Kultur · Kolumne

Die Pause ist das eigentliche Stück: Lob des Opernfoyers

Zwanzig Minuten zwischen den Akten, und die ganze Stadt zeigt, wer sie ist: der Sprint zum Sekttresen, das Blicke-Ballett an den Stehtischen, die Kunst der klugen vier Sätze. Unsere Kolumne verteidigt das Opernfoyer als demokratischsten Ort der Hochkultur — dort teilen Banker, Studentin und Abonnentenehepaar dieselbe Brezel.

Von Lukas Schardt 8 Min. Lesezeit
Ein glänzendes Opernfoyer mit Kronleuchtern und Marmor, die Menschen darin als warme Bewegungsunschärfe.
01Alte Oper, Foyer, 21:05 Uhr— Kronleuchter, Marmor und Menschen als warme Bewegungsunschärfe — zwanzig Minuten lang gehört die Bühne dem Publikum.Foto: Zeit Frankfurt

Man kann über die Frankfurter Hochkultur viel Kluges sagen — über Inszenierungen, Dirigate, Preisregen. Ich möchte heute über etwas Wichtigeres sprechen: über die zwanzig Minuten, in denen nichts davon stattfindet. Die Pause. Jener merkwürdige Zwischenzustand, in dem tausend Menschen, die eben noch andächtig im Dunkeln saßen, schlagartig ins Licht entlassen werden und sich benehmen müssen. Ich behaupte: In diesen zwanzig Minuten erfährt man mehr über diese Stadt als in drei Akten Verdi. Die Pause ist das eigentliche Stück. Der Rest ist Rahmenprogramm.

Der Sprint zum Tresen ist die ehrlichste Choreografie des Abends

Es beginnt mit dem Applaus, der noch nicht ganz verklungen ist, da haben die Erfahrenen bereits die Sitzreihe verlassen. Man erkennt sie an der Gangposition, strategisch gebucht Monate im Voraus, und an einem Gesichtsausdruck, der Kunstgenuss mit Marschbereitschaft verbindet. Was dann folgt, ist die ehrlichste Bewegungsstudie der Stadt: der Pausensprint. Menschen, die im Berufsleben Abteilungen führen und auf Podien über Gelassenheit sprechen, legen zwischen Saaltür und Sekttresen ein Tempo vor, das man sonst nur vom Umsteigen am Hauptbahnhof kennt. In der Alten Oper, wo die Wege lang und die Treppen fotogen sind, hat sich eine eigene Technik entwickelt: der würdevolle Eilschritt, Oberkörper ruhig, Beine verhandeln unabhängig.

Die wahre Elite freilich sprintet gar nicht. Sie hat vorbestellt. An einem Stehtisch im Foyer stehen dann vier Gläser mit einem Zettelchen, und die Besitzer nähern sich ihnen mit jener demonstrativen Langsamkeit, die nur haben kann, wer weiß, dass sein Sekt sicher ist. Vorbestellen ist das Frankfurter Pausen-Pendant zum reservierten Liegestuhl — man spricht nicht darüber, aber man sieht einander und weiß Bescheid.

Sektgläser auf einem Stehtisch im Gegenlicht, dahinter Abendgarderobe in weicher Unschärfe.
02Oper Frankfurt, Pausenfoyer, 21:10 Uhr— Vier Gläser, vorbestellt und exakt platziert: die stille Logistik hinter dem scheinbaren Zufall.Foto: Zeit Frankfurt

Am Stehtisch wird die Stadt plötzlich lesbar

Und dann stehen sie da, alle miteinander, und das ist der eigentliche Zauber. Am Stehtisch links: ein Ehepaar, Abonnenten seit gefühlt drei Intendanzen, sie kennen die Platzanweiser mit Vornamen. Daneben: zwei Studentinnen, hereingekommen für kleines Geld, die den ersten Akt gerade deutlich präziser sezieren als der Herr im Maßanzug gegenüber, der sein Telefon checkt und „nur kurz Tokio" murmelt. Dazwischen: Menschen in Jeans neben Menschen in Seide, und alle teilen sich dieselbe Brezel aus derselben Vitrine. Es gibt in dieser Stadt keinen zweiten Ort, an dem ihre Milieus einander so nahe kommen — nicht am Flughafen, nicht im Stadion, nicht einmal am Wasserhäuschen. Das Foyer ist der demokratischste Ort der Frankfurter Hochkultur, gerade weil er sich für ihren exklusivsten hält.

Man muss dazu wissen: Die Oper dieser Stadt zählt tatsächlich zu den besten der Welt, was das Publikum in eine angenehme Lage bringt — es muss nichts mehr beweisen. Vielleicht ist das Frankfurter Pausenpublikum deshalb so entspannt durchmischt: Wo das Haus die Weltklasse besorgt, darf das Foyer Volksfest sein. Ein gut gelaunter Herr an der Garderobe hat es mir gegenüber einmal so zusammengefasst: „Oben singen sie Weltniveau, hier unten sind wir wieder alle vom Main." Ich habe nie eine bessere Kulturkritik gehört.

Die Kunst der klugen vier Sätze wird hier zur Blüte getrieben

Natürlich wird in der Pause auch gesprochen, und zwar in einer eigenen Gattung: dem Vier-Satz-Urteil. Satz eins würdigt („Toll besetzt heute"), Satz zwei differenziert („Wobei das Tempo im zweiten Bild, nun ja"), Satz drei zitiert eine Vergleichsaufführung, idealerweise weit weg und lange her („In Salzburg damals, unter Sie-wissen-schon"), Satz vier gibt die Bescheidenheitsgeste („Aber was verstehe ich schon davon"). Das Ganze dauert vierzig Sekunden, klingt nach einem Leben im Feuilleton und ist bei näherer Betrachtung vollständig inhaltsfrei. Ich sage das ohne Häme: Ich beherrsche die Form selbst und wende sie regelmäßig an. Sie ist die Sonatenhauptsatzform des Smalltalks, und wie alle klassischen Formen ist sie nicht dazu da, etwas mitzuteilen, sondern dazu, einander zu versichern, dass man dieselbe Sprache spricht.

Das Blicke-Ballett dazu läuft ohne Worte: das Nicken über drei Stehtische hinweg (man kennt sich aus dem Aufsichtsrat oder vom Elternabend, Genaueres weiß man nicht mehr), das prüfende Streifen der Garderobe anderer, das kollektive, minimal zu lange Hinsehen, wenn jemand Prominentes vorbeizieht, gefolgt vom sofortigen, demonstrativen Weggucken. Frankfurt ist eine Stadt, die sich für diskret hält und dabei glasklar beobachtet. Nirgends kann man das schöner studieren als zwischen Marmor und Sektglas.

Eine Marmortreppe mit dem Saum eines Abendkleids und glänzenden Schuhen, hochformatig, keine Gesichter.
03Alte Oper, Treppenhaus, 21:15 Uhr— Der Auftritt auf der Treppe: Kein Regisseur der Stadt inszeniert so zuverlässig wie ein Foyer mit Stufen.Foto: Zeit Frankfurt

Wer Frankfurt verstehen will, muss nicht in die Loge — das Parkett der Wahrheit liegt am Stehtisch.

Jedes Haus pausiert in seinem eigenen Dialekt

Wobei man differenzieren muss, denn die drei großen Frankfurter Foyers pausieren keineswegs gleich. Die Alte Oper gibt die Grand Dame: Marmor, Kronleuchter, Treppen mit Schauwert — hier wird die Pause als Auftritt begriffen, und das Publikum kleidet sich entsprechend. Die Oper am Willy-Brandt-Platz pausiert moderner und ernsthafter; man steht vor Glasfronten mit Blick auf die Wallanlagen, und die Gespräche handeln tatsächlich öfter vom Stück. Das Schauspiel schließlich pflegt die lässigste Variante: mehr Jeans, mehr Bier, mehr Widerspruch — hier wird in der Pause gelegentlich richtig gestritten, was ich für ein ausgezeichnetes Zeichen halte. Drei Häuser, drei Dialekte derselben Sprache. Wer alle drei beherrscht, hat sozusagen das große Frankfurter Pausendiplom.

Und über allen drei Varianten schwebt dieselbe stille Heldin: die Brezel. Man könnte einen eigenen Text über sie schreiben — über dieses bescheidene Gebäck, das seit Jahrzehnten unbeirrt neben dem Sekt liegt und jede kulinarische Moderichtung überlebt hat. Es gab Zeiten, da versuchten es die Foyers mit Lachshäppchen und Macarons; die Brezel hat sie alle kommen und gehen sehen. Sie ist das Bodenständigste, was die Hochkultur zu bieten hat, und vielleicht ihr wichtigstes Möbelstück: Man kann schlecht abheben, solange man eine Brezel hält.

Warum die Pause demokratischer ist als das Parkett

Im Saal, das vergisst man leicht, herrscht nämlich strenge Ständeordnung: Parkett, Ränge, Logen, alles fein nach Kaufkraft geschichtet, und die Sitzordnung schweigt dazu vornehm im Dunkeln. Die Pause hebt diese Ordnung für zwanzig Minuten auf. Am Tresen gilt Warteschlangenrecht, das unbestechlichste aller Rechtssysteme; die Brezel kostet für alle dasselbe; und das Ehepaar aus der Loge muss an der Garderobe genauso anstehen wie der Student vom Rang. Es ist, wenn man so will, die kurze Republik zwischen den Akten — und dass ausgerechnet die Alte Oper, die sich diese Stadt einst per Spendenliste zurückeroberte, dafür die prächtigste Kulisse liefert, ist eine Ironie, die man in Frankfurt zu würdigen weiß.

Man könnte einwenden, das sei alles Oberfläche — zwanzig Minuten Konvention zwischen vier Stunden Kunst. Aber Konventionen sind nie nur Oberfläche; sie sind das, worauf sich eine Gesellschaft stillschweigend geeinigt hat, und deshalb verraten sie mehr als jede Umfrage. Dass in Frankfurts Foyers niemand nach dem Beruf fragt, bevor er anstößt; dass die teuerste Uhr des Raums geduldig hinter dem Studentenrucksack in der Schlange steht; dass über Kunst gestritten werden darf, über die Sitznachbarn aber nicht: Das sind Verabredungen, auf die diese Stadt stolz sein könnte, wenn sie je auf die Idee käme, darüber zu reden.

Dann der Gong. Erster von drei, und schon hier zeigt sich Charakter: Die einen leeren ihr Glas in gefasster Eile, die anderen bestellen jetzt erst nach, ein stilles Duell zwischen Genuss und Gehorsam. Beim dritten Gong setzt der große Sog ein, die Flügeltüren schlucken die Republik wieder ein, Milieu für Milieu sortiert sich zurück in seine Preiskategorie, und für einen Moment steht das Foyer verlassen da, zwischen halbvollen Gläsern und Brezelservietten, wie eine Bühne nach dem Abgang des Ensembles.

Menschen von hinten, die beim Pausengong durch hohe Flügeltüren zurück in den Zuschauersaal strömen.
04Oper Frankfurt, Saaltüren, 21:25 Uhr— Der Gong, die Flügeltüren, der Sog: Das Publikum kehrt zurück ins Dunkel — bis zur nächsten Pause.Foto: Zeit Frankfurt

Drinnen hebt sich der Vorhang zum dritten Akt, und ich schwöre: Ich freue mich darauf, jedes Mal. Aber ein kleiner, unbelehrbarer Teil von mir sitzt dann im Dunkeln und denkt an das Stück, das gerade zu Ende gegangen ist — das mit den tausend Darstellern, ohne Regie, ohne Text, mit Brezeln. Es hatte Längen, gewiss. Das Ensemble war durchwachsen. Aber die Besetzung, das muss man sagen, war ganz große Klasse: diese Stadt, einmal quer durch, im Abendlicht der Kronleuchter. Zugabe morgen, gleiche Zeit, gleiches Foyer.

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