Stadtleben · Damals

Vom Töpfermarkt zum Riesenrad: Die Geschichte der Dippemess

Sie gilt als Frankfurts ältestes Volksfest: Die Dippemess begann als mittelalterlicher Markt für Töpferware und lockt heute zweimal im Jahr Hunderttausende an den Ratsweg. Wie aus dem Geschirrmarkt ein Rummel wurde, warum die Steingutkrüge bis heute dazugehören — und was Schaustellerfamilien über den Wandel erzählen.

Von Johanna Roth 7 Min. Lesezeit
Riesenrad und Fahrgeschäfte auf dem Festplatz am Ratsweg im warmen Abendlicht, weites Panorama.
01Festplatz am Ratsweg, 20:15 Uhr— Riesenrad und Fahrgeschäfte im Abendlicht — Frankfurts ältestes Volksfest begann als Markt für Töpferware.Foto: Zeit Frankfurt

Wer heute über die Dippemess läuft, zwischen kreischenden Fahrgeschäften und dem Geruch gebrannter Mandeln, kommt irgendwann an einem Stand vorbei, der nicht blinkt, nicht dröhnt und nichts verlost: Da stehen Krüge. Glasierte Töpfe, Schüsseln, Bembel, ordentlich gestapelt, wie seit Jahrhunderten. Die meisten Besucher gehen achtlos vorbei — dabei ist dieser Stand der Grund, warum es das alles gibt. Denn Frankfurts größtes Volksfest war zuerst ein Geschirrmarkt, und sein Name sagt es bis heute jedem, der Hessisch versteht: „Dippe" heißt Topf. Die Dippemess ist, wörtlich genommen, die Topfmesse.

Ihre Wurzeln reichen tief ins Mittelalter. Urkundlich fassbar wird der Markt im 14. Jahrhundert, als Haushaltswarenmarkt im Schatten der großen Frankfurter Messen — ein Termin, an dem sich die Stadt mit dem Alltäglichen eindeckte: Töpfe, Krüge, Schüsseln, dazu allerlei Hausrat. Die Ware kam von weit her. Töpfer aus dem Westerwald, dem Kannenbäckerland mit seinen berühmten Tonvorkommen, und aus Urberach südlich der Stadt karrten ihr Steingut nach Frankfurt und bauten es auf dem Pflaster der Altstadt auf. Für die Frankfurter Haushalte war das der Termin, an dem ersetzt wurde, was übers Jahr zu Bruch gegangen war — eine Art Frühjahrsinventur der Küche, mit Publikum und Gedränge.

Aus dem Geschirrmarkt wurde über Jahrhunderte ein Rummel

Wie aus einem Nutzmarkt ein Vergnügen wird, lässt sich an der Dippemess im Zeitraffer beobachten. Wo Menschen einkaufen, wollen sie auch essen und trinken; wo gegessen und getrunken wird, kommen Gaukler, Musikanten, Losbuden. Schon in früheren Jahrhunderten mischten sich unter die Töpferstände die Vorläufer des Rummels, und mit der Industrialisierung drehte sich das Verhältnis endgültig um: Das Geschirr gab es nun im Laden, das Karussell nur auf der Mess. Aus dem Markt mit Belustigung wurde eine Belustigung mit Markt — geblieben ist von der alten Ordnung der Töpferstand, der bis heute zum Fest gehört wie das Riesenrad.

Geblieben ist auch die Wanderschaft. Die Dippemess war nie sesshaft, sie zog durch die Stadt, wie die Stadt es gerade zuließ — über die Plätze der Altstadt, deren einstige Kulisse unser Text über die Ostzeile am Römerberg beschreibt, und immer wieder an neue Ränder. Den letzten großen Umzug erzwang die Moderne: 1968 verließ das Fest den Römerberg, wo die immer größeren Fahrgeschäfte schlicht nicht mehr Platz fanden, und zog auf den eigens hergerichteten Festplatz am Ratsweg unterhalb des Bornheimer Hangs. Dort steht es bis heute — mit Autobahnanschluss statt Altstadtgassen, was die Romantiker bedauerten und die Schausteller begrüßten.

Stapel glasierter Tonkrüge und Schüsseln an einem Marktstand, die Preisschilder verschwimmen im Hintergrund.
02Dippemess, Töpferstand, 15:40 Uhr— Der Kern des Ganzen: Ohne die „Dippe", das Steingut, gäbe es weder den Namen noch das Fest.Foto: Zeit Frankfurt

Für die Schaustellerfamilien ist das Fest ein Generationenvertrag

Wer verstehen will, wie die Dippemess den Sprung in die Gegenwart geschafft hat, muss mit denen sprechen, die sie aufbauen. Viele der Betriebe auf dem Ratsweg sind Familienunternehmen in dritter, vierter, mancher in fünfter Generation. Ein Schausteller, dessen Familie seit Jahrzehnten mit demselben Kinderkarussell anreist, erzählt es so: „Mein Großvater hat hier noch mit Pferdestärken gearbeitet, im Wortsinn. Mein Vater hat auf Elektrik umgerüstet, ich auf LED. Das Karussell ist dasselbe — es dreht sich nur billiger." Die Anekdote ist mehr als hübsch: Sie beschreibt das Geschäftsmodell Volksfest, das seit jeher Bestand durch Anpassung sichert.

Zweimal im Jahr wird der Ratsweg heute zur Kleinstadt auf Zeit: Die große Frühjahrs-Dippemess rund um Ostern zieht über Wochen Hunderttausende an, die kleinere Herbstausgabe bündelt die Saison noch einmal, bevor die Wagen in die Winterquartiere rollen. Organisiert wird das Fest von der städtischen Tourismus-Gesellschaft, und es funktioniert nach einer Choreografie, die Besucher nie sehen: In wenigen Tagen entsteht aus einem Parkplatz eine Infrastruktur mit Strom, Wasser, Fluchtwegen und Fahrgeschäften, die höher sind als die meisten Häuser Bornheims.

Wer den Aufbau einmal beobachtet hat, versteht, warum Schausteller sich selbst als Logistiker mit Showtalent beschreiben. Die großen Fahrgeschäfte reisen in Dutzenden Sattelzügen an, werden in Tag- und Nachtschichten montiert und von unabhängigen Prüfern abgenommen, bevor der erste Fahrgast einsteigt. Dazwischen verlegen Elektriker Kilometer an Kabeln, Wasserleitungen werden gekoppelt, Fluchtwege vermessen. „Die Leute sehen drei Minuten Fahrspaß", sagt ein Betreiber, während hinter ihm ein Kran ein Stück Stahlbahn in die Höhe hebt, „aber dahinter stecken drei Tage Aufbau, zwei Ordner voller Papiere und eine Familie, die seit hundert Jahren nichts anderes macht." Dass die Branche zugleich um Nachwuchs ringt — die Kinder der Schausteller wachsen mit Wohnwagen und Wanderjahren auf und entscheiden sich nicht mehr automatisch für den Betrieb —, gehört zur ehrlichen Bilanz dazu.

Ein Fest, das einen Krieg, mehrere Umzüge und die Erfindung des Vergnügungsparks überlebt hat, geht an einer Energierechnung nicht zugrunde.

Die Zukunftsfragen des Fests sind so profan wie existenziell

Dass Volksfeste keine Selbstläufer mehr sind, spürt auch die Dippemess. Energie, Personal, Transport, Versicherung — die Kosten der Schausteller sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, und jede Preiserhöhung am Fahrgeschäft wird von den Besuchern genau registriert. Ein Standbetreiber bringt das Dilemma auf eine einfache Formel: „Die Leute vergleichen unsere Preise mit ihrer Erinnerung. Aber meine Stromrechnung vergleicht sich mit der Gegenwart." Dazu kommt die Konkurrenz ums Freizeitbudget: Wer heute Nervenkitzel sucht, hat Alternativen, von denen der Rummel früherer Jahrzehnte nichts ahnte.

Und doch wäre es voreilig, das Fest abzuschreiben. Ein Termin, der einen Dreißigjährigen Krieg, Besatzungen, Inflationen, einen Weltkrieg samt zerstörter Altstadt und mehrere Umzüge überstanden hat, geht an einer Energierechnung nicht zugrunde. Die Dippemess hat eine Eigenschaft, die sich nicht kopieren lässt: Sie gehört zur Biografie dieser Stadt. Es gibt Frankfurter Familien, deren Dippemess-Fotos vier Generationen umfassen — dasselbe Lachen, dasselbe Riesenrad, nur die Frisuren ändern sich. Diese Art von Bindung haben sonst nur wenige Termine im Stadtkalender; das Museumsuferfest am Main arbeitet seit Jahrzehnten daran, sie aufzubauen. Die Dippemess hat Jahrhunderte Vorsprung.

Am Ende bleibt ein Fest, das nach gebrannten Mandeln riecht

Eine Kinderhand hält Zuckerwatte vor einem bunt beleuchteten, unscharf drehenden Karussell.
03Festplatz am Ratsweg, 19:05 Uhr— Zuckerwatte vor Lichtermeer: Für die meisten Besucher beginnt die Erinnerung an die Dippemess genau hier.Foto: Zeit Frankfurt

Vielleicht liegt das Geheimnis der Dippemess genau darin, dass sie nie versucht hat, mehr zu sein als sie ist. Kein kuratiertes Konzept, keine Zielgruppenstrategie, kein Selbstverständigungsprozess — sondern Zuckerwatte, Blinklicht und ein Autoscooter, in dem Vierzehnjährige zum ersten Mal lenken dürfen. Das Fest ist demokratisch im unpathetischsten Sinn: Es kostet nichts, hineinzukommen, und es fragt niemanden, woher er kommt. An einem guten Abend stehen am Ratsweg Bankangestellte hinter Bornheimer Großfamilien in der Schlange, und alle wollen dasselbe: einmal oben im Riesenrad die Skyline sehen.

Zur Wahrheit des Ortes gehört auch seine Nachbarschaft: Der Festplatz am Ratsweg liegt eingeklemmt zwischen Autobahnzubringer, Eissporthalle und Kleingärten — keine Adresse, die man auf Postkarten druckt. Gerade das aber hat dem Fest gutgetan. Auf dem Römerberg war die Mess zuletzt Gast in einer Kulisse, die ihr zu eng geworden war; am Ratsweg ist sie Hausherrin. Hier darf ein Fahrgeschäft sechzig Meter hoch sein, hier darf es bis in die Nacht dröhnen und blinken, ohne dass ein Anwohnerprotest das Programm kürzt. Volksfeste brauchen solche geduldigen Orte, und Städte, die sie sich leisten, wissen meist gar nicht, wie selten das geworden ist.

Wer dem alten Kern des Festes begegnen will, findet ihn übrigens noch immer — am Töpferstand, zwischen glasierten Krügen und Schüsseln. Man kann dort für wenig Geld ein Stück Steingut kaufen, das exakt jene Ware fortführt, für die Frankfurter vor Jahrhunderten auf den Markt gingen. Es ist das vielleicht einzige Souvenir dieser Stadt, dessen Tradition älter ist als der Römer-Balkon und jünger wird mit jedem Frühjahr.

Die Lichter des Festplatzes von Weitem über den Dächern der Stadt, das beleuchtete Riesenrad dreht seine letzten Runden.
04Blick vom Bornheimer Hang, 22:30 Uhr— Die letzten Runden des Abends — von Weitem sieht das Fest aus wie eine Stadt, die kurz vergessen hat, erwachsen zu sein.Foto: Zeit Frankfurt

Und dann, gegen Mitternacht, wenn das Riesenrad seine letzten Runden dreht und die Lichter über den Dächern von Bornheim langsam ausgehen, sieht man vom Hang aus noch einmal das ganze Bild: eine Stadt, die tagsüber in Renditen rechnet, und darunter ein Fest, das seit dem Mittelalter dieselbe simple Ware verkauft — ein paar Stunden Ausnahmezustand, mit Topf und ohne doppelten Boden. Der Geschirrmarkt ist zum Rummel geworden, gewiss. Aber im Wort Dippemess steckt der Topf bis heute. Man muss nur hinhören.

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