Stadtteile · Liste

Zwölf Orte, an denen sich Frankfurt wie ein Dorf anfühlt

Frankfurt ist auch eine Sammlung eingemeindeter Dörfer: Zwölf Ortskerne von Alt-Heddernheim bis Höchst, in denen die Bankenstadt verschwindet — jeweils mit Geschichte, Anlaufpunkt und dem schönsten Weg dorthin.

Von Lukas Schardt Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Fachwerkhäuser um einen kleinen Dorfplatz mit Laufbrunnen im Frankfurter Norden im Morgenlicht.
01Alter Ortskern im Frankfurter Norden, 8:15 Uhr— Fachwerk um einen Dorfplatz, ein Laufbrunnen, Morgenlicht — und keine Skyline weit und breit.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt ein Frankfurt, das auf keiner Postkarte vorkommt. Es hat keine Skyline, sondern Scheunentore, keine Rolltreppen, sondern Laufbrunnen, und sein Feierabendverkehr besteht gelegentlich aus einem Traktor. Dieses Frankfurt ist kein Kuriosum, sondern Systemgeschichte: Zwischen 1900 und 1977 hat die Stadt Dutzende umliegende Dörfer eingemeindet, und viele ihrer Ortskerne haben den Sprung in die Großstadt schlicht ignoriert. Zwölf Orte, an denen die Bankenmetropole verschwindet — jeweils mit einem Stück Geschichte, einem Anlaufpunkt und dem schönsten Weg dorthin.

Eine Vorbemerkung zur Chronologie, weil sie die Karte erklärt: 1900 holte sich Frankfurt unter anderem Oberrad und Seckbach, 1910 folgte ein ganzer Kranz von Nidda-Dörfern von Heddernheim bis Berkersheim, 1928 kamen Höchst und Schwanheim im Westen dazu, 1972 die nördlichen Dörfer wie Harheim und Nieder-Erlenbach — und 1977, als letztes, Bergen-Enkheim. Jede Welle hat ihre eigene Sorte Dorf hinterlassen. Alle zusammen ergeben das grüne Gegen-Frankfurt dieser Liste.

Was diese Ortskerne eint, ist ein stilles Selbstbewusstsein. Viele haben ihre eigene Kerb, ihren Vereinsring, ihre Freiwillige Feuerwehr, und wer dort aufgewachsen ist, sagt bis heute eher „ich fahre nach Frankfurt", wenn er in die Innenstadt muss. Die Stadt wiederum hat gelernt, das nicht als Trotz zu lesen, sondern als Ressource: Ohne ihre Dörfer hätte sie weder den GrünGürtel noch die Streuobstwiesen — und keinen einzigen eigenen Weinberg.

Im Norden liegen die Dörfer an der Nidda wie an einer Perlenschnur

1. Alt-Heddernheim. Bevor hier Fachwerk stand, stand hier Rom: Auf Heddernheimer Gemarkung lag die Römerstadt Nida. Das Dorf, seit 1910 Stadtteil, nennt sich zur Fastnacht bis heute stolz „Klaa Paris" und feiert das mit einem eigenen Umzug. Anlaufpunkt: die Gassen um die Straße Alt-Heddernheim mit ihren Höfen, dann hinunter an die Nidda. Hinkommen: U-Bahn bis Heddernheim, ab dort zu Fuß.

2. Alt-Praunheim. Um die alte Dorfkirche und das Nidda-Wehr duckt sich ein Ortskern, der von der Großsiedlung nebenan nichts wissen will — Hofreiten, krumme Giebel, am Wehr rauscht das Wasser wie seit Jahrhunderten. Praunheim kam 1910 zur Stadt und blieb trotzdem bei sich. Anlaufpunkt: das Wehr mit der kleinen Brücke, einer der friedlichsten Feierabendorte im Frankfurter Norden. Hinkommen: mit dem Rad über den Niddaweg.

3. Alt-Niederursel. Zwischen Universitätscampus und Nordweststadt hält sich ein komplettes Dorf: Fachwerk am Urselbach, Misthaufen-Romantik ohne Misthaufen, dazu eine der ältesten Apfelweinwirtschaften der Stadt, in deren Garten man unter Kastanien sitzt. Anlaufpunkt: eben jener Schoppengarten an einem Sommerabend. Hinkommen: U-Bahn bis Niederursel, den Hang hinab in den alten Kern.

4. Bonames. Der alte Kern rund um die Frankfurter Landstraße hat Fachwerk und Geschichte seit 1910 im Stadtverbund — das eigentliche Wunder liegt aber daneben: der Alte Flugplatz, ein ehemaliges Hubschrauberfeld der US-Armee, das die Stadt zur Wildnis mit Café umgebaut hat. Kinder jagen Eidechsen über den alten Rollweg, Störche stehen im Retentionsraum der Nidda. Anlaufpunkt: das Tower-Café am Wochenende. Hinkommen: U-Bahn oder Nidda-Radweg.

Streuobstwiese am Stadtrand mit weidenden Schafen, im Hintergrund klein und dunstig die Frankfurter Skyline.
02Am Stadtrand, 11:30 Uhr— Schafe vor Skyline: Nirgends liegt das doppelte Frankfurt so nah beieinander wie auf den Streuobstwiesen.Foto: Zeit Frankfurt

5. Berkersheim. Frankfurts vielleicht unbekanntester Stadtteil ist ein Hügeldorf über der Nidda: eine Kirche, ein paar Dutzend Höfe, Wiesen ringsum. Wer hier aus der S-Bahn steigt, glaubt keine Sekunde, dass die Hauptwache zwanzig Minuten entfernt ist. Anlaufpunkt: der Blick vom alten Ortsrand über das Niddatal, besonders zur Obstblüte. Hinkommen: S-Bahn bis Berkersheim — der Bahnhof selbst ist schon halbes Landleben.

6. Harheim. Erst 1972 eingemeindet, ist Harheim bis heute eher Dorf mit Stadtanschluss als umgekehrt: Bauernhöfe im Kern, Gemüsefelder bis zum Horizont, dazwischen die Riedwiesen. Anlaufpunkt: die Fachwerkhöfe an den alten Ortsstraßen und im Sommer die Hofläden mit Ware direkt vom Feld. Hinkommen: mit dem Rad die Nidda entlang, den letzten Kilometer zwischen Feldern.

7. Nieder-Erlenbach. Der nördlichste Stadtteil ist zugleich der ländlichste: ein geschlossener historischer Ortskern am Erlenbach, Hofreiten mit Toreinfahrten, an denen Baujahre aus drei Jahrhunderten stehen, ringsum nur Acker und Himmel. Wer das „Dorf in der Stadt" als These prüfen will, beginnt hier — die Stadt ist tatsächlich kaum zu ahnen. Anlaufpunkt: der alte Kern rund um die Straße Alt Erlenbach mit seinen Fachwerkensembles. Hinkommen: Bus ab Bad Vilbel oder Nieder-Eschbach; sportlich per Rad über die Feldwege des Frankfurter Nordens.

Frankfurt ist auch eine Sammlung eingemeindeter Dörfer — man muss nur hinfahren.

Im Osten wachsen Wein, Obst und die besten Aussichten

8. Bergen-Enkheim. Das letzte eingemeindete Dorf (1977) ist eigentlich ein Städtchen: Die Bergstraße im alten Bergen ist eine komplette historische Hauptstraße mit Rathaus, Fachwerk und Wirtschaften, oben auf dem Ridge liegt die Berger Warte, mit gut 212 Metern der höchste Punkt Frankfurts. Zur Kerb im Spätsommer verwandelt sich die alte Hauptstraße in ein Volksfest mit jahrhundertealter Tradition. Anlaufpunkt: der Spaziergang von der Altstadt zur Warte mit Blick über Stadt und Wetterau. Hinkommen: U-Bahn oder Bus bis Bergen.

9. Seckbach. Zwischen Lohrberg und Huthpark hält Seckbach (Stadtteil seit 1900) die Balance aus Dorfkern und Gartenlage: enge Gassen um die Marienkirche, dazu Wingerte und Streuobst am Hang. Der Hausberg ist zugleich das Ausflugsziel — warum der Lohrberg Frankfurts Balkon ist, haben wir an einem Sonntagmorgen aufgeschrieben. Anlaufpunkt: eine alteingesessene Apfelweinwirtschaft im Ortskern, danach der Aufstieg zum Weinberg. Hinkommen: Bus bis Seckbach, zu Fuß hinauf.

10. Oberrad. Das Gärtnerdorf zwischen Sachsenhausen und Stadtwald kam 1900 zur Stadt und blieb, was es war: Frankfurts Gemüsegarten. Zwischen den Wohnzeilen liegen bis heute Gärtnereien, in deren Reihen die sieben Kräuter für die Grüne Soße wachsen — ein Morgen bei den Kräutergärtnern erklärt, warum dieses Handwerk zum Stadtschatz gehört. Anlaufpunkt: der Blick über die Felder Richtung Skyline an der Grenze zum Stadtwald. Hinkommen: Straßenbahn bis Oberrad.

Im Süden und Westen enden die Dörfer am Fluss

Schmale Hofeinfahrt mit altem Scheunentor und Kopfsteinpflaster im Seitenlicht.
03Nieder-Erlenbach, 15:10 Uhr— Scheunentor und Kopfsteinpflaster: In den alten Höfen überdauert das bäuerliche Frankfurt.Foto: Zeit Frankfurt

11. Alt-Schwanheim. Auf der linken Mainseite, seit 1928 Stadtteil, versteckt Schwanheim hinter der Hochhauszeile einen intakten alten Kern mit Fachwerk und Bauerngärten — und gleich dahinter eine Kuriosität von europäischem Rang: die Schwanheimer Düne, eine echte Binnendüne, über deren Sand ein Bohlenweg führt. Anlaufpunkt: erst Dorfrunde, dann Dünenpfad, am Ende Mainblick. Hinkommen: Straßenbahn bis Schwanheim, alternativ mit der Fähre-Ersatz-Route über die Brücken per Rad.

12. Höchst. Zum Schluss das Dorf, das nie eines war: Höchst, erst 1928 eingemeindet, ist eine komplette historische Kleinstadt mit Schloss, Zollturm und der Justinuskirche, dem ältesten Gebäude Frankfurts überhaupt. Dörflich ist hier nicht die Größe, sondern das Gefühl am Mainufer, wenn die Fähre übersetzt und die Altstadtgassen im Feierabendlicht liegen. Anlaufpunkt: der Schlossplatz und das Ufer darunter; unser Höchst-Guide liefert die ausführliche Route. Hinkommen: S-Bahn bis Höchst, zehn Minuten zu Fuß in eine andere Zeit.

Das doppelte Frankfurt gehört zusammen

Man kann diese zwölf Orte als Kuriositätenkabinett lesen — hübsch, verwunschen, ein bisschen aus der Zeit. Man kann in ihnen aber auch das Korrektiv sehen, das diese Stadt so dringend braucht: Frankfurt ist eben nicht nur der Handelssaal und die Baustelle, sondern auch Streuobst, Ortsbeirat und Kerb; nicht nur Zuzug, sondern auch Familien, die seit acht Generationen am selben Bach wohnen. Die Dörfer erden die Großstadt, und die Großstadt finanziert den Dörfern ihre Idylle — ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, das seit über hundert Jahren erstaunlich gut funktioniert.

Ein Feldweg in der Abenddämmerung, am Horizont die Kirchturmspitze eines alten Ortskerns.
04Feldweg bei Harheim, 19:05 Uhr— Am Ende des Feldwegs ein Kirchturm: Zwölf Dörfer warten darauf, wiederentdeckt zu werden.Foto: Zeit Frankfurt

Der beste Zeitpunkt, es zu besichtigen, ist ein Abend im Frühsommer: mit dem Rad die Nidda hinauf, in einem Hofgarten einen Schoppen, zurück durch die Felder, wenn hinter dem Kirchturm langsam die beleuchtete Skyline auftaucht. In diesem einen Panorama — Fachwerkspitze vorn, Bankentürme hinten — liegt die ganze Pointe dieser Liste: Es ist dieselbe Stadt. Und wer danach noch Zeit hat, hängt einfach das nächste Dorf an; die Perlenschnur an der Nidda ist geduldig. Zwölf Orte, zwölf Ausreden weniger, das Wochenende zu Hause zu verbringen. Man muss nur hinfahren.

Mehr aus Stadtteile

Alle Artikel →