Stadtleben · Analyse

Frauenfußball: das Erbe der FFC-Jahre

Sieben Meistertitel, vier Europapokale: Frankfurt war einmal die Hauptstadt des deutschen Frauenfußballs. Wie aus dem 1. FFC die Frauen der Eintracht wurden – und was von der großen Ära bleibt.

Von Tobias Henn 4 Min. Lesezeit
Kleineres Fußballstadion mit überdachter Haupttribüne bei Nachmittagslicht, leere Ränge.
01Stadion am Brentanobad, Rödelheim, 14:50 Uhr— Kompakt und nah am Feld: die heutige Bühne des Frankfurter Frauenfußballs.Foto: Zeit Frankfurt

Wenn heute über die großen Namen des deutschen Frauenfußballs gesprochen wird, fällt ein Wort seltener, als es müsste: Frankfurt. Dabei gab es eine Zeit, da war diese Stadt die Hauptstadt des Frauenfußballs in Deutschland, die erfolgreichste Adresse, der Maßstab. Der Verein, der für diese Ära stand, hieß 1. FFC Frankfurt, und seine Geschichte ist eines der stolzesten Kapitel im Frankfurter Sport.

Die Zahlen dieser Jahre sind bis heute außergewöhnlich. Nach seiner Gründung 1998 gewann der 1. FFC Frankfurt sieben deutsche Meisterschaften und neun Mal den DFB-Pokal. Vier Mal holte der Klub den wichtigsten europäischen Titel – zunächst den UEFA Women's Cup, ab 2009 die Champions League: 2002, 2006, 2008 und, als letzten großen Triumph, 2015 mit dem 2:1 im Finale von Berlin gegen Paris Saint-Germain. Über Jahre zählte der Klub damit zu den ersten Adressen des europäischen Frauenfußballs.

Getragen wurden diese Erfolge von Spielerinnen, die den Frauenfußball weit über Frankfurt hinaus prägten. Birgit Prinz, in Frankfurt geboren und dreifache Weltfußballerin, verkörperte den Klub über mehr als ein Jahrzehnt. Neben ihr standen Nationalspielerinnen wie Steffi Jones, Kerstin Garefrekes oder Saskia Bartusiak – Namen, die für Titel bei Welt- und Europameisterschaften ebenso stehen wie für große Nachmittage im Frankfurter Westen. Auch Dzsenifer Marozsán reifte hier zur Weltklasse, ehe sie 2016 zu Olympique Lyon wechselte. Es war eine Mannschaft, die Maßstäbe setzte, als der Frauenfußball noch um jede Zeile in der Zeitung ringen musste.

Nahaufnahme eines Fußballs auf dem Elfmeterpunkt, kurz geschnittener Rasen.
02Elfmeterpunkt, 15:05 Uhr— Ein Ball, ein Punkt, eine Entscheidung – der Frauenfußball spielt um dieselben Dinge.Foto: Zeit Frankfurt

Der Übergang zur Eintracht

Zum 1. Juli 2020 endete die Ära des eigenständigen Vereins. Der 1. FFC Frankfurt fusionierte mit Eintracht Frankfurt, die Frauenmannschaft wurde Teil des großen Klubs. Manager Siegfried Dietrich, über zwei Jahrzehnte die prägende Figur hinter dem Klub, trug den Zusammenschluss mit. Für die einen war das der logische Schritt, um im professioneller werdenden Frauenfußball mit finanzstarken Konkurrenten aus München, Wolfsburg oder Lyon mitzuhalten. Für die anderen war es der Abschied von einem stolzen, eigenständigen Namen. Beides ist wahr, und beides gehört zur Geschichte.

Unter dem Dach der Eintracht bekam der Frauenfußball in Frankfurt neue Strukturen: die Anbindung an die Nachwuchsarbeit, an die Vermarktung und mediale Reichweite eines Bundesligisten. Die großen Spiele finden längst nicht mehr nur in Rödelheim statt. Für einzelne Toppartien zieht die Mannschaft in den Deutsche Bank Park, wo der Frauenfußball fünfstellige Zuschauerzahlen erreicht – Bilder, von denen die FFC-Generation nur träumen konnte. Der Alltag aber bleibt am Brentanobad, auf dem Platz neben dem Freibad, wo schon der FFC seine großen Jahre erlebte. Zugleich bleibt die Frage, ob die eigene Identität der FFC-Jahre erhalten bleibt oder im Schatten des Männerfußballs verblasst.

Sieben deutsche Meisterschaften, vier Europapokale – diese Bilanz hat in Frankfurt kein Männerverein je erreicht.

Die Redaktion

Was bleibt und was kommt

Das Erbe der großen Jahre wirkt bis heute nach. Es hat gezeigt, dass Frankfurt auch im Frauenfußball Spitzenleistungen hervorbringt, und es hat einer Generation von Spielerinnen und Fans Vorbilder gegeben. Sportlich hat die Eintracht daran angeknüpft: In den vergangenen Spielzeiten mischte die Mannschaft an der Spitze der Frauen-Bundesliga mit, hinter den Dauerrivalen aus Wolfsburg und München, und kehrte in die Champions League zurück – jenen Wettbewerb, den der 1. FFC einst vier Mal gewann. Der Weg zurück an die absolute europäische Spitze aber ist steiniger geworden, seit finanzstarke Klubs den Frauenfußball mit großen Etats professionalisiert haben. Der Kreis schließt sich dennoch, wenn auch unter anderem Namen und Wappen.

Für die Stadt ist der Frauenfußball Teil einer breiteren Sportkultur, die weit über das große Stadion im Stadtwald hinausreicht. Wer die Vielfalt des Frankfurter Fußballs verstehen will, muss auch diese Geschichte kennen – so wie die Meisterjahre der Männer, die wir am Beispiel des Titels von 1959 nachgezeichnet haben. Gespielt wird heute im Stadion am Brentanobad in Rödelheim, einem kompakten Rund mit rund 5.750 Plätzen im Westen der Stadt – klein im Vergleich zur Arena im Wald, aber nah an der Tradition, die hier begann.

An einem Nachmittag am Brentanobad, wenn die Mannschaft aufläuft und sich die Ränge langsam füllen, spürt man beides: das Erbe einer großen Vergangenheit und die Offenheit einer noch unentschiedenen Zukunft. Der Frankfurter Frauenfußball hat schon einmal ganz oben gestanden. Ob er dorthin dauerhaft zurückkehrt, entscheidet sich in den kommenden Jahren – auf demselben Rasen, um dieselben Dinge.

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