Kultur · Liste

Acht unterschätzte Museen, die Frankfurt besser erklären

Jenseits von Städel und Senckenberg wartet Frankfurts zweite Museumsreihe — acht Häuser, die die Stadt oft besser erklären als ihre Klassiker, vom Caricatura Museum bis zum kostenlosen Geldmuseum der Bundesbank. Zu jedem Haus: warum es sich lohnt, das eine Highlight und der realistische Zeitbedarf.

Von Lukas Schardt Aktualisiert am 8 Min. Lesezeit
Der stille Kreuzgang des Karmeliterklosters mit jahrhundertealten Wandmalereien im weichen Seitenlicht.
01Karmeliterkloster, 10:20 Uhr— Stille im Kreuzgang, weiches Seitenlicht auf jahrhundertealten Wandmalereien — und keine Schlange am Eingang.Foto: Zeit Frankfurt

Frankfurts Museumslandschaft hat ein Luxusproblem: Ihre erste Reihe ist so gut, dass die zweite kaum jemand betritt. Das Städel zieht die Kunstfreunde, Senckenberg die Familien, dazwischen pendeln die Besucherströme — und links und rechts davon liegen Häuser, die leiser sind, kleiner, oft günstiger und in einem Punkt regelmäßig überlegen: Sie erklären diese Stadt. Ihre Widersprüche, ihr Geld, ihren Witz, ihre Wunden. Diese Liste versammelt acht unterschätzte Museen, zu jedem das eine Highlight und den realistischen Zeitbedarf. Gemeinsam ergeben sie ein Frankfurt-Porträt, das kein einzelnes großes Haus liefern kann.

Zur Auswahl: „Unterschätzt" heißt hier nicht klein oder verschroben, sondern schlicht — im Verhältnis zur Qualität zu wenig besucht. Alle acht Häuser sind professionell geführte Museen mit festen Öffnungszeiten und regelmäßigen Wechselausstellungen; keines ist ein Kuriositätenkabinett. Und alle acht haben den Test bestanden, den die großen Häuser naturgemäß nicht bestehen können: Man kommt an einem Samstagnachmittag hinein, ohne dass zwischen Exponat und Betrachter drei Reihen Hinterköpfe stehen.

Komik und Ikonen: zwei Häuser, die niemand hier erwartet

1. Caricatura Museum für Komische Kunst, Weckmarkt 17. Dass ausgerechnet die Stadt der Banken das Museum der deutschen Satire beherbergt, ist selbst schon eine Pointe. Im gotischen Leinwandhaus beim Dom residiert die Komische Kunst der Neuen Frankfurter Schule — jener Zeichner und Autoren um Titanic und Pardon, die von Frankfurt aus die Bundesrepublik verspotteten: F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, F. K. Waechter und Kollegen. Das Highlight: die Bestände der Zeichner im Dauerprogramm, dazu Wechselausstellungen, die zuverlässig zum Lachen im Museumston führen — halblaut, aber ehrlich. Zeitbedarf: eineinhalb Stunden, mit Lesepausen mehr.

Das Caricatura ist nebenbei auch der beste Ort, um zu verstehen, warum Frankfurt und Satire ein altes Paar sind: Die Redaktionen von Pardon und später Titanic saßen hier, die Zeichner wohnten um die Ecke, und der Ton der Stadt — freundlich unbeeindruckt von jeder Wichtigkeit — ist bis heute ihr bester Nährboden.

2. Ikonenmuseum, Brückenstraße 3–7. Am Sachsenhäuser Brückenkopf, im barocken Deutschordenshaus, liegt einer der stillsten Räume der Stadt: das Ikonenmuseum mit seiner Sammlung ostkirchlicher Kunst — Heiligenbilder aus Russland, Griechenland, vom Balkan, gemalt über fünf Jahrhunderte. Man muss nicht orthodox und nicht einmal religiös sein, um hier etwas zu erleben; es genügt, im abgedunkelten Saal vor dem alten Gold zu stehen. Das Highlight ist genau diese Stimmung. Zeitbedarf: eine Stunde — eine sehr langsame.

Die barocke Fassade des Deutschordenshauses in Sachsenhausen unter blauem Himmel.
02Deutschordenshaus, Sachsenhausen, 11:35 Uhr— Barock am Brückenkopf: Hinter dieser Fassade hütet das Ikonenmuseum seine goldenen Bestände.Foto: Zeit Frankfurt

Am Schaumainkai lohnt der Blick neben die Klassiker

3. Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53. Es steht mitten am Museumsufer und wird trotzdem chronisch übergangen — zu Unrecht, denn kaum ein Haus der Stadt funktioniert für gemischte Gruppen so gut. Das Museum für Kommunikation erzählt, wie Menschen einander Nachrichten schicken: von der Postkutsche über das Telefon bis zum Datenpaket. Vieles darf angefasst, gedreht und ausprobiert werden, weshalb das Haus mit Kindern ebenso funktioniert wie mit technikhistorisch gestimmten Erwachsenen. Highlight: die alten Apparate in Aktion — und die stets klugen Wechselausstellungen zur digitalen Gegenwart. Zeitbedarf: zwei Stunden aufwärts. Wer ohnehin am Ufer unterwegs ist, nimmt es in die große Route auf.

4. Weltkulturen Museum, Schaumainkai 29–37. Ein paar Häuser weiter, in drei Gründerzeitvillen, arbeitet das Weltkulturen Museum an einer der schwierigsten Aufgaben des Museumsbetriebs: eine ethnologische Sammlung von rund 65.000 Objekten zeitgemäß zu zeigen — mit offenem Umgang mit der eigenen kolonialen Sammlungsgeschichte. Das Ergebnis sind konzentrierte, thesenstarke Ausstellungen statt Vitrinen-Vollständigkeit. Highlight: genau dieser Zuschnitt — man verlässt das Haus mit einer Frage mehr, im besten Sinn. Zeitbedarf: eineinhalb Stunden.

Zwei Häuser tragen die schwerste Geschichte der Stadt

5. Museum Judengasse, Battonnstraße 47. Unter einem Verwaltungsbau am Börneplatz liegen die freigelegten Fundamente der Frankfurter Judengasse — jenes Ghettos, in dem die Stadt ihre jüdische Bevölkerung drei Jahrhunderte lang zwangsweise zusammendrängte. Das Museum baut seine Erzählung buchstäblich auf diesen Fundamenten auf: Alltag, Handel, Religion und Enge der Frühen Neuzeit, dargestellt am Originalort. Highlight: der Moment, in dem man begreift, dass man nicht vor Geschichte steht, sondern in ihr. Zeitbedarf: eineinhalb Stunden, mit dem alten jüdischen Friedhof nebenan mehr.

6. Institut für Stadtgeschichte, Münzgasse 9. Das Karmeliterkloster ist der vielleicht schönste Gratis-Ort der Innenstadt: ein spätgotisches Kloster mit stillem Kreuzgang und dem größten mitteleuropäischen Wandgemäldezyklus seiner Zeit, gemalt von Jerg Ratgeb. Hier arbeitet das Stadtarchiv, und seine Ausstellungen erzählen Frankfurter Geschichte aus erster Quelle — Urkunden, Fotografien, Pläne. Highlight: der Kreuzgang selbst, in dem man mittags oft völlig allein ist. Zeitbedarf: eine Stunde, als Verschnaufpause zwischen Zeil und Main unbezahlbar.

Eine goldglänzende Ikone im abgedunkelten Ausstellungsraum, hochformatige Nahaufnahme.
03Ikonenmuseum, 12:10 Uhr— Gold auf Holz, Jahrhunderte alt: Im halbdunklen Saal leuchten die Ikonen aus sich selbst.Foto: Zeit Frankfurt

Geld und Struwwelpeter: die Sonderlinge erklären am meisten

Beide Häuser zeigen im Übrigen, wie unterschiedlich Erinnerungsarbeit aussehen kann: Das Museum Judengasse konfrontiert mit dem Originalort, das Stadtarchiv mit dem Originaldokument. Wer die beiden an einem Tag besucht — sie liegen nur wenige Gehminuten auseinander —, bekommt eine Ahnung davon, wie viele Schichten unter dieser glatt sanierten Innenstadt liegen. Es ist die vielleicht lehrreichste Zwei-Stationen-Route, die Frankfurt zu bieten hat, und sie kostet weniger als ein Kinobesuch.

7. Geldmuseum der Bundesbank, Wilhelm-Epstein-Straße 14. Etwas außerhalb, am Rand des Dornbuschs, unterhält die Deutsche Bundesbank ein Museum über das Thema, mit dem diese Stadt nun einmal verheiratet ist: Geld. Von der Muschelwährung bis zur Geldpolitik der Gegenwart wird hier erklärt, was Geld ist, wie es entsteht und warum es seinen Wert behält oder verliert — modern inszeniert, interaktiv und komplett kostenlos. Highlight: der echte Goldbarren, den man anfassen darf. Unser Test hat dem Haus ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt. Zeitbedarf: zwei Stunden.

Das Geldmuseum ist zugleich das beste Beispiel dafür, warum sich der Weg aus dem Zentrum lohnen kann: Es liegt abseits der Museumsrouten an der Bundesbank-Zentrale, und genau deshalb hat man hier selbst sonntags Platz und Zeit. Wer mit Kindern kommt, findet erstaunlich viel zum Ausprobieren; wer mit Gästen aus dem Ausland kommt, findet die Frankfurter Kernkompetenz erklärt — auf Deutsch und Englisch, und eben gratis.

8. Struwwelpeter Museum, Hinter dem Lämmchen 2–4. Das kleinste Haus dieser Liste steht mitten in der Neuen Altstadt und gehört zu ihren besten Argumenten: das Museum über Heinrich Hoffmann, den Frankfurter Arzt, der 1844 für seinen Sohn ein Bilderbuch zeichnete — den „Struwwelpeter", eines der meistübersetzten deutschen Bücher überhaupt. Das Museum zeigt beides: das Buch mit seiner Wirkungsgeschichte und Hoffmann selbst, der als Psychiater seiner Zeit weit voraus war. Highlight: die internationalen Struwwelpeter-Ausgaben — und das Verkleidungszimmer, das Kinder erfahrungsgemäß erst nach Protest wieder verlassen. Zeitbedarf: eine Stunde.

Wer Frankfurt wirklich verstehen will, geht dorthin, wo keine Touristenbusse halten — die zweite Reihe erklärt die Stadt oft besser als die erste.

Die zweite Reihe hat einen unschlagbaren Vorteil

Natürlich ließe sich die Liste verlängern — Frankfurt hat noch mehr zweite Reihe, vom Fotografie Forum in der Innenstadt über das Bibelhaus am Museumsufer bis zum Eintracht-Museum im Stadion, das an Spieltagen seine ganz eigene Liturgie entfaltet. Dass acht Plätze nicht reichen, ist am Ende die beste Nachricht dieses Textes: Die Dichte an besuchenswerten Häusern ist in dieser Stadt so hoch, dass selbst die Geheimtipps Konkurrenz haben. Betrachten Sie diese Auswahl also als Anfang, nicht als Kanon.

Acht Häuser, acht Blickwinkel — und ein gemeinsamer Nenner: In keinem davon müssen Sie anstehen. Die unterschätzten Museen bieten, was den großen längst abhandengekommen ist: Ruhe vor dem Exponat, Personal mit Zeit für Fragen, Eintrittspreise, die spontane Besuche erlauben — oder gar keine. Es sind Museen, wie Museen einmal gemeint waren: Orte zum Verweilen, nicht zum Durchschleusen.

Fachwerkgiebel der Neuen Altstadt im warmen Abendlicht, eine Gasse führt auf den Domturm zu.
04Neue Altstadt, 20:15 Uhr— Zwischen Giebeln und Domturm liegt das kleinste Haus dieser Liste — der Struwwelpeter wohnt mittendrin.Foto: Zeit Frankfurt

Und sie erzählen zusammen eine Geschichte, die keine Imagebroschüre so ehrlich hinbekäme: eine Stadt, die mit Geld umgehen kann und darüber lacht, die ihre Schuld nicht versteckt und ihre Käuze verehrt, die Ikonen sammelt und Karikaturen dazu. Wer Gäste hat, die Frankfurt schon zu kennen glauben, schicke sie in eines dieser acht Häuser. Sie kommen mit einer anderen Stadt zurück.

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