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Amla im Messeturm: Europas Geldwäschejäger in Frankfurt

Sie hat keinen Neubau, keine Schalterhalle und keinen Publikumsverkehr: Die EU-Behörde zur Bekämpfung von Geldwäsche sitzt in gemieteten Etagen im Messeturm. Im Sommer 2026 schreibt sie das Regelwerk, nach dem sie ab 2028 vierzig Institute selbst prüfen wird.

Von Deniz Kaya 9 Min. Lesezeit
Blick von der Friedrich-Ebert-Anlage auf einen hohen Turm mit pyramidenförmiger Spitze, Granit- und Glasfassade.
01Friedrich-Ebert-Anlage, vor dem Messeturm, 8:40 Uhr— In dem Turm mit der Pyramidenspitze sitzt seit Juli 2025 die jüngste Behörde der Europäischen Union.Foto: Zeit Frankfurt

Wer an einem Werktagmorgen vom Hauptbahnhof aus die Friedrich-Ebert-Anlage hinaufgeht, läuft an einer der unauffälligsten Machtadressen Europas vorbei. Der Messeturm steht dort seit 1991, Granit und Glas, oben die Pyramide, die ihm den Spitznamen Bleistift eingetragen hat. Vor dem Eingang stehen Menschen mit Kaffeebechern, aus der Tiefgarage rollen Taxis, gegenüber beginnt das Messegelände. Nichts davon deutet darauf hin, dass in diesem Haus seit dem 1. Juli 2025 die jüngste Behörde der Europäischen Union arbeitet: die Amla, offiziell Behörde zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, Friedrich-Ebert-Anlage 49, 60308 Frankfurt am Main.

Behörden in Frankfurt sehen sonst anders aus. Die Europäische Zentralbank hat sich im Ostend einen Doppelturm hinter die Großmarkthalle gestellt, die Bundesbank thront in einem eigenen Ensemble über dem Grüneburgpark. Die Amla hat Etagen gemietet. Sie hat kein Wahrzeichen, keine Schalterhalle, keinen Besucherverkehr, und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen mittags in denselben Schlangen wie die Beschäftigten der Anwaltskanzleien und Beratungshäuser, die im selben Turm sitzen. Man kann das für eine Petitesse halten. Man kann es auch als treffendes Bild lesen für eine Institution, die derzeit vor allem Papier produziert — und deren eigentliche Arbeit erst 2028 beginnt.

Neun Städte bewarben sich, Frankfurt bekam den Zuschlag

Die Vorgeschichte ist ein europäisches Auswahlverfahren, wie es sie selten gibt. Bis zum 10. November 2023 reichten neun Mitgliedstaaten Bewerbungen für den Sitz der neuen Behörde ein: Belgien mit Brüssel, Deutschland mit Frankfurt, Irland mit Dublin, Spanien mit Madrid, Frankreich mit Paris, Italien mit Rom, Lettland mit Riga, Litauen mit Vilnius und Österreich mit Wien. Nachdem die EU-Kommission die Eignung geprüft hatte, stellten die Staaten ihre Bewerbungen am 30. Januar 2024 in einer gemeinsamen Anhörung von Rat und Europäischem Parlament noch einmal vor. Am 22. Februar 2024 fiel die Entscheidung zugunsten von Frankfurt.

Rechtsgrundlage der Behörde ist die Verordnung (EU) 2024/1620 vom 26. Juni 2024, Teil jenes Gesetzespakets, mit dem die EU nach einer Serie von Skandalen in europäischen Banken ihre Geldwäscheaufsicht neu ordnet. Der Grundgedanke ist einfach: Bisher hängt die Aufsicht an 27 nationalen Systemen, die unterschiedlich streng prüfen, unterschiedlich schnell reagieren und untereinander schlecht Daten austauschen. Wer Geld waschen will, sucht sich das schwächste Glied. Die Amla soll dieses Gefälle einebnen — durch einheitliche Regeln, durch Koordination der nationalen Aufseher und der Geldwäsche-Meldestellen und, ab 2028, durch eigene direkte Aufsicht über eine kleine Zahl besonders riskanter, grenzüberschreitend tätiger Institute.

Geführt wird die Behörde von der Italienerin Bruna Szego, die der Rat der Europäischen Union am 21. Januar 2025 zur ersten Vorsitzenden ernannte. Szego kommt von der Banca d Italia, wo sie von 2022 bis 2025 die Einheit für Geldwäscheaufsicht und -regulierung leitete; sie hat an der römischen Universität LUISS Guido Carli Jura studiert und 1992 die italienische Anwaltsprüfung abgelegt. Exekutivdirektor ist seit Juli 2025 der Franzose Nicolas Vasse. In den Exekutivrat rückten im Juni 2025 Simonas Krepsta, Rikke-Louise Örum-Peterson, Derville Rowland und Manuel Vega Serrano ein.

Blick von unten an einer Hochhausfassade aus Granit und Glas entlang nach oben, Himmel darüber.
02Friedrich-Ebert-Anlage 49, 9:15 Uhr— Adresse einer Behörde, die keine Schalterhalle hat: Die Amla arbeitet in gemieteten Etagen wie jeder andere Mieter im Turm.Foto: Zeit Frankfurt

Warum ausgerechnet hier: 438 Fälle und 250 Banken

Dass eine Geldwäschebehörde in Frankfurt landet, hat eine unangenehme Logik. Die Stadt zählt rund 250 Banken. Sie hat einen Luxusgütermarkt, einen teuren Immobilienmarkt und, wie jede Großstadt an einem Verkehrsknoten, Drogenkriminalität. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft registrierte im Jahr 2024 nach Angaben der hessenschau 438 Geldwäschefälle, von denen 417 aufgeklärt wurden; rund 60 Prozent hatten einen betrügerischen Hintergrund, und etwa ein Viertel aller hessischen Fälle entfällt auf Frankfurt. Die Oberstaatsanwältin Lucia Wülfing, die dort den Schwerpunkt Geldwäsche verantwortet, hat den Zusammenhang in einem Satz zusammengefasst, der sich nicht schönreden lässt.

Wir haben Banken, wir haben Drogenkriminalität, wir haben Luxusgüter. Alles, was Geldwäsche braucht, ist hier in Frankfurt vorhanden.

Lucia Wülfing, Oberstaatsanwältin in Frankfurt mit Schwerpunkt Geldwäsche, im hessenschau-Interview vom 1. Juli 2025

Wülfing benannte in demselben Gespräch auch die Lücke, an der die Strafverfolgung regelmäßig scheitert: Aus dem Luxusgüterbereich erhalte man trotz gesetzlicher Verpflichtung leider keine Geldwäsche-Verdachtsanzeigen. Der Befund ist für das neue europäische Regelwerk zentral, denn die Verpflichtung zur Meldung verdächtiger Transaktionen trifft längst nicht nur Banken, sondern auch Juweliere, Autohändler, Immobilienmakler, Notare und Kunsthändler — jene Gruppen also, die in der Statistik der Verdachtsmeldungen bislang praktisch nicht vorkommen. Genau dort setzt eine der Konsultationen an, die die Amla am 13. Juli 2026 gestartet hat: Sie betrifft die harmonisierte Risikobewertung im Nichtfinanzsektor.

Ein weiteres Argument stammt aus der Forschung. Der Trierer Volkswirt Ludwig von Auer, Autor einer Studie zum Thema, sagte der hessenschau, in den Entscheidungen der Geldwäscher, wo sie ihr Geld anlegen, spielten Erfahrungswerte aus der Vergangenheit sicherlich eine Rolle. Und der Rechtsanwalt und Geldwäsche-Experte Ulrich Göres beschrieb im selben Beitrag den Mechanismus, um den es geht: Die Einschaltung eines Finanzinstituts gebe dem Ganzen den Anschein der Seriosität. Auf die Frage, ob er glaube, dass es künftig weniger Geldwäsche geben werde, antwortete Göres: Nein.

2026 ist das Jahr der Regelwerke — und der Fristen

Wer wissen will, was die Amla im Sommer 2026 tatsächlich tut, muss sich durch eine Liste technischer Standards arbeiten. Seit dem 1. Januar 2026 hat die Behörde die Geldwäsche-Zuständigkeiten übernommen, die zuvor bei der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA lagen. Parallel schreibt sie die sogenannten technischen Regulierungsstandards, die den Text der EU-Geldwäscheverordnung in anwendbare Vorschriften übersetzen — Vorschriften, die Unternehmen in Deutschland unmittelbar befolgen müssen, ohne dass der Bundestag noch etwas dazwischenschiebt.

Die BaFin, deren Wertpapieraufsicht selbst in Frankfurt sitzt, hat am 18. Februar 2026 auf drei dieser Konsultationen hingewiesen und den Unternehmen des Privatsektors ausdrücklich empfohlen, sich zu beteiligen: ein Standard dazu, wie Geschäftsbeziehungen, gelegentliche Transaktionen und verbundene Transaktionen zu unterscheiden sind (Frist 8. Mai 2026), ein Standard zu den Kundensorgfaltspflichten und den dabei zu erhebenden Informationen (ebenfalls 8. Mai 2026) sowie ein Standard dazu, wie Pflichtverstöße zu bewerten und Bußgelder festzusetzen sind (verkürzte Frist 9. März 2026). Am 24. März 2026 gab es dazu eine öffentliche Anhörung. Nach Darstellung von PwC Legal beteiligten sich an der ersten öffentlichen Anhörung über 1.600 Vertreterinnen und Vertreter aus dem Finanz- und Nichtfinanzsektor sowie der Zivilgesellschaft; die finalen Entwürfe sollen im dritten Quartal 2026 an die EU-Kommission gehen.

Der Juli 2026 war entsprechend dicht. Am 3. Juli schloss die Behörde gemeinsame Formate für die Zusammenarbeit der nationalen Geldwäsche-Meldestellen und für Meldungen an die Europäische Staatsanwaltschaft ab. Am 6. Juli startete eine Konsultation zu Standards für den grenzüberschreitenden Informationsaustausch zwischen diesen Meldestellen. Am 8. Juli folgte ein harmonisierter Ansatz für die Ahndung von Verstößen, damit Aufseher in der ganzen EU gleiche Maßstäbe anlegen. Am 15. Juli stellte Bruna Szego dem Europäischen Parlament den konsolidierten Tätigkeitsbericht für 2025 vor. Und am 21. Juli wurden die Standards für die Aufsichtszusammenarbeit finalisiert: Sie regeln, wie Amla und nationale Aufseher gemeinsam jene grenzüberschreitenden Institute auswählen und ab 2028 beaufsichtigen sollen, die als besonders bedeutend gelten.

Für die Verpflichteten in der Stadt — die Bank am Opernplatz ebenso wie den Steuerberater in Bockenheim — ist 2026 damit ein Übergangsjahr mit zwei Kalendern. Der eine ist deutsch: Seit dem 1. März 2026 gilt die Meldeverordnung zum Geldwäschegesetz, nach der Verdachtsmeldungen einheitlichen technischen Standards entsprechen und über das Portal goAML eingereicht werden müssen. Der andere ist europäisch und läuft auf den 10. Juli 2027 zu, wenn die EU-Geldwäscheverordnung mit ihrem sogenannten Single Rulebook anwendbar wird und nationale Regeln durch einheitliche europäische ersetzt — mit schärferen Anforderungen an die Kundenidentifizierung, bis hin zur Dokumentation von Staatsangehörigkeiten, Steueridentifikationsnummern und Beruf. So stellt es die Kanzlei SBS Legal in ihrer Übersicht zum Jahr 2026 dar.

Dass die Amla ihre Standards in genau dieser Reihenfolge schreibt — erst die Sorgfaltspflichten, dann die Sanktionen, dann die Aufsichtszusammenarbeit —, ist kein Zufall. Sie baut das Regelwerk von unten nach oben: erst festlegen, was ein Institut wissen muss, dann, was passiert, wenn es das nicht weiß, und zuletzt, wer das prüft. Für die Compliance-Abteilungen im Bankenviertel bedeutet das ein Jahr voller Entwürfe, Fristen und Stellungnahmen — und die unangenehme Gewissheit, dass die Vorschriften, zu denen sie sich jetzt äußern, in achtzehn Monaten unmittelbar gelten.

Vierzig Institute, 430 Stellen — und ein Zeitplan bis 2028

Enge Gasse zwischen Bankgebäuden im Frankfurter Bankenviertel, Hochformat, Fassaden aus Glas und Stein.
03Bankenviertel, zwischen Taunusanlage und Neue Mainzer Straße, 13:30 Uhr— Rund 250 Banken zählt die Stadt — der Grund, warum die Aufsicht hier näher an ihrem Gegenstand sitzt als anderswo.Foto: Zeit Frankfurt

Die Zahl, an der sich die Behörde am Ende messen lassen muss, ist überschaubar: 40. So viele Verpflichtete will die Amla im Jahr 2027 auswählen, um sie ab 2028 direkt zu beaufsichtigen. Es sind Finanzunternehmen, die in mehreren Mitgliedstaaten tätig sind und die nach den nun entstehenden Kriterien das höchste Geldwäscherisiko tragen. Alles andere bleibt bei den nationalen Aufsehern — in Deutschland also bei der BaFin —, aber nach Regeln, die künftig aus dem Messeturm kommen.

Dafür wächst der Apparat. Ende 2025 arbeiteten nach Angaben der Behörde rund 120 Menschen für die Amla; bis Ende 2027, wenn die Reiseflughöhe erreicht sein soll, sollen es etwa 430 sein. Das Bundesfinanzministerium hatte bei der Sitzentscheidung von bis zu 400 Beschäftigten gesprochen. Für 2026 nennt die Behörde selbst zwei Schwerpunkte: den schrittweisen Aufbau der IT-Infrastruktur und die Bedarfsanalyse dafür. Das klingt nach wenig, ist aber der Kern der Sache — eine Aufsicht, die Daten aus 27 Ländern zusammenführen soll, steht und fällt mit den Systemen, in denen diese Daten landen.

Auch die Gremienstruktur zeigt, wie groß der Koordinationsaufwand ist. Der Allgemeine Rat der Amla tagt in zwei Zusammensetzungen: einmal als Aufsichtsgremium mit 127 nationalen Behörden aus 27 Staaten, einmal als Gremium der Geldwäsche-Meldestellen mit je einer Stelle pro Mitgliedstaat. Wer schon einmal versucht hat, in einem Verein mit dreißig Mitgliedern einen Termin zu finden, ahnt, welche Übersetzungsarbeit hinter einem Satz wie „harmonisierter Ansatz" steckt.

Und die Erwartungen? Bruna Szego selbst hat sie in der hessenschau nüchtern formuliert: Man werde den Erfolg der Amla daran sehen, ob sie ihre Mission erfüllen könne — das bedeute, ob sie für weniger Geldwäsche in der Europäischen Union sorgen könne. Das ist ein hoher Maßstab für eine Behörde, deren erste Prüfung noch zwei Jahre entfernt liegt, und es ist zugleich der einzige, der zählt. Denn die Kritik an der Konstruktion ist absehbar: 40 direkt beaufsichtigte Institute sind, gemessen an der Zahl der Verpflichteten in Europa, eine winzige Auswahl, und die Wirkung der Behörde hängt daran, ob die nationalen Aufseher die neuen Regeln auch anwenden, wenn niemand aus Frankfurt zuschaut.

Abendlicher Blick über die Frankfurter Hochhäuser, im Vordergrund ein Turm mit pyramidenförmiger Spitze.
04Blick über das Messegelände, 20:45 Uhr— Zwei Jahre bleiben der Behörde noch, bis sie zum ersten Mal selbst prüfen darf.Foto: Zeit Frankfurt

Für die Stadt selbst ändert sich vorerst wenig Sichtbares. Es gibt keinen Neubau, über den man streiten könnte, keine gesperrte Straße, keine neue Sicherheitszone. Was sich ändert, ist die Sorte Kompetenz, die sich hier ansammelt: Zur Geldpolitik der EZB, zur Bankenaufsicht der Bundesbank, zur Wertpapieraufsicht der BaFin und zur Versicherungsaufsicht der Eiopa am Westhafen kommt nun ein europäisches Regelwerk gegen Geldwäsche, geschrieben zwischen Messegelände und Hauptbahnhof. Frankfurt ist damit endgültig weniger die Stadt, in der man Geschäfte macht, als die Stadt, in der festgelegt wird, wie Geschäfte gemacht werden dürfen. Wer das langweilig findet, hat recht. Wer es unwichtig findet, sollte noch einmal die Zahl 438 lesen.

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