Stadtteile · Portraet
Der Omniturm: Frankfurts Hochhaus mit dem Hüftschwung
In der Mitte tritt seine Fassade plötzlich aus der Reihe, als hätte der Turm die Hüfte geschwungen. Der Omniturm bringt etwas Neues ins strenge Bankenviertel: Menschen, die dort auch wohnen.
Im Frankfurter Bankenviertel stehen die Türme meist stramm und gerade, als hätten sie Haltung gelernt. Einer aber tanzt aus der Reihe – im wörtlichen Sinn. In seinen mittleren Etagen tritt die Fassade des Omniturms seitlich vor, verschiebt sich Geschoss um Geschoss und kehrt darüber wieder in die Senkrechte zurück. Die Frankfurter haben schnell einen Namen dafür gefunden: den Hüftschwung.
Fertiggestellt wurde der rund 190 Meter hohe Turm 2019, entworfen von der Bjarke Ingels Group, kurz BIG, dem Büro des dänischen Stararchitekten Bjarke Ingels. Der Versatz ist kein bloßer Gag. Er schafft Terrassen und Freiflächen dort, wo ein normaler Bürostapel nur glatte Wände hätte – und er markiert von außen, dass in diesem Turm etwas anderes passiert als nebenan.
Denn der Omniturm ist das erste Hochhaus im Bankenviertel, das ernsthaft mischt: Ganz unten und oben liegen Büros, in der Mitte, genau im Bereich des Schwungs, wird gewohnt. Der Turm ist damit rund um die Uhr belebt, nicht nur zu den Bürozeiten.

Warum das Wohnen zurückkehrt
Jahrzehntelang galt das Bankenviertel als reines Arbeitsquartier. Tagsüber Hochbetrieb, nach Feierabend Leere – ein Muster, das viele europäische Finanzdistrikte teilen. Der Omniturm bricht bewusst damit. Wohnungen in der Vertikalen sollen Leben ins Viertel bringen, auch dann, wenn die Handelssäle längst geschlossen sind.
Das passt in eine größere Diskussion über die Zukunft der Frankfurter Innenstadt, in der viele klassische Bürowelten im Umbruch sind. Wenn Homeoffice und flexible Arbeit die Nachfrage nach reinen Büroflächen verändern, wird die Mischung aus Wohnen, Arbeiten und öffentlichem Erdgeschoss zum Modell für den Hochhausbau von morgen.
Entwickelt hat den Turm der Projektentwickler Tishman Speyer, der in Frankfurt schon mehrere Hochhäuser verantwortet hat. Rund acht Geschosse in der Mitte sind dem Wohnen vorbehalten, mit rund 140 Wohnungen vom kompakten Apartment bis zur größeren Einheit hinter der geschwungenen Fassade. Wer hier einzieht, wohnt nicht am Stadtrand, sondern zwischen den Büroetagen des Bankenviertels – ein Angebot, das es in dieser Lage zuvor schlicht nicht gab.
Wo sonst nur gearbeitet wird, geht abends in einigen Etagen das Licht in Wohnungen an.
Statik mit Schwung
So spielerisch der Hüftschwung aussieht, so anspruchsvoll war er für die Ingenieure. Jedes versetzte Geschoss verschiebt Lasten, die sauber in den geraden Kern zurückgeführt werden müssen. Der zentrale Betonkern trägt den Turm, während die auskragenden Etagen wie sorgfältig austarierte Schubladen wirken, die man ein Stück herausgezogen hat.
Für die Bewohner in der Mitte entstehen dadurch private Außenbereiche mit Blick über die Stadt – ein Luxus, den geschlossene Bürotürme nicht bieten. Von unten betrachtet sorgt der Versatz dafür, dass der Omniturm aus fast jeder Perspektive anders aussieht: mal schlank, mal breit, mal geknickt. Im Hochhaus-Ranking der Stadt fällt er weniger durch Höhe als durch Charakter auf.
Auch am Boden will der Turm nicht abweisen. Der Sockel ist öffentlich zugänglich, eine großzügige Lobby und gastronomische Flächen im Erdgeschoss sollen Passanten hereinholen, statt sie an verspiegelten Fronten abzuweisen. Damit reiht sich der Omniturm in eine Reihe neuerer Frankfurter Projekte ein, die das Erdgeschoss nicht länger als bloßen Eingang, sondern als Teil des öffentlichen Raums begreifen.
Ein Fingerzeig für die Skyline
Der Omniturm ist mehr als ein hübscher Effekt. Er ist ein Versuchsballon für die Frage, wie dicht bebaute Innenstädte lebendig bleiben. Wenn Menschen in der Höhe nicht nur arbeiten, sondern auch wohnen und einkaufen, verändert das den Takt eines ganzen Viertels – von der morgendlichen Bäckerschlange bis zum späten Spaziergang.
Mit seinen rund 190 Metern gehört der Omniturm nicht zu den höchsten Bauten der Stadt; der benachbarte Commerzbank Tower überragt ihn deutlich. Doch während die älteren Türme vor allem um Höhe konkurrierten, setzt der Omniturm auf Nutzung und Form. Er ordnet sich in die Silhouette ein und fällt darin trotzdem auf – gerade weil er nicht der Größte sein will.
Frankfurts Skyline hat mit dem Hüftschwung eine Figur bekommen, die man sich merkt. Und vielleicht ist gerade das seine wichtigste Leistung: Er beweist, dass ein Hochhaus im Bankenviertel nicht kühl und abweisend bleiben muss, sondern durchaus ein bisschen menschlich wirken darf.
Mehr aus Stadtteile
Alle Artikel →Stadtteile · Portraet
Der Messeturm: Helmut Jahns Bleistift über Frankfurt
Der Messeturm an der Friedrich-Ebert-Anlage war 1991 Europas höchstes Haus. Wie Helmut Jahns Bleistift die Frankfurter Skyline bis heute unverwechselbar prägt.
Stadtteile · Reportage
Terminal 3 ist offen: Was das für den Frankfurter Süden heißt
Terminal 3 ist eröffnet — doch was heißt das für Niederrad, Gateway Gardens und Zeppelinheim? Eine Reportage über Verkehr, Lärm und neue Chancen im Süden.
Stadtteile · Erklaerstueck
Der Commerzbank Tower: Norman Fosters grünes Hochhaus
Der Commerzbank Tower gilt als weltweit erstes Ökohochhaus. Wie Fosters Wintergärten, Dreiecksgrundriss und atmende Fassade am Kaiserplatz funktionieren.

