Stadtleben · Kolumne
Gude! Warum ein Wort genügt, um Frankfurt zu verstehen
Es funktioniert als Gruß, Abschied, Frage und Lebenshaltung: Gude ist das vielseitigste Wort der Stadt. Was das hessische Allzweckwort über die Frankfurter Mischung aus Distanz und Herzlichkeit verrät — eine Kolumne mit Feldforschung.
Es gibt Städte, die erklären sich über ihre Bauwerke, andere über ihre Küche, wieder andere über ihren Fußballverein. Frankfurt erklärt sich über ein Wort mit vier Buchstaben. Sie hören es morgens am Bäckertresen und nachts am Kiosk, es funktioniert im Vorstandsaufzug wie am Fährtor des Ruderclubs, es kann Anfang und Ende eines Gesprächs sein — und häufig ist es beides zugleich, weil dazwischen einfach nichts weiter nötig war. Gude. Wer dieses Wort verstanden hat, so behaupte ich in dieser Kolumne, hat diese Stadt verstanden. Und wer es für einen bloßen Gruß hält, hat noch ein wenig Feldforschung vor sich.
Zur Herkunft nur so viel, wie nötig ist: Gude ist die hessische Kurzform des guten Tages, des guten Morgens und des guten Abends, und zwar aller drei gleichzeitig, was schon einmal sehr praktisch ist. Die Mundartforschung mag Feinheiten unterscheiden — der Rheinhesse sagt es anders als der Wetterauer, in Offenbach klingt es eine Spur breiter, aber davon lassen wir uns den Text nicht verkomplizieren. Entscheidend ist nicht die Etymologie, sondern die Anwendung. Denn Gude ist grammatikalisch ein Chamäleon: Gruß („Gude!"), Frage („Gude?" — mit hochgezogener Braue: alles in Ordnung bei dir?), Antwort („Gude." — ja, alles in Ordnung), Abschied, Zustimmung, Trost und gelegentlich, richtig betont, auch milder Tadel. Ein einziges Wort, konjugiert ausschließlich über Tonfall und Augenbrauen.
Ein Wort, das Nähe erlaubt, ohne sie zu verlangen
Warum passt das so gut zu Frankfurt? Weil diese Stadt eine sehr eigene Balance pflegt zwischen Distanz und Herzlichkeit. Der Frankfurter — und ich verwende das Wort für alle, die hier leben, gleich welcher Herkunftsurkunde — ist kein Umarmer. Er ist aber auch kein Kühlschrank. Er will gesehen werden und in Ruhe gelassen, am besten gleichzeitig, und genau diese paradoxe Dienstleistung erbringt das Gude: Es stellt Kontakt her und beendet ihn im selben Atemzug. Man hat sich wahrgenommen, man hat sich Gutes gewünscht, man schuldet einander nichts weiter. Es ist, wenn Sie so wollen, die sprachliche Entsprechung des Frankfurter Stadtplans: kurze Wege, klare Verhältnisse, keine unnötigen Schleifen.
Für Fortgeschrittene existiert selbstverständlich ein Aufbauwortschatz. Die erweiterte Fassung „Ei gude, wie?" — zu Hochdeutsch etwa: „Nun, wie ergeht es dir denn so?" — signalisiert echtes Gesprächsinteresse und sollte daher nur eingesetzt werden, wenn man zwei Minuten Zeit mitbringt. Die Antwort darauf lautet in neun von zehn Fällen „Ei, muss" — eine Auskunft von beachtlicher philosophischer Tiefe, die vollständige Lebensbilanz in zwei Silben: Es geht weiter, beklagen hilft nichts, danke der Nachfrage. Wer diesen Dialog einmal in freier Wildbahn geführt hat, ohne nachzudenken, dem stellt diese Stadt gewissermaßen die Einbürgerungsurkunde aus, formlos und unwiderruflich.
Beobachten lässt sich das am besten dort, wo Frankfurt am frankfurterischsten ist: am Wasserhäuschen. Wer je eine Weile an einem Büdchen gestanden hat — und wer das nicht hat, dem sei unser Besuch am Wasserhäuschen im Ostend ans Herz gelegt —, kennt die Choreografie: Ein Stammkunde tritt heran, sagt Gude, bekommt ein Gude zurück, dazu wortlos das Übliche über die Theke. Vielleicht folgt ein Satz über die Eintracht oder das Wetter, vielleicht auch nicht. Dann geht er wieder. Das war kein karges Gespräch, das war ein vollständiges. Beide Seiten haben alles gesagt, was zu sagen war, nämlich: Wir kennen uns, wir mögen uns hinreichend, das Leben geht weiter. Es gibt Therapiestunden mit schlechterer Bilanz.

Der Härtetest findet im Aufzug statt
Die hohe Schule des Gude aber liegt in seinen Grenzfällen, und der härteste ist der Bürolift. Der Aufzug ist bekanntlich der unbarmherzigste Sozialraum der Moderne: zu eng zum Ignorieren, zu kurz für ein Gespräch. Der zugezogene Kollege aus dem Norden schweigt tapfer auf den Boden; die Kollegin aus dem Rheinland erzählt bis zum vierzehnten Stock ihr Wochenende. Der Frankfurter sagt beim Einsteigen Gude und beim Aussteigen Gude, und dazwischen herrscht ein Schweigen, das nicht unangenehm ist, sondern vereinbart. Das erste Gude hat es genehmigt. Ich habe auswärtigen Besuchern gegenüber oft versucht, diesen Unterschied zu erklären — zwischen einem Schweigen, das Ablehnung ist, und einem, das Frieden ist. Am Ende half immer nur die Vorführung am lebenden Objekt.
Auch am Wirtshaustisch zeigt das Wort seine Wandelbarkeit. In Sachsenhausen, unter Geripptem und Bembel, wird aus dem Gude eine Geste: Man hebt das Glas leicht in Richtung des Neuankömmlings, nickt, fertig — die trinkbare Form des Grußes. Über die weiteren Verhaltensregeln an diesen Tischen, vom Deckelchen bis zur Frage, wann man sich dazusetzen darf, hat diese Zeitung mit dem Apfelwein-Knigge bereits das Nötige gesagt. Hier nur so viel: Wer am gemischten Tisch Platz nimmt und sein Gude in die Runde gibt, hat damit sämtliche Aufnahmerituale absolviert. Der Rest ist Schoppen.
Gude ist kein Gruß. Gude ist ein Angebot: Ich sehe dich, ich meine es gut, und mehr muss jetzt nicht sein.
Man kann es falsch machen — aber nur mit Anlauf
Natürlich fragen Zugezogene regelmäßig, ob sie das Wort überhaupt benutzen dürfen oder ob es ihnen geht wie Touristen in Bayern, die sich an Alpenjuchzern versuchen. Die Antwort ist eine zutiefst frankfurterische: Es ist allen egal, und das ist als Kompliment gemeint. Diese Stadt, in der weit über die Hälfte der Einwohner eine Einwanderungsgeschichte hat, ist im Kern eine Ankunftsstadt; sie hat weder die Zeit noch die Neigung, Sprachpolizei zu spielen. Das Gude wird hier in allen Akzenten gesprochen, mit hessischem Singsang, mit italienischer Emphase, mit koreanischer Präzision, und es funktioniert in jeder Ausführung. Es gibt genau eine Möglichkeit, es falsch zu einzusetzen: mit Ironie. Wer Gude sagt und dabei zwinkert, als führe er einen Brauch vor, dem antwortet die Stadt mit jener speziellen Frankfurter Höflichkeit, die sich von Kälte nur im Laborversuch unterscheiden lässt.

Man könnte einwenden, ich überfrachte hier ein Alltagswort mit Bedeutung, und der Einwand wäre nicht unberechtigt — Kolumnen leben schließlich davon, Mücken zu Elefanten mit Charakter zu machen. Aber ich bleibe dabei: Es ist kein Zufall, welche Wörter eine Stadt sich als Universalwerkzeug wählt. München grüßt mit einem Wort, das Gott im Munde führt; Hamburg mit einem, das eigentlich eine Tageszeit ist und keine Gefühlsregung duldet. Frankfurt hat sich für den guten Wunsch in seiner sparsamsten Form entschieden: maximales Wohlwollen bei minimalem Aufwand. Das ist keine Faulheit. Das ist die Handelsstadt in Reinform — man schließt viele kleine Verträge über gegenseitige Freundlichkeit, täglich, formlos, und hält sich im Übrigen nicht auf.
Eine kleine Übung für den morgigen Tag
Falls Sie nun Lust auf Feldforschung haben, hier mein Vorschlag: Zählen Sie morgen einfach mit. Das Gude der Bäckereifachverkäuferin, halb im Rücken schon beim nächsten Kunden. Das Gude des Nachbarn im Treppenhaus, der gleichzeitig das Fahrrad über die Stufen wuchtet. Das doppelte Gude beim Betreten und Verlassen des Kiosks, das fragende Gude des Kollegen, dem Sie zu lange auf den Bildschirm gestarrt haben, das gemurmelte Gude zweier Hundebesitzer, deren Tiere sich kennen, deren Menschen aber nicht. Sie werden auf erstaunliche Zahlen kommen, und Sie werden etwas bemerken: Nach jedem dieser Mikrokontakte ist der Tag ein Gramm leichter. Keine dieser Begegnungen hat Sie etwas gekostet. Keine hat etwas von Ihnen verlangt. Alle haben Sie kurz an etwas erinnert, das im Getriebe dieser geschäftigen Stadt leicht untergeht: dass Sie hier nicht allein unterwegs sind.

Am Abend, wenn in den Wohnstraßen von Bornheim die Fenster warm werden und die Stadt ihre Rollläden halb schließt, hat Frankfurt einander viele tausend Mal Gutes gewünscht, ohne ein einziges Mal darüber nachzudenken. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Die freundlichste Geste dieser Stadt ist so beiläufig geworden, dass sie niemandem mehr auffällt — außer denen, die neu sind, und denen, die weggezogen sind und es plötzlich vermissen. Beiden sei gesagt: Es ist nur ein Wort, vier Buchstaben, in einer Sekunde gesprochen. Aber es ist unser Wort, und es genügt. Gude.
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