Kultur · Erklärt

Oper und Schauspiel: Was beim Bühnen-Neubau wirklich geplant ist

Die marode Doppelanlage wird ersetzt: Die Oper bleibt am Willy-Brandt-Platz, das Schauspiel zieht an die Neue Mainzer Straße. Was beschlossen ist, was die Masterplanung ab 2026 klären muss und warum der Regelbetrieb erst um 2040 beginnt.

Von Lukas Schardt 7 Min. Lesezeit
Breites Panorama der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz mit spiegelnder Glasfront vor den Bankentürmen im Abendlicht.
01Willy-Brandt-Platz, 18:55 Uhr— Die Doppelanlage im Abendlicht: Hinter der Glasfront läuft der Betrieb — und läuft die Zeit ab.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt in Frankfurt kein Bauprojekt, über das länger geredet und weniger gebaut wurde: Seit die Verwaltung vor Jahren zusammenrechnete, was die Rettung der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz kosten würde, ringt die Stadt um ihre Bühnen. Inzwischen ist die Richtung entschieden — und weil sich um kaum ein Thema so viele Halbwahrheiten ranken, lohnt die nüchterne Bestandsaufnahme: Was genau ist beschlossen? Wo wird gebaut, wo übergangsweise gespielt? Und warum dauert das alles bis in die 2040er-Jahre?

Zunächst der Patient. Die Doppelanlage, 1963 eröffnet, vereint Oper und Schauspiel unter einem Dach und hinter einer gemeinsamen Glasfront, in deren Foyer die goldenen „Wolken" von Zoltán Kemény schweben — ein Denkmal der Nachkriegsmoderne und zugleich ein Sanierungsfall, wie er im Lehrbuch steht. Die Technik stammt in Teilen noch aus der Erbauungszeit, Brandschutz und Barrierefreiheit genügen heutigen Anforderungen nicht mehr, hinter den Kulissen wird improvisiert, was das Repertoire hergibt. Eine Machbarkeitsstudie bezifferte schon vor Jahren sowohl Sanierung als auch Neubau auf einen hohen dreistelligen Millionenbetrag — und machte damit öffentlich, dass es eine billige Lösung nicht geben würde. Nur eine falsche und eine richtige teure.

Beschlossen ist die Trennung: zwei Häuser, zwei Standorte

Die Grundsatzentscheidung fiel im Dezember 2023: Die Stadtverordnetenversammlung beschloss, die Doppelanlage aufzugeben und beide Sparten in Neubauten zu trennen. Die Oper bleibt am angestammten Ort — sie erhält einen Neubau am Willy-Brandt-Platz, dort, wo heute die Doppelanlage steht. Das Schauspiel dagegen zieht um: an die sogenannte Kulturmeile zwischen Neuer Mainzer Straße und Wallanlagen, auf ein Areal, das bislang der Sparkassen-Finanzgruppe gehört. Genau dafür folgte im Dezember 2024 der zweite Beschluss: eine Rahmenvereinbarung mit der Helaba und der Frankfurter Sparkasse, die den Grundstückstausch an der Neuen Mainzer Straße regelt und damit die Standortfrage endgültig beantwortet hat.

Warum die Trennung? Weil sie das Kernproblem der Doppelanlage auflöst: Zwei Betriebe mit unterschiedlichen Logiken — Repertoireoper mit Orchester und Riesenapparat hier, Schauspielbetrieb dort — teilen sich seit sechzig Jahren Werkstätten, Anlieferung und Hinterbühnen, und jede Modernisierung des einen blockiert den anderen. Getrennte Neubauten erlauben passgenaue Häuser statt eines erneuerten Kompromisses. Der Preis dafür ist Komplexität: Statt einer Baustelle hat die Stadt nun zwei, dazu einen Grundstücksdeal mit Banken und ein Übergangsquartier — vier Projekte, die ineinandergreifen müssen wie Zahnräder.

Die geschwungene Glasfassade des Bühnenfoyers, in der sich Wolken und Hochhäuser brechen, im Gegenlicht fotografiert.
02Willy-Brandt-Platz, 17:30 Uhr— In der Glasfront spiegelt sich das Bankenviertel — die Nachbarschaft, die nun beim Neubau mitspielt.Foto: Zeit Frankfurt

Der Zeitplan ist ehrlich — und deshalb ernüchternd

Wer heute eine Karte für die Oper kauft, sitzt noch viele Jahre in der alten Doppelanlage. Der Fahrplan sieht so aus: Ab 2026 läuft die Masterplanung, in der Raumprogramme, Kosten und Abläufe der beiden Neubauten detailliert werden — erst danach folgen Architekturwettbewerbe, Planung, Abriss und Bau. Parallel entsteht an der Gutleutstraße der Interims-Campus, auf dem der Spielbetrieb während der Bauzeit weiterlaufen soll; erst wenn er steht, kann am Willy-Brandt-Platz abgerissen werden. Rechnet man Wettbewerbe, Genehmigungen und die übliche Frankfurter Gründlichkeit zusammen, landet man beim Regelbetrieb in beiden neuen Häusern um das Jahr 2040. Das klingt lang, ist aber keine Trödelei, sondern die realistische Taktung eines Projekts, das gebaut wird, während der Betrieb weiterläuft — am empfindlichsten Punkt des Kulturhaushalts.

Die Kostenfrage ist dabei bewusst offen. Seriös lässt sich derzeit nur sagen: Es wird das teuerste Kulturbauprojekt der Stadtgeschichte, die älteren Schätzungen reichten je nach Variante an die Milliardengrenze und darüber, und belastbare Zahlen soll erst die Masterplanung liefern. Man kann das als Hütchenspiel kritisieren — oder als Lehre aus anderen Großprojekten lesen, die mit politisch geschönten Anfangszahlen gestartet und daran fast zerbrochen sind. Frankfurt versucht es diesmal andersherum: erst planen, dann versprechen.

Frankfurt baut nicht zwei Theater — Frankfurt baut ein Jahrzehnt Stadtentwicklung mit Bühnenbetrieb.

Offen ist auch, was vom alten Haus bleibt — im wörtlichen Sinn. Die Doppelanlage ist zwar kein eingetragenes Gesamtdenkmal, aber sie enthält Kunst und Erinnerung, die niemand einfach entsorgen will: allen voran Keménys goldene Wolkenwand, eines der bekanntesten Kunstwerke im öffentlichen Raum der Stadt, dazu die stadtbildprägende Glasfront, an der Generationen von Frankfurtern ihre Theaterabende gespiegelt gesehen haben. Wie viel davon in den Opern-Neubau am selben Ort hinübergerettet wird, gehört zu den Fragen der Masterplanung — und zu den emotionalsten. Man sollte sie nicht unterschätzen: Städte verzeihen den Abriss von Technik, aber nicht den von Erinnerungsorten. Die Planer wissen das; in den bisherigen Beschlüssen ist der sorgsame Umgang mit den „Wolken" ausdrücklich mitgedacht.

Eine GmbH soll bauen, damit die Verwaltung spielen lässt

Zur Ehrlichkeit des Projekts gehört auch die Organisationsfrage, die im Rathaus intensiver diskutiert wurde als jede Fassade: Wer soll das eigentlich stemmen? Die Antwort: eine eigene städtische Gesellschaft. Das Jahrhundertprojekt soll aus der Linienverwaltung herausgelöst und einer GmbH übertragen werden, die der Stadt vollständig gehört und als Bauherrin agiert — mit eigenem Personal, eigenen Verträgen, eigener Verantwortung. Das Modell hat in Frankfurt einen prominenten Vorläufer: Die Neue Altstadt entstand in einer vergleichbaren Konstruktion unter der Dom-Römer GmbH, und so umstritten manches Detail des Quartiers sein mag — Termintreue und Kostenrahmen des Verfahrens gelten bis heute als Referenz. Was die Rechtsform leistet und wo ihre Grenzen liegen, sortiert der Kasten unten.

Hochformatiger Blick entlang der grünen Wallanlagen in Richtung Neue Mainzer Straße mit Hochhauskulisse.
03Wallanlagen, 16:10 Uhr— Zwischen Grünzug und Bankentürmen soll das neue Schauspielhaus entstehen — auf heutigem Sparkassen-Terrain.Foto: Zeit Frankfurt

Was der Umbau für das Publikum bedeutet

Für die Besucherinnen und Besucher ändert sich vorerst: nichts — und mittelfristig fast alles. Die Oper Frankfurt spielt ihre Saisons weiter am Willy-Brandt-Platz, und zwar auf dem Niveau, das sie regelmäßig in die Spitzengruppe der internationalen Häuser hebt; das Schauspiel ebenso. Der Umzug an die Gutleutstraße wird dann der erste spürbare Einschnitt: Interimsspielstätten sind erfahrungsgemäß kleiner, rauer, experimentierfreudiger — was Häuser künstlerisch beflügeln kann, wie Frankfurt aus Bockenheimer Depot-Zeiten weiß. Und am Ende stehen zwei Adressen statt einer: die Oper am alten Platz, das Schauspiel an den Wallanlagen, eingebettet in jene Kulturmeile, die Alte Oper, Bühnen und Museen künftig zu einem begehbaren Band verbinden soll.

Bemerkenswert ist, wie sehr die Debatte inzwischen von Demut geprägt ist — vielleicht, weil die Stadt weiß, wie es sich anfühlt, wenn man Bühnenarchitektur verliert. Die Alte Oper stand nach dem Krieg jahrzehntelang als Ruine, halb Mahnmal, halb Schandfleck, ehe Bürger sie gegen alle Abrisspläne zurück ins Leben zwangen. Diese Geschichte wirkt bis heute nach: Auch bei der Doppelanlage gab es Stimmen für Erhalt und Sanierung, auch diesmal wurde um die Nachkriegsmoderne gerungen. Dass am Ende der Neubau gewann, lag nicht an fehlender Liebe zum Bestand, sondern an einer Abwägung, die man teilen muss, aber nachvollziehen kann: Ein Theater ist zuerst eine Maschine für Kunst — und erst dann ein Denkmal.

Und die Werkstätten, Ballettsäle, Probebühnen? Auch sie gehören zum Rechenwerk, denn ein Opernbetrieb dieser Größe ist ein mittelständisches Unternehmen mit Schreinerei, Schlosserei, Kostümabteilung und Hunderten Beschäftigten hinter den Kulissen. Wo diese Gewerke während der Baujahre arbeiten und wo sie dauerhaft unterkommen, entscheidet stiller über das Gelingen des Projekts als jede Fassadendebatte — es ist der Teil des Plans, den das Publikum nie sieht und ohne den kein Vorhang aufgeht.

Bleibt die Frage, die bei Horizonten bis 2040 unvermeidlich ist: Hält so ein Beschluss über Wahlperioden? Garantien gibt es nicht, aber zwei stabilisierende Faktoren. Erstens die Verträge — Rahmenvereinbarungen mit Banken und eine Projektgesellschaft lassen sich nicht per Pressemitteilung rückabwickeln. Zweitens der Zustand des Bestands: Jedes Jahr Verzögerung macht die alte Doppelanlage teurer und riskanter, nicht billiger. Die Stadt hat sich, salopp gesagt, selbst die Rückzugswege verbaut. Bei einem Projekt dieser Größe ist das keine Schwäche der Planung. Es ist ihre größte Stärke.

Die Silhouette des Bühnenturms in der Dämmerung, davor die Leuchtspur einer vorbeifahrenden Straßenbahn.
04Willy-Brandt-Platz, 21:35 Uhr— Noch dreht sich hier jeden Abend das Programm — der Abschied vom alten Haus wird Jahre dauern.Foto: Zeit Frankfurt

Wer die Dimension begreifen will, stellt sich am besten abends auf den Willy-Brandt-Platz, wenn hinter der Glasfront die Foyerlichter angehen und die Straßenbahn vorbeizieht. Dieses Bild — Bühne, Banken, Bahn auf hundert Metern — wird es so nur noch wenige Jahre geben. Was danach kommt, entscheidet sich nicht bei der Eröffnungsgala um 2040, sondern jetzt, in den unglamourösen Jahren der Masterpläne und Gremiensitzungen. Es lohnt sich, dabei zuzusehen. So oft baut eine Stadt ihr kulturelles Herz nicht neu.

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