Stadtteile · Reportage
Einzug im Schönhofviertel: Ein neues Quartier lernt laufen
Auf dem ehemaligen Siemens-Areal in Bockenheim wächst mit dem Schönhofviertel eines der größten neuen Wohnquartiere Hessens. Die ersten Bewohner sind da, die Chatgruppen voll, der Bäcker fehlt noch: eine Reportage über das Ankommen.
Der Moment, in dem ein Viertel zu leben beginnt, lässt sich ziemlich genau beobachten. Er sieht so aus: Ein Samstagvormittag Ende November, auf der neuen Quartiersstraße stehen drei Umzugstransporter hintereinander, aus dem ersten werden Kartons gereicht, aus dem zweiten ein Sofa, vor dem dritten diskutiert eine Familie, ob das Bücherregal durchs Treppenhaus passt. Zwei Kinder, die sich offensichtlich erst seit Minuten kennen, fahren auf Rollern um einen frisch gepflanzten Baum. Willkommen im Schönhofviertel, Bockenheim, Frankfurts größter Wohnbaustelle — und seit zwei Jahren auch: ein Zuhause.
Wo heute eingezogen wird, wurden hundert Jahre lang Schaltanlagen gebaut. Das Areal zwischen Rödelheimer Landstraße und den Bahngleisen gehörte Siemens; als der Konzern das Werksgelände aufgab, sicherten sich der Projektentwickler Instone und die landeseigene Nassauische Heimstätte die Flächen — und planten dort eines der ambitioniertesten Wohnquartiere Hessens. Über 2.000 Wohnungen für rund 6.000 Menschen sollen am Ende stehen, ein bemerkenswert hoher Anteil davon gefördert und damit auch für Haushalte erschwinglich, die auf dem freien Frankfurter Markt längst keine Chance mehr haben. Die ersten Bewohner kamen 2023, in diesem Jahr wurden weitere Baufelder und die erste Kita bezogen. Fertig sein soll alles Ende 2027.
Die Pioniere haben sich ihr Viertel selbst gebaut — sozial jedenfalls
Wer die frühen Monate erlebt hat, erzählt davon wie von einer Expedition. „Wir hatten eine Wohnung, aber kein Viertel", sagt eine Mutter von zwei Kindern, die zu den Erstbeziehern gehört. Kein Laden, keine Ärztin, kein Spielplatz, der nicht noch hinter Bauzaun lag; dafür Staub, Presslufthämmer ab sieben Uhr und Pakete, die von Zustellern nicht gefunden wurden, weil die Straßen in keinem Navi existierten. Was es aber von Anfang an gab: eine Chatgruppe. Erst eine, dann zwölf. Über sie wurde ein Bohrmaschinenverleih organisiert, ein Babysitter-Tausch, schließlich das erste Hoffest, an dem sich herausstellte, dass in einem einzigen Baufeld Familien aus mehr als zwanzig Ländern wohnen.
Inzwischen haben die informellen Strukturen feste Formen angenommen. Es gibt einen Nachbarschaftstreff in einem Erdgeschossraum, den die Entwickler gestellt haben, ein Quartiersmanagement, eine Krabbelgruppe, eine Gruppe, die sich um die jungen Bäume kümmert und im Sommer Gießpatenschaften vergibt. Das klingt idyllischer, als es ist: In den Chatgruppen wird auch gestritten, über Kinderlärm auf dem Platz, über zugeparkte Feuerwehrzufahrten, über die Frage, ob man im Innenhof grillen darf. Aber genau das, sagt eine Bewohnerin trocken, sei doch der Beweis, dass hier ein echtes Viertel entstehe: „Nachbarschaft merkt man daran, dass sie manchmal nervt."

Der Alltag hinkt dem Rohbau hinterher
Die härteste Währung eines neuen Quartiers ist nicht der Quadratmeterpreis, sondern die Infrastruktur des Alltags — und die kommt grundsätzlich später als die Schlüsselübergabe. Der Bäcker, der ins Erdgeschoss am Quartiersplatz ziehen soll, wird seit Monaten angekündigt; bis dahin bedeutet Sonntagsfrühstück einen Weg hinüber nach Alt-Bockenheim. Der Supermarkt am Rand des Areals hat eröffnet und ist seither chronisch gut besucht. Die neue Kita hat ihre Plätze schneller vergeben, als sie Erzieherinnen einstellen konnte — ein sehr frankfurterisches Problem, das mit dem Viertel wenig und mit dem Arbeitsmarkt viel zu tun hat.
Und dann ist da der Schulweg. Eine eigene Grundschule ist für das Quartier geplant, aber bis sie steht, verteilen sich die Kinder auf die bestehenden Bockenheimer Schulen. Morgens um halb acht kann man am Rand des Areals die Folge besichtigen: Eltern-Kolonnen zu Fuß, mit Lastenrad, mit Roller, die Kinder über die Rödelheimer Landstraße Richtung Bestandsstadt bringen. „Der Weg ist gut machbar, aber er fühlt sich noch nicht selbstverständlich an", sagt ein Vater. Selbstverständlichkeit — vielleicht ist das überhaupt das Wort, auf das hier alle warten. Sie entsteht nicht durch Richtfeste, sondern durch tausendfache Wiederholung: derselbe Weg, derselbe Gruß, dieselbe Bank am Platz.
Zum Alltag gehört auch die Frage, wie man wieder hinauskommt aus dem Quartier. Das Mobilitätskonzept setzt auf kurze Wege: Bahn und Bus liegen am Rand, im Inneren sind die Straßen bewusst schmal gehalten, die Autos verschwinden in Tiefgaragen, dazu kommen Carsharing-Stellplätze und auffällig viele Fahrradbügel. Im Berufsverkehr zeigt sich, dass die Rechnung im Grundsatz aufgeht — und im Detail noch hakt: Die Verbindungen Richtung Innenstadt sind morgens gut gefüllt, und wer mit dem Lastenrad zur Kita will, wünscht sich die versprochene sichere Querung über die Rödelheimer Landstraße herbei. „Wir sind mobiler geplant, als die Umgebung gebaut ist", spottet ein Bewohner — ein Satz, der über vielen neuen Quartieren stehen könnte.
Ein Viertel ist nicht fertig, wenn der letzte Kran verschwindet. Es ist fertig, wenn man morgens Brötchen holen kann.
Das Quartier ist ein Testfall für die wachsende Stadt

Man kann das Schönhofviertel als lokale Geschichte lesen — Bockenheim bekommt einen neuen Baustein, so wie der Stadtteil schon immer Brüche und Neuanfänge verdaut hat, vom Arbeiterquartier zur Universitätsstadt und wieder zurück, nachzulesen in unserem Bockenheim-Guide. Man kann es aber auch größer sehen: als Frankfurts Versuch zu beweisen, dass die Stadt noch bezahlbare Quartiere bauen kann, mitten im Bestand, auf alten Industrieflächen, ohne einen einzigen Acker zu versiegeln. Der hohe Anteil geförderter Wohnungen ist dabei das eigentlich Radikale — er sorgt dafür, dass hier Erzieherinnen neben Unternehmensberatern wohnen, was in Neubauquartieren dieser Größe alles andere als üblich ist.
Der Vergleichsfall, den in Frankfurt alle im Kopf haben, liegt am anderen Ende der Stadt: der Riedberg, jenes Retortenquartier im Norden, das zwei Jahrzehnte brauchte, um von der Planskizze zum erwachsenen Stadtteil zu werden. Vom Riedberg kann das Schönhofviertel zweierlei lernen. Erstens: Es dauert. Die Riedberger warteten Jahre auf Läden, Lokale und ein eigenes Gesicht. Zweitens: Es kommt. Irgendwann sind die Bäume hoch, die Kinder groß, und niemand nennt das Viertel mehr neu. Das Schönhofviertel hat dabei einen strukturellen Vorteil, den der Riedberg nie hatte — es liegt nicht am Stadtrand, sondern zehn Minuten von der Bockenheimer Warte, eingebettet in einen Stadtteil, der bereits alles hat, was dem Neubau noch fehlt.
Interessant ist dabei der Blick auf die Mischung im Detail. Die frei finanzierten Wohnungen liegen auf dem Neubau-Niveau, das in Frankfurt inzwischen üblich ist; die geförderten darunter, gestaffelt nach Programmen, sodass auch mittlere Einkommen eine Chance haben. Entscheidend ist, wie beides verteilt wurde: Gefördert und frei finanziert liegen hier nicht in getrennten Blöcken, sondern oft im selben Treppenhaus — von außen ist der Unterschied nicht zu erkennen. Das ist städtebaulich gewollt und sozial klug, denn es verhindert genau jene Adressbildung, an der andere Quartiere über Jahrzehnte leiden.
Gewohnt wird schon, angekommen wird noch
Bleibt die Frage, wer hier eigentlich ankommt. Die Antwort, so weit sie sich nach zwei Jahren geben lässt: erstaunlich viele Frankfurter. Familien aus Bockenheim und dem Gallus, die im Bestand keine vier Zimmer fanden; Paare, die jahrelang auf dem freien Markt gescheitert sind — wie zermürbend diese Suche sein kann, beschreibt unser Ratgeber zur Wohnungssuche in Frankfurt —; dazu Zuzügler, für die das Quartier der erste Frankfurter Wohnsitz überhaupt ist. Die geförderten Wohnungen, berichtet die Hausverwaltung, waren jeweils um ein Vielfaches überzeichnet. Es ist eben nicht so, dass diese Stadt keine Nachfrage nach Neubau hätte. Sie hat nur zu wenig davon zu Preisen, die Normalverdiener tragen können.

Am frühen Abend, wenn die Bautrupps abgerückt sind, gehört das Viertel ganz seinen Bewohnern. Auf den Balkonen stehen Silhouetten, aus einem offenen Fenster riecht es nach Abendessen, auf dem Platz dreht ein Mädchen unermüdlich Runden auf dem Fahrrad, das ihr sichtbar zu groß ist — hineinwachsen ist hier offenbar Programm. Zwei Etagen darüber sind die Fenster noch dunkel, Baufeld sechs, Bezug nächstes Jahr. So wird es weitergehen, Feld für Feld, bis Ende 2027: Das Schönhofviertel ist ein Quartier, das laufen lernt, während es noch gebaut wird. Man kann ihm dabei zusehen. Es lohnt sich.
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