Stadtleben · Porträt

Arbeitsplatz Skyline: Ein Industriekletterer über die Stadt

Wenn er arbeitet, liegen zwischen ihm und dem Asphalt 150 Meter Luft: Ein Industriekletterer erzählt von Seiltechnik und Wetterfenstern, von der Angst, die nie ganz verschwindet — und vom seltsam stillen Blick auf eine Stadt, die unter den Füßen weiterrauscht.

Von Johanna Roth 7 Min. Lesezeit
Panorama der Frankfurter Bankenskyline, an einer Glasfassade hängt winzig die Silhouette eines Industriekletterers.
01Bankenviertel, 7:05 Uhr— Irgendwo in dieser Glaswand hängt ein Mensch — man muss ihn suchen, um ihn zu finden.Foto: Zeit Frankfurt

Von der Straße aus ist er ein Punkt. Wer an einem klaren Morgen im Bankenviertel den Kopf in den Nacken legt, kann ihn mit etwas Glück entdecken: eine dunkle Silhouette an einer Glaswand, weit über dem Asphalt, langsam absinkend wie eine Spinne am Faden. Oben, an der Dachkante, laufen zwei Seile über gepolsterte Schoner. Unten rauscht die Stadt weiter, als ginge sie das alles nichts an. Genau das, sagt der Mann am Seil, sei das Merkwürdigste an seinem Beruf: Er arbeitet mitten in Frankfurt, an den sichtbarsten Gebäuden der Republik — und ist dabei so allein wie sonst niemand in dieser Stadt.

Der Mann ist Mitte vierzig, seit rund zwanzig Jahren im Geschäft und möchte seinen Namen nicht gedruckt sehen — nicht aus Scheu, sondern aus Berufsvernunft: Wer an Bankentürmen arbeitet, unterschreibt Verschwiegenheitsklauseln, die länger sind als mancher Mietvertrag. Nennen wir ihn also den Kletterer. Sein Arbeitsweg beginnt dort, wo für alle anderen das Gebäude endet: im Technikgeschoss, an einer unscheinbaren Stahltür zum Dach. Dahinter liegt eine Landschaft, die kaum ein Frankfurter je sieht — Kieswüsten, Lüftungsbauten, Blitzfangleitungen und der Wind, der hier oben immer weht, auch wenn unten die Fahnen schlaff hängen.

Zwei Seile trennen ihn vom Rest des Tages

Was der Kletterer macht, heißt im Fachdeutsch seilunterstützte Zugangstechnik. Gemeint ist: Er erledigt Arbeiten an Stellen, für die es keine Befahranlage, keine Hubbühne und kein Gerüst gibt — oder für die sich all das schlicht nicht lohnt. Er reinigt Glasfassaden und Lisenen, tauscht defekte Leuchten in Logos aus, prüft Fugen und Verklebungen, montiert Taubenabwehr, kontrolliert nach Stürmen, ob sich irgendwo ein Blech gelöst hat. Sein Gerüst wiegt keine dreißig Kilo und passt in zwei Taschen: Gurt, Seile, Karabiner, Klemmen, ein Sitzbrett aus Sperrholz. Damit hängt er dann sechs, sieben Stunden in der Wand.

Das System dahinter ist von strenger Redundanz: zwei Seile, getrennt angeschlagen, eines zum Arbeiten, eines ausschließlich zur Sicherung. Jedes Teil am Gurt existiert doppelt oder ist so ausgelegt, dass sein Versagen nicht ins Gewicht fällt. „Ein Seil ist kein Seil", sagt der Kletterer, und es klingt wie ein Katechismus, weil es einer ist: Die Regeln des Gewerbes — festgelegt von Berufsgenossenschaften und dem Branchenverband FISAT, der die Ausbildung in drei Stufen zertifiziert — lassen wenig Raum für Interpretation. Gearbeitet wird nie allein, immer mit Sichtkontakt oder Funk, und ohne Rettungskonzept beginnt keine Schicht: Jeder im Team muss jeden binnen Minuten aus der Wand holen können.

Zwei rote Kletterseile und Karabiner laufen über eine gepolsterte Dachkante, tief darunter die Straßenschluchten der Frankfurter Innenstadt.
02Hochhausdach, Innenstadt, 9:20 Uhr— Zwei Seile, zwei Anschlagpunkte, keine Ausnahme: Das Tragseil arbeitet, das Sicherungsseil wartet auf den Fehler, der nicht passieren darf.Foto: Zeit Frankfurt

Die Ausbildung dauert je nach Stufe Tage bis Wochen, dazu kommen jährliche Unterweisungen und Wiederholungsprüfungen; wer aufsteigen will, braucht dokumentierte Seilstunden wie ein Pilot seine Flugstunden. Der Berufsstand bleibt trotzdem klein — ein paar Tausend zertifizierte Anwender bundesweit, in Frankfurt eine Handvoll Firmen, die sich untereinander kennen. Man trifft sich auf denselben Dächern, leiht sich Kantenschoner, tauscht Wetterdaten. Konkurrenz, sagt der Kletterer, gebe es natürlich. Aber in einer Branche, in der ein einziger schwerer Unfall das Ansehen aller beschädigt, sei man vor allem eines: aufeinander angewiesen.

Das Wetter ist der eigentliche Chef

Frankfurts Türme stehen eng, und genau das macht sie meteorologisch tückisch. Zwischen den Hochhäusern beschleunigt der Wind wie Wasser in einer Engstelle; eine Fassade kann auf der einen Seite windstill sein und um die Ecke reißt es einem das Sitzbrett weg. Der Kletterer plant seine Wochen deshalb nicht nach Aufträgen, sondern nach Wetterfenstern. Ab einer bestimmten Windstärke ist Schluss, bei Gewitterneigung geht er gar nicht erst über die Kante — ein Seil an einem Hochhaus ist kein Ort, an dem man einen Zellenschauer abwarten möchte. Im Sommer beginnt er um fünf, weil sich Glasfassaden in der Sonne aufheizen wie Backbleche; im Winter enden manche Tage nach zwei Stunden, weil die Finger nicht mehr mitspielen.

Die Auftraggeber haben das zu akzeptieren, und die meisten tun es längst. Eine Turmfassade, erklärt der Kletterer, sei ohnehin geduldiger, als man denke — aber nicht unendlich geduldig. Über die Jahre arbeitet das Material: Dichtungen verspröden in der Sonne, Fugen atmen mit den Temperaturen, Halterungen lockern sich in Millimeterschritten. Nach Stürmen wie in den vergangenen Jahren steigt das Telefonaufkommen sprunghaft; dann hängt er tagelang in Kontrollgängen und fotografiert Schraubenköpfe. Es ist eine Arbeit, deren Erfolg unsichtbar bleibt: Wenn er sie gut macht, passiert — nichts.

Die Angst geht nie ganz weg. Sie wird nur leiser — und das ist gut so, denn sie kontrolliert jeden Knoten mit.

Die Angst bleibt, und das ist ihre Aufgabe

Ob er keine Angst habe, ist die Frage, die er am häufigsten hört, meist von unten, aus sicheren zwei Metern Bodennähe. Die ehrliche Antwort: doch, natürlich. Die ersten Meter über der Kante seien auch nach zwanzig Jahren ein kleiner Überwindungsakt, ein kurzes Gespräch zwischen Kopf und Bauch. Aber die Angst sei kein Gegner, sagt er, sondern ein Kollege: Sie kontrolliert die Knoten mit, sie fragt ein zweites Mal nach dem Anschlagpunkt, sie hält die Routine wach, die in seinem Beruf gefährlicher ist als jede Böe. Aufhören würde er an dem Tag, an dem die Angst ganz verschwindet — denn dann, sagt er, stimme etwas nicht mehr.

Was von oben bleibt, ist ein Blick auf Frankfurt, den sonst fast niemand hat. Nicht der Panoramablick der Aussichtsplattformen, sondern etwas Näheres, Stilleres: Er sieht, wie die Stadt funktioniert. Die S-Bahnen, die sich im Minutentakt unter ihm ineinanderschieben, die Lieferwagen in der zweiten Reihe, die Mittagsströme aus den Türmen zur Fressgass und zurück. Von der Frühschicht der Stadt — den Fahrerinnen auf der Linie 11, den Bäckern, den Marktleuten — bekommt er das erste Kapitel mit, denn wenn er um sechs auf dem Dach steht, gehört ihm die Stadt noch fast allein. Nur die Turmfalken, sagt er, seien dann schon wach. Die brüten in Nischen einiger Hochhäuser und betrachten ihn als Eindringling, der zu duldende Ausmaße hat.

Ein Industriekletterer von hinten im Gurt vor einer spiegelnden Glasfassade, in der sich die Stadt und der Himmel verzerrt spiegeln.
03Glasfassade, Bankenviertel, 11:45 Uhr— In der Scheibe spiegelt sich die Stadt, die er gerade putzt — Quadratmeter für Quadratmeter, Bahn für Bahn.Foto: Zeit Frankfurt

Ein Beruf ohne Denkmal, aber mit Aussicht

Berühmt wird in diesem Beruf niemand. Es gibt kein Firmenschild in zweihundert Metern Höhe, keinen Applaus, wenn die Fassade wieder glänzt — nur Hausmeister, die den Daumen heben, und gelegentlich ein Foto von Touristen, die den Punkt in der Wand entdeckt haben. Der Kletterer findet das angemessen. Die Türme, an denen er arbeitet, tragen die Namen von Banken und Investoren; wer sie instand hält, bleibt anonym wie das Reinigungspersonal in ihren Fluren. Dabei erzählen gerade die Fassaden, wie unterschiedlich diese Stadt gebaut hat: die einen glatt und verklebt, die anderen kleinteilig mit Naturstein, der eigene Pflege verlangt. Wer die Frankfurter Türme einmal nicht als Skyline, sondern als Arbeitsplätze betrachten will, dem sei unser Ranking der Frankfurter Hochhäuser empfohlen — der Kletterer hat zu fast jedem eine Meinung, die sich weniger um Architekturpreise dreht als um die Frage, wo man vernünftig anschlagen kann.

Wie lange er das noch macht? Die Knie melden sich, die Schultern auch, das Gewerbe ist ehrlich zu seinen Körpern. Viele Kollegen wechseln mit Ende vierzig in die Planung, die Ausbildung, die Prüftechnik; er selbst bildet inzwischen aus und merkt, dass ihm das Erklären liegt. Aber noch, sagt er, überwiege das andere: der Moment nach dem Überstieg, wenn die Kante über ihm liegt und die Stadt unter ihm, wenn das Seil sich setzt und es ganz still wird. Dann hängt er da, zwischen Himmel und Frankfurt, und macht in aller Ruhe seine Arbeit.

Handschuhe, Helm und sauber aufgerollte Seile liegen auf dem Kies eines Hochhausdachs im warmen Abendlicht.
04Hochhausdach, Innenstadt, 18:50 Uhr— Feierabend in der Höhe: Das Material wird gepflegt wie ein Instrument — es ist die Lebensversicherung von morgen.Foto: Zeit Frankfurt

Am Abend, wenn das Material aufgerollt auf dem Dachkies liegt und die Sonne die Glasfronten in Kupfer taucht, gönnt er sich manchmal fünf Minuten an der Brüstung. Unten schaltet die Stadt in den Feierabend, die ersten Fenster leuchten, vom Main blinken die Ausflugsschiffe. Dann packt er zusammen, nimmt den Aufzug — ausgerechnet den Aufzug — und verschwindet durch die Lobby, ein Mann mit zwei Taschen, dem niemand ansieht, dass er den Tag über der Stadt verbracht hat. Nur seine Unterarme, sagt er, die verraten ihn. Und vielleicht der Blick, der in Gesprächen gelegentlich nach oben wandert, die Fassaden entlang, Fuge für Fuge, aus reiner Gewohnheit.

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