Stadtleben · Reportage

Ankommen im Gallus: Eine Zuwanderungsgeschichte in Etappen

Von den Adlerwerken zur Europa-Allee: Das Gallus westlich des Hauptbahnhofs war immer ein Ankunftsviertel. Wer den Spuren der Zuwanderung folgt, liest die Geschichte Frankfurts als eine des Ankommens — Etappe für Etappe.

Von Selin Aydın 4 Min. Lesezeit
Breiter Boulevard mit begrüntem Mittelstreifen in einem Gründerzeitviertel, kleine Läden, Menschen im warmen Abendlicht.
01Gallus, Frankenallee, 18:20 Uhr— Ein Viertel, das seit Generationen Menschen aufnimmt und sich mit ihnen verändert.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt Viertel, deren Geschichte man an den Fassaden abliest, und es gibt solche, deren Geschichte in den Läden steht. Das Gallus, westlich des Hauptbahnhofs zwischen den Bahnanlagen und Bockenheim gelegen, gehört zur zweiten Sorte. Wer an einem frühen Abend die Frankenallee hinuntergeht oder an der Galluswarte in die Mainzer Landstraße einbiegt, liest an den Schaufenstern eine Chronik des Ankommens: das italienische Feinkostgeschäft, der türkische Gemüsehändler, das portugiesische Café, dazwischen Reisebüros und Vereinslokale, in denen sich Menschen treffen, die vor Jahrzehnten herkamen und blieben.

Das Gallus war lange ein Arbeiter- und Industrieviertel. Wo heute die Galluswarte, ein Wachtturm von 1414, zwischen den Gleisen und den Türmen des Bankenviertels steht, verdiente man sein Geld in den Werkshallen und an den Rangiergleisen. Die Adlerwerke an der Kleyerstraße bauten Fahrräder, Schreibmaschinen und Automobile; die Firma prägte das Viertel über ein Jahrhundert. Sie steht auch für dessen dunkelste Schicht: Von 1944 bis 1945 unterhielt die SS auf dem Werksgelände das KZ-Außenlager Katzbach, in dem rund 1.600 Häftlinge Zwangsarbeit leisteten. Der Geschichtsort Adlerwerke erinnert seit 2022 daran.

Kein Viertel der Repräsentation also, sondern eines der Arbeit — und gerade deshalb wurde es zum Ankunftsort. Wer neu in die Stadt kam, fand hier bezahlbaren Wohnraum, Arbeit in Reichweite und, mit jeder Zuwanderungswelle, Menschen, die dieselbe Sprache sprachen. Den Auftakt der Anwerbung machte das deutsch-italienische Abkommen, das die Bundesrepublik bereits im Dezember 1955 schloss; es folgten die Verträge mit Griechenland 1960, der Türkei 1961, Marokko 1963 und Jugoslawien 1968. So kamen bis zum Anwerbestopp 1973 die sogenannten Gastarbeiter, viele von ihnen ins Gallus. Jede Etappe hat Spuren hinterlassen — in den Läden, in den Vereinsheimen, in den Gebetsräumen der Hinterhöfe, in denen sich neben alteingesessenen Gemeinden längst Moscheevereine eingerichtet haben. Das Gallus ist ein Palimpsest der Migration.

Nahaufnahme eines Ladenschaufensters mit internationalen Lebensmitteln, gestapelte Kisten davor.
02Gallus, Mainzer Landstraße, 18:45 Uhr— In den kleinen Geschäften spiegelt sich die halbe Welt — und die Geschichte des Viertels.Foto: Zeit Frankfurt

Die Läden als Chronik

Man muss nur in eines der kleinen Geschäfte treten, um zu verstehen, wie ein Ankunftsviertel funktioniert. Der Laden ist mehr als ein Ort des Einkaufs. Er ist Nachrichtenbörse, Treffpunkt, Brücke in die alte Heimat und zugleich Fuß in der neuen. Hier erfährt man, wer angekommen ist und wer gegangen, wo es Arbeit gibt und wo eine Wohnung frei wird. Für viele war der Handel der erste Schritt in die Selbstständigkeit, der Weg vom Werksangestellten zum Ladenbesitzer. Wer wissen will, wie das Viertel heute aussieht, findet es im Gallus-Guide.

Zwischen der Galluswarte von 1414 und der Europa-Allee liegen mehr als sechshundert Jahre — und die Frage, wer sich das Ankommen noch leisten kann.

Die Redaktion

Diese Dynamik hat das Gallus lebendig gehalten — und zugleich wandelt es sich erneut. Gleich hinter den Gleisen, auf dem früheren Hauptgüterbahnhof, dessen Betrieb 1998 endete, ist mit dem Europaviertel ein neues Quartier entstanden: rund 90 Hektar, seit 2005 erschlossen, mit der Europa-Allee als Achse, Neubautürmen und dem Einkaufszentrum Skyline Plaza. Damit kommt eine Frage, die jedes Ankunftsviertel irgendwann einholt: Wer kann sich das Ankommen noch leisten? Steigende Mieten sind der stille Motor der Verdrängung, und sie treffen zuerst jene, die am wenigsten Reserven haben. Über die Mechanik von Miete und Wohnen in Frankfurt haben wir im Mietspiegel geschrieben.

Ein Viertel im Übergang

Es wäre zu einfach, nur den Verlust zu sehen. Das Gallus hat sich immer verändert, das war seine Konstante. Neue Bewohner bringen neue Läden, neue Vereine, neue Geschichten, und die alten verschwinden nicht über Nacht. In kaum einem anderen Frankfurter Stadtteil leben so viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte; die Stadt insgesamt zählt rund 30 Prozent Ausländer, im Gallus liegt der Anteil deutlich höher. Wo so viele Sprachen aufeinandertreffen, wird Ankommen zur täglichen Übung — in Schulen, an Ladentheken, in den Sprachcafés der Nachbarschaft. Der Aushandlungsprozess ist anstrengend, aber lebendig. Er ist das, was ein Ankunftsviertel ausmacht.

Am Abend, wenn die Läden noch offen haben und die Menschen von der Arbeit kommen, spürt man diese Vitalität am deutlichsten. Es wird gehandelt, gegrüßt, gesprochen, in vielen Sprachen und doch mit einem gemeinsamen Ziel: hier zu sein, anzukommen, zu bleiben. Wer die Geschichte Frankfurts verstehen will, sollte sie auch als Geschichte des Ankommens lesen — die Stadt ist gewachsen, weil Menschen kamen, und sie wächst weiter aus demselben Grund. Das Gallus erzählt diese Geschichte konzentriert, Etappe für Etappe, Laden für Laden. Man muss nur hingehen und zuhören.

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