Stadtteile · Guide
Gallus-Guide: Vom Arbeiterquartier zum Europaviertel
Frankenallee und Adlerwerke auf der einen, Europaviertel und Wohntürme auf der anderen Seite: Im Gallus liegen hundert Jahre Stadtgeschichte an einer Kreuzung. Der Guide fragt, wie lange das Nebeneinander von altem Arbeiterquartier und neuem Quartier noch trägt.
Man kann im Gallus an einer einzigen Straßenkreuzung stehen und zwei Städte sehen. Blick nach Süden: die Frankenallee mit ihrer grünen Mittelpromenade, Altbauzeilen, ein Kiosk, Männer beim Kartenspiel auf der Bank. Blick nach Norden: Glastürme, Baukräne, das Europaviertel, eines der größten innerstädtischen Neubaugebiete Deutschlands. Dazwischen liegen keine hundert Meter und ungefähr hundert Jahre. Kein Frankfurter Viertel erzählt die Gegenwart dieser Stadt ehrlicher — und in keinem steht mehr auf dem Spiel.
Das alte Gallus ist ein Kind der Eisenbahn und der Fabriken. Zwischen Gleisfeld und Mainzer Landstraße entstanden ab dem späten 19. Jahrhundert Werkshallen und Arbeiterwohnungen; wer hier lebte, arbeitete bei der Bahn, in den Adlerwerken oder in einem der unzähligen Betriebe dazwischen. Diese Herkunft prägt das Viertel bis heute: Das Gallus gehört zu den internationalsten Stadtteilen Frankfurts, Zuwanderung war hier nie Ausnahme, sondern Betriebsmodell. Warum das im Alltag ein Gewinn ist, hat unsere Autorin in ihrer Liebeserklärung an das Gallus aufgeschrieben.
Die Frankenallee ist der grüne Rücken des alten Gallus
Wer das Viertel kennenlernen will, beginnt auf der Frankenallee. Ihre baumbestandene Mittelpromenade zieht sich kilometerweit durchs Quartier und ist Spielstraße, Hundewiese, Joggingstrecke und Flaniermeile in einem — ein Stück soziale Infrastruktur, das teurere Viertel sich erst mühsam zurückbauen müssen. An ihr entlang reiht sich das Alltagsgallus: Bäckereien, ein halbes Dutzend Küchen der Welt, Vereinslokale, dazwischen Siedlungsbauten aus den Zwanzigern. Die Hellerhofsiedlung, im Rahmen des Neuen Frankfurt nach Plänen von Mart Stam errichtet, gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen des sozialen Wohnungsbaus der Moderne — Architekturgeschichte im Wohnalltag, ganz ohne Museumsschild.

Die Adlerwerke: Industriestolz und dunkelstes Kapitel
Kein Ort verdichtet die Geschichte des Viertels wie der lange Backsteinriegel an der Kleyerstraße. In den Adlerwerken bauten Tausende Beschäftigte Fahrräder, Schreibmaschinen und Automobile; die Marke Adler war um 1900 einer der klingendsten Namen der deutschen Industrie, und das Gallus war stolz darauf. Doch dieselben Hallen wurden 1944/45 zum Ort eines Verbrechens: Im KZ-Außenlager „Katzbach" mussten Häftlinge — die meisten von ihnen nach dem Warschauer Aufstand verschleppte Polen — unter mörderischen Bedingungen für die Rüstungsproduktion arbeiten. Die wenigsten überlebten.
Dass dieses Kapitel jahrzehntelang kaum erzählt wurde, lag nicht an fehlendem Wissen, sondern an fehlendem Willen; erst eine hartnäckige Initiative aus dem Stadtteil erreichte, dass 2022 der Geschichtsort Adlerwerke eröffnet wurde. Die Dauerausstellung im ehemaligen Werksgebäude dokumentiert Zwangsarbeit und Lageralltag und ist bei freiem Eintritt zugänglich — kein bequemer Besuch, aber ein notwendiger, und einer, der das Viertel tiefer erklärt als jede Standortbroschüre.
Die Werksgebäude selbst haben derweil ihr drittes Leben begonnen: In den denkmalgeschützten Hallen und Höfen sitzen heute Büros, Agenturen und Ateliers, und mit dem Gallus Theater hat sich an der Kleyerstraße eine der ältesten freien Bühnen der Stadt eingerichtet — Kindertheater, Tanz und internationales Programm für ein Publikum, das so gemischt ist wie das Viertel. Auf ehemaligen Werksflächen entstand außerdem schon in den Neunzigern der Galluspark, eines der frühen Beispiele dafür, wie Frankfurt Industrieareale in Wohnquartiere verwandelt. Man kann an diesem einen Straßenzug ablesen, wie Strukturwandel aussieht, wenn er halbwegs gelingt: nicht als Abriss, sondern als Umnutzung mit Gedächtnis.
Im Gallus entscheidet sich, ob Frankfurt beides zugleich kann: wachsen und zusammenhalten.
Das Europaviertel ist der große Gegenentwurf
Nördlich der alten Quartiere hat Frankfurt derweil auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs ein komplett neues Stück Stadt errichtet. Das Europaviertel ist mit seiner breiten Europaallee, dem Einkaufszentrum Skyline Plaza und seinen Wohntürmen — allen voran der Grand Tower, Deutschlands höchstes Wohnhochhaus — die wohl konsequenteste Antwort der Stadt auf ihren Wachstumsdruck: Zehntausende leben und arbeiten inzwischen dort, wo vor zwanzig Jahren Container gestapelt wurden. Die seit Jahren im Bau befindliche Verlängerung der U5 soll das Quartier zusätzlich anbinden. Städtebaulich bleibt das Urteil gespalten: viel Investorenarchitektur, wenig Kleinteiligkeit — aber auch mehr Parkfläche und Alltagsleben, als Kritiker dem Viertel anfangs zutrauten.
Spannend ist die Nahtstelle. Denn Europaviertel und altes Gallus teilen sich Schulen, Supermärkte, Spielplätze — und driften bei Einkommen und Mieten doch weit auseinander. Noch funktioniert das Nebeneinander erstaunlich reibungsarm; die Frage ist, wie lange. Steigende Bestandsmieten im alten Gallus sind das Einfallstor der Verdrängung, und jede Modernisierung stellt aufs Neue die Frage, für wen dieses Viertel künftig da sein soll.

Galluswarte, Mainzer Landstraße und der Alltag dazwischen
Seinen Namen trägt der Stadtteil übrigens von einem Turm, der bis heute mitten im Verkehr steht: Die Galluswarte, im 15. Jahrhundert als Teil der Frankfurter Landwehr errichtet, war einst Wachposten der Reichsstadt gegen Westen — heute rauscht die S-Bahn an ihr vorbei, und der Turm gibt der wichtigsten Station des Viertels ihren Namen. Von hier ist es nicht weit zu den Lebensadern des Alltags: Die Mainzer Landstraße versorgt mit allem vom Autohaus bis zum Asia-Großmarkt, während sich rund um Frankenallee und Kriegkstraße die kleinteiligere Mischung hält — internationale Lebensmittelläden, Handwerksbetriebe, Eckkneipen und eine wachsende Zahl von Cafés, die den Wandel ankündigen, lange bevor Makler ihn einpreisen.
Kulinarisch ist das Gallus ohnehin eine Reise wert, die kaum jemand antritt: Wer die beste Pide, das günstigste Mittagsmenü oder den Wochenendeinkauf für eine Großfamilie sucht, wird zwischen Galluswarte und Rebstöcker Straße fündig — zu Preisen, über die man in Bornheim nur noch seufzen kann. Das Grün dazu liefern neben der Frankenallee die Quäkerwiese mit ihren Sportplätzen und der neue Europagarten im Westen des Europaviertels, eine erstaunlich großzügige Parklandschaft, die beide Vierteltypen tatsächlich zusammenbringt: Grillfamilien aus dem alten Gallus, Jogger aus den Türmen, dazwischen die Kinder, denen die Unterscheidung erkennbar egal ist.
Wohnen im Gallus: zwei Märkte, ein Viertel
Für Wohnungssuchende zerfällt das Gallus in zwei Welten. Im Europaviertel wird Neubau zu Preisen aufgerufen, die sich an Westhafen und Ostend orientieren — wer Concierge, Tiefgarage und Skylineblick sucht, wird hier bedient. Das alte Gallus dagegen zählt trotz aller Steigerungen noch zu den moderateren Lagen innerhalb des Alleenrings: viel einfacher Altbau, Genossenschaftsbestände, Siedlungsbauten. Genau diese Kombination aus zentraler Lage und erreichbaren Mieten macht das Viertel für Normalverdiener so wertvoll — und so verwundbar. Ein Sonderfall ist die Mainzer Landstraße selbst: Der Bürokorridor, der das Gallus nach Süden begrenzt, kämpft wie die ganze Stadt mit Leerstand, und einige der in die Jahre gekommenen Verwaltungsbauten werden bereits für Umnutzungen zu Wohnraum diskutiert — gelänge das im größeren Stil, bekäme das Viertel eine dritte Schicht zwischen Altbau und Turm. Ob das Gallus, Bornheim oder doch der Riedberg zu Ihnen passt, klärt übrigens unser großer Stadtteil-Kompass; was Mieterinnen und Mieter hier rechtlich wissen sollten, steht im Überblick zum Mietspiegel 2026.
Wer sich dem Viertel nähern will, dem sei eine einfache Runde empfohlen: von der Galluswarte die Frankenallee nach Westen, mit Pausen nach Kiosklage, dann über die Kleyerstraße zu den Adlerwerken und dem Geschichtsort, anschließend nach Norden ins Europaviertel und über die Europaallee zurück Richtung Skyline Plaza. Zwei Stunden, in denen sich Industriegeschichte, Migrationsgeschichte und Stadtzukunft aneinanderreihen wie sonst nirgends in Frankfurt. Am besten gehen Sie am späten Nachmittag: Dann füllt sich die Frankenallee mit Feierabend, im Europagarten beginnt die Spielplatzzeit, und das Licht steht tief genug, um beiden Vierteln zu schmeicheln — dem alten wie dem neuen.

Bleibt die Frage aus der Überschrift dieses Kapitels der Stadtgeschichte: Kann Frankfurt wachsen und zusammenhalten? Im Gallus lässt sich besichtigen, wie es gelingen könnte — mit robusten Nachbarschaften, öffentlichem Raum, der allen gehört, und einer Erinnerungskultur, die von unten erkämpft wurde. Und es lässt sich besichtigen, woran es scheitern würde: an Mieten, die den Menschen davonlaufen, die dieses Viertel zu dem gemacht haben, was es ist. Das Gallus ist kein fertiges Viertel. Es ist Frankfurts wichtigste offene Frage.
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