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Amla im Messeturm: Europas Geldwäschejäger baut in Frankfurt auf
Im Messeturm an der Friedrich-Ebert-Anlage baut die EU ihre neue Geldwäschebehörde auf: 430 Stellen bis Ende 2027, ab 2028 direkte Aufsicht über rund 40 Finanzunternehmen. Warum Frankfurt den Zuschlag bekam — und was die Staatsanwaltschaft über die Stadt sagt.
Wer an einem Werktagmorgen an der Friedrich-Ebert-Anlage aus der U-Bahn kommt, steht vor einem Turm, den halb Deutschland aus dem Fernsehen kennt, ohne seinen Namen zu wissen: 257 Meter, rötlicher Granit, obenauf eine 36 Meter hohe Pyramide. Der Messeturm von Helmut Jahn war nach seiner Fertigstellung im Oktober 1990 das höchste Hochhaus Europas, bis ihn 1997 der Commerzbank Tower ablöste, danach lange vor allem ein Symbol für das, was Frankfurt gern von sich zeigt. Seit dem Frühjahr 2025 arbeitet in seinen oberen Etagen eine Behörde, die etwas anderes über die Stadt erzählt. Sie heißt Amla, und ihre Aufgabe ist es, in der Europäischen Union das Geldwaschen schwerer zu machen.
Die Abkürzung steht für Authority for Anti-Money Laundering and Countering the Financing of Terrorism, auf Deutsch: Behörde zur Bekämpfung der Geldwäsche und der Terrorismusfinanzierung. Rechtlich existiert sie seit dem 26. Juni 2024, ihre Grundlage ist die Verordnung (EU) 2024/1620, die am 19. Juni 2024 im Amtsblatt der Union stand. Ihren Betrieb hat sie am 1. Juli 2025 aufgenommen. Auf ihrer eigenen Seite gibt sie als Adresse an: MesseTurm, Friedrich-Ebert-Anlage 49, 60308 Frankfurt am Main. Es ist die dritte europäische Institution dieser Größenordnung in der Stadt — nach der Europäischen Zentralbank im Ostend und der Versicherungsaufsicht Eiopa am Westhafen.
Neun Städte wollten diese Behörde, Frankfurt hat sie bekommen
Dass sie hier steht und nicht in Paris, war das Ergebnis eines Verfahrens, das es so vorher nicht gab. Am 22. Februar 2024 entschieden Rat und Europäisches Parlament gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe über den Sitz einer europäischen Agentur — nach Anhörungen von insgesamt neun Bewerberstädten in Brüssel. Frankfurt setzte sich nach Darstellung der IHK Frankfurt am Main gegen acht Mitbewerber durch: Paris, Madrid, Dublin, Wien, Rom, Brüssel, Riga und Vilnius. Für den Finanzplatz war das der zweite große Zuschlag binnen eines Jahrzehnts, nach der Bankenaufsicht bei der EZB.
Die Argumente, mit denen Frankfurt geworben hat, kennt man aus jeder Standortbroschüre: Nähe zur EZB, Nähe zur nationalen Aufsicht, Flughafen, internationale Schulen. Bemerkenswert ist eher, wie unspektakulär die Behörde danach eingezogen ist. Die Vorsitzende Bruna Szego bezog nach Angaben der Börsen-Zeitung Mitte Februar 2025 ihr Büro im Messeturm, zunächst als Gast im Haus. Erst am 9. April 2025 teilte die Amla mit, den Mietvertrag für die oberen Etagen unterschrieben zu haben — rund 6.000 Quadratmeter, zwei Geschosse wurden dafür hergerichtet. Es gab keinen Festakt mit Fahnenmasten, es gab eine Pressemitteilung.
Szego, geboren in Italien, hat 1989 an der römischen Universität LUISS Guido Carli Jura mit Auszeichnung abgeschlossen und den größten Teil ihres Berufslebens bei der Banca d'Italia verbracht, zuletzt von 2022 bis 2025 als Leiterin der Einheit für Geldwäscheaufsicht und -regulierung. Der Rat der Europäischen Union ernannte sie am 21. Januar 2025 zur ersten Vorsitzenden der Amla, im Amt ist sie seit dem 16. Februar 2025. Das Exekutivdirektorium folgte am 22. Mai 2025. Den Aufbau der Behörde hat sie gegenüber der Börsen-Zeitung sinngemäß mit einem Start-up verglichen: Man baue das Flugzeug, während man schon fliege. Und sie stellte klar, dass die Amla die nationalen Behörden nicht ersetzen, sondern verbinden solle.

Was die Behörde darf — und was sie ausdrücklich nicht ist
Der wichtigste Satz über die Amla ist ein Satz darüber, was sie nicht ist: keine Ermittlungsbehörde. Sie klopft nicht an Wohnungstüren, sie beschlagnahmt keine Uhren, sie erhebt keine Anklage. Das bleibt bei Staatsanwaltschaften und Polizeien der Mitgliedstaaten und, bei bestimmten Delikten zulasten des EU-Haushalts, bei der Europäischen Staatsanwaltschaft. Die Amla ist eine Aufsichts- und Koordinierungsbehörde. Sie beschreibt sich selbst als dezentrale EU-Agentur, die die nationalen Behörden koordiniert, damit die europäischen Regeln überall gleich und korrekt angewendet werden.
Drei Arbeitsstränge lassen sich unterscheiden. Erstens die direkte Aufsicht: Ab 2028 soll die Amla eine begrenzte Zahl grenzüberschreitend tätiger Finanzunternehmen mit besonders hohem Geldwäscherisiko selbst beaufsichtigen — nach Angaben der Behörde rund 40. Zweitens die Unterstützung der Financial Intelligence Units, also jener nationalen Meldestellen, bei denen Verdachtsmeldungen von Banken, Notaren oder Händlern auflaufen; hier geht es um gemeinsame Analysen und um Datenauswertung. Drittens das Regelwerk: technische Standards, Leitlinien, Methodik. Genau dieser dritte Strang füllt derzeit den Terminkalender.
Ein Blick in die Mitteilungen der Behörde aus dem Juli 2026 zeigt, wie diese Arbeit aussieht. Am 3. Juli veröffentlichte die Amla abschließende Standards für die Zusammenarbeit der Meldestellen untereinander und für ihre Berichte an die Europäische Staatsanwaltschaft. Am 6. Juli folgte eine Konsultation zu Standards für den grenzüberschreitenden Austausch von Verdachtsmeldungen, am 8. Juli ein einheitlicher Ansatz für die Ahndung von Verstößen, am 13. Juli eine Konsultation zu harmonisierten Risikobewertungsmethoden für den Nichtfinanzsektor. Am 21. Juli — das ist der Vorgang, der für die kommenden Jahre am meisten bedeutet — legte die Behörde die Standards dafür fest, wie sie und die nationalen Aufseher ab 2028 zusammenarbeiten, um die bedeutendsten grenzüberschreitenden Finanzinstitute auszuwählen und direkt zu beaufsichtigen. Am 22. Juli erschienen dazu Antworten auf häufige Fragen, welche Unternehmen überhaupt vorläufig infrage kommen. Und am 4. August veröffentlichte die europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA den Entwurf eines Meldewesens für die Datenerhebung 2027, mit der die Auswahl vorbereitet wird.
Das klingt nach Verwaltungsprosa, und das ist es auch. Aber es ist die Sorte Verwaltungsprosa, die am Ende darüber entscheidet, ob eine Bank in Malta und eine Bank in Deutschland nach denselben Maßstäben geprüft werden. Am 15. Juli 2026 stellte Szego den konsolidierten Jahresbericht 2025 den zuständigen Ausschüssen des Europäischen Parlaments vor — die Amla ist eine Behörde, die sich erklären muss, bevor sie überhaupt entschieden hat.
Wir haben Banken, wir haben Drogenkriminalität, wir haben Luxusgüter. Alles, was Geldwäsche braucht, ist hier in Frankfurt vorhanden.
Lucia Wülfing, Oberstaatsanwältin in Frankfurt, im Hessischen Rundfunk
Warum die Adresse passt: Frankfurt ist auch ein Tatort
Es gibt eine Lesart der Amla-Ansiedlung, die in Frankfurt gern erzählt wird: Die Stadt bekomme die Behörde, weil sie der ehrbare Finanzplatz Europas sei. Es gibt eine zweite, unbequemere. Der Hessische Rundfunk hat sie in einem Beitrag über die Behörde ausbuchstabiert und dafür die Frankfurter Oberstaatsanwältin Lucia Wülfing zitiert, die die Ausgangslage in einem Satz zusammenfasst, der in keine Standortbroschüre passt: Banken, Drogenkriminalität, Luxusgüter — alles, was Geldwäsche brauche, sei hier vorhanden.
Die Zahlen dazu sind konkret. Rund 250 überwiegend ausländische Banken sind in Frankfurt vertreten. Für das Jahr 2024 nennt der Sender 438 einschlägige Ermittlungsfälle allein in Frankfurt. Als Risikobereiche werden der Luxusgüterhandel an der Goethestraße und der Immobilienmarkt genannt, unter anderem im Europaviertel. Wülfing beklagt in demselben Beitrag, dass trotz gesetzlicher Verpflichtung aus dem Luxusgüterbereich keine Geldwäsche-Verdachtsanzeigen eingingen. Eine an der Universität Trier entstandene Untersuchung stuft das Meldeverhalten von Maklern im Rhein-Main-Gebiet als erstaunlich schwach ein — gemessen an der Zahl der Transaktionen. Dieselbe Untersuchung kommt laut dem Bericht zu dem Ergebnis, dass zehn Prozent weniger Geldwäsche die Immobilienpreise um etwa 1,9 Prozent senken würden.
Diese letzte Zahl ist der Punkt, an dem das Thema den Frankfurter Alltag berührt. Geldwäsche ist kein Delikt, das nur Bilanzen betrifft. Wer eine Wohnung sucht, konkurriert im Zweifel mit Kapital, das keine Rendite braucht, sondern eine Herkunft. Wie stark dieser Effekt in Frankfurt tatsächlich ist, lässt sich seriös nicht auf die Nachkommastelle sagen; dass er existiert, ist in der Forschung Konsens genug, um ihn zu beziffern. Wer sich für die Preisbildung am hiesigen Markt interessiert, findet die übrigen Faktoren in unserem Stück über den Mietspiegel 2026. Und wer wissen will, wie die zweite große EU-Institution der Stadt arbeitet, findet das in unserer Erklärstrecke über die EZB im Ostend.
Was sich im Juli 2027 an der Ladenkasse ändert
Die Amla ist nur ein Teil eines größeren Pakets. Zum selben Gesetzeswerk gehört die EU-Geldwäscheverordnung, offiziell Verordnung (EU) 2024/1624, die ab dem 10. Juli 2027 unmittelbar in allen Mitgliedstaaten gilt. Ihre bekannteste Regel betrifft nicht Banken, sondern Läden: Im gewerblichen Zahlungsverkehr sind Barzahlungen über 10.000 Euro dann nicht mehr zulässig — überall in der Union, ohne nationale Sonderwege. Für Geschäfte zwischen Privatleuten gilt die Grenze ausdrücklich nicht; wer seinem Nachbarn einen Gebrauchtwagen bar verkauft, darf das weiter tun. Auch das Bargeld selbst wird nicht angetastet, und der Besitz von Bargeld bleibt unberührt.
Für Frankfurt ist das mehr als eine Fußnote, denn hier trifft die Regel auf jene Branche, die in den Akten der Staatsanwaltschaft auffällig blass bleibt. Bei bestimmten Händlern — Edelmetalle, Edelsteine, Teile des Luxuswarenhandels — greifen schon unterhalb der Zehntausendergrenze Identifizierungspflichten, in der Verordnung ab 3.000 Euro bei gelegentlichen Bargeschäften. Wer einmal an einem Samstagnachmittag die Goethestraße entlanggeht, versteht, warum diese Schwelle in einer Stadt mit dieser Einkaufsmeile keine theoretische Größe ist. Die Amla wird diese Läden nicht selbst kontrollieren; das bleibt Sache der hessischen Aufsicht. Aber sie schreibt künftig mit, nach welcher Methodik geprüft wird — genau darum ging es in ihrer Konsultation vom 13. Juli 2026 zum Nichtfinanzsektor.
Der Kalender bis 2028 — und die Frage nach dem Personal

Die Amla ist derzeit vor allem eines: im Aufbau. Gestartet ist sie nach Angaben der Börsen-Zeitung mit etwa 15 Beschäftigten in Frankfurt, während weitere 15 noch von Brüssel aus arbeiteten. Für Ende 2025 nannte die Behörde selbst rund 120 Stellen als Ziel, für den Endausbau rund 430 bis Ende 2027 — in der Darstellung des Portals Skyline Atlas exakt 432 zum 1. Januar 2028. Wer heute auf die Karriereseite der Behörde schaut, findet Ausschreibungen, die zeigen, was hier eigentlich gebaut wird: gesucht wurden zuletzt unter anderem ein Grundrechtsbeauftragter und ein Data-Science-Experte. Eine Aufsicht, die 27 nationale Systeme vergleichbar machen soll, ist zu einem erheblichen Teil ein IT-Projekt.
Der Zeitplan hat drei Marken. 2026 ist das Jahr der Regelwerke und des schrittweisen IT-Ausbaus. 2027 wird ausgewählt: Auf Basis von Daten, die die nationalen Aufseher und die EBA zuliefern, bestimmt die Amla jene rund 40 Unternehmen, die sie selbst beaufsichtigen wird. 2028 beginnt die direkte Aufsicht. Erst dann wird sich zeigen, ob eine europäische Behörde einem grenzüberschreitend tätigen Institut wirksamer auf die Finger schauen kann als eine nationale — und ob sie es auch dann tut, wenn es politisch unbequem wird.
Für Frankfurt bedeutet der Aufbau zunächst schlicht: mehr Menschen, die hier arbeiten und wohnen. 430 Stellen sind, gemessen an den mehreren tausend Beschäftigten der EZB, keine große Zahl. Es sind aber 430 Stellen mit einem Profil, das der Stadt gefällt: mehrsprachig, hoch qualifiziert, europäisch. Und es ist eine Behörde, die Konferenzen, Konsultationen und Besuche nach sich zieht. Die Messe liegt buchstäblich unter dem Fenster.

Bleibt die Frage, ob eine Stadt stolz darauf sein kann, Sitz einer Behörde zu sein, die es nur deshalb gibt, weil das eigene Geschäftsmodell missbraucht wird. In Frankfurt beantwortet man das pragmatisch: Man hat sich beworben, man hat gewonnen, man stellt Büroflächen. Die interessantere Antwort steht in den Akten der Staatsanwaltschaft. Solange aus dem Luxusgüterhandel dieser Stadt keine einzige Verdachtsmeldung kommt, ist die Amla im Messeturm nicht nur ein Standorterfolg, sondern auch eine Erinnerung daran, dass die Regeln, die sie europäisch vereinheitlichen soll, hier vor Ort schon jetzt gelten. Der Turm ist gut gewählt: Von dort oben sieht man beides — die Banken und die Goethestraße.
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