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Ludwig Edinger und die Frankfurter Wiege der Hirnforschung

Wenn in Frankfurt heute Gehirne erforscht werden, geht das auf einen Mann zurück: Ludwig Edinger. Aus eigenen Mitteln machte der Nervenarzt die Stadt um 1900 zu einer frühen Wiege der Hirnforschung - lange vor der Universität.

Von Dr. Nadine Vogt 4 Min. Lesezeit
Historischer Institutsbau aus rotem Backstein mit hohen Fenstern im warmen Nachmittagslicht
01Frankfurt am Main, 15:40 Uhr— Rote Backsteininstitute wie dieses prägten die Zeit, in der Frankfurt um 1900 zu einer Wiege der Hirnforschung wurde.Foto: Zeit Frankfurt

Wenn heute in Frankfurt Gehirne erforscht werden - am Max-Planck-Institut für Hirnforschung, an der Goethe-Universität, in den Kliniken -, dann steht dahinter eine Tradition, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht. An ihrem Anfang steht ein einzelner Mann: Ludwig Edinger, der die Stadt um 1900 zu einer frühen Wiege der Hirnforschung machte.

Der Arzt, der das Gehirn verglich

Edinger, 1855 im nahen Worms geboren, kam 1883 als niedergelassener Nervenarzt nach Frankfurt. Ihn interessierte nicht nur das menschliche Gehirn, sondern der Vergleich: Wie sind die Nervensysteme von Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren gebaut, und was verrät diese Reihe über die Entwicklung des Denkens? Edinger verstand das Gehirn als Ergebnis einer langen Stammesgeschichte. Er unterschied ein entwicklungsgeschichtlich altes von einem jüngeren Vorderhirn und prägte dafür eigene Begriffe - eine Sicht, die aus der Anatomie eine Wissenschaft von der Evolution des Nervensystems machte.

Diese vergleichende Neuroanatomie war damals ein junges Feld, und Edinger gehörte zu seinen Begründern. Sein Lehrbuch über den Bau der nervösen Zentralorgane wurde über Jahrzehnte immer wieder neu aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt; Generationen von Ärzten und Zoologen lernten daraus. Für Edinger war das menschliche Gehirn kein Sonderfall, sondern das vorläufig letzte Glied einer langen Kette - ein Gedanke, der im Jahrhundert nach Darwin noch keineswegs selbstverständlich war. Um seine Fragen zu beantworten, legte Edinger eine umfangreiche Sammlung von Präparaten und Gehirnschnitten an - Fische, Vögel und Reptilien neben dem Menschen, geordnet zu einer anatomischen Bibliothek des Nervensystems.

Möglich wurde das durch neue Techniken: Feine Serienschnitte, mit eigens entwickelten Färbemethoden sichtbar gemacht, ließen den Verlauf einzelner Nervenbahnen unter dem Mikroskop verfolgen. In Frankfurt fand Edinger dafür ideale Nachbarn - etwa den Pathologen Carl Weigert, dessen Färbetechniken für Nervengewebe am Senckenbergischen Institut Maßstäbe setzten. So entstand ein kleines Netzwerk von Forschern, das die Stadt zu einem frühen Zentrum der mikroskopischen Anatomie machte.

Alte anatomische Präparate und Glasgefäße in einem dunklen Sammlungsschrank mit Messingbeschlägen
02Frankfurt am Main, 16:25 Uhr— Edinger legte eine umfangreiche Sammlung neuroanatomischer Präparate an - Gehirne vom Fisch bis zum Menschen.Foto: Zeit Frankfurt

Ein Institut aus Bürgerhand

Dass diese Forschung überhaupt möglich war, verdankte sich einer Frankfurter Eigenart. Anders als in den preußischen Universitätsstädten gab es hier lange keine Universität, dafür aber wohlhabende Bürger und Stiftungen, die Wissenschaft finanzierten - von der Senckenbergischen Stiftung des 18. Jahrhunderts bis zu den Mäzenen der Kaiserzeit. In dieser Tradition baute Edinger aus eigenen Mitteln und mit Unterstützung Frankfurter Förderer ein privates Neurologisches Institut auf, eine der ersten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Seine gut gehende Nervenarztpraxis finanzierte die Forschung mit - ein Modell, das ganz auf privates Vermögen und bürgerliches Mäzenatentum baute. Es gehörte zu jenem Verbund privater und stiftungsgetragener Institute, aus dem 1914 die Universität hervorging - das Gehirn wurde hier zum Forschungsgegenstand, Jahre bevor die Stadt eine Hochschule besaß.

Frankfurts Hirnforschung begann nicht im Hörsaal, sondern im Privatlabor eines Nervenarztes.

Die Redaktion

Frankfurt bekommt seine Neurologie

Als 1914 die Universität als bürgerliche Stiftungsuniversität gegründet wurde, ging Edingers Forschung in die junge medizinische Fakultät ein, und er erhielt einen der ersten Lehrstühle für Neurologie in Deutschland. Privates Engagement und öffentliche Institution trafen sich in seiner Person - ein typisch Frankfurter Zusammenspiel. Sein Name lebt bis heute fort: In der Fachsprache erinnert der Edinger-Westphal-Kern, eine winzige Struktur im Mittelhirn, an ihn, und am Universitätsklinikum im Stadtteil Niederrad trägt das heutige Institut für Neurologie seinen Namen - das Edinger-Institut an der Heinrich-Hoffmann-Straße.

Wo Edinger einst Fischgehirne unter das Mikroskop legte, untersucht das Edinger-Institut heute vor allem Gewebe aus dem Nervensystem von Patientinnen und Patienten - die Neuropathologie führt seine Arbeit unter neuen Vorzeichen fort.

Ein Erbe zwischen den Zeilen

Edinger starb im Januar 1918, vier Jahre nach der Universitätsgründung, die er mitgeprägt hatte. Als jüdischer Wissenschaftler fügt sich seine Biografie in die lange, oft schmerzhafte Geschichte jüdischen Geisteslebens dieser Stadt ein. Weil er Jude war, geriet sein Andenken in der NS-Zeit in den Hintergrund und musste nach 1945 erst wieder freigelegt werden. Seine Tochter Tilly Edinger setzte den vergleichenden Blick fort: Am Senckenberg-Museum begründete sie die Paläoneurologie, die Erforschung fossiler Gehirne, ehe die Nationalsozialisten auch sie aus der Stadt vertrieben.

Dass Frankfurt heute ein Zentrum der Neurowissenschaften ist, hat viele Ursachen; eine der ältesten heißt Ludwig Edinger. Wie der Serumforscher Paul Ehrlich gehört er zu den bürgerlichen Gelehrten, auf denen der Ruf der Stadt als Forschungsstandort bis heute ruht. Ein Nervenarzt, der Fische und Menschen nebeneinanderlegte, um das Denken zu verstehen - und der am Anfang einer Linie steht, die bis in die Labore von heute reicht.

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