Mainhattan · Porträt

Soll und Haben: Die Zwillingstürme der Deutschen Bank

Zwei Spiegelglastürme von je 155 Metern, ein Spitzname aus der Buchhaltung und eine Sanierung, die den Komplex zwischen 2007 und 2011 bis auf den Rohbau entkernte. Warum das Haus an der Taunusanlage für Frankfurts alternde Skyline wichtiger ist als für die Architekturgeschichte.

Von Georg Böhm 8 Min. Lesezeit
Zwei gleich hohe verspiegelte Bürotürme an einer baumbestandenen Straße im Frankfurter Bankenviertel am Morgen.
01Taunusanlage, Höhe S-Bahn-Station, 8:05 Uhr— Zwei gleich hohe Spiegelglastürme, versetzt zueinander: das meistfotografierte Hochhauspaar der Stadt.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt in Frankfurt kein Gebäude, das man häufiger im Bild hat, ohne es je bewusst angesehen zu haben. Wer aus dem Hauptbahnhof kommt und Richtung Alte Oper läuft, hat die beiden Türme an der Taunusanlage spätestens nach fünf Minuten im Blick: zwei gleich hohe Spiegelglaskörper, gegeneinander versetzt, im Sommer voller Wolken, im Winter voller Grau. Sie tragen einen der wenigen wirklich gelungenen Spitznamen der Skyline — Soll und Haben — und sie haben, anders als die meisten ihrer Nachbarn, keinen Architektennamen, den man auf Partys fallen lassen könnte. Genau das macht sie interessant.

Das Deutsche-Bank-Hochhaus, Taunusanlage 12, entstand von 1979 bis 1984 nach Entwürfen von Walter Hanig, Heinz Scheid und Johannes Schmidt. Es besteht aus einem viergeschossigen Sockelbau und zwei Türmen von je 155 Metern Höhe, von denen der eine 40, der andere 38 Geschosse hat. Rund 60.000 Quadratmeter Nutzfläche stehen etwa 2.000 Beschäftigten zur Verfügung. Die Türme sind Stahlbetonkonstruktionen mit verspiegelten Glasfassaden — jene Bauweise also, die in den späten Siebzigern als Inbegriff des Modernen galt und die man zwanzig Jahre später fast durchgängig als kalt beschrieb.

Beinahe ein Hotel: die Vorgeschichte des Grundstücks

Die erste Pointe des Hauses steht in keiner Broschüre: Geplant war an dieser Stelle gar keine Bank, sondern ein Hotel. Das Grundstück an der Taunusanlage war für ein Haus der Hyatt-Gruppe vorgesehen, und der Bau lief bereits, als die Deutsche Bank das Projekt übernahm. Man muss sich das kurz vorstellen — an einer der besten Adressen des Bankenviertels, direkt neben der S-Bahn-Station Taunusanlage und in Sichtweite der Alten Oper, hätten seit 1984 Touristen gefrühstückt statt Firmenkundenberater. Die Geometrie des Hauses erklärt sich zum Teil aus dieser Vorgeschichte: Hotelzimmer brauchen andere Grundrisse als Großraumbüros, und die vielen Knicke des Sockels wirken bis heute wie ein Rest aus einem anderen Programm.

Denn Knicke gibt es reichlich. Sowohl in der Horizontalen als auch in der Vertikalen besitzt der Fußbau zahlreiche 45-Grad-Winkel; die beiden Türme haben identische Grundrisse und sind punktsymmetrisch um die Mitte des Grundstücks angeordnet. Das klingt technischer, als es aussieht. In der Praxis führt es dazu, dass der Komplex aus keiner Richtung dasselbe Bild abgibt: Von der Taunusanlage wirken die Türme wie ein Paar, von der Mainzer Landstraße wie ein einziger, gefalteter Block, und aus den Wallanlagen heraus schiebt sich der Sockel als vielkantiges Massiv zwischen die Bäume. Die verspiegelte Fassade tut ihr Übriges: Weil die Spiegelung an jeder 45-Grad-Kante abbricht, entsteht kein durchgehendes Bild der Umgebung, sondern eine Collage aus Himmelsstücken und Nachbarhäusern.

Unter dem Ganzen liegt eine Ingenieurleistung, die niemand sieht. Beide Türme stehen auf einer gemeinsamen Bodenplatte von 4.660 Quadratmetern in 13 Metern Tiefe. Sie ist in der Mitte vier Meter dick und verjüngt sich zum Rand hin auf 2,5 Meter; verbaut wurden dafür 16.122 Kubikmeter Stahlbeton. Frankfurter Hochhausgründungen sind ein eigenes Kapitel der Bautechnik, weil der Untergrund aus Frankfurter Ton besteht — ein Material, das sich unter Last langsam und ungleichmäßig setzt. Eine gemeinsame Platte für zwei Türme ist deshalb keine Sparmaßnahme, sondern eine Entscheidung gegen unterschiedliche Setzungen.

Der Spitzname kam von selbst, wie alle guten Spitznamen. Soll und Haben sind die beiden Spalten eines Buchhaltungskontos: links, was hineingeht, rechts, was herausgeht. Zwei gleich hohe Türme nebeneinander, gebaut für die größte Bank des Landes — die Übersetzung lag so nahe, dass sich niemand ihre Erfindung zuschreiben kann. Sie hat den Vorteil, dass sie nichts beschönigt und nichts verspottet, sondern schlicht beschreibt, was in dem Haus passiert. Neben dem Bleistift für den Messeturm gehört sie zu den wenigen Frankfurter Gebäudenamen, die sich ohne Erklärung erschließen.

Detail einer verspiegelten Hochhausfassade mit schrägen Kanten, in der sich Himmel und Nachbarhäuser brechen.
02Taunusanlage, Fassadendetail, 10:40 Uhr— Die vielen 45-Grad-Knicke im Grundriss sorgen dafür, dass die Spiegelung an jeder Ecke abbricht.Foto: Zeit Frankfurt

2007 bis 2011: Als das Haus einmal komplett leer stand

Die eigentliche Geschichte dieses Gebäudes beginnt 2006, mit einer Zahl auf einem Prüfbericht. Nach 22 Jahren Betrieb erfüllte der Komplex die inzwischen verschärften Brandschutzvorschriften nicht mehr. Die Deutsche Bank stand damit vor der Entscheidung, die in den kommenden Jahren viele Frankfurter Eigentümer treffen wird: nachrüsten, abreißen oder grundlegend sanieren. Sie entschied sich für die dritte Variante — und ging weiter, als es nötig gewesen wäre.

Von 2007 bis 2011 wurde der Komplex bis auf die tragende Struktur zurückgebaut. Alles, was nicht Rohbau war, kam heraus: Fassade, Technik, Ausbau, Leitungen. Für die Innenarchitektur zeichnete der italienische Designer Mario Bellini verantwortlich, die Ingenieurleistungen kamen von Gerkan, Marg und Partner. Rund 200 Millionen Euro investierte die Bank. Für die Skyline war das ein seltsamer Anblick: vier Jahre lang zwei komplett leere Türme im Zentrum des Bankenviertels, hinter Gerüst und Plane, während im Rest der Stadt weitergearbeitet wurde. Kurz vor dem Abschluss gab es noch einen Zwischenfall — im November 2010 setzten Unbekannte über geöffnete Hydranten Teile der Türme unter Wasser und verzögerten die Wiedereröffnung.

Das Ergebnis wurde als Greentowers vermarktet, und ausnahmsweise ist der Marketingbegriff durch Zahlen gedeckt. Der Energieverbrauch des Hauses wurde etwa halbiert, der Wasserverbrauch um über 70 Prozent gesenkt, der CO2-Ausstoß um fast 90 Prozent. Der Betreiberatlas Skyline Atlas nennt für Heizung und Kühlung einen um 67 Prozent geringeren Bedarf und einen um 55 Prozent gesenkten Stromverbrauch gegenüber dem Zustand vor der Sanierung. Der Komplex erhielt die Zertifikate LEED Platin und DGNB — nach Darstellung der Bank als erstes Hochhaus überhaupt mit dieser Auszeichnung des U.S. Green Building Council. Die Fachpresse hob zudem die außergewöhnlich hohe Recyclingquote des Rückbaus hervor.

Ökologie schafft Ökonomie.

Untertitel des Fachbeitrags zum Energiekonzept der Greentowers in der db deutsche bauzeitung

Warum das heute mehr zählt als 1984

Blick von der Grünanlage steil an einem Doppelturm entlang nach oben, Bäume im Vordergrund, Hochformat.
03Wallanlagen an der Taunusanlage, 16:20 Uhr— Vom Park aus wirkt der Komplex kleiner, als er ist — die Bäume nehmen dem Sockelbau die Wucht.Foto: Zeit Frankfurt

Man kann über den ästhetischen Wert der Türme streiten, und man hat es getan. Verspiegeltes Glas war schon in den Neunzigern in der Kritik: Es wirft die Umgebung zurück, statt etwas über das Haus zu erzählen, es blendet, und es macht aus einem Gebäude eine Oberfläche. Neben dem Commerzbank Tower von Norman Foster, neben Helmut Jahns Messeturm oder dem Omniturm mit seinem Hüftschwung wirken Soll und Haben unauffällig — solides Bürohaus, keine Skulptur. Wer sie mag, mag genau das: dass hier zwei Türme stehen, die ihre Bedeutung nicht behaupten müssen.

Der eigentliche Beitrag des Hauses zur Stadt ist aber nicht die Silhouette, sondern das Verfahren. Frankfurts Hochhausbestand altert. Ein erheblicher Teil der Türme im Bankenviertel stammt aus den Siebzigern und Achtzigern, und für viele stellt sich dieselbe Frage, vor der die Deutsche Bank 2006 stand: Wie bekommt man ein Gebäude, das brandschutztechnisch und energetisch überholt ist, auf einen heutigen Stand, ohne die graue Energie von 16.000 Kubikmetern Beton wegzuwerfen? Die Antwort von der Taunusanlage lautet: Man kann ein Hochhaus vollständig entkernen und neu ausbauen, es dauert vier Jahre, es kostet dreistellige Millionenbeträge, und danach verbraucht es die Hälfte.

Diese Erkenntnis war 2011 eine Fachnachricht. Heute ist sie ein Argument in einer Debatte, die längst kommunalpolitisch geworden ist — über Büroleerstand, über Umnutzung, über die Frage, was mit Etagen geschieht, die nach der Umstellung auf hybrides Arbeiten dauerhaft leer bleiben. Die Zwillingstürme geben darauf keine vollständige Antwort, denn sie wurden nicht umgenutzt, sondern als Bürohaus erneuert. Aber sie liefern das Bauteilwissen: Was von einem Hochhaus der Achtziger bleibt, ist der Rohbau, und der ist besser als sein Ruf.

Bemerkenswert ist auch, was die Sanierung über die Rechnung sagt, die dahintersteht. 200 Millionen Euro sind viel Geld für ein Haus, dessen Rohbau bereits stand — und wenig für zwei Türme mit 60.000 Quadratmetern Nutzfläche an einer Adresse, an der Neubaugrundstücke nicht zu haben sind. Der Fachbeitrag der db deutsche bauzeitung fasste die Logik in einem Satz zusammen, der damals noch programmatisch klang und heute fast selbstverständlich wirkt: Ökologie schafft Ökonomie. Wer den ganzen Turm behält, spart den teuersten Teil eines Neubaus, nämlich den Turm.

Ein zweiter Punkt ist weniger charmant, aber ebenso lehrreich: Der Anlass für die ganze Übung war Brandschutz, nicht Klimaschutz. Die verschärften Vorschriften zwangen die Bank ohnehin, in großem Stil in ihr Haus einzugreifen — die energetische Erneuerung ergab sich, weil man bei einer Entkernung sowieso an allen Leitungen ist. Genau diese Koppelung ist das übertragbare Muster für den Frankfurter Bestand: Umfassend saniert wird selten aus Überzeugung, sondern wenn Vorschriften, Mietvertragszyklus und Technikalter zusammenfallen. Bei den Türmen an der Taunusanlage geschah das 2006. Bei etlichen Nachbarn steht es noch bevor.

Ein Standort mitten im Grünen — jedenfalls auf dem Plan

Zur Lage gehört ein Frankfurter Widerspruch. Die Türme stehen an der Taunusanlage, also an jenem Grünzug, der auf die Wallanlagen des 19. Jahrhunderts zurückgeht — den Ring, den die Stadt anlegte, nachdem sie ihre Befestigungen geschleift hatte. Direkt daneben liegt die unterirdische S-Bahn-Station Taunusanlage, eine der meistfrequentierten Umsteigepunkte der Region. Wer aus dem Park heraus fotografiert, bekommt das Motiv, das in jedem Frankfurt-Kalender vorkommt: alte Bäume vor Spiegelglas. Wer sich umdreht, steht an einer sechsspurigen Straße.

Die Nachbarschaft ist entsprechend dicht bebaut. Auf der anderen Seite der Mainzer Landstraße stehen der Trianon und das Frankfurter Büro Center, in Sichtweite beginnt das Ensemble um die Alte Oper. Der Sockelbau, viergeschossig und vielkantig, vermittelt zwischen dieser Dichte und dem Park; er ist der Teil des Komplexes, der im Alltag tatsächlich betreten wird, während die Türme darüber für die meisten Frankfurterinnen und Frankfurter reine Ansicht bleiben.

Und die Türme sind, das gehört zu einem ehrlichen Porträt, weiterhin Hauptsitz. Die Deutsche Bank hat ihre Frankfurter Belegschaft über die Jahre auf mehrere Standorte verteilt, aber die Adresse Taunusanlage 12 ist die Zentrale geblieben — jene Anschrift, die in Geschäftsberichten steht und auf die Kameras zeigen, wenn wieder eine Bilanzpressekonferenz ansteht. Es ist ein Haus, das man in Deutschland als Symbol benutzt, ohne es zu kennen: die Zwillingstürme im Bildhintergrund, wenn von der Bankenbranche die Rede ist.

Zwei beleuchtete Bürotürme in der Dämmerung, davor eine breite baumbestandene Straße mit Lichtspuren.
04Taunusanlage, Blick Richtung Alte Oper, 21:30 Uhr— Abends verrät die Beleuchtung, wie viel Haus hinter der Spiegelfläche steckt.Foto: Zeit Frankfurt

Am schönsten sind sie in der Dämmerung. Solange es hell ist, geben die Fassaden nur die Umgebung zurück; sobald drinnen die Lichter angehen, kippt das Bild, und man sieht zum ersten Mal, wie viel Haus hinter der Spiegelfläche steckt — Geschossdecken, Flure, einzelne Schreibtischinseln, und ganz oben eine Reihe Fenster, die länger brennen als der Rest. Dann verlieren Soll und Haben ihre Glätte und werden das, was sie tatsächlich sind: zwei sehr große, sehr gründlich überholte Bürohäuser, in denen an einem Werktagabend noch immer gearbeitet wird. Frankfurt hat spektakulärere Türme. Ein besseres Beispiel dafür, wie man einen alten weiterbaut, hat es nicht.

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