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30 Millionen für die Kleinmarkthalle: Was die Sanierung ändert

Rund 30 Millionen Euro, Bauzeit bis 2028, Baustart an der Nordseite: Die denkmalgeschützte Kleinmarkthalle von 1954 wird grundsaniert — bei laufendem Marktbetrieb. Was konkret gemacht wird und was Händler und Stammkundschaft in den Bauphasen erwartet.

Von Marie Brandt 6 Min. Lesezeit
Die Fassade der Kleinmarkthalle im Morgenlicht, an der Nordseite stehen die ersten Gerüstelemente.
01Kleinmarkthalle, Hasengasse, 7:50 Uhr— Erste Gerüstelemente an der Nordseite — drinnen beginnt der Markttag wie an jedem Morgen.Foto: Zeit Frankfurt

Es beginnt, wie Baustellen in Frankfurt oft beginnen: unspektakulär. Ein paar Gerüstelemente an der Nordseite, Absperrgitter, ein Bauzaun-Plakat, das um Geduld bittet. Drinnen aber, zwischen Wurststand und Gemüsebergen, ist die Nachricht längst das Gesprächsthema Nummer eins: Die Kleinmarkthalle wird saniert — für rund 30 Millionen Euro, über mehrere Jahre, und, das ist die eigentliche Pointe, bei laufendem Betrieb. Was genau auf Frankfurts Bauch zukommt, wer es bezahlt und was Händler wie Stammkundschaft erwartet: der Überblick.

Zur Erinnerung, worum es geht: Die Halle zwischen Hasengasse und Ziegelgasse, 1954 als Nachfolgerin der kriegszerstörten Vorgängerin eröffnet, ist mit ihren gut 60 Betrieben der dichteste Lebensmittelort der Stadt — und einer der wenigen, an dem sich Frankfurt quer durch alle Milieus begegnet. Wie sie dieser Ort wurde, erzählt unsere Reportage über die Kleinmarkthalle seit 1954; hier geht es um ihre Zukunft. Denn so robust die Halle wirkt, so sehr ist sie technisch ein Kind ihrer Zeit: Die Gebäudetechnik stammt in Teilen noch aus Jahrzehnten, in denen Brandschutzkonzepte anders aussahen, Dächer nicht gedämmt wurden und Raumklima eine Frage des Wetters war.

Saniert wird vor allem das, was man nicht sieht

Die Maßnahmenliste liest sich unglamourös, und genau das ist Absicht. An erster Stelle steht der Brandschutz: neue Melde- und Löschtechnik, ertüchtigte Fluchtwege, Abschottungen zwischen den Bereichen — Auflagen, die für eine Halle mit offenen Ständen, Gasgeräten und täglich Tausenden Besuchern längst zeitgemäß gelöst werden müssen. Dazu kommt die komplette Erneuerung der Gebäudetechnik: Lüftung, Kälte, Elektrik, Wasser. Dritter Block ist die Gebäudehülle — Dach und Fassadenpartien werden gedämmt, was den Energieverbrauch senken und zugleich das notorische Problem der Halle mildern soll: im Sommer zu heiß, im Winter zugig.

Für die Kundschaft ist der interessanteste Punkt das Raumklima. Wer im Juli schon einmal um die Mittagszeit am Fischstand anstand, kennt die Halle als Treibhaus; die neue Technik soll Temperatur und Luftfeuchte künftig deutlich stabiler halten — gut für Menschen, besser noch für Ware. Händler an den Frischeständen kalkulieren die Sommerhitze bislang schlicht als Verlustposten ein. „Es geht nicht um Komfort, es geht darum, dass die Ware den Tag übersteht", sagt ein Standbetreiber, der seit über zwanzig Jahren in der Halle verkauft und namentlich nicht genannt werden möchte — man kennt sich, man bleibt sich noch lange erhalten.

Architekturdetail der Kleinmarkthalle: das markante Betonraster und die schmalen Fensterbänder der Nachkriegsfassade.
02Kleinmarkthalle, Fassade, 10:15 Uhr— Beton, Raster, Fensterbänder: Die Handschrift der Fünfzigerjahre steht unter Schutz — und bleibt.Foto: Zeit Frankfurt

Der Denkmalschutz sichert das Gesicht der Halle

Dass bei alldem keine neue Halle entsteht, ist keine Sparsamkeit, sondern Rechtslage: Die Kleinmarkthalle steht unter Denkmalschutz. Das Betonraster der Fassade, die Fensterbänder, das geschwungene Dach — die ganze nüchtern-elegante Handschrift der Fünfzigerjahre ist geschützt und wird restauriert statt ersetzt. Für die Planer bedeutet das die übliche Frankfurter Quadratur: moderne Technik in ein Gebäude bringen, dem man den Eingriff hinterher nicht ansehen darf. Leitungen verschwinden in vorhandenen Schächten, neue Aggregate wandern aufs Dach oder in Nebenräume, und wo gedämmt wird, geschieht es von innen oder in Abstimmung mit der Denkmalpflege.

Ganz neu ist die Erfahrung übrigens nicht: Die Halle ist in ihren sieben Jahrzehnten immer wieder ertüchtigt worden — Kühltechnik in den Siebzigern, Kassensysteme, Auflagen, zuletzt punktuelle Brandschutz-Nachrüstungen. Neu ist die Dimension. Erstmals wird das Gebäude als Ganzes gedacht, vom Fundament bis zum Dach, und erstmals steht eine Summe im Raum, die frühere Instandhaltungsbudgets wie Trinkgeld aussehen lässt. In der Stadtpolitik war der Betrag denn auch kurz umstritten, ehe sich eine seltene Allparteien-Einigkeit einstellte: Gegen die Kleinmarkthalle gewinnt man in Frankfurt keine Wahl. Es gibt Institutionen, bei denen sich der Streit von selbst verbietet — die Halle gehört dazu, gleich nach dem Apfelwein.

Man kann das übertrieben finden — oder man erinnert sich daran, wie es der großen Schwester erging: Die Großmarkthalle im Ostend wurde nach Jahren des Leerstands nur deshalb gerettet, weil die EZB sie in ihren Neubau integrierte, und ist seither Bürokulisse. Die Kleinmarkthalle hat das bessere Los: Sie wird saniert, um zu bleiben, was sie ist — ein Markt. Die Betreibergesellschaft HFM, die die Halle für die Stadt managt, betont denn auch bei jeder Gelegenheit, dass es kein „Food-Court-Konzept", keine Neupositionierung, keine Mieterhöhungsrunde durch die Hintertür geben soll. Die Händlerschaft nimmt solche Zusagen erfahrungsgemäß zur Kenntnis und behält die Nebenkostenabrechnung im Blick.

Die Kleinmarkthalle wird nicht neu erfunden — sie wird instand gesetzt, damit sie bleiben kann, was sie ist.

Gebaut wird in Abschnitten — der Markt bleibt offen

Die heikelste Entscheidung fiel früh: keine Schließung, keine Interimshalle, kein Ausweichquartier. Stattdessen wird die Halle in Abschnitten saniert, beginnend an der Nordseite. Konkret heißt das: Ein Bereich wird eingerüstet und mit Staubwänden abgetrennt, die betroffenen Stände ziehen für einige Monate in freie Flächen innerhalb der Halle oder rücken zusammen, dann wandert die Baustelle weiter. Lärmintensive Arbeiten sollen möglichst außerhalb der Öffnungszeiten liegen — die Halle gehört den Handwerkern also vor allem nachts und montags früh.

Händlerhände stapeln Gemüsekisten vor einem mit Folie halb verhüllten Standgerüst in der Kleinmarkthalle.
03Kleinmarkthalle, Nordseite, 8:30 Uhr— Bauen bei laufendem Betrieb: Vor der Folie wird verkauft, dahinter wird gearbeitet.Foto: Zeit Frankfurt

Für die Händler ist das dennoch eine Zumutung, das sagt auch die HFM offen. Wer an einem Interimsstand verkauft, verliert Laufkundschaft; wer neben der Staubwand steht, verliert Atmosphäre. Die Erfahrung anderer Städte zeigt allerdings auch: Markthallen, die für Sanierungen komplett schließen, verlieren mehr — nämlich Gewohnheiten. Eine Stammkundin, die seit den Achtzigern samstags kommt, formuliert es pragmatisch: „Solange mein Metzger da ist, ist mir egal, wo er steht." Genau auf diesen Effekt setzt die Stadt: Die Halle bleibt als Ort durchgehend erlebbar, auch wenn sie zeitweise nach Bohrmaschine klingt.

Ein Blick auf die Nachbarschaft zeigt, was auf dem Spiel steht. Städte, die ihre Markthallen verloren — an Investoren, an Food-Courts, an jahrelange Schließungen —, haben sie in dieser Form nie zurückbekommen: Aus Märkten wurden Gastro-Immobilien mit Marktdekor, hübsch anzusehen und austauschbar von Lissabon bis Rotterdam. Die Kleinmarkthalle ist bislang das Gegenmodell geblieben, ein Ort, an dem tatsächlich eingekauft wird: Gemüse im Bund, Fisch übers Eis, Wurst über die Theke, und die Gastronomie ist Beiwerk, nicht Geschäftsmodell. Die Sanierung bei laufendem Betrieb ist deshalb mehr als Baulogistik — sie ist eine inhaltliche Festlegung. Wer die Halle nie schließt, kann sie auch nicht heimlich umbauen.

Was bedeutet das nun praktisch für Ihren Einkauf? Erstens: Alle Eingänge bleiben nutzbar, sofern nicht einzelne Abschnitte vorübergehend gesperrt sind — Umleitungen sind ausgeschildert. Zweitens: Kein Betrieb gibt wegen der Sanierung auf, Stand heute; wer seinen Lieblingsstand nicht am gewohnten Platz findet, sollte ihn in den Interimszonen suchen, bevor er Schlimmes vermutet. Drittens: Die legendäre Würstchentheke und die Weinterrasse zum Garten hin bleiben in Betrieb — in welcher Bauphase welche Ecke dran ist, kommuniziert die HFM per Aushang und online. Für Erstbesucher bleibt derweil alles beim Alten, und als Kompass empfiehlt sich unser großer Rundgang in zwölf Stationen.

Am Ende geht es um mehr als ein Dach

Bleibt die Frage, warum eine Stadt, die an vielen Ecken spart, 30 Millionen Euro in eine Markthalle steckt. Die nüchterne Antwort: weil sie muss — Brandschutz und Technik lassen sich nicht ewig aufschieben, und ein Weiterbetrieb ohne Sanierung wäre irgendwann schlicht nicht mehr genehmigungsfähig gewesen. Die ehrlichere Antwort: weil die Kleinmarkthalle zu den wenigen Orten gehört, an denen Frankfurt funktioniert, wie die Stadt sich selbst gern beschreibt — dicht, gemischt, unprätentiös, mit Herkunft aus aller Welt und hessischem Grundton. Solche Orte kann man nicht bauen. Man kann sie nur erhalten.

Leere Marktgänge der Kleinmarkthalle nach Ladenschluss, warmes Restlicht, gestapelte Kisten und heruntergelassene Rollgitter.
04Kleinmarkthalle, 18:40 Uhr— Nach Ladenschluss gehört die Halle den Handwerkern — morgens um acht gehört sie wieder der Stadt.Foto: Zeit Frankfurt

Wenn alles hält, was der Zeitplan verspricht, wird die Halle 2028 dastehen wie vorher — nur eben mit Technik, die weitere Jahrzehnte trägt, einem Dach, das dämmt, und einem Sommer, der drinnen keiner mehr ist. Es wäre die beste Sorte Stadterneuerung: eine, die man hinterher nicht sieht. Bis dahin gilt der Satz, den man dieser Tage öfter zwischen den Ständen hört, halb Seufzer, halb Stolz: Die Halle hat den Krieg überstanden, den Beton der Sechziger und jede Einkaufszentren-Mode — ein Gerüst wird sie nicht umbringen.

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