Stadtleben · Erklärt

Woher Frankfurts Trinkwasser kommt: Stadtwald, Ried, Vogelsberg

Hahn auf, Glas voll — dahinter stecken Brunnen bis 143 Meter Tiefe unter dem Stadtwald, Quellleitungen aus dem Vogelsberg seit 1870 und aufbereitetes Rheinwasser, das im Hessischen Ried freiwillig zurück in den Boden geschickt wird. Eine Ortsbestimmung.

Von Imke Sauer 8 Min. Lesezeit
Kiefernwald im Frankfurter Stadtwald mit einem eingezäunten Brunnenschacht der Trinkwassergewinnung im Morgenlicht.
01Frankfurter Stadtwald, südlich der Kelsterbacher Straße, 7:05 Uhr— Unter diesen Kiefern liegen die Brunnen, aus denen ein Viertel des Frankfurter Trinkwassers kommt.Foto: Zeit Frankfurt

Es ist die unspektakulärste Handlung des Tages: Hahn auf, Glas voll, trinken. In Frankfurt hat dieses Glas eine Reise hinter sich, die es mit jedem Pendlerweg aufnehmen kann. Ein Teil des Wassers stammt aus Brunnen, die bis zu 143 Meter tief in den Sand unter dem Stadtwald reichen. Ein anderer kommt aus dem Hessischen Ried, wo aufbereitetes Rheinwasser ins Grundwasser versickert wird. Ein dritter fließt seit 1870 aus Quellen im Vogelsberg und im Spessart heran, durch Leitungen, die älter sind als jede Frankfurter Straßenbahnlinie. Wer verstehen will, wie diese Stadt funktioniert, kommt an ihrem Wasser nicht vorbei — schon gar nicht im August.

Die Grundzahl steht in den Unterlagen der Stadt: Rund 25 Prozent des Frankfurter Trinkwassers werden aus Gewinnungsanlagen im Stadtgebiet gefördert, die verbleibenden 75 Prozent kommen aus dem Umland. Die Mainova, die das Wasser bis zum Hausanschluss bringt, nennt für die Anlagen im Stadtgebiet 20 Prozent des Jahresbedarfs, dazu rund 40 Prozent aus dem Hessischen Ried und den Rest aus Vogelsberg, Spessart und Kinzigtal. Die Abweichung ist keine Schlamperei, sondern eine Folge davon, dass sich die Anteile je nach Jahr, Wetterlage und Betriebsführung verschieben. Merken muss man sich nur das Verhältnis: Frankfurt trinkt überwiegend Wasser, das nicht aus Frankfurt kommt.

Ein Viertel liegt unter dem Stadtwald

Der Ort, an dem die Frankfurter Wasserversorgung am ehesten sichtbar wird, ist ein Waldstück im Süden. Zwischen Kiefern und Schneisen stehen dort Betonschächte, Zaunfelder, gelegentlich ein Schild. Und mittendrin ein Bauwerk, das aussieht, als hätte sich jemand in der Zeit geirrt: eine kuppelbekrönte Maschinenhalle aus rotem Mainsandstein, gestützt von zehn Strebepfeilern, oben eine gusseiserne Laterne mit einer kupfernen Wassernymphe. Das ist das Wasserwerk Hinkelstein, errichtet zwischen 1890 und 1893 unter der Leitung des Stadtbaurats William Heerlein Lindley — desselben Ingenieurs, dessen Handschrift auch andernorts in Frankfurts Untergrund steckt. Es war die dritte und größte Grundwassergewinnungsanlage im Stadtwald und ging 1894 in Betrieb.

Die Halle steht unter Denkmalschutz und gehört zur Route der Industriekultur Rhein-Main. Betrieben wird die Anlage seit 2001 von der Hessenwasser GmbH & Co. KG. Und sie ist kein Museum: Zehn Brunnen zwischen 66 und 143 Metern Tiefe fördern hier bis heute rund 18.000 Kubikmeter Wasser am Tag. Zum Vergleich: Die gesamte Stadt verbraucht im Mittel etwa 127.100 Kubikmeter täglich, über das Jahr gerechnet rund 46,4 Millionen Kubikmeter.

Der Stadtwald ist dabei kein unberührtes Reservoir, sondern ein bewirtschaftetes System mit einer eigenen Problemgeschichte. In den 1970er Jahren gelangten Enteisungsmittel vom benachbarten Flughafen ins Grundwasser; seither schützen Aktivkohlefilteranlagen die Gewinnung. Wer also durch den Stadtwald läuft und sich fragt, warum dort mehr Technik steht als in anderen Wäldern, hat die Antwort vor sich: Dieser Wald ist zugleich Wasserschutzgebiet, Erholungsfläche und Infrastruktur — eine Dreifachnutzung, die in Frankfurt seit über hundert Jahren ausgehandelt wird.

Die zweite Frankfurter Gewinnung liegt im Nordwesten, in Praunheim, und wird in den städtischen Angaben stets in einem Atemzug mit dem Stadtwald genannt: Zusammen stehen beide für jenes Viertel, das die Stadt aus eigenem Boden holt. Wer dort spazieren geht, sieht wenig — ein paar Schachtdeckel, Zäune, Hinweistafeln zum Wasserschutzgebiet. Das ist der Normalzustand dieser Infrastruktur: Sie fällt erst auf, wenn sie fehlt, und sie ist genau deshalb in der Stadtpolitik so leicht zu übersehen.

Historische Maschinenhalle aus rotem Sandstein mit Kuppeldach und Strebepfeilern, umgeben von Kiefernwald.
02Wasserwerk Hinkelstein, Frankfurter Stadtwald, 9:30 Uhr— Gebaut zwischen 1890 und 1893 unter William Heerlein Lindley — heute Denkmal und noch immer Teil der Versorgung.Foto: Zeit Frankfurt

Der Vogelsberg, das Ried und ein alter Konflikt

Der Rest kommt von weiter her, und dieser Rest ist politisch. Seit 1870 bezieht Frankfurt Quellwasser aus dem Vogelsberg und dem Spessart. Der Vogelsberg, Europas größtes zusammenhängendes Basaltmassiv, speichert Niederschlag wie ein Schwamm; das Wasser von dort war für die wachsende Stadt im 19. Jahrhundert die Rettung. Für die Region selbst war es über Jahrzehnte ein Streitthema, weil sinkende Grundwasserstände, trockenfallende Bäche und geschädigte Feuchtgebiete der Entnahme angelastet wurden. Der Konflikt gehört zu den ältesten Umweltauseinandersetzungen Hessens, und er ist nicht erledigt.

Hessenwasser, seit 2001 die zentrale Organisation für Gewinnung, Transport und Qualitätsüberwachung im Rhein-Main-Gebiet, beschreibt die Lage nüchtern. Pressesprecher Hubert Schreiber hat den Ausgangspunkt einmal so formuliert, dass er sich nicht wegdiskutieren lässt.

Die lokale Wasserverfügbarkeit reicht nicht, um die Bevölkerung und die zahlreichen Pendler zu versorgen.

Dr. Hubert Schreiber, Pressesprecher der Hessenwasser GmbH & Co. KG

In Trockenperioden, so Schreiber, werde die Entnahme aus dem Vogelsberg zum Schutz der Ressource reduziert; ausgeglichen wird der Ausfall teilweise durch eine stärkere Förderung im Hessischen Ried. Damit ist der zweite große Baustein im Spiel — und der technisch aufwendigste.

Wie man Grundwasser macht: Anreicherung im Ried und in Schwanheim

Das Hessische Ried, die Ebene zwischen Rhein, Main und Odenwald, liefert Frankfurt seit den 1960er Jahren Wasser. Es ist eine der ergiebigsten Grundwasserlandschaften Deutschlands und zugleich eine der am stärksten beanspruchten: Landwirtschaft, Industrie, Trinkwasser und der Wald konkurrieren dort um dieselben Kubikmeter. Die Lösung, die Hessen seit Jahrzehnten fährt, heißt Grundwasseranreicherung. Flusswasser wird entnommen, aufwendig aufbereitet und vor den Gewinnungsanlagen wieder in den Untergrund versickert — Grundwasser wird also nicht nur entnommen, sondern auch bewusst nachgefüllt.

Zwei Anlagen sind dafür zentral. Die Uferanlage Schwanheim in Frankfurt-Niederrad bereitet seit 1959 Mainwasser auf. Die Anlage des Wasserverbands Hessisches Ried in Biebesheim arbeitet seit 1990 mit Rheinwasser. Gesteuert wird das Ganze über ein Messnetz, das seinesgleichen sucht: Rund 850 Grundwassermessstellen im Ried werden monatlich abgelesen. In nassen Jahren wird weniger infiltriert, in trockenen mehr. Genau diese Regelbarkeit macht die Versorgung des Ballungsraums klimafester, als sie es mit reiner Entnahme wäre.

Das Verteilnetz, das all diese Quellen verbindet, ist der eigentliche Grund, warum in Frankfurt auch in trockenen Sommern zuverlässig Wasser aus dem Hahn kommt. Hessenwasser betreibt ein überregionales Trinkwasserleitungsnetz, das Gebiete mit Überschuss und Gebiete mit Bedarf ausgleicht, und versorgt darüber rund 50 Städte und Gemeinden und mehr als zwei Millionen Menschen in Südhessen. Frankfurt, Wiesbaden und ihr Umland haben schlicht zu wenig eigenes Grundwasser für eine verlässliche Eigenversorgung — die Leitung ist die Antwort darauf.

Diese Arbeitsteilung ist noch nicht alt. Bis 2001 betrieb die Mainova die Gewinnungsanlagen selbst; mit der Gründung von Hessenwasser wurde der Anlagenpark ausgegliedert und in eine regionale Gesellschaft überführt, die für rund 50 Kommunen gleichzeitig plant. Der Grund war weniger betriebswirtschaftlich als hydrologisch: Grundwasser hält sich nicht an Stadtgrenzen. Wer im Ried fördert, verändert die Pegel in Gemeinden, die kein Frankfurter Stadtteil sind, und wer im Vogelsberg drosselt, muss anderswo mehr aus dem Boden holen. Seither entscheidet eine Stelle über beides — Frankfurt kauft ein, was es nicht selbst hat, und liefert im Gegenzug mit Schwanheim eine der wichtigsten Aufbereitungsanlagen des Verbunds.

Für den Alltag heißt das vor allem: Die Qualitätskontrolle liegt nicht beim Endversorger, sondern beim Gewinner des Wassers. Hessenwasser überwacht die Beschaffenheit von der Quelle bis zur Übergabe, die Mainova verantwortet das Netz in der Stadt. Wer in Frankfurt einen Wasserschaden meldet, ruft die Mainova an; wer wissen will, warum das Wasser in Bockenheim anders schmeckt als in Bergen-Enkheim, muss weiter zurückfragen — an der Mischung aus Stadtwald-, Ried- und Vogelsbergwasser liegt es allemal, denn welche Quelle gerade wie stark im Netz vertreten ist, hängt von Betrieb und Wetterlage ab.

Was Frankfurt selbst ändern will

Wasserstrahl aus einem einfachen öffentlichen Trinkbrunnen, Hochformat, Sonnenlicht im Wasser.
03Wasserpark an der Friedberger Landstraße, 14:10 Uhr— Unter dem Park liegt ein historischer Hochbehälter mit rund 25.444 Kubikmetern Fassungsvermögen.Foto: Zeit Frankfurt

Die Stadt hat auf diese Abhängigkeit eine Antwort formuliert. Am 4. Februar 2022 beschloss der Magistrat ein kommunales Wasserkonzept, eingebracht gemeinsam vom Dezernat für Klima, Umwelt und Frauen und vom Dezernat für Wirtschaft, Recht und Reformen. Es ist als Richtschnur bis 2030 angelegt und soll regelmäßig fortgeschrieben werden. Der Kerngedanke: Nicht jedes Wasser, das in Frankfurt verbraucht wird, muss Trinkwasserqualität haben. In der Stadt liegt eine Reihe stillgelegter Brunnen, die sich für die Bereitstellung von Brauchwasser reaktivieren ließen — für Grünpflege, Reinigung, Kühlung, Bewässerung. Jeder Kubikmeter, der so ersetzt wird, muss nicht aufwendig aufbereitet und nicht aus dem Vogelsberg herangeführt werden.

Der BUND-Kreisverband Frankfurt sieht in dem Konzept nach eigener Darstellung ein klares Potenzial, die Trinkwasserentnahme aus eigenen Brunnen um nahezu 50 Prozent zu steigern. Das Konzept selbst geht davon aus, dass der Mehrbedarf bis 2030 grundsätzlich durch eine Steigerung der Infiltration von aufbereitetem Flusswasser im Frankfurter Stadtwald und im Hessischen Ried gedeckt werden kann. Beides zusammengenommen ergibt eine Strategie, die weniger nach Verzicht klingt als nach Buchhaltung: sparen, wo es leicht ist, ersetzen, wo es geht, und den Rest technisch nachfüllen.

Dass der Bedarf wächst, ist dabei unstrittig. Der Regionalverband FrankfurtRheinMain beschreibt die Lage als doppelten Druck: Längere Hitze- und Trockenperioden erhöhen den Verbrauch für Trinken, Hygiene und Bewässerung, während gleichzeitig Starkregenereignisse häufiger werden, auf die sich die Kommunen ebenfalls einstellen müssen. Der Verband berät seine Mitgliedskommunen dazu und zeigt eine Ausstellung mit dem Titel „Wasser im Klimawandel". Es ist der seltene Fall, in dem zu viel und zu wenig Wasser dieselbe Behörde beschäftigen.

Wo man das alles anschauen kann

Für alle, die es lieber sehen als lesen: Im Wasserpark an der Friedberger Landstraße in Bornheim liegt ein Wasserlehrpfad mit neun Stationen, der den Weg des Wassers vom Kreislauf über Gewinnung, Transport, Filtration und Grundwasseranreicherung bis zur Abwasserreinigung durchbuchstabiert. Geöffnet ist er von April bis Ende Oktober, je nach Witterung, in den Monaten Mai bis August zwischen 8 und 20 Uhr. Unter dem Park liegt ein historischer Hochbehälter mit einem Fassungsvermögen von rund 25.444 Kubikmetern. Man kommt mit der Straßenbahnlinie 18 oder dem Bus 30 zur Haltestelle Wasserpark — und steht dann auf einem Rasen, unter dem mehr Wasser lagert, als der Stadtwald an einem Tag fördert.

Die zweite Adresse ist das Wasserwerk Hinkelstein im Stadtwald, erreichbar auf den Wegen des Regionalparks Rhein-Main. Von außen wirkt die Halle wie eine kleine Kirche, was kein Zufall ist: Wasserwerke des 19. Jahrhunderts wurden gebaut, um Vertrauen zu erzeugen. Nach den Seuchenjahren des 19. Jahrhunderts war sauberes Wasser kein technischer Komfort, sondern eine Frage des Überlebens, und die Stadt zeigte mit Sandstein und Kuppel, dass sie das ernst nahm.

Vielleicht ist das der eigentliche Punkt an einem Augusttag, an dem in Frankfurt die Klimaanlagen laufen und die Trinkbrunnen in den Parks das meistfotografierte Ausstattungsstück der Stadt sind. Die Versorgung, über die niemand redet, ist die aufwendigste, die diese Stadt betreibt: 150 Jahre alte Fernleitungen aus dem Vogelsberg, Brunnenfelder unter dem Stadtwald, aufbereitetes Rhein- und Mainwasser, das man freiwillig in den Boden zurückschickt, und ein Messnetz, das jeden Monat 850 Pegel abliest, damit dieselbe Handbewegung morgen wieder funktioniert. Hahn auf, Glas voll. Es ist nur unspektakulär, weil es gut gemacht ist.

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