Stadtleben · Kolumne

Warum halb Frankfurt um 17 Uhr am Mainufer sitzt

Kaum steht die Sonne tief, füllen sich Stufen, Mauern und Wiesen am Main wie auf ein stilles Kommando: Banker neben Kioskbier, Familien neben Feierabendläufern. Eine Kolumne über das verlässlichste Ritual dieser Stadt — und darüber, was ein Feierabend am Fluss über Frankfurt verrät.

Von Johanna Roth 7 Min. Lesezeit
Dicht besetzte Uferkante am Sachsenhäuser Mainufer im Gegenlicht des späten Nachmittags, gegenüber die Frankfurter Skyline.
01Sachsenhäuser Mainufer, 17:04 Uhr— Vier Minuten nach fünf, und die erste Reihe ist besetzt — pünktlicher ist diese Stadt nirgends.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt in dieser Stadt eine Verabredung, zu der niemand einlädt und die trotzdem alle einhalten. Sie beginnt an schönen Tagen kurz nach fünf, wenn das Licht schräg über die Türme fällt, und man kann ihr beim Zustandekommen zusehen: Erst besetzen zwei Gestalten mit Laptoptaschen die Uferkante am Schaumainkai, dann eine Familie mit Bollerwagen, dann eine Handvoll Studentinnen mit Flaschen vom Wasserhäuschen, dann alle anderen. Um halb sechs sitzt halb Frankfurt am Main — in Reihen, mit Blick aufs Wasser, als hätte jemand Stühle gestellt. Hat aber niemand. Genau das ist der Punkt dieser Kolumne.

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum mich dieses Bild jedes Mal rührt. Es ist ja zunächst nichts Besonderes: Menschen sitzen an einem Fluss, das gibt es in Lyon, in Basel, in jeder Stadt mit Wasserlage. Aber Frankfurt ist nicht jede Stadt. Frankfurt ist die Stadt, der man seit Jahrzehnten nachsagt, sie sei kalt, sie sei nur Büro, sie leere sich um sechs in Richtung Speckgürtel. Und dann macht sie jeden Abend, wenn das Wetter auch nur halbwegs mitspielt, das Gegenteil dieser Behauptung — öffentlich, massenhaft und gratis.

Der Feierabend liegt hier in Gehweite

Und um kurz mit dem naheliegendsten Einwand aufzuräumen: Nein, es liegt nicht am Börsenschluss. Der Xetra-Handel läuft bis halb sechs, die wirklich wichtigen Leute sitzen dann noch in Calls, und wer glaubt, Frankfurts Feierabend werde von der Schlussauktion getaktet, hat zu viele Filme gesehen. Die 17-Uhr-Stunde gehört nicht den Vorständen. Sie gehört den Sachbearbeiterinnen, den Erziehern, den Frühschichten, den Werkstudenten — also der Stadt, wie sie tatsächlich ist, nicht wie ihr Briefpapier aussieht.

Die banale Erklärung zuerst: der Stadtplan. Frankfurt ist die kompakteste Großstadt des Landes, und ihr Fluss läuft nicht am Rand entlang, sondern mitten durch die Verwertungszone. Wer im Bankenviertel, im Westend oder in der Innenstadt arbeitet, hat vom Schreibtisch bis ans Wasser selten mehr als fünfzehn Minuten zu Fuß. Der Feierabend beginnt hier nicht mit einer S-Bahn-Fahrt, sondern mit einem Spaziergang bergab. Das erklärt die Menge. Es erklärt noch nicht die Treue.

Denn das 17-Uhr-Sitzen ist kein Zufallspublikum, es ist ein Ritual mit Stammbesetzung und Revieren. Die Sachsenhäuser Seite gehört den Skyline-Romantikern: Von dort steht das Panorama der Türme am schönsten im Abendlicht, weshalb die erste Reihe an der Wasserkante schneller vergeben ist als ein WG-Zimmer im Nordend. Die Nordseite, am Nizza und am Untermainkai, gehört den Feinschmeckern des Lichts — wer dort sitzt, hat die Sonne länger und die Gärten im Rücken. Dazwischen pendelt der Eiserne Steg als Grenzübergang, über den man wechselt, wenn das eigene Ufer voll ist. Und im Osten, am Hafenpark, sitzt die Generation, für die ein Feierabend ohne Basketball nur ein halber ist.

Die breiten Stufen am Nizza-Ufer mit verstreuten Gruppen als Silhouetten, tief stehende Sonne über dem Main, ein Ausflugsschiff in Unschärfe.
02Nizza, Untermainkai, 17:30 Uhr— Die Nordseite hat den Gartenblick, die Südseite die Skyline — verhandelt wird darüber seit Generationen.Foto: Zeit Frankfurt

Die demokratischste Fläche der Stadt

Was mich am Mainufer aber wirklich für diese Stadt einnimmt, ist nicht die Aussicht. Es ist die Zusammensetzung. Auf denselben fünfzig Metern Uferkante sitzen um 17 Uhr: ein Banker, der die Krawatte in die Sakkotasche gestopft hat, als wäre sie ihm peinlich. Drei Kolleginnen aus dem Krankenhaus, noch in Funktionsjacken. Ein Rentner mit Rennrad und Kreuzworträtsel. Zwei Väter mit Kinderwagen im Formationsstand. Jugendliche, deren Bluetooth-Box erstaunlich rücksichtsvoll leise läuft, weil auch das hier offenbar zur Hausordnung gehört. Niemand hat für seinen Platz bezahlt, niemand muss etwas bestellen, niemand wird gefragt, ob er hierhergehört. Das Ufer kennt keine Gästeliste.

Dass diese Selbstverständlichkeit keine ist, merkt man, sobald man die Stadt wechselt. Anderswo sind Flussufer Schnellstraßen, Gewerbeflächen oder so durchgestaltet, dass man sich auf ihnen benimmt wie im Wartezimmer. Frankfurt hat seine Kais über Jahrzehnte Stück für Stück vom Verkehr und vom Umschlag zurückerobert — aus Hafenkante wurde Promenade, aus Parkplatz wurde Wiese, und um jeden Meter wurde ordentlich gestritten, bis hin zur großen Debatte, ob das nördliche Ufer den Autos ganz entzogen werden soll. Das Ergebnis dieser Streitereien sitzt jeden Abend friedlich beieinander und ahnt nichts von ihnen.

Man muss sich klarmachen, wie selten das geworden ist. Die Innenstädte sind voller Flächen, auf denen Aufenthalt nur als Kundschaft vorgesehen ist; wer sitzen will, konsumiert. Das Mainufer ist die große Ausnahme, ein kilometerlanges öffentliches Wohnzimmer, dessen einzige Eintrittskarte der Feierabend ist. Versorgt wird es standesgemäß von der frankfurterischsten aller Institutionen: dem Wasserhäuschen, das für diese Stunden erfunden scheint — kaltes Bier, kalter Schoppen, kurze Wege. Wie tief diese Kioskkultur in der Stadt verwurzelt ist, erzählt unsere Geschichte der Wasserhäuschen; am Ufer kann man ihr täglich bei der Arbeit zusehen.

Das Mainufer ist der einzige Ort der Stadt, an dem niemand fragt, was Sie verdienen, und niemand, was Sie verzehren.

Selbst die Infrastruktur dieses Rituals ist eine Bürgerleistung: Der Eiserne Steg, über den die Sachsenhäuser Seite abends erreicht wird, wurde 1869 nicht von der Obrigkeit gebaut, sondern von einem Verein ungeduldiger Frankfurter — die Geschichte dieser Brücke ist im Grunde die Kurzfassung des ganzen Phänomens. Diese Stadt hat ein altes Talent dafür, sich ihren Fluss selbst zu erschließen, wenn es sonst niemand tut.

Im März ist es Feier, im Juli nur noch Gewohnheit

Dass ich das alles ausgerechnet jetzt schreibe, Ende März, ist kein Zufall. Das 17-Uhr-Sitzen hat nämlich einen Kalender, und sein Feiertag liegt im Frühjahr. Der erste milde Abend des Jahres — Sie kennen ihn: zwölf, dreizehn Grad, aber die Sonne meint es ernst — treibt die Stadt ans Wasser wie ein Signal. Im Juli sitzt man dort aus Gewohnheit, im August aus Hitzeflucht; im März aber sitzt man dort aus Überzeugung, mit Jacke und Gänsehaut, weil man dem Winter beweisen will, dass er verloren hat. Es ist dieselbe Uferkante und doch eine andere Veranstaltung: verfrorener, euphorischer, ehrlicher.

Es gibt übrigens ein untrügliches Zeichen dafür, dass Sie an diesem Ritual länger teilnehmen als eine Saison: Sie entwickeln eine Meinung zu Ihrem Platz. Erst sitzt man irgendwo. Dann merkt man, dass die Wiese unterhalb des Holbeinstegs früher im Schatten liegt als die Stufen am Nizza, dass die Mauer am Sachsenhäuser Ufer die Nachmittagswärme speichert wie ein Kachelofen und dass man am Wochenende zwanzig Meter flussabwärts vom Eisernen Steg sitzen muss, wenn man den Hochzeitsgesellschaften auf der Brücke entgehen will. Irgendwann verteidigt man diese Erkenntnisse in Diskussionen mit einer Ernsthaftigkeit, die einem bei beruflichen Themen längst abhandengekommen ist. Das ist der Moment, in dem Sie angekommen sind.

Man kann dieses Ritual selbstverständlich auch nüchtern betrachten. Stadtplaner nennen so etwas Aufenthaltsqualität, Soziologen sprechen von niedrigschwelligen öffentlichen Räumen, und das Gesundheitsamt hätte zur Glasdichte pro Quadratmeter sicher auch eine Meinung. Alles berechtigt. Aber wer um Viertel nach fünf zwischen Holbeinsteg und Eisernem Steg entlanggeht und die Gesichter Richtung Wasser gewandt sieht, alle in dieselbe Richtung wie im Theater, der ahnt, dass hier mehr verhandelt wird als Aufenthaltsqualität. Hier versichert sich eine Stadt, die tagsüber in Renditen spricht, jeden Abend ihrer selbst: Wir sind auch noch da. Wir, nicht nur unsere Arbeitsplätze.

Zwei gefüllte, beschlagene Apfelweingläser auf einer Sandsteinstufe direkt am Wasser, dahinter der unscharfe Fluss im goldenen Abendlicht.
03Schaumainkai, 18:10 Uhr— Das Inventar des Rituals: zwei Gerippte vom Wasserhäuschen, eine warme Stufe, kein weiterer Bedarf.Foto: Zeit Frankfurt

Für Gründlichkeitsmenschen sei angefügt: Das Ufer kann auch Tagesprogramm. Wer wissen will, wie viel zwischen Hafenpark und Nizza in zwölf Stunden passt, dem sei unser Guide für einen ganzen Tag am Mainufer empfohlen — er beginnt allerdings verdächtig früh am Morgen und verpasst damit, bei allem Respekt, die Pointe. Denn die beste Stunde des Flusses ist nicht die stillste und nicht die sportlichste. Es ist die volle.

Der Eiserne Steg als dunkle Silhouette vor der ersten beleuchteten Skyline, letzte Rückenfiguren auf der Uferwiese in der blauen Stunde.
04Eiserner Steg, 19:25 Uhr— Wenn die Türme ihr Licht anmachen, ist die Vorstellung vorbei — bis morgen, Viertel nach fünf.Foto: Zeit Frankfurt

Sollten Sie also morgen gegen fünf in der Stadt sein und nicht wissen wohin: Gehen Sie bergab. Nehmen Sie nichts mit außer vielleicht zwei Flaschen von einem Büdchen Ihres Vertrauens, suchen Sie sich eine freie Stufe — es gibt immer noch eine — und setzen Sie sich zu uns. Sie müssen mit niemandem reden; ein Nicken genügt, wir sind hier schließlich in Frankfurt. Aber Sie werden Teil einer Verabredung, die diese Stadt jeden Abend aufs Neue trifft, ohne je darüber zu sprechen. Es ist, ich bleibe dabei, die beste Sitzung, die hier stattfindet. Und die einzige ohne Tagesordnung.

Mehr aus Stadtleben

Alle Artikel →