Kultur · Reportage
Eine Nacht wach: Unterwegs durch Frankfurts Clublandschaft
Von einer Bar im Bahnhofsviertel über die Floors des Tanzhaus West bis zum Morgengrauen auf dem Eisernen Steg: eine Nacht durch Frankfurts Clublandschaft. Türsteher, Barkeeperinnen und Veranstalter erzählen, was vom Ruf der Techno-Stadt im Alltag übrig ist. Der Befund: kleiner als der Mythos, intensiver als der Ruf.
Es ist kurz nach elf, und die Münchener Straße macht, was sie am besten kann: alles gleichzeitig. Vor dem Kiosk diskutieren zwei Männer über Fußball, aus einer Imbisstür dampft es, eine Gruppe im Ausgehhemd fotografiert die Leuchtreklamen, als wäre das hier Tokio. In einer Bar ein paar Häuser weiter, dunkles Holz, gedimmtes Licht, beginnt die Nacht mit einem Getränk, das mehr kostet als früher der Eintritt ins Omen. Die Barkeeperin, Ende zwanzig, seit sechs Jahren im Viertel, sagt einen Satz, der sich als Motto dieser Nacht erweisen wird: „Frankfurt ist keine Stadt zum Feiern. Frankfurt ist eine Stadt, in der gefeiert wird. Das ist ein Unterschied."
Der Unterschied, das lernt man in den folgenden Stunden, ist ungefähr dieser: Berlin inszeniert seine Nächte, Frankfurt arbeitet sie ab — mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der es tagsüber Bilanzen prüft. Es gibt hier keine Clubmeile, kein Ausgehviertel im touristischen Sinn, sondern verstreute Orte, die man kennen muss: das Bahnhofsviertel für den Auftakt, das Gutleutviertel für die lange Strecke, Offenbach für die Puristen. Wer eine Nacht wach bleibt, durchquert keine Szene, sondern eine Landkarte.
Im Bahnhofsviertel beginnt die Nacht mit einem Missverständnis
Das Missverständnis geht so: Auswärtige halten das Bahnhofsviertel für Frankfurts Nachtleben, dabei ist es nur dessen Vorzimmer. Die Bars zwischen Kaiserstraße und Münchener Straße — mal Cocktail-Ambition, mal Kneipe mit Geschichte — sind der Ort, an dem sich die Nacht sortiert: Wer geht noch weiter, wer bleibt sitzen, wer gibt auf. Gegen Mitternacht leert sich die Bar in Wellen. Die Barkeeperin registriert es mit dem Gleichmut eines Menschen, der weiß, dass ein Teil der Gäste in drei Stunden zurückkommt, hungrig und um einige Illusionen leichter.
Draußen hat es geregnet, das Neon spiegelt sich im Asphalt, und auf dem Weg Richtung Hauptbahnhof erzählt ein Veranstalter, der seit fünfzehn Jahren Partys in wechselnden Räumen organisiert, von der Ökonomie hinter der Romantik. Die Gagen internationaler DJs hätten sich seit der Pandemie teils verdoppelt, sagt er, Security, Strom, Versicherung, GEMA — alles teurer. „Eine Clubnacht ist eine Mittelstandskalkulation mit Nebelmaschine. Nur dass am Ende niemand eine Rendite sieht, sondern höchstens einen guten Morgen." Dass Eintrittspreise von fünfzehn, achtzehn Euro inzwischen normal sind, verteidigt er trocken: Billiger gehe es nur, wenn jemand anderes draufzahle. Meistens der Betreiber.
Mit dem Taxi sind es nur ein paar Minuten die Gutleutstraße hinunter, vorbei an Speditionen, einem Heizkraftwerk, Gewerbehöfen. Hier draußen, wo die Stadt aufhört, hübsch sein zu wollen, liegt ihr verlässlichster Club.
Das Tanzhaus West ist gebaute Beharrlichkeit
Von außen: Industriebau, Backstein, ein Hof mit Bauzaun-Charme. Innen verteilt sich die Nacht auf mehrere Floors, rau verputzt, verwinkelt, mit jener Patina, die man nicht kaufen kann, sondern nur erspielen — das Tanzhaus West im Gutleutviertel gehört seit weit über zwei Jahrzehnten zu den Konstanten der Stadt, während um es herum ganze Clubgenerationen kamen und gingen. Um halb zwei ist der große Floor voll, aber nicht verstopft. Der Nebel steht dicht, der Scheinwerfer schneidet Silhouetten heraus, und was auf dem Boden passiert, ist keine Party im Sinne von Anlass, sondern Techno im Sinne von Tätigkeit: Man tanzt hier, wie andere Leute schwimmen. Gleichmäßig, versunken, ohne Publikum.

An der Bar, zwischen zwei Bestellwellen, ein kurzes Gespräch mit einer Frau, die hier seit Jahren zapft. Ob die Krise der Clubs, über die alle schreiben, hier angekommen sei? Sie zuckt mit den Schultern: Donnerstage seien schwieriger geworden, die Leute gingen später aus und tränken weniger, „die Jungen rechnen mehr". Aber die Nächte von Freitag auf Samstag? „Sehen Sie sich um." Man sieht: Studentinnen neben Endvierzigern, Anzugträger im Feierabendmodus neben Menschen, deren Outfit eine Woche Vorbereitung war. Frankfurts Floors sind gemischter als die vieler größerer Städte, vielleicht, weil das Angebot zu klein ist für Subszenen-Reinkulturen. Es ist eine Schwäche, die wie eine Stärke wirkt.
An der Tür wird die Nacht kuratiert, nicht bewacht
Draußen im Hof, gegen halb drei, raucht einer der Türsteher. Ein freundlicher Schrank von einem Mann, der seit den Neunzigern an Frankfurter Türen steht und seine Arbeit als eine Art Lektorat beschreibt: „Ich lese Gruppen. Wer kippt, wer klammert, wer Ärger mitbringt. Die meisten, die ich wegschicke, sind nicht böse — sie sind nur schon fertig, bevor sie drin sind." Die Türpolitik sei strenger geworden, sagt er, auch weil die Verantwortung gewachsen ist: Awareness-Konzepte, Rückzugsräume, geschultes Personal — was früher Attitüde war, ist heute Arbeitsschutz für Feiernde. „Früher hieß Tür: Du kommst nicht rein. Heute heißt Tür auch: Wir passen auf dich auf, wenn du drin bist."

Drinnen, auf dem kleineren Floor, legt gegen drei eine lokale DJ auf, konzentriert über die Regler gebeugt. Es ist der Moment, in dem eine Clubnacht ihre Wahrheit zeigt: Nicht die Headliner um eins machen den Ruf einer Stadt, sondern die Frage, ob um vier noch jemand da ist, der zuhört. In Frankfurt ist jemand da. Die Stadt, die den Begriff „Sound of Frankfurt" einmal in die Welt exportiert hat, lebt musikalisch längst nicht mehr von Superlativen — aber von einer Dichte an Könnern, die für eine Stadt dieser Größe bemerkenswert bleibt.
Frankfurts Nachtleben ist kleiner als sein Mythos — aber intensiver als sein Ruf.
Der Mythos lebt von Orten, die es nicht mehr gibt
Man kann in einer solchen Nacht der Versuchung nicht ganz widerstehen, Gegenwart an Vergangenheit zu messen. Der Mythos der Techno-Hauptstadt speist sich schließlich aus Adressen, die längst Legende sind: das Omen an der Junghofstraße, mit dem Sven Väth die Stadt in den Neunzigern zum Taktgeber machte; das Dorian Gray im Flughafen, das dank Fluglärm-Privileg keine Sperrstunde kannte und Jetset wie Vorstadt in dieselbe Nacht sperrte. Beide seit Jahrzehnten zu, beide präsenter als mancher Club, der heute geöffnet hat. Der Veranstalter von vorhin hatte dazu eine These: „Frankfurt trauert nicht, Frankfurt zitiert. Der Mythos ist unser Standortfaktor. Man muss ihn nur nicht mit dem Angebot verwechseln."
Das Angebot, nüchtern betrachtet: eine Handvoll Häuser mit Profil in Frankfurt selbst — und, eine Mainbrücke weiter, das Robert Johnson in Offenbach, jener kleine Raum am Fluss, der in internationalen Rankings regelmäßig weiter oben steht als alles, was die große Nachbarstadt zu bieten hat. Dass Frankfurts berühmtester Club im Zweifel gar nicht in Frankfurt liegt, gehört zu den Pointen dieser Nacht, über die sich hier niemand mehr wundert. Die Szene denkt regional; die Nachtschwärmer folgen ohnehin der Musik, nicht der Gemarkungsgrenze.
Gegen halb fünf dünnt der große Floor aus, ohne zu kippen. Wer jetzt noch da ist, bleibt bis zum Schluss. Ein Pärchen aus Mainz, das die letzte S-Bahn bewusst hat fahren lassen. Ein Erzieher, der am Montag frei hat. Eine Gruppe, die sich beim Tanzen kennengelernt hat und jetzt so tut, als kenne sie sich seit Jahren. Die Gespräche werden weicher, die Musik auch. Ein guter DJ, sagt die Frau an der Bar zum Abschied, merke, wann eine Nacht fertig sei — „und hört dann nicht sofort auf, sondern bringt sie nach Hause".
Am Morgen gehört die Stadt denen, die durchgehalten haben
Der Weg zurück in die Innenstadt, zu Fuß am Main entlang, ist der stillste Teil der Nacht. Am Westhafen liegen die Boote unbewegt, die ersten Jogger tauchen auf und mustern die Heimkehrer mit einer Mischung aus Mitleid und Neid, die auf Gegenseitigkeit beruht. Hinter dem Holbeinsteg färbt sich der Himmel, und auf dem Eisernen Steg, wo tagsüber die Reisegruppen ihre Schlösser fotografieren, stehen um kurz vor sechs nur zwei Gestalten am Geländer und sehen zu, wie die Bankentürme aus dem Grau kommen — erst als Scherenschnitt, dann in Farbe.

Was bleibt von dieser Nacht? Keine Sensation, kein Exzess, keine Geschichte, die man in Berlin erzählen könnte, ohne dass jemand gähnt. Sondern etwas Besseres: der Befund, dass diese Stadt ein Nachtleben hat, das seinen Ruf nicht nötig hat. Es ist kleiner als sein Mythos, teurer als früher, bedrohter, als es sich anmerken lässt — und in seinen besten Momenten von einer Intensität, die sich nicht um Vergleiche schert. Frankfurt ist eine Stadt, in der gefeiert wird. Um 6:10 Uhr, auf der Brücke, mit brennenden Füßen und klarem Kopf, versteht man endlich, warum das die schönere Auskunft ist.
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