Damals · Reportage

Zehn Jahre Museum Judengasse: Erinnern unter Straßenniveau

Unter einem Verwaltungsbau an der Battonnstraße liegen die Fundamente von fünf Häusern der historischen Judengasse. Zehn Jahre nach der Neueröffnung besucht unsere Reportage den ungewöhnlichsten Museumsort der Stadt — und fragt, wie Erinnerung heute funktioniert.

Von Johanna Roth Aktualisiert am 6 Min. Lesezeit
Die freigelegten Hausfundamente aus Bruchstein im Untergeschoss des Museums Judengasse, von gerichtetem Licht modelliert.
01Museum Judengasse, Battonnstraße, 11:05 Uhr— Gerichtetes Licht auf Bruchstein: die freigelegten Fundamente von fünf Häusern der historischen Judengasse.Foto: Zeit Frankfurt

Der ungewöhnlichste Museumsbesuch Frankfurts beginnt mit einem Abstieg. Ein paar Stufen unter das Niveau der Battonnstraße, unter einen nüchternen Verwaltungsbau — und dann steht man zwischen Mauern aus Bruchstein, die gerichtetes Licht aus dem Dunkel modelliert: die Fundamente von fünf Häusern der Frankfurter Judengasse, dazu Ritualbäder und Brunnen, konserviert an der Stelle, an der sie vor Jahrhunderten errichtet wurden. Oben rauscht der Verkehr über die Kurt-Schumacher-Straße. Unten ist es still. „Hier stimmt die Fallhöhe", sagt der Mann, der an diesem Vormittag die Führung leitet, „man muss nichts inszenieren — der Ort selbst ist das Exponat."

Vor zehn Jahren, im Frühjahr 2016, wurde das Museum Judengasse nach langem Umbau mit neuem Konzept wiedereröffnet. Das Jubiläum ist ein guter Anlass, diesen Ort wieder ernsthaft zu besuchen — nicht als Pflichttermin der Erinnerungskultur, sondern als das, was er ist: eines der dichtesten Geschichtsmuseen der Stadt. Der Besuch an einem Vormittag im März zeigt ein Haus, das beides zugleich sein will und kann, archäologische Stätte und Debattenort — gebaut über dem wohl umkämpftesten Stück Boden, das Frankfurt in der Nachkriegszeit zu verhandeln hatte.

Die Führung beginnt oben, im Foyer, an einem Modell der Gasse: ein schmaler, dicht gestaffelter Bogen aus Häusern, der sich an die alte Stadtmauer schmiegt. Dann geht es hinab, und der Ton wechselt: Die Stimmen werden leiser, Schritte hallen auf den Stegen, die über die Fundamente führen. Man sieht Kellerräume und Brunnenschächte, die Reste zweier Mikwen — jüdischer Ritualbäder, in die man einst über steile Treppen bis zum Grundwasser hinabstieg. „Bleiben Sie ruhig einen Moment stehen", sagt der Mann von der Führung, „das hier ist kein Nachbau. Das ist die Gasse."

Die Judengasse war drei Jahrhunderte erzwungener Enge

Was hier unten konserviert liegt, war einst eines der frühesten Ghettos Europas. 1462 zwang der Rat die jüdische Gemeinde, ihre Wohnungen rund um den Dom aufzugeben und in eine schmale Gasse vor der Staufenmauer zu ziehen: gut 300 Meter lang, mit drei Toren, die nachts und an christlichen Feiertagen geschlossen wurden. Auf diesem Streifen lebten zeitweise rund 3.000 Menschen — eine der größten jüdischen Gemeinden Europas, zusammengepresst auf engstem Raum, mit Hinterhäusern, aufgestockten Stockwerken und Höfen von der Größe eines Zimmers. Zugleich war die Gasse ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit und des Handels; aus dem Haus zum Roten Schild stammte die Familie Rothschild, deren Aufstieg von hier seinen Ausgang nahm. Erst um 1800 fiel der Zwang, die ganze Geschichte der Gasse erzählen wir an anderer Stelle ausführlich.

Vom oberirdischen Bestand der Gasse ist nichts geblieben. Nach der rechtlichen Gleichstellung zogen die Bewohner aus, die maroden Häuser wurden im 19. Jahrhundert nach und nach abgerissen, an ihre Stelle traten neue Straßenzüge und der Börneplatz — benannt nach Ludwig Börne, dem großen Publizisten, der 1786 selbst in der Judengasse geboren worden war. Die Nationalsozialisten tilgten den Namen vom Stadtplan, die Nachkriegsstadt baute über das Areal hinweg; als 1987 die Bagger anrückten, war die Gasse aus dem Stadtbild und weitgehend auch aus dem Gedächtnis verschwunden.

1987 stritt Frankfurt erbittert über diesen Boden

Dass es diesen Museumsort überhaupt gibt, verdankt sich einem Konflikt, der die Stadt 1987 monatelang in Atem hielt. Beim Aushub für ein Verwaltungsgebäude der Stadtwerke am Börneplatz stießen Archäologen auf die Fundamente der Judengasse — und die Stadt wollte trotzdem zügig weiterbauen. Was folgte, ging als Börneplatz-Konflikt in die Geschichte der Bundesrepublik ein: Demonstrationen, ein offener Streit über den Umgang mit jüdischem Erbe auf deutschem Boden, schließlich die Besetzung der Baugrube durch Aktivisten. Der Kompromiss, der am Ende stand, prägt den Ort bis heute: Der Neubau kam, aber fünf Hausfundamente wurden geborgen beziehungsweise am Ort erhalten und in das Untergeschoss integriert. 1992 eröffnete dort das erste Museum Judengasse — der seltene Fall eines Museums, das ein Bauskandal erzwungen hat.

Die Neukonzeption von 2016 hat aus dem archäologischen Keller dann ein erzählendes Haus gemacht. Die Dauerausstellung verschränkt die Fundamente mit Objekten aus drei Jahrhunderten: Ritualgegenstände und Alltagsgeschirr, Dokumente von Geldgeschäften und Gemeindestreitigkeiten, Zeugnisse von Festen, Hochzeiten, Beerdigungen. Der Ton ist bewusst unpathetisch. Es geht um Alltag unter Zwangsbedingungen — und gerade dadurch wird begreifbar, was dieser Zwang bedeutete.

Besucher als Silhouetten vor einer warm beleuchteten Vitrine im abgedunkelten Ausstellungsraum.
02Museum Judengasse, 11:30 Uhr— Kein Ort der großen Gesten: Die Ausstellung erzählt vom Alltag hinter den Ghettomauern — Handel, Feste, Streit.Foto: Zeit Frankfurt

Wir zeigen nicht in erster Linie, wie Jüdinnen und Juden verfolgt wurden — wir zeigen, wie sie gelebt haben. Das verändert den Blick.

Eine Kuratorin des Jüdischen Museums

Zehn Jahre später ist die Arbeit politischer geworden

Im Gespräch nach der Führung erzählt eine Kuratorin, wie sich die Vermittlungsarbeit seit der Wiedereröffnung verschoben hat. Die Nachfrage von Schulen sei kontinuierlich gewachsen, sagt sie, aber auch die Anspannung: Der zunehmende Antisemitismus der vergangenen Jahre — auf Schulhöfen, in sozialen Medien, auf der Straße — sei in den Führungen spürbar, in Fragen, in Provokationen, manchmal in Schweigen. Das Haus reagiert mit Programmen, die nicht bei der Geschichte stehen bleiben: Workshops zu aktuellen Verschwörungserzählungen, Fortbildungen für Lehrkräfte, Formate, die jüdisches Leben der Gegenwart zeigen statt nur die Katastrophe der Vergangenheit. „Ein Museum kann Antisemitismus nicht wegbilden", sagt sie, „aber es kann einen Ort bieten, an dem man ihm mit Wissen begegnet statt mit Reflexen." Der Bedarf an solchen Orten, fügt sie hinzu, sei größer denn je — die Anfragen für Führungen übersteigen die Kapazitäten regelmäßig.

Beim Rundgang fällt auf, wie jung das Publikum an diesem Vormittag ist: zwei Schulklassen, eine Studierendengruppe, dazwischen Touristen mit Audioguides. Vor einer Vitrine mit Siegelringen und Münzen bleiben zwei Jugendliche ungewöhnlich lange stehen. Es sind die kleinen Dinge, die hier tragen — nicht die große These, sondern der Beleg, dass hinter den Ghettomauern Menschen wohnten, handelten, stritten und feierten, drei Jahrhunderte lang, mitten in Frankfurt.

Organisatorisch ist das Haus der zweite Standort des Jüdischen Museums Frankfurt, dessen Stammhaus im Rothschild-Palais am Untermainkai 2020 saniert und erweitert wiedereröffnet wurde. Die Arbeitsteilung ist klar: Am Main die Geschichte der Frankfurter Jüdinnen und Juden von der Aufklärung bis in die Gegenwart, an der Battonnstraße die frühe Neuzeit — und damit der Ort, ohne den sich der Rest nicht verstehen lässt. Wer beide Häuser an einem Wochenende besucht, hat eine der dichtesten jüdischen Museumslandschaften Europas gesehen.

Nahaufnahme jahrhundertealter Mauersteine mit groben Mörtelfugen im Streiflicht.
03Museum Judengasse, Untergeschoss, 12:10 Uhr— Stein auf Stein aus drei Jahrhunderten: Die Fundamente wurden 1987 beim Bau des Verwaltungsgebäudes entdeckt.Foto: Zeit Frankfurt

Draußen setzt sich die Erinnerung fort

Man sollte diesen Besuch nicht beenden, ohne wieder aufzusteigen und einmal um das Gebäude zu gehen. Draußen liegt die Gedenkstätte Neuer Börneplatz, 1996 eingeweiht: In die Mauer des alten jüdischen Friedhofs an der Battonnstraße — er gehört zu den ältesten erhaltenen jüdischen Friedhöfen Europas — sind fast 12.000 kleine Metallblöcke eingelassen, jeder mit dem Namen einer Frankfurter Jüdin oder eines Frankfurter Juden, die in der Schoa ermordet wurden. Auf vielen Blöcken liegen kleine Steine, die Besucher nach jüdischem Brauch dort abgelegt haben. Es ist eines der stillsten und stärksten Denkmäler der Stadt, frei zugänglich, zu jeder Tageszeit.

Wer mag, wirft anschließend noch einen Blick auf den Friedhof selbst: schiefe, verwitterte Grabsteine unter hohen Bäumen, die ältesten aus dem 13. Jahrhundert. Hier liegen Gelehrte und Vorsteher, Hoffaktoren und Namenlose der Gasse — ein steinernes Archiv der Gemeinde, das die Zerstörungswut zweier Jahrhunderte überstanden hat. Der Zugang ist über das Museum möglich; allein der Baumbestand über den Gräbern lohnt den kleinen Umweg.

Die Reihen der Metallblöcke der Gedenkstätte Neuer Börneplatz an der alten Friedhofsmauer im Abendlicht.
04Neuer Börneplatz, 17:40 Uhr— Fast 12.000 Namen an der Friedhofsmauer — auf vielen Blöcken liegen kleine Steine, die Besucher dort ablegen.Foto: Zeit Frankfurt

Am späten Nachmittag, wenn das Abendlicht flach über die Friedhofsmauer fällt, versteht man, was diesen Ort von jedem Lehrbuch unterscheidet. Erinnerung braucht konkrete Orte — Mauern, die man berühren, Namen, die man lesen, Stufen, die man hinabsteigen kann. Frankfurt hat um diesen Ort einmal heftig gestritten und ihn am Ende bewahrt. Zehn Jahre nach der Neueröffnung liegt er da wie eine leise Selbstverständlichkeit: einen halben Meter unter dem Asphalt, mitten in der Stadt, unter unseren Füßen.

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