Kultur · Guide

Das Museumsufer an einem Tag: Die perfekte Route

Zwischen Eisernem Steg und Friedensbrücke liegen mehr Museen als in mancher Landeshauptstadt. Unsere Tagesroute vom Städel bis zum Ikonenmuseum rechnet ehrlich — mit Zeitangaben pro Haus, der richtigen Pause am Ufer und den Tickets, die den Tag günstiger machen.

Von Lukas Schardt 7 Min. Lesezeit
Die Platanenallee am Schaumainkai mit den Museumsvillen des Frankfurter Museumsufers im weichen Morgenlicht.
01Schaumainkai, 9:15 Uhr— Die Platanenallee im Morgenlicht — hinter den Stämmen reihen sich mehr Museen als in mancher Landeshauptstadt.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt Städte, die verteilen ihre Museen großzügig über das Stadtgebiet, damit jedes ein wenig Aufmerksamkeit bekommt. Frankfurt hat das Gegenteil getan: Zwischen Eisernem Steg und Friedensbrücke stehen am Sachsenhäuser Mainufer die Häuser so dicht beieinander, dass man vom Kassentresen des einen fast den Eingang des nächsten sieht. Das Museumsufer ist ein Glücksfall — und eine Falle. Denn wer an einem einzigen Tag „alles mitnehmen" will, erlebt verlässlich das Gegenteil von Kunst: Sättigung ohne Geschmack. Dieser Guide schlägt deshalb keine Vollständigkeit vor, sondern eine Dramaturgie. Ein Tag, fünf Stationen, ehrliche Zeitangaben — und der Mut, an Türen vorbeizugehen.

Vorab die wichtigste Regel, die zugleich die Überschrift dieses Textes erklärt: Das Museumsufer funktioniert wie ein Menü. Es gibt einen Hauptgang, es gibt Beilagen, es gibt ein Dessert — aber niemand bestellt die ganze Karte. Rechnen Sie mit fünf bis sechs Stunden reiner Museumszeit; alles darüber ist Selbstüberschätzung, und die rächt sich am Museumsufer schneller als anderswo, weil das nächste Meisterwerk immer nur hundert Meter entfernt hängt.

Der Vormittag gehört dem Städel — und zwar ganz

Beginnen Sie um 9.30 Uhr, wenn die Türen öffnen, im Städel Museum. Nicht, weil es das berühmteste Haus der Reihe ist, sondern weil es das anspruchsvollste ist: 700 Jahre Kunst, von den alten Meistern über die Moderne bis zur Gegenwart in den unterirdischen Gartenhallen, deren runde Oberlichter Sie später vom Rasen aus wiedersehen werden. Zweieinhalb Stunden sind hier eine realistische, keine üppige Zeitspanne — und sie reichen nur, wenn Sie auswählen. Unsere Empfehlung für Erstbesucher: die Altmeister-Etage für die Ehrfurcht, die Moderne für die Erzählung, die Gartenhallen für den Kontrast. Wie dieses Haus entstand — als Stiftung eines Bankiers ohne Erben, gegen den erbitterten Widerstand seiner Verwandtschaft —, erzählt unsere Geschichte des Städel; sie macht den Besuch doppelt lesenswert.

Um kurz nach zwölf stehen Sie wieder im Tageslicht. Widerstehen Sie dem Reflex, sofort das nächste große Haus zu betreten — der Weg führt stattdessen zweihundert Meter flussaufwärts zur schönsten Beilage des Menüs.

Der grüne Garten des Städel mit den runden Oberlichtern der unterirdischen Gartenhallen unter blauem Himmel.
02Städel-Garten, 10:40 Uhr— Unter dem Rasen liegt die Gegenwartskunst: Die runden Oberlichter des Erweiterungsbaus sind selbst ein Ausstellungsstück.Foto: Zeit Frankfurt

Das Liebieghaus ist die unterschätzte Perle der Reihe

Die Liebieghaus Skulpturensammlung residiert in einer Gründerzeitvilla mit Garten und versammelt fünf Jahrtausende Bildhauerei — von Ägypten über die Antike bis zum Barock. Eine Stunde genügt hier tatsächlich, und sie ist eine der lohnendsten des Tages: Nach der Bilderflut des Städel wirkt die Konzentration auf Körper, Stein und Holz wie ein Sorbet zwischen den Gängen. Dazu kommt die Atmosphäre des Hauses selbst, halb Museum, halb Wohnsitz eines exzentrischen Sammlers. Wer im Sommer kommt, trinkt danach einen Kaffee im Garten unter alten Bäumen — einer der stillsten Orte Sachsenhausens.

Noch ein Wort zum Rhythmus: Planen Sie die Wege zwischen den Häusern bewusst als Pausen ein. Die zweihundert bis vierhundert Meter unter den Platanen sind keine verlorene Zeit, sondern der Taktgeber des Tages — hier sortiert sich, was Sie gerade gesehen haben, bevor das nächste Haus neue Bilder darüberlegt. Wer vom Museumsufer erschöpft heimkehrt, hat fast immer diesen Fehler gemacht: zu viel Saal, zu wenig Allee.

Dann: Mittagspause, und zwar draußen. Das Ufer selbst ist die beste Kantine des Museumsufers — Bänke unter Platanen, der Blick auf Skyline und Fluss, samstags dazu der Trubel des Flohmarkts am Schaumainkai. Wer es bewirtet mag, findet an der Schweizer Straße auf halber Höhe alles von der Apfelweinwirtschaft bis zum Café. Und wer die Pause zum Spaziergang dehnen will, geht über den Eisernen Steg ans andere Ufer und zurück: fünfzehn Minuten, ein Dom, eine Skyline, null Eintritt.

Das Museumsufer funktioniert wie ein Menü — wer alles bestellt, genießt nichts.

Der Nachmittag verlangt kompaktere Häuser

Gegen 14.30 Uhr beginnt die zweite Halbzeit, und jetzt zahlt sich Dramaturgie aus: Nach dem großen Kunstprogramm des Vormittags folgen zwei Häuser, die anders funktionieren — sinnlicher, verspielter, schneller. Zuerst das DFF, das Deutsche Filminstitut & Filmmuseum: anderthalb Stunden zwischen Laterna magica, Schneideraum und Soundkulissen, ein Museum, das man weniger betrachtet als bedient. Es ist der ideale Ort für den Durchhänger nach dem Mittagessen, weil es Aufmerksamkeit nicht voraussetzt, sondern erzeugt. Familien können den Tag ohnehin um das DFF herum bauen.

Danach, direkt nebenan, das Museum für Kommunikation: eine Stunde für die Geschichte des Nachrichtenwesens von der Postkutsche bis zum Smartphone, erzählt mit einem Augenzwinkern, das man staatlichen Sammlungen selten zutraut. Wenn die Füße jetzt streiken, ist das der Moment für eine ehrliche Entscheidung: aufhören, solange es schön ist. Wenn nicht, wartet ein Geheimtipp als Digestif — das Ikonenmuseum im barocken Deutschordenshaus an der Brückenstraße, wenige Minuten flussabwärts hinter dem Eisernen Steg. Ein kleines, dunkles, konzentriertes Haus voller Goldgrund, in einer halben Stunde zu sehen und in seiner Stille der perfekte Kontrapunkt zum Tag.

Blick über den Eisernen Steg mit Fußgängern von hinten, dahinter erhebt sich der Kaiserdom.
03Eiserner Steg, 13:10 Uhr— Die Mittagspause gehört dem Fluss: Wer über den Steg geht, hat Dom und Skyline in einem Blick.Foto: Zeit Frankfurt

Für alle, deren Interessen anders liegen, lässt sich die Route an zwei Stellen elegant umbauen. Wer Design und Alltagskultur der Kunst vorzieht, ersetzt das Liebieghaus durch das Museum Angewandte Kunst in seinem lichten weißen Bau samt historischer Villa Metzler — eine gute Stunde, die sich anfühlt wie ein Spaziergang durch gut sortierte Jahrhunderte. Und wer den Blick über Europa hinaus sucht, nimmt statt des Nachmittagsprogramms das Weltkulturen Museum, das in drei Ufer-Villen auf engem Raum erstaunlich große Fragen verhandelt. Die Grundregel bleibt in jeder Variante dieselbe: ein großes Haus am Vormittag, zwei kleinere am Nachmittag, dazwischen der Fluss.

Mit dem richtigen Ticket wird der Tag deutlich günstiger

Zur Ökonomie des Unternehmens: Wer drei oder mehr Häuser besucht, sollte nicht einzeln zahlen. Das MuseumsuferTicket gilt an zwei aufeinanderfolgenden Tagen für fast alle Museen der Stadt und amortisiert sich ungefähr ab dem dritten Haus — es ist das richtige Format für genau diese Route, zumal Sie den zweiten Tag als Verlängerung nutzen können, falls das Städel doch mehr Zeit verdient hätte. Wer in Frankfurt oder der Umgebung wohnt, fährt mit der MuseumsuferCard besser: ein Jahr freier Eintritt, und aus dem Museumsmarathon wird ein Abonnement mit vielen kleinen Besuchen — die zivilisierteste Art, dieses Ufer zu nutzen. Beide gibt es an den Museumskassen; die aktuellen Preise erfragen Sie dort oder online.

Auch die Anreise gehört zur Planung: Das Museumsufer hat keine eigene Parklandschaft, und die Uferstraße ist samstags durch den Flohmarkt ohnehin dicht. Kommen Sie mit der U-Bahn bis Schweizer Platz und gehen Sie die Schweizer Straße hinunter zum Fluss — fünf Minuten, die als Einstimmung taugen, weil sich das bürgerliche Sachsenhausen hier von seiner freundlichsten Seite zeigt. Von der Innenstadt aus ist der Fußweg über den Eisernen Steg ohnehin die schönste Anfahrt: Sie beginnen den Museumstag mit dem besten kostenlosen Panorama der Stadt.

Zwei Planungshinweise noch, damit der Tag nicht an Formalien scheitert. Erstens: Montags haben die meisten Häuser geschlossen — diese Route ist eine Dienstag-bis-Sonntag-Route. Zweitens: Die Schirn Kunsthalle, die viele Besucher am Ufer vermuten, liegt erstens ohnehin auf der anderen Mainseite an der Altstadt und gastiert zweitens während ihrer Sanierung derzeit in Bockenheim — was es damit auf sich hat, beschreibt unser Besuch in der alten Dondorf-Druckerei. Und falls Sie Ihren Museumstag lieber gleich ins größte Fest des Jahres legen wollen: Ende August öffnen alle Häuser beim Museumsuferfest zum kleinen Pauschalpreis des Festbuttons — allerdings mit erheblich mehr Publikum.

Eine Gründerzeitvilla des Museumsufers hinter Platanenstämmen in der tief stehenden Abendsonne.
04Schaumainkai, 18:50 Uhr— Feierabend am Ufer: Die Villen der Museen leuchten am schönsten, wenn ihre Türen gerade geschlossen haben.Foto: Zeit Frankfurt

Wenn gegen 18 Uhr die Türen hinter Ihnen schließen, gehen Sie noch einmal die Allee entlang, flussaufwärts, die Sonne tief zwischen den Platanenstämmen. Die Villen der Museen leuchten jetzt am schönsten — von außen, mit geschlossenen Türen, als wollten sie daran erinnern, dass auch das Nichtgesehene zu einem guten Museumstag gehört. Sie haben heute fünf Häuser erlebt und vielleicht fünfzehn ausgelassen. Das ist kein Versäumnis, sondern der Sinn dieses Ufers: Es ist nicht für einen Tag gebaut, sondern für ein Leben in dieser Stadt. Der Rest der Karte läuft nicht weg.

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