Kultur · Liste

Wo Frankfurt liest: Sieben Orte für Literatur jenseits der Messe

Literatur findet in Frankfurt an 365 Tagen statt, nicht nur an fünf Messetagen im Oktober. Sieben Orte mit regelmäßigem Programm, vom Literaturhaus an der Schönen Aussicht bis zum Lesefest Open Books — zu jedem nennen wir Profil, Publikum und den besten Einstiegsabend.

Von Lukas Schardt Aktualisiert am 8 Min. Lesezeit
Der klassizistische Säulenportikus der Alten Stadtbibliothek an der Schönen Aussicht im weichen Morgenlicht.
01Schöne Aussicht, 8:15 Uhr— Morgenlicht auf dem klassizistischen Portikus der alten Stadtbibliothek — heute liest hier das Literaturhaus.Foto: Zeit Frankfurt

Einmal im Jahr, fünf Tage im Oktober, ist Frankfurt unbestritten die Literaturhauptstadt der Welt. An den übrigen 360 Tagen hält sich hartnäckig das Vorurteil, die Stadt lese höchstens Kurszettel. Es ist falsch, und zwar an mindestens sieben Adressen nachprüfbar: Frankfurt hat eine Literaturszene, die das ganze Jahr über liest, streitet und vorliest — man muss nur wissen, wo. Diese Liste führt zu sieben Orten, vom klassizistischen Säulenbau am Mainufer bis zum Hinterzimmer einer Buchhandlung, jeweils mit Profil, Publikum und einer Empfehlung für den besten ersten Abend. Warum die Stadt des Buchhandels seit fünfhundert Jahren Frankfurt heißt, ist eine eigene Geschichte; hier geht es um ihre Gegenwart.

Ein Wort zur Auswahl: Aufgenommen haben wir nur Orte mit regelmäßigem, öffentlich zugänglichem Programm — keine einmaligen Festivals, keine geschlossenen Zirkel. Und noch eine Beruhigung vorweg für alle, die Lesungen für eine verstaubte Angelegenheit halten: Das Format hat sich in den vergangenen Jahren gründlich verändert. Moderierte Gespräche, Musik, Bühnenformate, Übersetzerabende — das Wasserglas ist geblieben, alles andere ist in Bewegung. Es gibt kaum einen günstigeren Kulturabend in dieser Stadt, und keinen, bei dem man den Hauptdarstellern hinterher so selbstverständlich Fragen stellen darf.

Am Literaturhaus führt kein Weg vorbei

1. Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2. Der erste Ort ist zugleich der schönste: Das Literaturhaus residiert in der wiederaufgebauten Alten Stadtbibliothek an der Schönen Aussicht, einem klassizistischen Bau mit Säulenportikus und Mainblick, der seinem Straßennamen alle Ehre macht. Hier findet statt, was man den Hauptstrom des Literaturbetriebs nennen könnte: Autorinnen und Autoren mit neuen Büchern, internationale Gäste, Debattenabende. Das Publikum ist belesen, treu und pünktlich, die Abende sind professionell moderiert und oft ausverkauft. Der beste Einstieg: eine Lesung aus der aktuellen Saison mit anschließendem Gespräch — und vorher zwanzig Minuten am Mainufer, denn die Lage will genossen werden.

Im Ostend wird Literatur handfester

2. Romanfabrik, Hanauer Landstraße 186. Wo das Ostend noch nach Werkstatt aussieht, arbeitet seit Jahrzehnten einer der sympathischsten Literaturorte der Stadt. Die Romanfabrik, untergebracht in ehemaligen Fabrikräumen, mischt Lesungen mit Musik, Lyrik mit Jazz und lässt zwischen den Formaten mehr Luft als die großen Häuser. Das Publikum ist gemischter und gesprächiger als anderswo, der Abend endet selten pünktlich und oft an der Theke. Bester Einstieg: einer der Abende, an denen Text und Musik sich abwechseln — die Spezialität des Hauses.

3. Künstlerhaus Mousonturm, Waldschmidtstraße 4. Ein paar Straßen weiter steht die ehemalige Seifenfabrik Mouson, deren Turm heute eines der wichtigsten Produktionshäuser für freie darstellende Kunst beherbergt. Literatur ist hier keine eigene Sparte, sondern Teil eines Spartenmixes: Lesungen und Textperformances teilen sich den Spielplan mit Tanz und Theater, entsprechend experimentierfreudig fällt das Programm aus. Wer Literatur als reine Wasserglas-Lesung versteht, wird hier produktiv irritiert. Bester Einstieg: ein Abend, bei dem eine Autorin ihren Text selbst auf die Bühne bringt — die Grenze zum Theater ist fließend, und genau das ist der Reiz.

Bei Goethe ist das Lesen zu Hause

4. Goethe-Haus und Deutsches Romantik-Museum, Großer Hirschgraben. Der berühmteste Frankfurter Literaturort ist zugleich der älteste: das Elternhaus Johann Wolfgang Goethes, in dem der „Werther" und Teile des „Faust" ihren Ursprung haben, samt dem 2021 eröffneten Deutschen Romantik-Museum nebenan. Das ist zunächst ein Museum, aber eben nicht nur: Vorträge, Lesungen und Gesprächsreihen machen aus dem Ensemble am Großen Hirschgraben einen lebendigen Veranstaltungsort. Das Publikum reicht von Schulklassen bis zu Germanisten im Ruhestand. Bester Einstieg: erst am Nachmittag durchs Haus und das Museum — unser Test hat sich den Neubau genau angesehen —, dann in eine Abendveranstaltung. Wer mehr Goethe will, findet seine Spuren an sechs weiteren Orten der Stadt.

Ein Lesesaal mit hohen Regalwänden und grünen Leselampen, eine Person von hinten an einem der Tische.
02Zentralbibliothek, Hasengasse, 16:10 Uhr— Grüne Lampen, hohe Regale, Konzentration: Die Stadtbücherei ist der demokratischste Leseort dieser Liste.Foto: Zeit Frankfurt

Die Stadtbücherei ist der demokratischste Ort dieser Liste

5. Zentralbibliothek der Stadtbücherei, Hasengasse 4. Zwischen Zeil und Dom liegt der Ort, an dem Frankfurts Lesekultur am wenigsten glamourös und am meisten wirksam ist. Die Zentralbibliothek ist offen für alle, kostet im Zweifel nichts und veranstaltet neben dem Ausleihbetrieb ein erstaunlich dichtes Programm: Lesungen, Werkstätten, Formate für Kinder und für Menschen, die Deutsch gerade erst lernen. Das Publikum ist die Stadt selbst, in ihrer ganzen Breite. Bester Einstieg: einfach hingehen — keine Karte nötig, kein Dresscode, keine Schwelle. Wer verstehen will, was eine Stadtgesellschaft zusammenhält, findet hier zwischen den Regalen mehr Antworten als in mancher Sonntagsrede.

Buchhandlungen sind die kleinsten Bühnen der Stadt

6. Die unabhängigen Buchhandlungen. Frankfurts Indie-Buchhandlungen sind die Kapillaren des Literaturbetriebs: klein, fein verzweigt und näher am Leser als jede Institution. Viele von ihnen machen abends die Ladentür zu und die Stuhlreihen auf — etwa Marx & Co im Westend, die Autorenbuchhandlung mit langer Veranstaltungstradition, oder der Weltenleser am Oeder Weg, der sein Programm mit spürbarer Handschrift kuratiert. Die Abende sind intim, das Publikum sitzt eine Armlänge von der Autorin entfernt, und hinterher wird signiert, gefragt und empfohlen. Bester Einstieg: der Newsletter der Buchhandlung Ihres Viertels. Die kleinen Bühnen sind schnell ausverkauft — es passen eben nur dreißig Stühle zwischen die Regale.

Ein Wort noch zu den Buchhandlungsabenden, weil sie das unterschätzteste Format dieser Liste sind: Für Autorinnen und Autoren sind die kleinen Läden oft die liebsten Stationen einer Lesereise — das Publikum ist nah, die Atmosphäre konzentriert, und die Buchhändlerin kennt ihre Gäste beim Namen. Für Besucher wiederum ist es die einzige Veranstaltungsform, bei der man den Ort des Geschehens hinterher gleich mitbenutzen kann: Man hört einen Text, kauft das Buch drei Regalmeter weiter und bekommt auf dem Weg zur Kasse noch zwei Empfehlungen dazu. Effizienter lässt sich ein Leseabend nicht verwerten — das ist, bei aller Poesie, dann doch wieder sehr Frankfurt.

7. Open Books. Der siebte Ort ist streng genommen ein Termin: Jedes Jahr zur Buchmesse veranstaltet die Stadt das Lesefest Open Books, bei dem Autorinnen und Autoren der Herbstsaison an mehreren Orten rund um den Römer lesen — bei freiem Eintritt. Es ist die niedrigschwelligste Gelegenheit des Jahres, aktuelle Literatur im Original zu hören, und für viele Frankfurter längst der eigentliche Grund, sich auf den Oktober zu freuen: die Messe für alle, ohne Ticket und ohne Hallenplan.

Die Stadt des Buchhandels ist auch eine Stadt des Vorlesens — man muss nur wissen, an welchen Türen es sich zu klingeln lohnt.

Ein aufgeschlagenes Buch mit einer Lesebrille auf einer Fensterbank im warmen Abendlicht, hochformatig fotografiert.
03Nordend, Fensterbank, 19:30 Uhr— Das Grundmodul aller sieben Orte: ein Buch, etwas Licht, ein Mensch mit Zeit.Foto: Zeit Frankfurt

Für die Praxis noch drei Hinweise. Erstens: Fast alle genannten Häuser veröffentlichen Monatsprogramme und Newsletter — wer zwei davon abonniert, hat sein Literaturjahr organisiert. Zweitens: Karten für gefragte Abende im Literaturhaus sollten Sie früh sichern, während Romanfabrik, Bibliothek und Buchhandlungen auch spontane Besucher verkraften. Drittens: Niemand prüft am Einlass, ob Sie das Buch gelesen haben. Die Sorge, als Anfänger aufzufallen, ist die unnötigste Schwelle des ganzen Betriebs — das Publikum einer Lesung besteht zur Hälfte aus Menschen, die das Buch erst danach kaufen. Genau dafür steht ja der Büchertisch am Ausgang.

Was auffällt, wenn man diese sieben Orte nacheinander besucht: Sie konkurrieren nicht, sie ergänzen sich. Das Literaturhaus liefert den Kanon, die Romanfabrik die Abweichung, der Mousonturm das Experiment, das Goethe-Haus die Tiefe, die Bibliothek die Breite, die Buchhandlungen die Nähe und Open Books das Fest. Zusammen ergeben sie eine Infrastruktur, um die Frankfurt von Städten beneidet wird, die deutlich lauter mit ihrer Literatur werben.

Publikum von hinten bei einer abendlichen Lesung, warmes Licht auf dem Podium mit leerem Stuhl und Wasserglas.
04Literaturhaus, Lesesaal, 19:55 Uhr— Fünf Minuten vor Beginn: Stuhl, Wasserglas, erwartungsvolle Hinterköpfe — gleich gehört der Abend einem Text.Foto: Zeit Frankfurt

Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieser Liste: Die Buchmesse ist nicht der Ausnahmezustand des literarischen Frankfurt, sondern nur sein sichtbarster Moment. Der Normalzustand findet an einem Dienstagabend statt, in einem Saal an der Schönen Aussicht oder zwischen den Regalen am Oeder Weg — dreißig Menschen, ein Text, ein Wasserglas. Wer einmal damit anfängt, stellt fest, dass sich in dieser Stadt fast jeden Abend irgendwo eine Tür öffnet, hinter der gelesen wird. Man muss nur klingeln.

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