Kultur · Getestet

Frankfurts Programmkinos im Test: Wo Kino noch Kino ist

Fünf Häuser, zehn Testbesuche, ein Verdikt: Wir haben die Harmonie, das Mal Seh’n, Orfeos Erben, das Kino des DFF und das Berger Kino getestet — nach Programm, Saal, Technik, Preis und Drumherum. Alle fünf bestehen; Gesamtsieger ist die Harmonie in Sachsenhausen. Und nebenbei klärt sich, warum die kleinen Säle voll sind, während Multiplexe klagen.

Von Lukas Schardt Aktualisiert am 9 Min. Lesezeit
Rote Kinosessel-Reihen im Halbdunkel mit warmem Wandlicht und samtigem Vorhang.
01Harmonie, Sachsenhausen, 19:40 Uhr— Rote Sesselreihen im Halbdunkel, warmes Wandlicht, der Vorhang noch zu — gleich gehört der Raum dem Film.Foto: Zeit Frankfurt

Man kann den Zustand des Kinos in dieser Stadt an zwei Abenden ablesen. Der eine findet in einem Multiplex statt: viel Foyer, viel Popcorngeruch, erstaunlich viele leere Sitze. Der andere in einem Hinterhof im Nordend, wo sich vor einem Saal mit wenigen Dutzend Plätzen eine Schlange bildet — für einen Dokumentarfilm, an einem Dienstag. Während die großen Ketten bundesweit über schwache Zahlen klagen, melden Frankfurts kleine Häuser regelmäßig volle Reihen. Wir wollten wissen, woran das liegt, und haben fünf Programmkinos getestet: die Harmonie in Sachsenhausen, das Mal Seh’n im Nordend, Orfeos Erben an der Hamburger Allee, das Kino des DFF am Schaumainkai und das Berger Kino in Bornheim.

Zur Methode: Jedes Haus wurde im Juni mehrfach besucht, an einem Wochenend- und einem Wochentagabend. Bewertet haben wir fünf Kategorien — Programmauswahl, Saal und Sitzkomfort, Bild und Ton, Preise sowie das Drumherum, also alles von der Bar bis zum Publikumsgespräch. Am Ende steht ein Verdikt mit einer Empfehlung, welches Haus zu welchem Kinotyp passt. So viel vorweg: Durchgefallen ist keines.

Vorab eine Begriffsklärung, weil sie im Test den Unterschied macht: Ein Programmkino ist kein kleines Multiplex, sondern ein anderes Modell. Nicht der Verleihplan bestimmt, was läuft, sondern eine Auswahl — Filme werden gesetzt, verlängert, in Reihen gebündelt, manchmal gegen jede kommerzielle Vernunft. Das Publikum kauft also nicht nur ein Ticket, sondern ein Urteil: Wenn dieses Haus den Film zeigt, wird er etwas taugen. Genau diese Vertrauensbeziehung haben wir in allen fünf Häusern gefunden, in jeweils eigener Ausprägung — und sie erklärt am Ende auch die vollen Reihen.

Die Harmonie ist Sachsenhausens Wohnzimmer geblieben

Die Harmonie an der Dreieichstraße ist das, was man ein klassisches Programmkino nennt, und zugleich das zugänglichste Haus dieses Tests. Das Programm bewegt sich souverän zwischen anspruchsvollem Arthouse und den klügeren Titeln des Mainstreams, dazu kommen Originalfassungen mit Untertiteln und gut gewählte Wiederaufführungen. Wer sich nicht sicher ist, ob er „ins Programmkino" gehört, wird hier sanft eingemeindet: Das Publikum reicht vom Studentenpaar bis zum Ehepaar, das seit Jahrzehnten denselben Wochentag reserviert.

Der Saal ist gepflegt, die Sessel sind bequemer, als es die Fassade vermuten lässt, Bild und Ton waren bei beiden Testbesuchen tadellos. Der Vorverkauf funktioniert online reibungslos, die Preise liegen spürbar unter Multiplex-Niveau. Abzüge gibt es allenfalls dafür, dass die begehrten Vorstellungen am Wochenende schnell ausverkauft sind — was allerdings eher ein Kompliment ist. Kategoriensieger bei Programmbreite und Alltagstauglichkeit.

Im Mal Seh’n zählt der Film — sonst fast nichts

Das Mal Seh’n liegt in einem Hinterhof an der Adlerflychtstraße, und wer es zum ersten Mal sucht, läuft garantiert einmal daran vorbei. Drinnen wartet das Gegenteil von Kino-Industrie: ein kleiner Saal, ein handgemachtes Programm aus Dokumentarfilmen, Reihen und Wiederentdeckungen, dazu regelmäßig Gespräche mit Filmemachern. Oft wird der Film kurz anmoderiert — von Menschen, denen man anhört, dass sie ihn gesehen haben und etwas davon halten. „Wir zeigen nichts, hinter dem wir nicht stehen", sagt einer der Betreiber im Foyergespräch, und genau so fühlt sich das Programm an.

Der Lichtkegel eines Filmprojektors durchschneidet den dunklen Vorführraum, Staubpartikel tanzen im Strahl.
02Mal Seh’n, Vorführraum, 20:15 Uhr— Ein Lichtstrahl, etwas Staub, dahinter Konzentration — mehr braucht dieses Kino nicht, um zu funktionieren.Foto: Zeit Frankfurt

Der Komfort ist rustikal: Der Saal ist klein, die Beinfreiheit begrenzt, wer Sitzriesen vor sich hat, muss den Kopf neigen. Dafür stimmen Projektion und Ton, und die Preise gehören zu den fairsten der Stadt. Das Mal Seh’n ist das Haus für alle, denen der Film wichtiger ist als der Sessel — und die den seltenen Luxus schätzen, nach dem Abspann nicht sofort hinauskomplimentiert zu werden, weil im Foyer noch geredet wird.

Orfeos Erben macht aus dem Kinobesuch einen ganzen Abend

An der Hamburger Allee, zwischen Messe und Bockenheim, verfolgt Orfeos Erben ein eigenes Modell: Kino und Restaurant unter einem Dach, gedacht als ein einziger Abend. Das Programm setzt auf europäisches Autorenkino, Originalfassungen und Filme, die anderswo im Verleihnebel verschwinden würden. Davor oder danach wird gegessen — richtig gegessen, mit Karte und Weinbegleitung, nicht mit Nachos aus der Warmhaltebox.

Genau diese Kombination ist die Stärke und die Eigenheit des Hauses. Wer nur schnell einen Film sehen will, bekommt ihn auch; wer aber den Abend als Gesamtform begreift, findet in Frankfurt nichts Vergleichbares. Saal und Technik bewegen sich auf gutem Niveau, das Publikum ist gesprächig und bleibt lange. In der Kategorie Drumherum ist Orfeos Erben unangefochten vorn — ein Kino für Verabredungen, bei denen man hinterher noch etwas zu sagen haben möchte.

Das Kino des DFF projiziert Filmgeschichte an den Fluss

Das Kino des DFF — Deutsches Filminstitut & Filmmuseum am Schaumainkai ist kein Programmkino im engeren Sinn, sondern etwas Selteneres: ein kuratierter Ort. Hier laufen Retrospektiven, Klassiker und Originalfassungen, sorgfältig zu Reihen gebündelt, oft eingeführt und gelegentlich noch analog projiziert — der Blick ins Dosenregal des Vorführraums ist ein eigenes Erlebnis. Wer einen Film von 1955 so sehen will, wie er gemeint war, hat in Frankfurt genau diese Adresse.

Ein Regal mit silbernen Filmdosen und aufgerollten Filmstreifen im Vorführraum, hochformatig fotografiert.
03Kino des DFF, Schaumainkai, 17:50 Uhr— Filmdosen im Regal: Am Museumsufer wird Kino nicht nur gezeigt, sondern aufbewahrt.Foto: Zeit Frankfurt

Der Saal ist funktional und gut in Schuss, das Publikum konzentriert; hier klingelt kein Telefon, hier raschelt höchstens ein Programmheft. Schön ist die Lage im Museum selbst: Der Kinobesuch lässt sich mit der Dauerausstellung verbinden — oder gleich mit einem ganzen Tag am Museumsufer. Abzüge gibt es nur dafür, dass das Programm naturgemäß nicht auf Aktualität zielt: Den neuen Kinostart des Wochenendes suchen Sie hier meist vergebens. Alles andere ist auf höchstem Niveau.

Das Berger Kino beweist, dass man Kinos noch gründen kann

Das jüngste Haus des Tests steht an der Berger Straße in Bornheim und widerlegt seit Ende 2019 die These, das Kino sei ein sterbendes Geschäftsmodell. Das Berger Kino ist ein Nachbarschaftskino im besten Sinn: kurze Wege, moderne, bequeme Sessel, ein Programm, das Arthouse mit Familienfilmen und gut gewählten Startterminen mischt. Man merkt dem Haus an, dass es für sein Viertel gebaut wurde — und dass das Viertel darauf gewartet hat. Dass solche Kultur-Comebacks in dieser Stadt funktionieren, hat zuletzt auch das English Theatre gezeigt.

Technisch ist das Haus auf der Höhe der Zeit, die Sitzqualität ist die beste des Tests, die Preise sind moderat. Was ihm gegenüber den älteren Häusern noch fehlt, ist die gewachsene Handschrift, das über Jahrzehnte eingespielte Verhältnis zwischen Programm und Publikum. Das ist keine Kritik, sondern eine Frage der Zeit — die Richtung stimmt erkennbar.

Frankfurts Kinoglück hängt nicht an der Größe der Leinwand, sondern an der Handschrift derer, die das Programm machen.

Volle Reihen gibt es dort, wo Menschen das Programm machen

Ein Wort noch zu den Preisen, weil sie im Klischee gern falsch einsortiert werden: Programmkino ist nicht das teure Vergnügen für Feinschmecker, sondern in dieser Stadt fast durchweg die günstigere Wahl. In allen fünf Häusern lagen unsere Testtickets unter dem, was ein Multiplex am Wochenende inklusive Zuschlägen aufruft — und zwar ohne Überraschungsgebühren für Überlänge, Loge oder 3D-Brille. Dazu kommt das ehrlichere Preismodell an der Theke: Ein Glas Wein im Mal Seh’n oder in der Harmonie kostet ungefähr das, was anderswo der mittlere Popcorneimer verlangt. Wer regelmäßig ins Kino geht, spart in der Nische — das hätten vor dem Test vermutlich die wenigsten erwartet.

Bleibt die Frage vom Anfang: Warum füllen die kleinen Säle ihre Reihen, während die großen klagen? Die Antwort, die sich nach zehn Testbesuchen aufdrängt, ist unbequem für alle, die Kino als Abspielfläche begreifen. Streaming hat dem Multiplex sein wichtigstes Argument genommen — die reine Verfügbarkeit des Films. Was sich nicht streamen lässt, ist alles andere: die Auswahl, für die jemand mit Geschmack und Haltung bürgt, der Saal als verabredeter Ort, das Gespräch danach. Die Programmkinos verkaufen keine Sitzplätze, sie verkaufen eine Handschrift. Deshalb übersteht ihr Modell auch den Sommer, in dem die Konkurrenz unter freiem Himmel spielt — wer mag, kombiniert beides und schaut zusätzlich bei Frankfurts Sommerbühnen vorbei.

Zuschauersilhouetten vor einer hell leuchtenden Kinoleinwand, aufgenommen aus der letzten Reihe.
04Berger Kino, Bornheim, 21:30 Uhr— Aus der letzten Reihe gesehen: lauter Hinterköpfe, eine helle Fläche — das älteste Gemeinschaftserlebnis der Moderne.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende des Tests steht ein unerwartet optimistischer Befund: In einer Stadt, die gern als kühl und geschäftig beschrieben wird, leisten sich fünf Häuser den Luxus, Filme ernst zu nehmen — und werden dafür mit Publikum belohnt. Kino ist in Frankfurt keine bedrohte Art. Es hat nur die Adresse gewechselt: weg von den großen Foyers, hin zu den Orten, an denen jemand das Licht persönlich ausmacht.

Mehr aus Kultur

Alle Artikel →