Stadtleben · Reportage

Im Schönhof-Viertel wächst Bockenheims neues Quartier

Auf dem früheren Siemens-Areal in Bockenheim entsteht mit rund 2.000 Wohnungen eines der größten neuen Quartiere Frankfurts — und eines der größten Holzbau-Quartiere Deutschlands. Ein Tag zwischen Kränen, frisch bezogenen Balkonen und der ersten Kita: Wer zieht hierher, wer kann es sich leisten, und was heißt das für das alte Bockenheim?

Von Johanna Roth 7 Min. Lesezeit
Panorama der Baustelle im Schönhof-Viertel mit Kränen über hellen Holzhybrid-Rohbauten im warmen Nachmittagslicht.
01Schönhof-Viertel, Bockenheim, 15:40 Uhr— Kräne über hellen Holzhybrid-Rohbauten — auf dem früheren Siemens-Areal entsteht eines der größten neuen Quartiere der Stadt.Foto: Zeit Frankfurt

Der Morgen im Schönhof-Viertel beginnt zweistimmig. Von Osten, wo die Kräne stehen, kommt das Piepen der Baufahrzeuge; von Westen, aus den fertigen Blöcken, das Klappern von Geschirr hinter gekippten Fenstern. Dazwischen liegt eine Straße, die so neu ist, dass das Navigationsgerät sie noch nicht in jeder Version kennt. Auf dem früheren Siemens-Areal an der Rödelheimer Landstraße in Bockenheim entsteht eines der größten neuen Wohnquartiere Frankfurts — rund 2.000 Wohnungen, entwickelt von Instone Real Estate gemeinsam mit der Nassauischen Heimstätte. Und weil hier in großem Stil mit Holzhybrid-Bauweise gearbeitet wird, gilt das Viertel zugleich als eines der größten Holzbau-Quartiere Deutschlands. Ein Tag zwischen Kränen, Kartons und Kita-Eingewöhnung.

Wer das Viertel zum ersten Mal betritt, merkt schnell, dass hier nicht einfach Häuser entstehen, sondern eine Reihenfolge: Erst kamen die Wohnblöcke im Westen, dann die Kita, dann der Supermarkt, jetzt wachsen Park und Schule — die Infrastruktur läuft dem Einzug hinterher, aber nicht weit. Das unterscheidet das Schönhof-Viertel von manch anderem Neubaugebiet, in dem jahrelang gewohnt wurde, bevor es den ersten Bäcker gab.

Um kurz nach sieben stehen die ersten Handwerker vor dem Bauzaun, Thermoskannen in der Hand. Ein Polier, seit über dreißig Jahren auf Baustellen, zeigt auf die hellen Wandelemente, die ein Kran gerade über die Straße hebt. „Das da ist eine halbe Wohnung", sagt er. „Wand, Fenster, Leitungsschächte — vorgefertigt angeliefert, eingehängt, verschraubt. Früher hätten wir dafür gemauert, geschalt, betoniert, wochenlang." Holzhybrid heißt: Decken und Treppenhäuser aus Beton, wo Statik und Brandschutz es verlangen, tragende Wände und Fassadenelemente aus Holz, wo es geht. „Holz riecht anders, klingt anders, verzeiht anders", sagt der Polier. „Man arbeitet leiser. Das klingt esoterisch, ist aber einfach so."

Die Ersten sind da, und sie richten sich ein

Ein paar Hundert Meter weiter westlich ist die Baustelle schon Erinnerung. Vor einem der fertigen Blöcke stapeln sich an diesem Vormittag Umzugskartons, ein Sprinter steht in zweiter Reihe, was hier noch niemanden stört. Im dritten Stock öffnet eine Frau Mitte dreißig die Balkontür; sie ist mit ihrer Familie vor einigen Monaten eingezogen, aus einer Altbauwohnung im Gallus. „Wir haben sechs Jahre gesucht", sagt sie. „Am Ende war es die nüchterne Rechnung: drei Zimmer, Balkon, Kita im Erdgeschoss des Nachbarhauses. So etwas gab es für uns sonst nirgends in der Stadt." Dass ihr Haus zu den geförderten gehört, erzählt sie ohne Umschweife: „Ohne den geförderten Anteil wären wir nicht hier. Punkt."

Dieser Anteil ist kein Zufall, sondern Programm: Im Schönhof-Viertel mischen sich geförderte, frei finanzierte und Eigentumswohnungen, so sehen es die städtischen Vorgaben für neue Quartiere vor. Wie die Mischung im Alltag funktioniert, lässt sich noch nicht abschließend sagen — dafür ist das Viertel zu jung. Sichtbar ist sie aber schon: Im Innenhof begegnen sich an diesem Nachmittag ein Laufrad, ein Lastenrad und ein Rollator, und keiner der drei wirkt wie ein Statist. Wie sich die ersten Wochen im Quartier anfühlten, haben unsere Kollegen bereits im Herbst beschrieben, als die ersten Mieter einzogen; inzwischen ist aus dem Provisorium erkennbar Alltag geworden.

Neue Fassaden mit hellen Holzelementen und ersten bewohnten Balkonen, davor stehen gestapelte Umzugskartons auf dem Gehweg.
02Schönhof-Viertel, 10:15 Uhr— Links wird noch verputzt, rechts stehen schon Kartons: Einzug und Baustelle liegen hier eine Hausnummer auseinander.Foto: Zeit Frankfurt

Eine Schule mit Wohnungen auf dem Dach ist das Wahrzeichen des Viertels

Das ungewöhnlichste Gebäude des Quartiers steht an seinem Rand und ist beides zugleich: Schule und Wohnhaus. In den unteren Geschossen entsteht eine Grundschule für mehrere Hundert Kinder, darüber liegen Mietwohnungen, der größte Teil davon gefördert — eine Hybridschule, die erste ihrer Art in Hessen. Man kann das als Platznot lesen oder als Programm: In einer Stadt, in der Boden das knappste Gut ist, wird gestapelt, was früher nebeneinanderlag. Eine Erzieherin, die in der ersten Kita des Viertels arbeitet, formuliert es an diesem Mittag pragmatischer: „Die Kinder hier wachsen mit Kränen auf. Für die ist Baustelle kein Ausnahmezustand, sondern Kulisse. Die malen Bagger, wie andere Kinder Pferde malen."

Dass hier überhaupt gebaut werden kann, verdankt das Viertel einer Frankfurter Konstante: dem Rückzug der Industrie. Jahrzehntelang war das Areal Werksgelände, zuletzt von Siemens genutzt, abgeriegelt und im Stadtplan ein weißer Fleck zwischen Bockenheim und Rödelheim. Als die Flächen frei wurden, griff die Stadt zu — nicht mit einem Bürostandort, wie es frühere Jahrzehnte reflexhaft getan hätten, sondern mit Wohnungen, deren Mangel inzwischen jede andere Standortfrage überlagert. Die Bahngleise im Norden, einst Standortvorteil fürs Werk, sind heute Lärmquelle und Lagegunst zugleich: Sie verlangen Schallschutz, bringen aber die S-Bahn in Laufweite und die Innenstadt auf wenige Minuten heran.

Grün ist trotzdem eingeplant, und zwar nicht als Restfläche: Herzstück des Quartiers ist ein großer Park, dessen Wiesen und Baumreihen mit gespeichertem Regenwasser bewässert werden sollen. An seinem Rand sitzen am Nachmittag zwei Rentner aus dem alten Bockenheim auf einer neuen Bank, skeptisch und interessiert zugleich. „Früher sind wir hier am Zaun vorbeigelaufen, Siemens, Werksgelände, kein Durchkommen", sagt einer. „Jetzt gehe ich quer durch. Das ist erst mal ein Gewinn, das muss man sagen."

Holz riecht anders, klingt anders, verzeiht anders — eine Baustelle wie diese verändert auch die, die auf ihr arbeiten.

Die Frage nach dem Preis stellt Bockenheim sich selbst

Natürlich ist das Schönhof-Viertel auch eine Rechenaufgabe. Neubau ist teuer, Holzbau nicht billiger, und die frei finanzierten Mieten liegen spürbar über dem, was im Bockenheimer Bestand üblich war — was auch immer üblich heißt in einer Stadt, deren Mietniveau seit Jahren nur eine Richtung kennt. Was der aktuelle Mietspiegel fürs Viertel bedeutet, führt an dieser Stelle zu weit; die kurze Version lautet: Wer neu baut, vermietet über dem Schnitt, und wer gefördert wohnt, braucht einen Berechtigungsschein und Geduld auf der Warteliste. Die Sorge im alten Bockenheim ist weniger das neue Quartier selbst als sein Echo — steigende Vergleichsmieten, steigende Erwartungen der Eigentümer ringsum.

Zugleich profitiert das alte Viertel sichtbar: Die Leipziger Straße bekommt einige Tausend neue Kunden, die Kitas des Quartiers entlasten die Wartelisten der Umgebung, und die neue Wegeverbindung über das ehemalige Werksgelände verkürzt Wege, die jahrzehntelang Umwege waren. Wer das Umfeld erkunden will, findet in unserem Bockenheim-Guide die Gegenprobe: ein gewachsenes Viertel, das Brüche kennt — vom Campus-Abschied bis zum Strukturwandel der Leipziger Straße — und bislang jeden verdaut hat.

Am Abend zeigt sich, was aus dem Reißbrett geworden ist

Ein Kind fährt auf einem Laufrad über den frisch gepflasterten Innenhof eines Neubaublocks, von hinten aufgenommen.
03Schönhof-Viertel, Innenhof, 16:30 Uhr— Die ersten Runden auf neuem Pflaster — die Höfe sind autofrei geplant, die Kinder haben das zuerst verstanden.Foto: Zeit Frankfurt

Gegen sechs füllt sich der Innenhof des westlichen Blocks. Es ist die Stunde, in der sich entscheidet, ob ein Quartier funktioniert: Kommen die Leute runter, oder bleiben sie oben? An diesem Abend kommen sie runter. Zwei Väter mit Kindern, eine Nachbarin mit Gießkanne für die noch jungen Hochbeete, ein Paar mit Klappstühlen. Es sind kleine Szenen, und man sollte sie nicht überhöhen — aber es sind exakt die Szenen, die auf den Visualisierungen der Projektentwickler immer zu sehen waren und die in der Realität so oft fehlen.

Ein Bauleiter, der auf dem Heimweg noch einmal über das Gelände geht, bleibt am Zaun des nächsten Bauabschnitts stehen. „Das hier ist ein Zehnjahresprojekt, auch wenn es keiner so nennt", sagt er. „Die ersten Häuser stehen, die letzten sind Rohbau, dazwischen liegt alles, was eine Stadt ausmacht: Lärm, Staub, Kompromisse." Ob er selbst hier wohnen würde? Er lacht. „Fragen Sie mich, wenn die Kräne weg sind. Aber ehrlich: Ich habe schon auf schlechteren Baustellen gearbeitet — und auf keiner, die so gerochen hat. Nach Holz eben."

Abendlicht über den Dächern des neuen Quartiers, dahinter Bahngleise und die Frankfurter Skyline klein am Horizont.
04Schönhof-Viertel, 20:50 Uhr— Zwischen Gleisen und Skyline: Von hier aus wirkt Mainhattan wie eine andere Stadt — und ist doch drei Stationen entfernt.Foto: Zeit Frankfurt

Später, wenn das Licht schräg über die Gleise fällt und hinter ihnen die Skyline klein und ordentlich am Horizont steht, sieht man dem Viertel seine Zwischenzeit am deutlichsten an: halb Versprechen, halb Beweis. Rund 2.000 Wohnungen sind, gemessen an Frankfurts Bedarf, kein Befreiungsschlag, sondern ein Anfang. Aber es ist ein Anfang, den man besichtigen kann — mit Balkonen, auf denen schon Wäsche hängt, und einem Hof, auf dem ein Kind seine ersten Runden dreht, als hätte das Pflaster nie etwas anderes getan, als auf genau dieses Laufrad zu warten.

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