Kultur · Porträt
Der Jazzkeller: Seit 1952 swingt Frankfurts berühmtester Keller
In der Kleinen Bockenheimer Straße gründete der Trompeter Carlo Bohländer 1952 den Jazzkeller — eine der ältesten Jazzbühnen Europas. Ein Abstieg in das Gewölbe, in dem einst amerikanische Legenden ein- und ausgingen und bis heute jeden Abend neu verhandelt wird, was Jazz ist.
Man muss diesen Ort erst einmal finden. Die Kleine Bockenheimer Straße ist kaum mehr als ein Durchschlupf zwischen Goethestraße und Freßgass, eine schmale Gasse im teuersten Quadrat der Stadt, links Luxusfassaden, rechts Hinterausgänge. Auf halber Höhe: eine Tür, eine Treppe abwärts, ein Schriftzug. Wer hier hinabsteigt, verlässt das Frankfurt der Uhrengeschäfte und betritt ein Gewölbe aus Backstein, niedrig, verwinkelt, vollgehängt mit sieben Jahrzehnten Musikgeschichte. Der Jazzkeller, gegründet 1952, ist eine der ältesten Jazzbühnen Europas — und vermutlich der einzige Weltort dieser Stadt, den man versehentlich übersehen kann. Die Kenner nennen die Gasse übrigens nur „Jazzgasse". Die Stadt hat das irgendwann übernommen; das Schild hängt heute offiziell.
Dass es diesen Keller gibt, verdankt Frankfurt einem Trompeter mit Dickkopf: Carlo Bohländer, Jahrgang 1919, Musiker durch und durch, hatte den Jazz schon in den Jahren gespielt, als er im nationalsozialistischen Deutschland als „entartet" galt und in Hinterzimmern überwintern musste. Nach dem Krieg, als mit den amerikanischen Soldaten auch die amerikanische Musik in die Stadt zurückkehrte, machte Bohländer aus der Leidenschaft einen Ort: 1952 eröffnete er im Kellergewölbe der Kleinen Bockenheimer Straße einen Club für jene Musik, die offiziell jahrelang verboten gewesen war. Der Raum war günstig, versteckt und akustisch ein Glücksfall — drei Eigenschaften, die sich als erstaunlich zukunftsfest erweisen sollten.
In den Nachkriegsjahren war der Keller ein Stück Amerika
Die frühen Jahre des Jazzkellers sind Frankfurter Stadtgeschichte im Kleinen. Die Stadt war Garnisons- und Verwaltungszentrum der Amerikaner, der Soldatensender AFN prägte den Äther, und wenn amerikanische Jazzgrößen auf Tournee oder Truppenbesuch in der Region waren, sprach sich schnell herum, wo man nach dem offiziellen Programm hingehen konnte. So gingen in dem Gewölbe Legenden ein und aus — Musiker vom Rang eines Dizzy Gillespie stiegen die Treppe hinunter, manche hörten nur zu, manche griffen zum Instrument. Für die deutschen Musiker jener Jahre war das eine Schule, wie sie kein Konservatorium bieten konnte: Man lernte den Jazz nicht aus Noten, sondern aus nächster Nähe, im Rauch, auf Zuruf.
Aus dieser Schule wuchs etwas Eigenes. Um den Posaunisten Albert Mangelsdorff — den wohl bedeutendsten Jazzmusiker, den dieses Land hervorgebracht hat — entwickelte sich in Frankfurt ein Jazz, der die amerikanischen Vorbilder nicht mehr kopierte, sondern beantwortete. Der Keller war dafür Bühne, Labor und Stammtisch zugleich; hier probierte der „Frankfurt Sound" seine ersten Takte, lange bevor Feuilletons ihn so nannten. Wer heute die Fotografien an den Gewölbewänden abschreitet, liest diese Geschichte wie ein Familienalbum: Bohländer, Mangelsdorff, die Gäste aus Übersee — und dazwischen immer wieder das Publikum, ohne das ein Keller nur ein Keller ist.

Bohländer selbst blieb dem Keller über Jahrzehnte verbunden — als Musiker, als Wirt, als wandelndes Archiv. Er schrieb nebenbei Lehrbücher über Jazztheorie, die Generationen von Musikern prägten, und wurde zur Anlaufstelle für alle, die in Frankfurt etwas mit dieser Musik anfangen wollten. Als er 2004 starb, war aus seinem Nachkriegskeller längst eine europäische Institution geworden, deren Name in einem Atemzug mit den traditionsreichen Clubs von Paris und London genannt wird.
Der Raum selbst ist das eigentliche Instrument
Was macht diesen Ort aus, sieben Jahrzehnte später? Man kann die Frage Musikern stellen und bekommt verblüffend einhellige Antworten. „Der Raum spielt mit", sagt ein junger Saxofonist, der hier regelmäßig bei den Sessions steht. „Das Gewölbe wirft dir den Ton zurück, warm und direkt — du hörst dich selbst, und du hörst sofort, ob du etwas zu sagen hast." Tatsächlich ist die Akustik des niedrigen Backsteingewölbes das heimliche Kapital des Hauses: keine Halle, kein Hall, sondern Nähe. Die Bühne ist klein, das Publikum sitzt eine Armlänge entfernt, und ein leises Ballad-Solo trägt hier weiter als anderswo das Fortissimo. Verstärkt wird sparsam. Es braucht nicht viel, wenn der Raum auf der Seite der Musik steht.
Dazu kommt eine Programmstruktur, die sich seit Jahrzehnten bewährt: Konzerte internationaler und lokaler Bands bilden das Rückgrat, dazwischen öffnen Jamsessions die Bühne für jeden, der sein Instrument und seinen Mut mitbringt — Hochschulstudenten neben grauhaarigen Profis, manchmal im selben Chorus. Und dann sind da die Tanzabende, an denen der Keller zur Party wird und zu Swing, Latin und Funk getanzt wird, bis das Gewölbe schwitzt. Diese Mischung ist kein Marketingkonzept, sondern Überlebensprinzip: Die Konzerte bringen das Renommee, die Sessions den Nachwuchs, die Tanzabende die Kasse. Jede der drei Säulen stützt die anderen beiden.
Der Jazzkeller ist kein Museum des Jazz — er ist sein Frankfurter Wohnzimmer, und Wohnzimmer renoviert man nicht, man bewohnt sie.
Überleben ist in dieser Lage die eigentliche Kunst
Man darf sich vom Charme des Gewölbes nicht täuschen lassen: Dass es den Jazzkeller noch gibt, ist alles andere als selbstverständlich. Der Club liegt in einer der teuersten Einkaufslagen des Kontinents, einen Steinwurf von der Goethestraße entfernt; über ihm hat sich die Stadt mehrfach gehäutet, ganze Branchen sind gekommen und gegangen. Ein Jazzclub ist in dieser Nachbarschaft ökonomisch eigentlich ein Anachronismus — und besteht doch, getragen von einer Betreiberfamilie, die das Haus seit Jahrzehnten mit jener Mischung aus Sturheit und Liebe führt, ohne die kein Kulturort alt wird, von einem treuen Stammpublikum und von Musikern, die für diesen Raum auch dann spielen, wenn andernorts mehr zu verdienen wäre. „Wir sind kein Betrieb, wir sind ein Versprechen", sagt einer, der hinter dem Tresen groß geworden ist. „Solange unten Licht brennt, hat Frankfurt einen Ort, an dem Jazz zu Hause ist."
Dabei hilft, dass der Keller nie versucht hat, etwas anderes zu sein als er selbst. Kein Umbau hat das Gewölbe je auf zeitgemäß poliert, keine Gastro-Offensive das Programm verwässert. Während wenige hundert Meter weiter die Alte Oper nach Jahrzehnten als Ruine prachtvoll wiederauferstand und die Stadt sich am Opernplatz ihre Hochkultur zurückholte, blieb der Keller einfach — offen. Das ist die unauffälligste Form von Beständigkeit, und vielleicht die schwerste. Frankfurts Nachtleben hat seine Legenden meist verloren, wie unsere Reportage durch die Clublandschaft der Stadt zeigt; der Jazzkeller ist die große Ausnahme von der Regel, dass in dieser Stadt nichts Nächtliches alt werden darf.

Ein Abend im Gewölbe erklärt mehr als jede Chronik
Wie sich das anfühlt, lässt sich an einem beliebigen Konzertabend besichtigen. Um halb sieben ist der Soundcheck im Gange, zwei Musiker stehen als Silhouetten vor dem beleuchteten Bogen, ein paar Takte, ein Nicken, der Raum antwortet. Um acht füllen sich die Tische: Stammgäste, die ihre Plätze kennen, Touristen, die ein Reiseführer hergeschickt hat, Studenten der Musikhochschule mit Notizbüchern. Um neun dimmt jemand das Licht, und dann geschieht das, wofür dieser Keller gebaut zu sein scheint, obwohl er nie dafür gebaut wurde: Die Stadt über den Köpfen verschwindet. Kein Fenster erinnert an die Goethestraße, kein Handyleuchten stört das Halbdunkel — es gibt nur noch die Band, den Backstein und diese eigentümlich konzentrierte Wärme, die entsteht, wenn hundert Menschen derselben Improvisation folgen.
Ein Stammgast, seit den Siebzigern dabei, bringt es in der Pause auf seine Formel: „Ich habe hier unten Weltstars gesehen und Anfänger, und die besten Abende waren die, an denen man den Unterschied vergessen hat." Genau das ist es, was den Jazzkeller von einer Gedenkstätte unterscheidet. Die Geschichte hängt an den Wänden, aber sie steht nicht auf der Bühne; dort wird jeden Abend neu verhandelt, was Jazz gerade ist. Ein Museum konserviert. Ein Wohnzimmer lebt davon, dass ständig jemand darin wohnt.

Wenn nach dem letzten Set die Treppe wieder nach oben führt, in die kühle Luft der Jazzgasse, steht man etwas benommen zwischen den dunklen Schaufenstern und braucht einen Moment, um sich zu erinnern, in welchem Jahrhundert man ist. Oben glitzert das teuerste Frankfurt, unten verklingt das älteste. Seit 1952 geht das so, unter jeder Konjunktur, jeder Mode, jedem neuen Frankfurt hindurch. Es gibt in dieser Stadt höhere Bühnen, größere Säle und lautere Nächte. Aber es gibt nur einen Keller, der schon swingte, als das Wort Skyline hier noch niemand kannte — und der gute Gründe hat, das auch dann noch zu tun, wenn über ihm wieder alles anders geworden ist.
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