Guide · Kolumne

Deutschlandticket für 63 Euro: Lohnt sich das Abo noch?

Zum Jahreswechsel steigt das Deutschlandticket von 58 auf 63 Euro. Unsere Kolumne zählt ehrlich nach, ab wie vielen Fahrten sich das Abo in Frankfurt noch trägt — und erzählt, was das Ticket im Alltag verändert hat.

Von Deniz Kaya 6 Min. Lesezeit
Nahaufnahme einer Hand mit Smartphone, auf dem ein Ticket-Bildschirm leuchtet, dahinter verschwommen ein Bahnsteig.
01Hauptbahnhof, Gleis 21, 17:40 Uhr— Ein Ticket, das im Handy wohnt: Ab Neujahr kostet das Abo fünf Euro mehr — Zeit für eine ehrliche Rechnung.Foto: Zeit Frankfurt

Übermorgen wird mein Nahverkehr fünf Euro teurer, und ich habe die Feiertage mit einer Beschäftigung verbracht, die man niemandem wünscht: Ich habe meine eigenen Fahrten gezählt. Zum 1. Januar steigt das Deutschlandticket von 58 auf 63 Euro im Monat, die zweite Erhöhung in der kurzen Geschichte dieses Abos, das 2023 einmal mit dem schönen, runden Versprechen von 49 Euro gestartet war. 63 ist keine runde Zahl mehr. Es ist eine Zahl, bei der man anfängt zu rechnen. Also gut — rechnen wir. Aber ehrlich, und zwar in beide Richtungen.

Zuerst die kalte Mathematik, denn sie ist schnell erledigt. Ein Einzelfahrschein für das Frankfurter Stadtgebiet kostet knapp vier Euro. Teilt man 63 durch diesen Preis, landet man bei gut sechzehn Fahrten — das ist die neue Gewinnschwelle. Wer also rund siebzehnmal im Monat in Bahn oder Bus steigt, grob viermal pro Woche hin und zurück, fährt mit dem Abo günstiger. Wer täglich zur Arbeit pendelt, kommt auf vierzig und mehr Fahrten und muss gar nicht erst rechnen: Für ihn bleibt das Ticket auch für 63 Euro fast unverschämt günstig, verglichen mit dem, was klassische Monatskarten im Verbund einmal gekostet haben — von Verbindungen über die Stadtgrenze hinaus ganz zu schweigen, bei denen die alte Zonenlogik gnadenlos zulangte.

Die Tabelle kennt Gewinner, Verlierer und Selbstbetrüger

Interessant wird es unterhalb dieser Schwelle, und da sitzen mehr Menschen, als das Abo-Marketing wahrhaben will. Wer im Homeoffice arbeitet und zweimal die Woche ins Büro fährt, kommt auf sechzehn, siebzehn Fahrten — Kante auf Kante. Wer nur am Wochenende unterwegs ist, liegt klar darunter und subventioniert mit seinem Abo die Vielfahrer. Für diese Gruppe ist die Kündigung schlicht rational: Einzelfahrscheine, bei kurzen Wegen die Kurzstrecke, an vollen Tagen eine Tageskarte — das Sortiment dafür erklärt unser RMV-Grundlagen-Guide. Und dann gibt es noch die dritte Gruppe, zu der ich lange gehört habe: die Selbstbetrüger. Menschen, die das Abo behalten, weil sie ja „eigentlich viel mehr fahren wollten". Das Deutschlandticket ist kein Fitnessstudio. Wer es drei Monate lang nicht auf die Schwelle bringt, sollte es kündigen dürfen, ohne sich als Verkehrswende-Verräter zu fühlen.

Pendlerströme auf dem Querbahnsteig des Frankfurter Hauptbahnhofs in Bewegungsunschärfe, warmes Hallenlicht.
02Hauptbahnhof, Querbahnsteig, 8:05 Uhr— Für die tägliche Pendelei bleibt das Abo konkurrenzlos — die Rechnung kippt erst bei den Gelegenheitsfahrern.Foto: Zeit Frankfurt

So weit die Tabelle. Aber jetzt kommt der Teil der Rechnung, der sich in keiner Tabelle abbilden lässt, und er ist der Grund, warum diese Kolumne keine Abrechnung wird. Das Deutschlandticket hat in meinem Alltag etwas verändert, das ich erst bemerkt habe, als ich es für diese Rechnung suchen musste: Es hat das Nachdenken abgeschafft. Vor dem Abo war jede Fahrt eine kleine Kaufentscheidung — lohnt das jetzt, welche Preisstufe, gilt das noch als Kurzstrecke, was kostet der Rückweg? Seit dem Abo steige ich ein. Das ist alles. Diese Reibungslosigkeit klingt nach wenig und ist in Wahrheit das Kernprodukt: Man benutzt den Nahverkehr wie fließendes Wasser, nicht wie einen Automatenkaffee, für den man jedes Mal Kleingeld sucht.

Was das Ticket wirklich verkauft, steht auf keiner Preisliste

Die Folgen dieser Reibungslosigkeit kann ich in meinem Kalender nachlesen. Der spontane Samstagsausflug in den Taunus, weil die Sonne schien und die Bahn sowieso fuhr. Der Abend in Mainz, der sich nicht mehr anfühlt wie eine Auswärtsreise mit Tarifrisiko. Die absurde, stille Freude, in Darmstadt, Marburg oder meinetwegen Rosenheim in einen Bus zu steigen und zu wissen: gilt. Und die größte Position, die nie auf einer Quittung auftauchen wird: Das Auto, das ich im Frühjahr abgeschafft habe, weil es zuletzt nur noch Standgebühren produzierte. Rechnet man dessen Versicherung, Wartung und den Frankfurter Anwohnerparkplatz gegen, ist das Deutschlandticket auch für 63 Euro das billigste Verkehrsmittel, das ich je besessen habe — mit Ausnahme meiner Schuhe.

Offene Regionalzug-Tür, ein einsteigender Fahrgast mit Rucksack von hinten, Hochformat.
03Gleis 3, Regionalzug Richtung Taunus, 9:20 Uhr— Einsteigen ohne nachzudenken: Der spontane Samstagsausflug ist das heimliche Kernprodukt des Tickets.Foto: Zeit Frankfurt

Natürlich weiß ich, dass dieses Argument nicht für alle trägt. Wer beruflich aufs Auto angewiesen ist, wer Kinder durch die Gegend fährt, wer außerhalb der Takte lebt, für den ist „schaff doch das Auto ab" eine Innenstadt-Arroganz. Und ich verstehe auch den Ärger über die Richtung, in die sich der Preis bewegt: Von 49 über 58 auf 63 Euro in nicht einmal drei Jahren — das ist keine Anpassung mehr, das ist ein Trend. Jede Erhöhung schiebt die Gewinnschwelle höher und schubst die Wackelkandidaten aus dem System, ausgerechnet jene Gelegenheitsfahrer, die man für eine echte Verkehrswende gewinnen müsste. Die Politik, die das Ticket als Jahrhundertreform feierte, finanziert es auf Sicht von Haushaltsjahr zu Haushaltsjahr. So bindet man keine Kundschaft, so verwaltet man ihr Misstrauen. Dass der RMV parallel sein eigenes Sortiment umbaut und die alten Nischenkarten streicht, macht die Abhängigkeit vom Bundesticket nur größer — was die Tarifreform 2026 im Einzelnen ändert, haben wir an anderer Stelle aufgeschrieben.

Das Deutschlandticket hat mir nicht das Fahren verkauft, sondern das Nichtdenken — und das ist mehr wert, als es klingt.

Bevor Sie kündigen, lohnt übrigens ein Blick auf die Nebenwege, die in keiner Schlagzeile vorkommen. Viele Arbeitgeber bezuschussen das Deutschlandticket als Jobticket — dann sinkt der effektive Preis teils deutlich unter die magische Schwelle, und die ganze Rechnung dreht sich. Studierende fahren ohnehin meist mit dem Semesterticket, und wer ein bezuschusstes Angebot seiner Firma ausschlägt, um „flexibel zu bleiben", zahlt für diese Flexibilität jeden Monat drauf. Es gehört zu den kleinen Absurditäten dieses Tickets, dass sein Preis für kaum zwei Nachbarn am selben Bahnsteig derselbe ist: 63 Euro sind der Listenpreis — was Sie wirklich zahlen, steht womöglich in Ihrem Arbeitsvertrag.

Meine Rechnung geht auf — Ihre müssen Sie selbst machen

Und so endet das Zählen der Feiertage bei mir mit einem Ergebnis, das unspektakulärer ist als jede Schlagzeile: Ich behalte das Ticket. Nicht aus Überzeugungstäterschaft, sondern weil meine Zahlen es hergeben — ich liege verlässlich über der Schwelle, und der Rest ist Lebensqualität, die ich mit fünf Euro im Monat ehrlicherweise unterbezahlt finde. Aber ich behalte es wachsam. Bei der nächsten Erhöhung wird neu gezählt, und irgendwo — bei 70? bei 75? — liegt auch für mich der Punkt, an dem aus dem Abo wieder eine Kaufentscheidung wird. Das Tückische an Vertrauen ist, dass es sich nicht in Fünf-Euro-Schritten zurückgewinnen lässt.

Ein Wort noch zur Kündigungslogik, weil sie freundlicher ist als ihr Ruf: Das Deutschlandticket ist ein monatlich kündbares Abo, keine Jahresfessel. Wer im Februar in den Skiurlaub fährt und im März im Homeoffice versauert, kann pausieren und im April wieder einsteigen — die Hürde ist eine App-Einstellung, kein Einschreiben. Man muss es nur rechtzeitig vor Monatsende tun, die Fristen der Anbieter variieren um ein paar Tage. Dass erstaunlich viele Menschen lieber durchbezahlen als zweimal zu klicken, ist keine Tariffrage mehr, sondern eine Charaktereigenschaft — ich spreche aus Erfahrung.

Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, hinterlasse ich deshalb nur die Anleitung, nicht das Urteil. Öffnen Sie Ihre Ticket-App und zählen Sie die Fahrten der letzten drei Monate — die ehrlichen, nicht die vorgenommenen. Liegt der Schnitt über sechzehn im Monat: behalten, Thema erledigt, willkommen im Club der Nichtdenker. Liegt er klar darunter: kündigen, ohne schlechtes Gewissen, das Geld ist woanders besser aufgehoben. Und liegt er genau dazwischen, dann fragen Sie sich nicht, was Sie gefahren sind, sondern was Sie gefahren wären, wenn jede Fahrt vier Euro gekostet hätte. Die Antwort auf diese Frage ist Ihr wahrer Preis des Tickets.

Fast leerer Bahnsteig am Abend, warme Signal- und Laternenlichter spiegeln sich auf den Gleisen.
04Südbahnhof, 22:10 Uhr— Letzte Bahn, offene Rechnung: Ob das Abo bleibt, entscheidet nicht die Tabelle allein.Foto: Zeit Frankfurt

Am Silvesterabend werde ich mit der U-Bahn zum Main fahren, wie jedes Jahr, und am Neujahrsmorgen mit der ersten S-Bahn zurück. Es werden die ersten zwei Fahrten des neuen Preisjahres sein, Stückkosten: 31,50 Euro. Ab übermorgen zählt der Zähler wieder runter. So gesehen ist das Deutschlandticket vielleicht die ehrlichste Metapher, die dieser Nahverkehr zu bieten hat: Es lohnt sich genau so sehr, wie man es benutzt.

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