Kultur · Reportage

Schirn im Exil: Zu Besuch in der alten Dondorf-Druckerei

Während das Stammhaus am Römerberg für rund 35,6 Millionen Euro saniert wird, zieht die Schirn in die alte Dondorf-Druckerei nach Bockenheim. Ein Baustellenbesuch in einem Interim, das neues Publikum gewinnen kann — und in einem Haus, das der Stadtteil einst selbst rettete.

Von Lukas Schardt Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Weites Panorama der Backsteinfassade der ehemaligen Dondorf-Druckerei in Bockenheim im warmen Abendlicht.
01Sophienstraße, Bockenheim, 19:30 Uhr— Abendlicht auf Backstein: Die alte Dondorf-Druckerei wird zum Interimsquartier der Schirn.Foto: Zeit Frankfurt

Der Geruch ist das Erste. Wer an diesem Julinachmittag durch das Tor an der Sophienstraße tritt, riecht frische Wandfarbe über hundertjährigem Backstein — die Duftmarke eines Gebäudes, das gerade zum zweiten Mal in seinem Leben eine Zukunft bekommt. In den Hallen der ehemaligen Dondorf-Druckerei in Bockenheim werden Wände gespachtelt, Kabeltrassen gezogen, Klimageräte eingemessen; zwischen gusseisernen Stützen stapeln sich Transportkisten mit der Aufschrift eines Absenders, der eigentlich an den Römerberg gehört. Die Schirn Kunsthalle zieht um. Und was nach Behelf klingt, entpuppt sich beim Rundgang als das vielleicht interessanteste Kapitel, das dieses Haus seit Langem aufgeschlagen hat.

Der Anlass ist profan: Das Stammhaus zwischen Dom und Römer, eröffnet 1986, ist energetisch und technisch am Ende seines Zyklus. Rund 35,6 Millionen Euro fließen in die Sanierung — Haustechnik, Klimatisierung, Dach, all die unsichtbaren Organe, an denen internationale Leihgeber ein Ausstellungshaus messen. Jahrelang schließen und nichts zeigen kam für die Schirn, die kein eigenes Sammlungsdepot bespielen kann, nicht infrage. Also suchte man ein Quartier auf Zeit und fand es sechs U-Bahn-Minuten westlich der Innenstadt, in einem Bau, der selbst eine Rettungsgeschichte hinter sich hat.

Ein Haus, das Bockenheim schon einmal verteidigt hat

Die Dondorf-Druckerei, errichtet um 1890, gehört zu den schönsten Industriedenkmälern der Stadt: Backsteinfassaden mit hohen Fensterreihen, dahinter stützenfreie Hallen und Säle mit Gusseisensäulen, gebaut für die Druckerei Dondorf, deren Spielkarten und Wertpapierdrucke einst in alle Welt gingen. Später zog die Goethe-Universität ein, zuletzt arbeiteten hier die Kunstpädagogen. Als das Institut auszog, schien das Schicksal besiegelt: Abriss, Neubau, Verwertung. Dass es anders kam, lag zunächst nicht an Ämtern, sondern an der Nachbarschaft — Initiativen, Studierende und Kulturschaffende besetzten das Gebäude zeitweise, sammelten Unterschriften und hielten die Debatte am Leben, bis Politik und Eigentümer neu rechneten. Man muss diese Vorgeschichte kennen, um die Pointe zu würdigen: Ausgerechnet in das Haus, das sich Bockenheim selbst erkämpft hat, zieht nun eine Institution vom Römerberg ein.

Es lohnt, kurz bei der Firma zu verweilen, die dem Haus den Namen gab. Dondorf stand im 19. Jahrhundert für Druckkunst von Weltruf: Spielkarten vor allem, kunstvoll lithografiert und bis nach Japan exportiert, dazu Banknoten und Wertpapiere für internationale Auftraggeber — Präzisionsarbeit, für die das Unternehmen eigens diese Fabrik vor den Toren Bockenheims errichten ließ. Hunderte Menschen arbeiteten hier, viele von ihnen Frauen, die die feinen Druckbögen von Hand weiterverarbeiteten. Wer heute durch die Hallen geht, sieht diese Herkunft noch in den Details: die hohen Fensterreihen für gleichmäßiges Arbeitslicht, die weiten Deckenspannweiten, die einst Druckmaschinen Platz boten und nun Videoinstallationen. Ein Haus, das für das Vervielfältigen von Bildern gebaut wurde, zeigt künftig Originale — auch das ist eine Pointe dieser Zwischennutzung.

Beim Rundgang über die Baustelle führt ein Projektleiter durch die künftigen Säle, und man merkt schnell, dass hier niemand versucht, das Interim wie das Stammhaus aussehen zu lassen. Die weißen Ausstellungswände stehen als eingestellte Körper im Raum, der Backstein bleibt sichtbar, die Stahlträger auch. „Wir spielen nicht Museum, wir sind zu Gast in einer Fabrik", sagt er, während über uns ein Lastenzug Leuchten in die Deckenkonstruktion hebt. Die Statik gibt vor, was hängt; die Fensterreihen, für Tageslichtarbeit von Druckern gebaut, müssen für lichtempfindliche Arbeiten verschattet werden. Was nach Einschränkung klingt, beschreibt er als Gewinn: „Jede Arbeit muss hier neu verhandelt werden. Das hält alle wach."

Hohe Ausstellungshalle mit gusseisernen Stützen und Industriefenstern, eine einzelne Besucherin von hinten vor einer großformatigen Videoprojektion.
02Dondorf-Druckerei, 14:20 Uhr— Probelauf in der Halle: Erste Testprojektionen zeigen, wie Kunst zwischen Gusseisensäulen wirkt.Foto: Zeit Frankfurt

Der Auftakt kommt mit Parade — und einer Weltreise

Eröffnet wird im September, und die Schirn wäre nicht die Schirn, würde sie den Umzug still vollziehen: Geplant ist eine Parade, die von der alten Adresse an Hauptwache und Opernplatz vorbei bis nach Bockenheim zieht — ein Umzug im Wortsinn, als öffentliches Ereignis, mit Tanz und Musik quer durch die Stadt. Man kann darin Marketing sehen. Man kann darin aber auch die eigentliche These dieses Interims erkennen: Eine Kunsthalle ist keine Immobilie, sondern ein Programm, und Programme können wandern.

Den inhaltlichen Auftakt macht dann die erste große Einzelausstellung: Stephanie Comilang, philippinisch-kanadische Künstlerin und Filmemacherin, bespielt die Hallen mit ihren raumgreifenden Videoinstallationen — Arbeiten über Migration, Arbeit und die Frage, wie Menschen über Kontinente hinweg verbunden bleiben. Es ist eine bemerkenswert genaue Wahl für diesen Ort: Ein Fabrikgebäude, durch das einst Waren in alle Welt gingen, zeigt Kunst über die Wege, die heute Menschen und ihre Geschichten nehmen. Dass die Schau parallel zur Buchmesse mit ihrem philippinischen Gastland-Programm läuft, dürfte kein Zufall sein — Frankfurt kann Themenkonjunkturen, wenn es will.

Das Exil ist keine Notlösung — es ist die Einladung an ein Publikum, das den Römerberg nie betreten hätte.

Was das Exil mit dem Publikum macht

Die spannendste Frage des Interims steht allerdings nicht im Bauzeitenplan: Wer kommt? Am Römerberg lief die Laufkundschaft der Altstadt von allein durchs Foyer — Touristengruppen zwischen Dom und Römer, Mittagspausenpublikum, Regenflüchtlinge. In Bockenheim gibt es diese Beiläufigkeit nicht; hierher muss man wollen. Dafür liegt das neue Quartier mitten in einem Viertel, das kulturell längst unterschätzt wird und dessen Mischung aus Campus-Erbe, Handel und Nachbarschaftsleben unser Bockenheim-Guide ausführlich vermisst. Die Umgebung liefert, was dem Römerberg fehlt: Studierende, Familien, Menschen, für die ein Museumsbesuch bislang eine Reise in die Innenstadt bedeutete.

In der Nachbarschaft ist die Erwartung jedenfalls größer als die Skepsis. Der Betreiber eines Cafés an der Sophienstraße erzählt, die Bauarbeiter seien schon jetzt seine beste Kundschaft, „und ab Herbst kommen die Vernissagen, sagt man mir". Eine Anwohnerin, die bei den Protesten gegen den Abriss dabei war, formuliert es vorsichtiger: Man habe das Haus nicht besetzt, damit es ein Ausstellungsbetrieb werde, sondern damit es dem Stadtteil gehöre — „aber lieber Kunst für alle als Büros für niemanden". Es ist eine Zwischenbilanz, mit der beide Seiten leben können: Die Schirn bekommt Hallen, wie sie kein Neubau liefern könnte; Bockenheim bekommt den Beweis, dass sich sein Widerstand gelohnt hat.

Hochformatiges Detail von rohem Backstein, einem Stahlträger und frisch gestrichener weißer Galeriewand im Streiflicht.
03Dondorf-Druckerei, 15:05 Uhr— Backstein von 1890, Wandfarbe von diesem Sommer: Das Interim lässt beide Zeiten sichtbar.Foto: Zeit Frankfurt

Industriehallen verändern den Blick auf die Kunst

Bleibt die Frage, was der Ort mit der Kunst macht. Frankfurt hat darauf schon Antworten gesammelt: Das MMK bespielt mit dem Tortenstück, dem Turm und dem Zollamt drei denkbar verschiedene Häuser, und jedes verändert, wie man dieselbe Sammlung liest. Die Dondorf-Druckerei wird diesen Effekt verschärfen: Wo im Stammhaus die berühmte Rotunde und enge Kabinette den Takt vorgaben, diktieren hier Hallenmaße, Säulenraster und Nordlicht. Videokunst, Installationen, große Formate — vieles davon wird in Bockenheim besser aussehen als je am Römerberg. Anderes, das Intime, Kleinformatige, wird um seine Wirkung kämpfen müssen. Auch das gehört zur Ehrlichkeit dieses Experiments; wer Frankfurts Museumslandschaft jenseits der großen Adressen mag, findet in unserer Übersicht der unterschätzten Museen weitere Belege dafür, dass Architektur nie neutral ist.

Am frühen Abend, die Handwerker sind gegangen, steht man noch einmal im größten Saal und sieht zu, wie das letzte Tageslicht durch die hohen Fenster über den Backstein wandert. In ein paar Wochen wird hier eine Videoarbeit laufen, werden Menschen aus Bockenheim neben Menschen aus Sachsenhausen stehen und beide einen Weg gegangen sein, den sie sonst nicht gegangen wären. Vielleicht ist das die eigentliche Leistung dieses Umzugs, noch bevor das erste Werk hängt: Er sortiert die Selbstverständlichkeiten neu — was ein Museum ist, wo Kunst wohnt und wem ein Haus gehört, das ein Viertel nicht hergeben wollte.

Blick von der abendlichen Straße auf die warm erleuchteten Fensterreihen des alten Fabrikbaus in der Dämmerung.
04Sophienstraße, Bockenheim, 21:20 Uhr— Wenn abends Licht in den Fensterreihen brennt, sieht Bockenheim schon aus wie ein Museumsviertel.Foto: Zeit Frankfurt

Wenn die Schirn eines Tages saniert an den Römerberg zurückkehrt, wird man diese Jahre in Bockenheim als Fußnote verbuchen können. Man kann aber auch jetzt schon ahnen, dass die Fußnote das Hauptwerk kommentieren wird: Eine Kunsthalle, die einmal erlebt hat, wie es ist, mitten in einem Viertel zu stehen statt neben einer Sehenswürdigkeit, wird dieselbe nicht mehr sein. Dem Publikum ist das zu wünschen — und dem Backsteinbau an der Sophienstraße sowieso.

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