Kultur · Damals

Dorian Gray: Der Club im Flughafen, der nie schließen musste

Von 1978 bis 2000 tanzte Frankfurt im Terminal 1: Das Dorian Gray kannte dank des Flughafen-Sonderstatus keine Sperrstunde und wurde vom Studio-54-Traum zum Epizentrum für Techno und Trance. Die Geschichte eines Clubs, den am Ende nur eine Vorschrift schließen konnte.

Von Johanna Roth 8 Min. Lesezeit
Menschenleerer Gang im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens bei Nacht mit Spiegelungen auf dem polierten Boden.
01Flughafen, Terminal 1, 1:40 Uhr— Menschenleerer Gang, Spiegelungen auf poliertem Boden — hier unten tanzte Frankfurt einst bis zum ersten Abflug.Foto: Zeit Frankfurt

Wer heute im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens auf der Ankunftsebene steht, zwischen Rollkoffern, Leuchtreklamen und dem Dauerrauschen der Durchsagen, ahnt nichts. Kein Schild, keine Tafel, keine Fotowand erinnert daran, dass sich hier unten, in den Eingeweiden dieses Funktionsbaus, zweiundzwanzig Jahre lang eine der ungewöhnlichsten Discotheken Europas verbarg. Das Dorian Gray, eröffnet 1978, geschlossen im Jahr 2000, war ein Club, wie es ihn nie zuvor und nie danach gegeben hat: eine Nobeldiscothek im Sicherheitsbereich eines internationalen Großflughafens — mit einem Privileg, von dem jeder Clubbetreiber der Republik nur träumen konnte. Der Flughafen kannte keine Sperrstunde. Also kannte auch das Dorian Gray keine.

Die Gründungsidee war unverhohlen größenwahnsinnig, und genau das machte ihren Charme aus: Man wollte das Studio 54 des Rhein-Main-Gebiets erschaffen. New Yorker Glamour, Dresscode, Champagner, mehrere Floors, plüschige Séparées — und das alles nicht in einer Innenstadtlage, sondern dort, wo die Welt ohnehin vorbeikam. Der Name, geliehen von Oscar Wildes ewig jungem Dandy, war Programm: Dieser Ort sollte nicht altern. In den ersten Jahren funktionierte das Konzept genau so, wie es gedacht war — als Laufsteg für die Schönen und Zahlungskräftigen der Region, mit Disco, Funk und allem, was die späten Siebziger hergaben.

Der Sonderstatus des Flughafens war das eigentliche Kapital

Um zu verstehen, warum dieser Club nur hier möglich war, muss man sich die deutsche Nacht der damaligen Zeit vorstellen: Sperrstunden gehörten zum Alltag, irgendwann gingen überall die Lichter an. Nur der Flughafen tickte anders — als Verkehrsbauwerk mit Sonderstatus lief der Betrieb rund um die Uhr, und mit ihm durfte auch das Dorian Gray durchmachen. Was als juristische Fußnote begann, wurde zur Identität: Während anderswo um vier Uhr die Reste zusammengekehrt wurden, begann hier unten manchmal erst die eigentliche Nacht. Am Sonntagmorgen mischten sich verschwitzte Tänzer mit den ersten Fluggästen des Tages; oben checkte die Welt ein, unten tanzte sie noch. Die S-Bahn fuhr direkt vor die Tür, geparkt wurde im Flughafenparkhaus, und wer wollte, konnte theoretisch von der Tanzfläche zum Frühflug nach Palma gehen. Manche wollten.

„Man ist freitags mit der S-Bahn hin und sonntags mit der ersten Bahn zurück — dazwischen lag ein anderes Leben", erinnert sich ein früherer Stammgast, heute Ende fünfzig, der seine Jugendjahre im Terminal verbrachte. „Oben Neonlicht und Passkontrolle, unten Nebelmaschine. Dieser Kontrast — das war das Dorian Gray."

Eine abwärts führende Rolltreppe im warmen Kunstlicht, Metallwände werfen harte Schatten.
02Terminal 1, Ankunftsebene, 2:05 Uhr— Der Weg ins Dorian Gray führte hinab — vorbei an Gepäckbändern, hinein in eine Nacht ohne Ende.Foto: Zeit Frankfurt

Aus der Nobeldisco wurde ein Labor der elektronischen Musik

Die zweite, wichtigere Karriere des Clubs begann in den Achtzigern, als der Glamour der Gründerjahre zu verblassen drohte und eine neue Generation von DJs die Kanzel übernahm. Das Dorian Gray hatte eine Soundanlage, die in der Republik ihresgleichen suchte, und Betreiber, die klüger waren als ihr Ruf: Sie ließen die jungen Wilden gewähren. Einer von ihnen war ein Teenager aus dem Frankfurter Umland namens Sven Väth, der hier früh hinter den Plattenspielern stand, lange bevor er mit dem Omen einen eigenen Club eröffnete und zur Weltmarke wurde — diese Geschichte erzählen wir in unserem Stück über das Omen. Ein anderer war Andreas Tomalla alias Talla 2XLC, dessen Veranstaltungsreihe Technoclub im Dorian Gray ihre berühmteste Heimat fand und die dem neuen Sound nicht weniger als den Rahmen gab: Hier wurde das Wort Techno zur Szene, bevor es zum Weltphänomen wurde.

In den Neunzigern war das Dorian Gray dann endgültig beides zugleich: Institution und Epizentrum. Trance und Techno füllten die Floors, die Nächte dehnten sich bis weit in den Tag, und der Club im Flughafen wurde zum Wallfahrtsort für ein Publikum, das aus dem gesamten Bundesgebiet anreiste — die Autobahn lag praktischerweise gleich daneben. Frankfurt stritt in jenen Jahren mit Berlin um den Titel der deutschen Techno-Hauptstadt, und das Dorian Gray war in diesem Wettstreit das dienstälteste Argument: älter als alle Berliner Institutionen, lauter als die meisten, und als einziger Club der Republik buchstäblich an den Flugplan der Welt angeschlossen.

Nirgendwo war Frankfurts Nachtleben wörtlicher am Puls der Welt als hier — zwischen Abflug und Ankunft.

Zur Größe des Mythos gehört auch die schiere Größe des Ladens: Das Dorian Gray war kein Kellerclub, sondern ein Komplex — mehrere Tanzflächen, Bars, Nischen und Gänge, in denen sich Tausende Gäste verlaufen konnten, dazu eine Licht- und Nebeltechnik, die eher an Showbühnen als an Discotheken erinnerte. Zu den Residents jener Jahre zählte auch Torsten Fenslau, der später mit dem Projekt Culture Beat Welthits produzierte und dessen früher Unfalltod 1993 die Szene erschütterte; seine Sonntagabende gehören bis heute zu den meisterinnerten Ritualen des Hauses. Wer im Rhein-Main-Gebiet der Neunziger elektronische Musik ernst nahm, kam an diesem Adressenkürzel nicht vorbei: Terminal 1, Ebene unten, bis zum Morgen.

Das Ende kam nicht durch die Mode, sondern durch die Vorschrift

Untergegangen ist das Dorian Gray nicht an schwindendem Publikum und nicht am Geschmackswandel — sondern an der Bauordnung. Nach dem verheerenden Brand am Düsseldorfer Flughafen 1996 wurden die Brandschutzanforderungen an Flughafenbauten drastisch verschärft, und ein unterirdischer Club mit Tausenden Gästen, Nebelmaschinen und verwinkelten Fluchtwegen passte nicht mehr in die neue Zeit. Die nötigen Umbauten hätten Summen verschlungen, die kein Nachtgeschäft der Welt wieder eingespielt hätte. Ende 2000 gingen im Dorian Gray endgültig die Lichter an — ausgerechnet in dem Club, der zweiundzwanzig Jahre lang niemals hatte schließen müssen, war es am Ende eine Vorschrift, die für immer schloss.

„Es gab kein würdiges Ende, das ist das Einzige, was ich ihm übelnehme", sagt eine Zeitzeugin, die in den Neunzigern kaum ein Wochenende ausließ. „Ein Club, der nie zumachen musste, hätte auch nie zumachen dürfen." Der Satz klingt nach Verklärung, und natürlich ist er das auch — aber Verklärung ist nun einmal die Währung, in der geschlossene Clubs weiterleben. Kaum ein Ort des Frankfurter Nachtlebens wird bis heute so hingebungsvoll erinnert: in Dokumentationen, Revival-Partys und den Erzählungen einer ganzen Generation, für die „das Gray" kein Club war, sondern eine Zeitrechnung.

Nahaufnahme einer Discokugel-Facette, in der sich farbige Lichtpunkte brechen.
03Archivmotiv, 23:55 Uhr— Tausend kleine Spiegel: Die Ästhetik der Discokugel überlebte im Dorian Gray den Übergang von Disco zu Techno.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ort selbst blieb nichts — und gerade das erzählt am meisten

Der Besuch am historischen Ort, heute, ist eine Übung in produktiver Enttäuschung. Die Flächen der ehemaligen Discothek liegen im und unter dem Ankunftsbereich des Terminal 1; was dort heute ist, unterscheidet sich in nichts vom Rest des Flughafens — Technik, Logistik, Ladenzeilen, das übliche Grau-Beige des Transitlebens. Man steht davor und hört nichts als Rollkofferrattern, wo einmal die lauteste Anlage der Republik stand. Und doch lohnt der Umweg, gerade wegen dieser Leere: Kein anderer Ort zeigt so schonungslos, wie restlos eine Nacht verschwinden kann, wenn niemand sie konserviert. Clubkultur hinterlässt keine Ruinen, die man romantisch fotografieren könnte; sie hinterlässt Menschen, die sich erinnern. Wie sehr sich Frankfurts Nächte seither verlagert haben — in Keller, Hallen und ans Offenbacher Ufer —, kann man in unserer Reportage über eine Nacht in Frankfurts Clublandschaft nachlesen.

Bleibt die Frage, was das Dorian Gray der Stadt hinterlassen hat, außer Anekdoten. Die Antwort ist größer, als der Club je war: Es hat bewiesen, dass Frankfurt Weltniveau kann, wenn es seine Eigenheiten ausspielt, statt sie zu verstecken. Kein Strandclub, keine Hauptstadtromantik — sondern ein Flughafen, eine Gesetzeslücke und die Bereitschaft, daraus etwas Einmaliges zu machen. Der ganze Flughafen ist ja, wie unsere Geschichte über 90 Jahre Frankfurter Flughafen zeigt, seit jeher mehr Stadtgeschichte als Infrastruktur; das Dorian Gray war nur ihr nächtlichstes Kapitel.

Ein startendes Flugzeug als Silhouette über dem Vorfeld in der orange glühenden Abenddämmerung.
04Flughafen, Besucherterrasse, 21:30 Uhr— Abflug in die Nacht: Kein Club der Welt lag näher am Rest der Welt.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende steht man am besten oben, auf der Besucherterrasse, wenn die Abenddämmerung das Vorfeld orange färbt und die Maschinen im Minutentakt in die Nacht starten. Irgendwo dort unten, ein paar Ebenen tiefer, lag zweiundzwanzig Jahre lang der Beweis, dass diese nüchterne Stadt die längsten Nächte Deutschlands feiern konnte. Der Dandy aus Oscar Wildes Roman bezahlte seine ewige Jugend bekanntlich mit einem Bildnis, das an seiner Stelle alterte. Der Club, der seinen Namen trug, hat es geschickter angestellt: Er ist verschwunden, bevor er alt werden konnte — und bleibt deshalb für immer jung.

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