen um die Altstadt, wo um diese Zeit die ersten Touristen mit Kaffeebechern Richtung Römer ziehen. „Hier winken manchmal Kinder", sagt die Fahrerin, „und ich winke zurück. Das ist die beste Sekunde des Tages, völlig unabhängig vom Rest." Dann zieht die Bahn hinaus auf die Hanauer Landstraße, und wieder wechselt das Bühnenbild: Autohäuser, Clubs mit heruntergelassenen Rollläden, Werkstätten, dazwischen die neuen Wohnblöcke am Hafenpark. „Ich fahre jeden Tag durch fünf Städte", sagt sie, „und alle heißen Frankfurt. Höchst ist eine Kleinstadt, das Gallus ist Arbeit, das Bahnhofsviertel ist Weltbühne, die Altstadt ist Postkarte, und Fechenheim —" Sie überlegt kurz. „Fechenheim ist zu Hause, für sehr viele Leute, die man sonst nie fragt."
In der Wendeschleife von Fechenheim hat sie ein paar Minuten Pause. Thermoskanne, ein Blick aufs Handy, manchmal ein Wort mit dem Kollegen der Gegenrichtung. Von hier sind es Luftlinie nur ein paar Kilometer bis zur Höchster Altstadt am anderen Ende der Linie — kulturell, sagt sie, sei es eine Weltreise, und wer beide Endpunkte verstehen wolle, dem hilft vielleicht unser Guide durch Höchst für die eine Hälfte. „Die Leute denken, Straßenbahnfahren ist monoton. Dabei ist es die einzige Arbeit, die ich kenne, bei der man achtmal am Tag denselben Film sieht und er ist nie derselbe."
Was bleibt, wenn die Schicht endet

Ob sie den Beruf empfehlen würde? „Sofort — aber ehrlich", sagt sie. Ehrlich heißt: Schichtdienst, der Familienkalender zur Verhandlungssache macht, Wochenenden, die keine sind, und ein Rücken, der die Sitzhaltung von acht Stunden nicht vergisst. Ehrlich heißt aber auch: ein sicherer Job, der gesucht wird wie selten zuvor — die Verkehrsbetriebe werben seit Jahren um Nachwuchs, und viele ihrer jüngeren Kollegen sind Quereinsteiger, ehemalige Einzelhändler, Logistiker, eine frühere Friseurin. „Man braucht keine Vorgeschichte auf Schienen", sagt sie. „Man braucht Nerven, Pünktlichkeit und die Fähigkeit, acht Stunden allein zu sein, ohne einsam zu werden."
Gegen Mittag übergibt sie die Bahn, der Kreislauf der Schichten dreht sich weiter. Auf dem Heimweg, erzählt sie, fahre sie meist selbst Straßenbahn, als Fahrgast, „aus Deformation und aus Überzeugung". Ob die Fahrgäste je bemerken, wer da vorne sitzt? Sie lacht. „Die meisten sehen uns nicht, und das ist in Ordnung. Wir sind wie Strom: Man denkt erst an uns, wenn wir ausfallen." Nur die Kinder, sagt sie, die sähen sie immer. Und die Stammgäste der ersten Fahrt, das Dorf von halb fünf, das jeden Morgen aufs Neue darauf vertraut, dass da jemand ist, der pünktlich durch die Dunkelheit fährt.
Nach dem Gespräch bleibt ein Bild hängen, das sie beiläufig geliefert hat, irgendwo zwischen Griesheim und Gallus: dass eine Straßenbahn ein sehr langsames Auge sei. Man könnte ergänzen: ein sehr geduldiges. Die Linie 11 sieht diese Stadt seit Jahrzehnten an, Viertel für Viertel, Morgen für Morgen — sie hat den Strukturwandel der Hanauer Landstraße gesehen, die neuen Türme, die alten Sorgen. Ihre Fahrerinnen und Fahrer sind die Chronisten dieser Ansicht, nur dass ihre Chronik nirgends erscheint. Außer, ab und zu, in einem Gespräch um halb sechs.

Am Abend, lange nach ihrer Schicht, fährt irgendwo in Fechenheim wieder eine Elf in die Schleife, und die Oberleitungen zeichnen ihre Linien ins Abendrot. Für die Bahn ist die Schleife kein Ende, nur eine Pause: Richtungswechsel, weiter, zurück durch die fünf Städte, die alle Frankfurt heißen. Man muss kein Romantiker sein, um darin ein brauchbares Bild für diese Stadt zu sehen. Man muss nur einmal um halb fünf aufgestanden sein — oder jemanden kennen, der es jeden Tag tut.
Mehr aus Stadtleben
Alle Artikel →Stadtleben · Porträt
Arbeitsplatz Skyline: Ein Industriekletterer über die Stadt
Ein Industriekletterer erzählt von Seiltechnik und Wetterfenstern, von der Angst, die bleibt — und vom stillen Blick auf Frankfurt unter seinen Füßen.
Stadtleben · Damals
Die Kaiserstraße: Gründerzeitprunk zwischen Gleis und Main
Die Kaiserstraße im Bahnhofsviertel: vom Gründerzeit-Boulevard am neuen Hauptbahnhof über die Rotlicht-Jahrzehnte bis heute — ein Architekturspaziergang.
Stadtleben · Porträt
Wenn Bornheim schläft: Nachtschicht in einer Backstube
Nachtschicht in einer Bornheimer Backstube: Ein Bäckermeister über den ersten Teig um Mitternacht, den Kampf des Handwerks und den Duft um sechs Uhr.

