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Sieben Börsengänge und viel Hoffnung: Frankfurts IPO-Bilanz
Die Fahnen vor der Börse wehen, doch die Glocke bleibt oft stumm: Nur sieben Neuzugänge zählte der Finanzplatz binnen eines Jahres. Eine kommentierte Bilanz der Debüts von Renk bis Douglas — und ein Blick auf die Kandidaten, auf die Frankfurt jetzt hofft.
Vor dem Portal am Börsenplatz wehen die Fahnen im Morgenwind, und wer zwischen Bulle und Bär hindurch auf die klassizistische Fassade zugeht, sieht eine Institution in scheinbar bester Verfassung. Drinnen aber hängt eine Glocke, die nur zu einem Anlass geläutet wird: wenn ein Unternehmen neu an die Börse kommt. Und diese Glocke hatte zuletzt wenig zu tun. Sieben Neuzugänge zählte der Finanzplatz im vergangenen Jahr, je nach Zählweise sogar weniger — für die wichtigste Börse des Landes ist das keine Bilanz, das ist ein Befund.
Dabei ist das Ritual selbst bestens eingespielt: Konfetti, Sektempfang, die Eröffnungsglocke um neun, wenn auf Xetra der Handel beginnt. Wie der Weg dorthin funktioniert — Bankenkonsortium, Prospekt, Bookbuilding, erster Kurs —, lesen Sie in unserem Grundlagenstück über den Ablauf eines Börsengangs. An dieser Stelle geht es um das Ergebnis: Wer ist zuletzt gekommen, wer will kommen, und warum sind es so wenige? Eine kommentierte Liste.
Sieben Debüts, und jedes erzählt eine andere Geschichte
Renk: der Überflieger
Branche: Rüstung und Antriebstechnik. Der Augsburger Konzern liefert Getriebe für Leopard-Panzer und Marineschiffe — und wagte den Sprung im Februar 2024, nachdem ein erster Anlauf im Herbst zuvor abgeblasen worden war. Das Debüt geriet zum Befreiungsschlag: kräftiges Plus am ersten Handelstag, getragen von der Sonderkonjunktur der Verteidigungsbranche, die den Kurs seither weiter beflügelt. Einordnung: Renk hat bewiesen, dass Frankfurt Erfolgsgeschichten kann — wenn das Thema stimmt und der Ausgabepreis Luft nach oben lässt.

Douglas: das Lehrstück
Branche: Einzelhandel, Parfümerie. Die Düsseldorfer Kette kam im März 2024 vor allem an die Börse, um Schulden abzubauen. Der Kurs rutschte bereits am ersten Handelstag unter den Ausgabepreis und hat sich davon nicht nachhaltig erholt. Einordnung: Der Kapitalmarkt kauft Wachstumsgeschichten, keine Entschuldungsprogramme. Dieses Debüt hat Spuren hinterlassen — jeder Kandidat, der seither zögert, verweist intern auf diesen Chart.
Springer Nature: der Solide
Branche: Wissenschaftsverlag. Im Oktober 2024 gelang im dritten Anlauf, was zuvor zweimal abgebrochen worden war: ein unaufgeregter, vorsichtig gepreister Börsengang mit freundlichem Start. Einordnung: das unspektakulärste Debüt des Jahres — und womöglich das gesündeste. So sieht Normalität aus, wenn man sie lässt.
Pentixapharm und die Kleinen
Branche: Biotechnologie, Motorenbau und mehr. Neben der Radiopharmazie-Abspaltung Pentixapharm kamen kleinere Namen auf den Kurszettel, darunter der österreichische Motorenbauer Steyr Motors im Wachstumssegment Scale. Einordnung: Vielfalt ja, Volumen nein. Solche Notierungen halten den Betrieb am Laufen, aber sie tragen keinen Finanzplatz — gemessen am Emissionsvolumen blieb das Jahr weit hinter dem eigenen Anspruch zurück.
Die Kandidatenliste liest sich besser als die Bilanz
So weit die Vergangenheit. Der Blick nach vorn fällt freundlicher aus, zumindest auf dem Papier: Selten war die Pipeline so prominent besetzt wie in diesem Frühjahr. Doch der April hat gezeigt, wie schnell ein Zeitfenster zuschlagen kann. Die amerikanischen Zollankündigungen haben die Weltbörsen binnen Tagen durchgeschüttelt — und prompt das erste prominente Opfer gefordert.
Stada: der Vertagte
Branche: Arzneimittel — Generika und Markenprodukte wie Grippostad. Stand des Verfahrens: verschoben. Der Konzern aus Bad Vilbel, seit Jahren im Besitz von Finanzinvestoren, galt als reifster Rückkehrer des Jahres; Anfang April legten die Eigentümer die Pläne wegen der Marktturbulenzen auf Eis. Einordnung: aufgeschoben heißt nicht aufgehoben. Dass ausgerechnet ein Unternehmen aus dem Frankfurter Speckgürtel auf ruhigere See warten muss, sagt mehr über die Märkte als über Stada.
KNDS: der Symbolträchtige
Branche: Rüstung — Leopard 2, Boxer, Caesar-Haubitze. Stand des Verfahrens: Vorbereitung. Der deutsch-französische Panzerbauer arbeitet nach Informationen aus Finanzkreisen an einem Dual Listing in Frankfurt und Paris; ein Zeitfenster ist offiziell nicht genannt. Einordnung: Es wäre der symbolträchtigste Börsengang seit Jahren. Rüstung ist das Thema der Stunde in Europa, und Frankfurt stünde einmal nicht am Rand des Geschehens, sondern in dessen Mitte — geteilt allenfalls mit Paris.
TK Elevator: der Schwergewichtige
Branche: Aufzüge und Fahrtreppen. Stand des Verfahrens: geprüft, nicht terminiert. Das frühere Thyssenkrupp-Geschäft, 2020 für Milliarden an Finanzinvestoren verkauft, gilt als größter deutscher Kandidat überhaupt; vor 2026 rechnet kaum jemand mit dem Sprung. Einordnung: Käme TK Elevator, wäre das ein Börsengang mit Dax-Perspektive — genau die Sorte Schwergewicht, die dem Kurszettel fehlt, seit sich Linde in Richtung New York verabschiedet hat.
Dahinter wird die Liste diffuser: Gehandelt werden seit Langem der Prothesenhersteller Ottobock aus Duderstadt und das Münchner Medizintechnikunternehmen Brainlab, dazu die eine oder andere Konzernabspaltung. Beobachter halten bis zu zehn deutsche Börsengänge im Jahr 2026 für möglich — manche sprechen mit Blick auf die weltweite Pipeline bereits von einem Rekordjahr, das sich da aufbaut. Nur: Die ganz großen Namen dieser Erzählung werden nicht am Main gelistet.
Das eigentliche Problem liegt nicht am Börsenplatz
Denn wo immer derzeit über die Mega-Börsengänge der nahen Zukunft spekuliert wird, fallen Namen wie SpaceX und OpenAI — Unternehmen, deren Emissionsvolumen einzeln ein ganzes Frankfurter Jahrzehnt in den Schatten stellen könnte. Beide würden, darin sind sich alle einig, in New York an den Start gehen. Frankfurt kommt in diesen Gesprächen nicht vor, nicht einmal als Fußnote.
Die heißesten Börsenkandidaten der Welt heißen SpaceX und OpenAI — und keiner von beiden wird je einen Fuß auf das Frankfurter Parkett setzen.
Die Gründe sind bekannt, und sie haben mit der Börse selbst wenig zu tun. In den Vereinigten Staaten zahlen Anleger höhere Bewertungen, weil dort mehr Kapital nach Anlage sucht: Pensionsfonds, Stiftungsvermögen, Millionen privater Depots, gefüttert aus kapitalgedeckter Altersvorsorge. In Deutschland dagegen besitzt nur etwa jeder sechste Mensch Aktien oder Aktienfonds. Wer hierzulande an die Börse geht, findet weniger Nachfrage, weniger Analystenabdeckung, weniger Liquidität — und geht deshalb im Zweifel woandershin. Birkenstock wählte 2023 die New Yorker Börse, BioNTech notiert seit jeher an der Nasdaq: ein Weltkonzern aus Mainz, eine halbe Stunde vom Börsenplatz entfernt. Und Linde, einst schwerstes Mitglied des Dax, hat Frankfurt 2023 gleich ganz verlassen.

Hinzu kommt ein struktureller Reflex. Viele deutsche Mittelständler scheuen die Transparenzpflichten, die eine Notierung mit sich bringt, und Finanzinvestoren verkaufen ihre Beteiligungen lieber untereinander weiter, als sie durch ein unsicheres Börsenfenster zu schleusen. Der sogenannte Dual Track — parallel Börsengang und Direktverkauf vorbereiten, dann das Bequemere nehmen — endet in Deutschland auffallend oft mit dem Verkauf. Die Börse ist hier nicht der Königsweg. Sie ist Plan B.
Was sich ändern müsste, steht seit Jahren in jedem Gutachten
Untätig war die Politik nicht. Das Zukunftsfinanzierungsgesetz, seit Ende 2023 in Kraft, hat Hürden gesenkt: Mehrstimmrechtsaktien sind wieder erlaubt, damit Gründer beim Gang aufs Parkett die Kontrolle behalten können, die formalen Mindestanforderungen wurden gelockert, Mitarbeiterbeteiligungen steuerlich attraktiver gestellt. Das ist richtig — und es reicht nicht. Gesetze schaffen Angebot, keine Nachfrage. Solange die Altersvorsorge der Deutschen im Wesentlichen am Kapitalmarkt vorbeigelenkt wird, fehlt dem Finanzplatz die stetige Kaufkraft, die New York trägt. Eine kapitalgedeckte Säule der Rente, eine europäische Kapitalmarktunion, die nationale Liquiditätspfützen zu einem Teich verbindet, schnellere Prospektverfahren: Die Liste ist bekannt. Sie wird auf jedem Branchentreffen vorgetragen und danach ordentlich abgeheftet.

Am Abend, wenn die Stehtische vor der Börse abgeräumt sind und auf einem von ihnen ein vergessenes Sektglas steht, hat der Börsenplatz etwas von einer Festhalle nach der Feier — man sieht noch, wofür der Raum gebaut wurde. Am nächsten Morgen ist davon nichts Melancholisches übrig: Der Handel läuft, präzise wie eh und je, mit oder ohne Neuzugänge. Was fehlt, sind die Anlässe, zu denen die Glocke läutet und das Konfetti fällt. Die Kandidaten stehen bereit, die Halle ist geputzt. Es wäre an der Zeit, wieder öfter zu feiern.
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